Wir recherchieren nach,
damit ihr nicht müsst.

Die Kleine Zeitung berichtet über einen scheinbaren Skandal: Der Vater von Vizekanzler Andreas Babler soll für eine Operation vorgereiht worden sein. Man veröffentlicht die Geschichte ohne Stellungnahme des Krankenhauses – und mit vielen Konjunktiven. In den Folgeberichten lässt sich der Vorwurf nicht erhärten. Die Rekonstruktion eines journalistischen Schnellschusses, der nach hinten losging.

Eine Collage aus sieben Screenshots und Artikeln verschiedener österreichischer Medien, die sich mit dem Vorwurf der bevorzugten Behandlung von Andreas Bablers Vater in einem Wiener Spital befassen. Die Collage ist auf orangefarbenem Hintergrund angeordnet und enthält folgende Elemente: Oben links: Screenshot eines Nachrichtenbeitrags von ZIB mit der Überschrift „Babler muss sich Fragen zur OP seines Vaters stellen“. Im Bild ist ein Moderator im grauen Anzug zu sehen. Mitte links: Artikel von OE24 mit der Überschrift „Als Gastpatient in Wien: Babler-Vater bei OP bevorzugt?“ und der Untertitel „Niederösterreicher wurde im Sommer in Spital operiert“. Mitte: Titelblatt der Kleinen Zeitung mit der Schlagzeile „Wurde Bablers Vater im Spital bevorzugt?“ und einem Foto von Andreas Babler. Der Untertitel lautet „Der Vater von Vizekanzler Andreas Babler soll für eine Routineoperation in einem Wiener Spital vorgezogen worden sein“. Oben rechts: Artikel der Kronen Zeitung mit der Überschrift „Bablers Vater soll für OP vorgezogen worden sein“ und dem Untertitel „SPÖ dementiert“. Mitte rechts: Artikel der Kleinen Zeitung mit der Überschrift „Schnelle OP bei Bablers Vater: ‚Das ganze Haus weiß das‘“ und dem Text „Spital dementiert eine bevorzugte Behandlung von Bablers Vater. Mitarbeiter bleiben bei ihrer Darstellung einer nicht indizierten Vorreihung“. Unten links: Artikel von Heute mit der Überschrift „Schneller OP-Termin für Bablers Vater sorgt für Wirbel“ und dem Untertitel „Wirbel um Babler: Sein Vater soll ungewöhnlich rasch einen OP-Termin in einem Wiener Spital erhalten haben. Der SPÖ-Chef dementiert die Vorwürfe“. Unten rechts: Artikel vom Der Standard mit der Überschrift „Bablers Vater soll bei OP-Termin bevorzugt worden sein – die Klinik weiß das zurück“ und dem Text „Mehrere Medien und die FPÖ thematisieren eine angebliche Bevorzugung. Laut der Klinik gab es für den Operationstermin eine ‚akute Dringlichkeit‘“.

Der im Titel erhobene Vorwurf ist brisant: Wurde Bablers Vater im Spital bevorzugt?“ lautet die jüngste „Exklusiv“-Geschichte der Kleinen Zeitung. Sie erscheint online am Mittwochabend und ist Donnerstag die Titelstory der Printausgabe. Es geht um eine Operation im Orthopädischen Spital Speising in Wien. Der Vater von Vizekanzler Andreas Babler „sei für eine Routineoperation vorgereiht worden“, steht im Teaser.

Nachdem schon der Titel ein Fragezeichen benötigt, bleibt es auch im zweiten Absatz ziemlich theoretisch: Der von Babler im ORF-Sommergespräch angekündigte Kampf gegen die Zweiklassenmedizin „könnte“ nun in „ein schiefes Licht“ geraten, heißt es.

Wenig Substanz, großes Echo

Drei Autor:innen waren an der Recherche beteiligt, darunter der leitende Innenpolitik-Redakteur und die Chefredakteurin für Wien. Anlass der Recherche waren aber keine exklusiven Informationen, die dem Medium zugespielt wurden, sondern eine Anfrage der FPÖ an das Gesundheitsministerium. Dort bezieht man sich bereits auf  „Aussagen von Mitarbeitern“, nach denen der Mann „auffallend rasch“ behandelt worden sei. Die Kleine veröffentlicht noch am selben Tag spätabends ihre Recherche dazu.

Aliens, Krebs, Weltuntergang: Für fast jede Schlagzeile findet sich in den Boulevard-Medien eine Studie, die sie vermeintlich belegt. Doch unsere Analyse zeigt: Im Jahr 2025 veröffentlichten Krone, Oe24 und Heute durchschnittlich mindestens viermal pro Woche irreführende Artikel zu Studien.

