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Sportjournalismus in Österreich – Von Männern, für Männer, über Männer

Wer in Österreich den Sportteil einer Tageszeitung aufschlägt, bekommt ein ziemlich klares Bild davon, wer hier im Zentrum steht: Männer. Frauen kommen nur am Rand vor.

Es ist derzeit schwer, der Fußball-Weltmeisterschaft zu entkommen. Kaum ein Sportereignis erhält so viel mediale Aufmerksamkeit wie das Turnier der Männer. Fans werden mit Sondersendungen, Live-Analysen und Reporter Rainer Pariasek versorgt, der aus Amerika ins heimische Wohnzimmer grüßt. Doch die Aufmerksamkeit für den Männersport beschränkt sich nicht auf die Wochen eines globalen Großereignisses. Das ist der Normalzustand. Noch dazu sind es in Österreich meistens Männer, die die Berichterstattung rund um den Sport gestalten. So gibt es beispielsweise bei der Übertragung der WM zwischen ORF und ServusTV mit Anna Lallitsch nur eine einzige Frau, die die Spiele kommentiert. 

Collage aus österreichischen Sportzeitungsausschnitten (Kronen Zeitung, Der Standard, Heute) mit der Überschrift: „Wer steht im österreichischen Sportjournalismus im Zentrum?" Die Artikel zeigen überwiegend Männerfußball. Logo von Kobuk! unten rechts.

Dass die Berichterstattung über Athletinnen in Österreich eine untergeordnete Rolle spielt, ist kein Bauchgefühl, das lässt sich messen: Für diese Analyse haben wir die Print-Sportberichterstattung von Juli bis Dezember 2025 in der Heute-Zeitung (Wien-Ausgabe), der Kronen Zeitung (Wien Krone) und Der Standard untersucht. Dabei wurde in jeder einzelnen Ausgabe erhoben, wie viele Sportartikel sich primär mit Männersport, Frauensport oder gemischten Bewerben beschäftigen und wie Bilder dabei eingesetzt werden.

Klare Zahlen, klares Ungleichgewicht

In der Heute entfallen im Schnitt rund 87 Prozent der Sportartikel auf Männer, nur etwa zehn Prozent berichten über Frauensport. In der Kronen Zeitung liegt der Männeranteil bei rund 81 Prozent, Frauensport macht dort etwa elf Prozent der Artikel aus, fast acht Prozent sind gemischt. Selbst im als Qualitätsmedium geltenden Standard sind rund zwei Drittel (66 Prozent) der Sportartikel dem Männersport gewidmet, 21 Prozent dem Frauensport und circa zwölf Prozent der Texte berichten über männliche und weibliche Athlet:innen.

Der Sportteil einer Heute-Ausgabe umfasst im Schnitt rund elf Artikel. Somit ist meist nur Platz für einen Text über Frauensport. Anders gesagt: An vielen Tagen kommt Frauensport gar nicht vor.

Weibliche Erfolge sind weniger sichtbar

Das gilt selbst an Tagen mit international relevanten Erfolgen von Sportlerinnen. So ging etwa der Champions-League-Sieg des Arsenal-Frauenteams im Mai 2025 mit Torhüterin Manuela Zinsberger in österreichischen Medien als Randnotiz unter oder wurde gar nicht thematisiert.

Illustration: Geringe Berichterstattung über Champions-League-Sieg von Manuela Zinsberger

In einem Interview mit dem Radiosender Ö3 äußerte Zinsberger ihre Frustration darüber : „Ich bin die erste Österreicherin, die die UEFA Women’s Champions League gewonnen hat. Da stecken Jahre voller harter Arbeit, Zweifel, Tränen dahinter – aber auch voller Glaube, Mut und unermüdlicher Leidenschaft. Und trotzdem: Kaum jemand hat es mitbekommen. Es gab kaum Schlagzeilen, keine echte Anerkennung. Es zeigt für mich auch, wie schnell große Leistungen übersehen werden, wenn sie von Frauen erbracht werden.“

Nicht nur die Texte prägen die Sichtbarkeit von Athlet:innen in der Berichterstattung, auch die Bildauswahl trägt maßgeblich dazu bei. Gerade im Boulevard haben Bilder einen hohen Stellenwert. Während im Sportteil der Heute-Zeitung 14 Bilder und in der Krone beinahe 30 das Layout ausmachen, sind es im Sportteil des Standard im Durchschnitt zwei.