Der Wissenschaft sollten wir vertrauen – sie ist neutral, objektiv, faktenbasiert. Wenn also eine Zeitung schreibt, „Studie beweist“, dann muss es stimmen. Selbst wenn es absurd klingt: den genauen Todestag Jesu zu kennen, Aliens entdeckt zu haben, oder dass Toast das Herzinfarktrisiko erhöht. Glaubt man dem Boulevard, dann gibt es für all das Studien, die diese Befunde belegen.

Sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu schmücken, ist bei Medien sehr beliebt. Im Jahr 2025 hat unsere Analyse 1.453 Artikel auf Heute, Oe24 und in der Kronen Zeitung hervorgebracht, die behaupteten, wissenschaftliche Studien im Fokus zu haben. Circa 400 davon waren ausgestattet mit Schlagworten wie „Schock-Studie“, „Alarmierende Studie“ oder „Wissenschaftlich belegt“.

Aber: Fast die Hälfte dieser Artikel präsentierte die zitierten Studien oder deren Ergebnisse verzerrt, unvollständig oder schlicht falsch. Im Durchschnitt erscheinen mindestens viermal pro Woche verzerrte Studiendarstellungen. In einer Oktober-Woche veröffentlichte allein Heute sogar zehn solche Artikel.

Eine neue Nachrichtenseite erfindet Redakteure und lässt sie Artikel von Medien wie MeinBezirk, Oberösterreichische Nachrichten oder News abschreiben. Doch nicht alle Quellen auf diesem KI-Portal sind nachvollziehbar. Was ist die Motivation dahinter?

Screenshot der Website „Weltstimme“. Über dem Bild ist ein rotes Band mit der Aufschrift „KI-GENERIERT!“ platziert. Zu erkennen ist ein Artikel mit der Überschrift „Russlandtag in Warschau: Polens rechte Opposition nähert sich Moskau an – was das für Österreich bedeutet“. Das Hauptbild zeigt zwei Männer in Anzügen, die sich unterhalten. Rechts daneben sind weitere Artikel mit Bildern und Überschriften zu sehen, darunter „USA und Iran erreichen Friedensabkommen zur Beendigung militärischer Spannungen“ (mit einem Foto von Donald Trump) und „EU-Außenminister erörtern Strategien zur Unterstützung der Ukraine und des Nahen Ostens“. Unterhalb des Hauptartikels sind weitere Nachrichten mit Bildern und kurzen Texten aufgelistet, z. B. „Fünf Volksbegehren beginnen am Montag in Österreich“ oder „Russlandtag in Warschau: Polens rechte Opposition nähert sich Moskau an – was das für Österreich bedeutet“.

Österreich hat ein neues Nachrichtenmedium – und es ist ziemlich fleißig. Die Startseite ändert sich oft mehrmals täglich. Es gibt neue Aufmachergeschichten und neue Artikel in den einzelnen Ressorts, die von Politik bis Lifestyle alles abdecken. Bemerkenswert: Dieses Onlinemedium stemmt das mit nur zwei Redakteuren: David Egger, der Chefredakteur, und Leon Hofer. Das meiste scheint beim Chef hängen zu bleiben, denn David schafft bis zu 40 Artikel täglich. Leon steuert immerhin zwei bis zehn Texte pro Tag bei.

Wer in Österreich den Sportteil einer Tageszeitung aufschlägt, bekommt ein ziemlich klares Bild davon, wer hier im Zentrum steht: Männer. Frauen kommen nur am Rand vor.

Es ist derzeit schwer, der Fußball-Weltmeisterschaft zu entkommen. Kaum ein Sportereignis erhält so viel mediale Aufmerksamkeit wie das Turnier der Männer. Fans werden mit Sondersendungen, Live-Analysen und Reporter Rainer Pariasek versorgt, der aus Amerika ins heimische Wohnzimmer grüßt. Doch die Aufmerksamkeit für den Männersport beschränkt sich nicht auf die Wochen eines globalen Großereignisses. Das ist der Normalzustand. Noch dazu sind es in Österreich meistens Männer, die die Berichterstattung rund um den Sport gestalten. So gibt es beispielsweise bei der Übertragung der WM zwischen ORF und ServusTV mit Anna Lallitsch nur eine einzige Frau, die die Spiele kommentiert. 

Collage aus österreichischen Sportzeitungsausschnitten (Kronen Zeitung, Der Standard, Heute) mit der Überschrift: „Wer steht im österreichischen Sportjournalismus im Zentrum?" Die Artikel zeigen überwiegend Männerfußball. Logo von Kobuk! unten rechts.

Dass die Berichterstattung über Athletinnen in Österreich eine untergeordnete Rolle spielt, ist kein Bauchgefühl, das lässt sich messen: Für diese Analyse haben wir die Print-Sportberichterstattung von Juli bis Dezember 2025 in der Heute-Zeitung (Wien-Ausgabe), der Kronen Zeitung (Wien Krone) und Der Standard untersucht. Dabei wurde in jeder einzelnen Ausgabe erhoben, wie viele Sportartikel sich primär mit Männersport, Frauensport oder gemischten Bewerben beschäftigen und wie Bilder dabei eingesetzt werden.

Exxpress-Herausgeberin Eva Schütz war eine von vielen Überraschungskandidat:innen für den ORF-Generalsposten. Armin Wolf tat auf der Plattform Bluesky seine Ratlosigkeit über ihre Nominierung durch den Stiftungsrat kund und bezeichnete den Exxpress als „rechte, rassistische Fake News-Schleuder“. Das sorgte für Empörung, vor allem beim Exxpress. Dabei sollte der Redaktion ihr eigener Umgang mit Falschnachrichten und rassistischen Narrativen nichts Neues sein. Eine Bestandsaufnahme.

Collage von Artikeln des Mediums „Express“ mit der Überschrift: „Tendenziös, einseitig, falsch: Beispiele aus der Exxpress-Berichterstattung“. Die Artikel tragen Titel wie „EU-Deal mit Bangladesch: Wird Migration jetzt ‚Talent‘ genannt?“, „Donauinsel wird zur NoGo Area: Rassismus gegen Österreicher“, „UK-Debatte um ‚Schwäne essende‘ Migranten: Jetzt kommt alles raus!“, „Brisante Studie: ‚Plötzlich und unerwartet‘ – 74 Prozent der Toten starben durch die Impfung“, „In der Tagesschau heißen Deutsche jetzt ‚Nicht-Migranten‘“, „FPÖ warnt: Selbst vorbestrafte Asylwerber dürfen jetzt Staatsbürgerschaft beantragen“ und „Panikmache per Staats-Website: Der Schmäh mit der ‚doppelten Klimaerwärmung‘“.

Neun Bewerber:innen stellten sich am 11. Juni der Stiftungsrats-Wahl zum oder zur neuen ORF-Chef:in. Exxpress-Herausgeberin und Chefredakteurin Eva Schütz war eine von ihnen. Und laut ihrem Hausmedium war sie sogar die „ORF-Generaldirektorin der Zuseher“, denn: „Eva Schütz in Umfragen klar vorne“, titelte der Exxpress am Dienstag.

Abgesehen davon, dass Zuseher:innen und Umfragen für die Bestellung keine Rolle spielen, sind die im Exxpress kolportierten Zahlen irreführend. Schütz würde in einer Umfrage der Gratiszeitung Heute auf 57 Prozent Zustimmung kommen, steht dort.

Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine echte Meinungsumfrage, sondern um ein Voting unter Heute-Leser:innen, eingebettet in einem Artikel über Schütz’ Kandidatur. Der Artikel ist außerdem bereits zwei Wochen alt. In einem aktuelleren Voting kommt Schütz nur auf 13 Prozent.

Das Gefühl, dass daran irgendetwas nicht stimmen kann, beschleicht einen beim Exxpress-Lesen öfter. Dem Medium „für Selberdenker“ haben wir mit Faktenchecks deshalb schon mehrmals beim Nachdenken nachgeholfen.

Der User @bjoernsenior.bsky.social dokumentiert ebenfalls schon seit Jahren Unstimmigkeiten, Fehler und Falschnachrichten der Plattform – vermehrt findet sich darunter auch mutmaßlicher KI-Content. Aber wie viel davon sind wirklich „Fake News“? Und was kann man dort sogar als „rassistisch“ bezeichnen?

Der „Fake-News“-Vorwurf

Wir lassen den ganzen KI-Slop – also die mutmaßlich mit Hilfe künstlicher Intelligenz produzierten Blödsinnigkeiten – an dieser Stelle außen vor. Auch wenn wir dafür auf einen österreichischen „Kanzler Andrew Babler oder den „Ex-Präsidenten Donald Trump verzichten müssen. Was uns hier interessiert, sind Falschnachrichten, die in die Irre führen.

Zum Beispiel bei Meldungen zum Klimawandel. Den zweiten österreichischen Sachstandsbericht zum Klimawandel versuchte der Exxpress vergangenes Jahr als „simple Binsenweisheit“ zu verkaufen – und die Berichte darüber als „Panikmache“. Der Exxpress störte sich an der Feststellung, dass sich Österreich schneller als der globale Durchschnitt erwärmt.

Das Blatt ist nämlich draufgekommen, dass sich ja nicht nur Österreich, sondern sehr viele Länder schneller als der globale Durchschnitt erwärmen, weil dazu auch die (kälteren) Ozeane gezählt werden. Und schließt offenbar daraus: Dann kann das Ganze ja nicht so schlimm sein. Diese Kritik sei „so simpel wie entlarvend“, schreibt der Exxpress über sich selbst.

Es wirkt nicht so, als hätte sich jemand angesehen, worum es in der Arbeit der Wissenschaftler:innen eigentlich ging (unter anderem die regionalen Auswirkungen des Klimawandels). Dass in diesem Medium einmal sogar Schneefall die Existenz des Klimawandels relativierte, dürfte da nicht weiter verwundern.

Collage mit der Überschrift lautet: „Exxpress-‚Know how‘ zum Klimawandel:“. Zu sehen sind Artikelausschnitte mit Titeln wie „Panikmache: Österreich erwärmt sich schneller – doch der Grund ist banal“, „Österreichs Kampf gegen Klima-Fake-News – trifft es auch Panikmache aus Ministerien?“, „Die Eisfrei-Lüge – Faktencheck bestätigt Panikmache“, „Kaum 25 Grad – doch Klima-Hysteriker rufen schon wieder den Weltuntergang aus“, „‚Unrealistisch‘: Schlimmstes Klimaszenario bereits vor Jahren entschärft“ und „Panikmache per Staats-Website: Der Schmäh mit der ‚doppelten Klimaerwärmung“.

Der Exxpress verbreitete in den letzten Jahren außerdem die Falschbehauptung, dass die Maskenpflicht während der Pandemie keine Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen gehabt hätte. Im November 2024 erschien beim Exxpress ein Artikel über den Mythos, vermehrte „plötzliche und unerwartete“ Todesfälle seien auf die Corona-Impfung zurückzuführen.

Irreführende Geschichten über Asyl und Migration

In auffällig vielen irreführenden Berichten des Exxpress geht es um die Themen Asyl und Migration. Da wäre zum Beispiel die Behauptung, dass vorbestrafte Asylwerber:innen selbst mit einer Haftstrafe „problemlos Österreicher werden“ könnten. Die Quelle ist ein FPÖ-Video. Die Behauptung ist falsch. Das ist im Staatsbürgerschaftsgesetz klar geregelt.

Oder dass an einer Wiener Volksschule Ramadan statt Weihnachten gefeiert würde, auch das haben wir widerlegt.

Oder nehmen wir den Mythos um „‚Schwäne essende‘ Migranten“ aus dem vergangenen September. Aufgewärmt hat ihn damals der rechtspopulistische Politiker Nigel Farage in einem Radio-Interview. „Jetzt kommt alles raus!“, titelte der Exxpress.

Eine Statistik über Angriffe auf Schwäne sollte den Mythos belegen, Hinweise auf migrantische Täter:innen liefert diese aber nicht. Ein Tierschutzverein vermutete dahinter vielmehr Jugendliche, die die Tiere „aus Spaß“ attackieren würden. Auch Fotos, die der Exxpress einbettete, um das Narrativ zu untermaueren, hat die örtliche Polizei schon 2024 widerlegt.

Interessant ist vor allem das Wahrheitsverständnis, dass die Redaktion in Bezug auf Farages Äußerung offenlegt: „Solange das Gegenteil nicht eindeutig belegt sei [sic], sollten [sic] seine Warnung ernst genommen werden.“

Collage von durchgestrichenen Artikeln des „Express“ mit der Überschrift: „Irreführende Berichte häufig in Verbindung mit den Themen Asyl und Migration:“. Die Artikel sind mit einem roten Kreuz durchgestrichen und tragen Titel wie „FPÖ warnt: Selbst vorbestrafte Asylwerber dürfen jetzt Staatsbürgerschaft beantragen“, „UK-Debatte um ‚Schwäne essende‘ Migranten: Jetzt kommt alles raus!“ und „Vater empört: Ramadan statt Weihnachten in Wiener Volksschule!“.

Anfang Mai lässt uns der Exxpress zudem wissen, dass die Donauinsel nun eine „NoGo Area“ ist. Der Grund? „Rassismus gegen Österreicher“. Die Insel sei „fest in muslimischer Hand“, schreibt ein oder eine unbekannte:r Redakteur:in. Und: Sexuelle Belästigung im FKK-Bereich sei ein großes Problem – „sowohl durch Österreicher als auch muslimische junge Männer“.

Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Berichte über sexuelle Übergriffe im Nacktbereich. Aber von „muslimischen Männern“? Woher hat der Exxpress das? Eine Quelle erwähnt er nicht. „Sogar abgebissene Ohren stehen auf der Tagesliste [sic]“, meint der Exxpress weiter. Uns ist nur ein einziger Fall bekannt. Gewohnt nüchtern zieht das Blatt Fazit:

Durch unzählige Banden aus aller Herren Länder, die dort in den warmen Monaten herumlungern, ist es für die Stadt und die Polizei fast unmöglich, die Sicherheit auf der Donauinsel zu gewährleisten.

Der Umgang mit Falschnachrichten

Fälschlicherweise berichtete der Exxpress auch, österreichische Wissenschaftler:innen würden einen „Bevölkerungsaustausch“ befürworten. In einem offenen Brief warnten tausende Uniprofessor:innen vor einer möglichen FPÖ-ÖVP-Regierung. Der Brief ist nicht besonders lang. Dass ihn beim Exxpress ein Mensch gelesen hat, ist aber zu bezweifeln. Denn er schreibt:

Ein Satz zum Schluss des Briefes macht allerdings stutzig: Dort fordern die ‚Wissenschaftler*innen‘ ein ‚eindeutiges und unzweifelhaftes Ja zum Bevölkerungsaustausch, weils uns in unseren Elfenbeintürmen eh nicht betrifft‘.

Das Zitat ist erfunden. In Wahrheit formulierten die „Wissenschaftler:innen für Demokratie“ folgenden Satz:

Wir (…) fordern ein eindeutiges und unzweifelhaftes JA ZUR DEMOKRATIE, JA ZUR OFFENEN GESELLSCHAFT sowie zur Freiheit der Forschung und ihrer Lehre.

Entlarvend ist zudem auch der Umgang des Exxpress mit seinen Falschnachrichten: Sie bleiben meistens einfach stehen. Die längst widerlegte Falschbehauptung, BRICS-Staaten würden „künftig 80 Prozent der Ölproduktion“ kontrollieren, steht dort zum Beispiel ebenso noch wie die irrsinnige Behauptung, dass „62.000 Liter“ HIV-verseuchte Blutkonserven in die Ukraine geliefert werden sollten.

Falschnachrichten zum Fall Castillo

Auf der Exxpress-Website finden sich regelmäßig tendenziöse und ideologisch aufgeladene Beiträge – wir haben das beispielsweise anhand der Berichte nach dem tödlichen Attentat auf Charlie Kirk dokumentiert. Auch im Fall Noelia Castillo kann man das beobachten.

Die 25-jährige Spanierin hat sich für einen assistierten Suizid entschieden, der Fall sorgte in Spanien für eine Debatte über Sterbehilfe – und wurde von rechten und ultrakatholischen Akteur:innen instrumentalisiert.

Mittendrin der Exxpress: Er bettet ein X-Posting ein, in dem die Falschbehauptung verbreitet wird, Castillo hätte ihre „beste Freundin“ vorab nicht sehen dürfen – „weil sie befürchten, dass sie es sich vielleicht noch anders überlegt und nicht zustimmt, getötet zu werden und dass ihre Organe entnommen werden“. Sowohl der Mythos zur Organspende als auch die Erzählung, enge Freund:innen wären von Castillo weggehalten worden, gehören zu den bereits widerlegten Falschbehauptungen rund um den Fall.

Eine weitere Desinformation, die sich im Fall Castillo hartnäckig hält, ist die Behauptung, sie sei von einer Gruppe Migranten vergewaltigt worden.

Im Exxpress-„Nachtflug“ mit dem positiven Jahresmotto „Tabuthemen 2026 – Migration, Gewalt & Meinungsfreiheit eskalieren“ zitiert Exxpress-Kolumnist Bernhard Heinzlmaier „alternative Medien“: Es hätte sich um „Migranten aus dem Magreb“ gehandelt. Das Factchecking-Team der deutschen Presseagentur findetkein[en] Beleg für Beteiligung von Migranten an sexuellen Übergriffen auf Noelia Castillo“

„Der Ruf der Migrant:innen darf nicht geschädigt werden und da ist man sogar bereit, 788 Gruppenvergewaltigungen in Deutschland unter den Teppich zu kehren“, behauptet Heinzlmaier in diesem Gespräch außerdem. Die Zahl ist richtig, was in dieser Statistik allerdings auch belegt ist: die meisten Gruppenvergewaltigungen begehen mit Abstand Deutsche. Moderiert wird die Sendung übrigens von Herausgeberin Eva Schütz. Kritische Nachfragen bleiben aus.

Der Rassismus-Vorwurf

Ob der Exxpress als Medium „rassistisch“ agiert, ist nicht einfach zu beantworten. Armin Wolf bezieht sich mit seinem Posting auf Kommentare im Exxpress-Forum, in denen von den „Sitten der Teppichlutscher“ die Rede ist und „Remigration“ gefordert wird. Weil sie die meisten User:innen-Likes bekommen haben, befinden sie sich kurzzeitig auf der Startseite als  „Top-Kommentare“.

Begriffe wie „Umvolkung“ und „Bevölkerungsaustausch“ tummeln sich ganz selbstverständlich ebenso in den Kommentarspalten. In seinen Berichten verwendet der Exxpress diese Wörter nicht, bedient aber ähnliche Bilder. In einem Artikel über die Talent Partnerships der EU mit anderen Ländern schreibt der Exxpress zum Beispiel: „Noch kommen nicht Hunderttausende über solche Programme. Aber die Rohre werden verlegt.“

Das „Austausch“-Narrativ bedient auch diese Schlagzeile: „In der Tagesschau heißen Deutsche jetzt ‚Nicht-Migranten‘“. In Wahrheit kündigt die Sprecherin eine Initiative von „Migranten und Nicht-Migranten“ an, bei der Ehrenamtliche Deutschkurse anbieten. Obwohl für das Publikum völlig klar ist, wer gemeint ist, zieht die Schlagzeile diese Formulierung bewusst aus dem Kontext.

Es ist ein klassisches Beispiel für „Rage Bait“;  das gezielte Schüren von Empörung, um Reichweite zu generieren. Der Beitrag erschien ursprünglich auf Nius, dem „Partnermedium“ und Mehrheitseigentümer des Exxpress.

Rassistische Narrative in Meinungsbeiträgen

Zugpferde sind die Kolumnisten. In Beiträgen von Bernhard Heinzlmaier oder Ralph Schöllhammer werden die Begriffe „Bevölkerungsaustausch“ und „Schuldkult“ für vermeintliche Analysen genutzt („wenn man das [so nennen] dürfte“, wie Heinzlmaier ergänzt) – beides sind rassistisch aufgeladene Kampfbegriffe.

Ein weiterer Exxpress-Gastkommentator, der FPÖ-Nahe Publizist Werner Reichel, erklärt indes, warum so viele Tourist:innen aus dem „sich durch Massenzuwanderung selbst zerstörendem Europa“ gerne nach Japan reisen würden. Das läge am dortigen „kulturell homogenen Staatsvolk“. „Es ist für viele, vor allem Junge, ein letztes Schlupfloch, um der europäischen Tragödie zumindest zeitweise zu entfliehen.“

Bei manchen Kommentaren ergänzt der Exxpress einen Hinweis: „Gastkommentare stellen die Meinung der jeweiligen externen Autoren dar und müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.“ Dieser ist so einer.

Collage von Artikeln aus der Meinungsrubrik des „Express“. Die Überschrift lautet: „Nichts Neues in der Exxpress Meinungs-Rubrik:“. Es sind mehrere Artikelausschnitte mit Titeln wie „Heinzlmaier: Den vitalen muslimischen Ehrenmännern sind wir nicht gewachsen“, „Tyrannei der Schuld: Warum hasst sich der Westen? Ralph Schöllhammer analysiert!“, „Bernhard Heinzlmaier: Ist die westliche Kultur am Ende?“, „Christian Ortner: Die Islamisierung geht weiter“ und „Bernhard Heinzlmaier: Wien schafft sich ab!“ zu sehen.

Natürlich ist die „Meinung anderer“ erstmal nur eine Meinung anderer. Dennoch steckt hinter Gastbeiträgen eine redaktionelle Entscheidung (oder sollte es zumindest). Sätze wie „Westeuropa hat das groß angelegte Experiment durchgeführt, die Babys, die sie nicht haben wollten, durch Kinder aus der nicht-westlichen Welt zu ersetzen“ zahlen auf die „Great Replacement Theory“ ein. Das muss man als Redaktion wissen und wollen.

Wir wollten vom Exxpress daher wissen, wo die Redaktion die Grenze zwischen Migrationskritik und rassistischen Narrativen zieht. Man hat uns nicht geantwortet.

In einem Thread auf Bluesky zeigte @bjoernsenior.bsky.social zuletzt eindrücklich, „wie der exxpress rechtsextreme Akteure und deren Sprache normalisiert“. Neben dem Einbetten radikaler Postings („Deport all Muslims“) gehört dazu, den Rechtsextremisten Tommy Robinson als „Bürgerrechtler“, Identitäre als „patriotische Gruppe“ und die Identitären-Parole „Defend Europe“ als „klar pro-europäische Botschaft“ zu verharmlosen.

Wiederkehrendes Muster

Die Beispiele belegen: Der Exxpress berichtet nicht nur irreführend und tendenziös, er verbreitet auch nachweislich Falschinformationen. Auffällig häufig betrifft dies Narrative über Menschen anderer Herkunft. Das reicht noch nicht, um den Exxpress pauschal als „rassistisches Medium“ zu bezeichnen. Es zeigt aber ein wiederkehrendes Muster, in dem Falschinformationen, selektive Darstellung und rassistisch aufgeladene Narrative einen relevanten Teil der Inhalte bestimmen.


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Männer sind Ikonen oder sogar Legenden. Frauen sind Prinzessinnen, Rotzgören oder Muttis. So scheint das zumindest der deutschsprachige Musikjournalismus zu sehen. In unserer Recherche haben wir uns die Wortwahl in den vier größten deutschsprachigen Plattformen für Musikkritiken angeschaut. Dabei zeigt sich ein deutliches Muster: Männliche Künstler werden als prägende Instanzen der Musikgeschichte verewigt, Künstlerinnen auffallend oft sexualisiert und verniedlicht.

Eine Collage mit ausgewählten Headlines über Musiker und Musikerinnen.

Oasis, Iggy Pop und Co. sind allesamt musikalische Legenden. Da sind sich führende Musikjournalist:innen einig. Wie ist das bei Künstlerinnen wie Mariah Carey oder Dolly Parton? Ebenfalls Legenden? Zumindest werden sie nicht so genannt. Es scheint da nämlich eine Krux zu geben: Die beiden sind keine Männer. Musikjournalist:innen nennen sie lieber „Prinzessin“ (Rolling Stone über Carey) oder „Übermutter (Der Spiegel über Parton).

Österreichs Boulevardmedien sind voll mit Artikeln, die prominente Frauen auf ihren Körper reduzieren und sexualisieren. Die Zeitungen bestimmen, wie viel Haut zu viel ist und wie Frauen auszusehen haben, um als schön, sexy und selbstbewusst zu gelten – toxische Schönheitsideale inklusive.

Collage "Nacktheit"

Frauen werden im Boulevard oft nicht als handelnde Personen dargestellt, sondern als Sexualobjekte. Unsere Analyse zeigt: Diese Objektifizierung und Sexualisierung von Frauen sind keine Einzelfälle, sondern ein strukturelles mediales Phänomen.

Dafür haben wir Krone.at, Heute.at und OE24.at von Jänner bis Dezember 2025 ausgewertet. Untersucht wurden gezielt Artikel, in denen Körper, Aussehen oder Freizügigkeit im Mittelpunkt stehen. Beiträge also, die zum Beispiel Wörter wie nackt, sexy oder heiß im Titel hatten.

So kamen über 500 Artikel zusammen, in denen wir nachlesen konnten, wie megasexy und megahot die Körper prominenter Frauen und Männer sind – 52 Prozent davon stammen von Krone.at, 25 Prozent von Heute.at und 23 Prozent von OE24.at.

Die Ölkrise, ausgelöst durch den Iran-Krieg, bringt ein wiederkehrendes Thema aufs Tapet: die Förderung von Erdgas in Österreich mittels Fracking. Doch wenn Medien über Fracking schreiben, verwenden sie häufig veraltete Zahlen oder greifen auf Mythen zurück. 

Eine Collage von Zeitungsausschnitten zum Thema Energiepolitik und Fracking in Österreich. Die Collage enthält folgende Elemente: „Die Presse“ (Leitartikel und Meinung, 27. März 2026): Leitartikel von Jeannine Hierländer: „Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ – Diskussion über ideologische Tabus in der Energiepolitik und die Notwendigkeit, Österreichs Energieversorgung unabhängiger zu gestalten. Meinungsbeitrag von Christian Ortner: „Drill, Baby, Drill – und zwar bitte demnächst auch in Österreich!“ – Plädoyer für Fracking in Österreich, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. „Kronen Zeitung“ (Seite 18, 2. Juni 2024): Artikel: „Todesstoß für die Landschaft“ – Kritik an der Forderung nach Fracking im Weinviertel, verbunden mit Umweltbedenken. „Vorarlberger Nachrichten“ (Donnerstag, 6. Juni 2024): Artikel: „Grünes Fracking ist ein Mythos“ – Ablehnung von Fracking aus ökologischen Gründen, mit Verweis auf die Ablehnung durch Wissenschaft und Landespolitik. „Salzburger Nachrichten“ (Dienstag, 24. März 2026): Artikel: „Teures Gas, aber Fracking ist keine Option“ – Diskussion über die hohen Gaspreise und die Ablehnung von Fracking in Österreich. Zusätzlich sind auf der Collage Grafiken zu erneuerbaren Energien (Biogas und Photovoltaik) sowie ein Foto von einer Bohrinsel zu sehen.

Derzeit fällt vor allem Die Presse mit Artikeln zum Fracking auf: In einem Leitartikel mit dem Titel „Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ wird für diese Art der Erdgasförderung geworben, genauso wie in der Kolumne von Christian Ortner („‚Drill, Baby, Drill‘ – und zwar bitte demnächst auch in Österreich!“). Im Artikel „Österreich könnte viel eigenständiger sein“ kommt Fracking ebenso gut weg.

Dass in Meinungsbeiträgen für oder gegen Fracking argumentiert wird, ist legitim. Doch nicht nur dort, und nicht nur in der Presse, ist die Faktenlage oft dünn. Journalist:innen beziehen sich zum Beispiel auf veraltete Daten, verharmlosen Umweltrisiken oder verbreiten umgekehrt Mythen zum Schreckgespenst „Fracking“.

Wie Geflüchtete wahrgenommen werden, hängt stark davon ab, wie Medien über sie berichten. Eine Analyse der Kronen Zeitung und der Presse zeigt, dass Herkunft dabei eine wichtige Rolle spielt: Während Erzählungen über ukrainische Geflüchtete meist mit Integration und Schutz verbunden sind, werden Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Tschetschenien deutlich häufiger problematisiert.

„Mit der Flüchtlingswelle kamen auch Messerstecher.“ So beginnt im August 2025 ein Artikel in der Presse. Wenige Seiten weiter wird die gelungene Integration ukrainischer Familien gelobt. Zwei Geschichten, zwei Tonlagen – und zwei sehr unterschiedliche Bilder von Schutzsuchenden.

Best-of Negativschlagzeilen über Geflüchtete

Best-of Negativschlagzeilen über Geflüchtete

Wie Medien Geflüchtete zeigen

In der österreichischen Berichterstattung werden Unfälle oft zum Spektakel: Medien veröffentlichen unzensierte Fotos von Autowracks, Rettungseinsätzen oder Leichenboxen – und verletzen damit die Intimsphäre der Opfer. Das ist besonders im Boulevard ein Problem. Aber nicht nur dort.

Eine Collage mit Titelbildern von Berichten zu Unfällen. Der Titel lautet „Unfallvoyeurismus in österreichischen Medien“.

„Video zeigt brutalen Gondel-Absturz in der Schweiz“, schreibt die Kronen Zeitung am 18. März in der Bildunterschrift eines Videos, das einen tödlichen Unfall in einem Schweizer Skigebiet zeigt. Allerdings zeigt das Video nicht nur den „brutalen Gondel-Absturz“ – sondern auch die versuchte Wiederbelebung des Opfers. Die journalistische Grundregel, die Intimsphäre von Menschen zu schützen, wird dabei ignoriert. Das Video generiert über 2.800 Likes und wird über 1.000 Mal geteilt.

Fotos von Autowracks, brennenden LKWs und Sanitäter:innen, die gerade versuchen, Menschenleben zu retten, werden regelmäßig als Titelbilder zur Berichterstattung über Unfälle verwendet – und das nicht nur in der Krone. Je schockierender die Szene, desto mehr tauchen solche Bilder in österreichischen Medien auf.

Dieses Muster hat einen Namen: Unfallvoyeurismus. Es geht dabei darum, Leid und Tod möglichst ungefiltert zur Schau zu stellen. Das Problem: Die Opfer der Unfälle bleiben dabei oft identifizierbar – durch mangelhaft verpixelte Fotos von ihnen selbst, Nahaufnahmen der zerstörten Fahrzeuge oder durch Details zum Leben der Betroffenen und ihrer Familien. Das verletzt die Intimsphäre der Opfer und ihrer Angehörigen.