Auch hier zeigen die Zahlen, dass Männer visuell viel stärker präsent sind als weibliche Athletinnen. In der Heute entfallen rund 94 Prozent aller Sportbilder auf Männer, etwa fünf Prozent der Bilder zeigen Frauen, ein Prozent der Bilder zeigen beide Geschlechter. In der Kronen Zeitung sind rund 86 Prozent der Sportbilder von Männern, Frauenbilder machen gerundete acht Prozent aus. Fast sechs Prozent sind Bilder von Frauen und Männern gemeinsam.

Der Standard bietet zwar weiblichen Athletinnen mehr Bühne, das Verhältnis bleibt allerdings ähnlich: rund 65 Prozent der Bilder zeigen Männer, 28 Prozent Frauen und sieben Prozent der Bilder sind gemischt.

Die Unterschiede zeigen sich nicht nur darin, wie oft Sportlerinnen vorkommen, sondern auch darin, wie sie dargestellt werden. Eine Studie von „MediaAffairs“ und der Initiative „exploristas“ kam zum Ergebnis, dass männliche Athleten in Printmedien deutlich häufiger in Action gezeigt werden. Sportlerinnen hingegen werden rund 50 Prozent häufiger in posierenden Aufnahmen ohne unmittelbaren Sportbezug abgebildet. 

Auch sprachlich werden Sportlerinnen anders behandelt und oftmals verniedlicht oder über stereotype Zuschreibungen beschrieben. Begriffe wie „Girls“, „Rodelfloh“ oder „Prinzessin“ transportieren ein anderes Bild als die Attribute, die den männlichen Athleten zugeschrieben werden. Laut der „MediaAffairs“ und „exploristas“-Studie trifft Trivialisierung Sportlerinnen 2,4 Mal häufiger als Sportler. Zudem sind Athletinnen 14 Mal häufiger von Sexualisierung betroffen als Männer. So schrieb beispielsweise die Kronen Zeitung im Dezember 2024: „Handball-Models bringen Wien zum Beben!“ Und weiter: „Turnier sportlich und optisch grenzenlos attraktiv.“

Wirtschaftlicher Druck als bequeme Ausrede

Ein Argument, dass Männersport – insbesondere Männer-Fußball – mehr Leser:innen, Klicks und Werbegeld bringen würde, ist nicht falsch, aber unvollständig. Laut dem internationalen Marktforschungsunternehmen Nielsen gewinnen viele Frauensportarten, insbesondere Fußball und Basketball, an Popularität. Laut dem „2025 Global Sports Report ist die Fangemeinde der WNBA (Die Women’s National Basketball Association in den USA) in den letzten zwei Jahren um mehr als 31 Prozent gewachsen. Auch Deloitte verweist in Marktanalysen auf ein stetig steigendes globales Interesse am Frauensport und auf ein wirtschaftliches Potenzial, das bislang nur teilweise ausgeschöpft wird. 

Trotz dieses steigenden Interesses verringert sich die Gehaltsschere zwischen den Top-Athletinnen und Athleten nur wenig. Wie groß diese Lücke tatsächlich ist, zeigt der Blick auf die deutsche Fußball-Bundesliga: Im Jahr 2022 verdienten Nationalspieler dort im Schnitt rund 10 Millionen Euro pro Jahr, die Nationalspielerinnen kamen hingegen auf 43.000 Euro – das sind nicht einmal 0,5 Prozent der Männergagen.

Die Studie von „MediaAffairs“ und „exploristas“ verweist dabei auch auf einen ökonomischen Mechanismus: Weltweit fließen laut einer Statista-Auswertung nur rund sieben Prozent des gesamten Sportsponsorings in Frauensport, 93 Prozent gehen an Männersport. Denn Sponsoring folgt aber in erster Linie der medialen Sichtbarkeit einer Sportart. Wer seltener gezeigt wird, ist für Werbepartner:innen schlicht weniger attraktiv. 

Beispielhafte Berichterstattung "Heute-Zeitung"

Darin liegt auch die Verantwortung der Medien. Sie reagieren nicht nur auf Nachfrage, sie formen sie auch. „Agenda Setting“ nennt das die Medienwissenschaft. Medien entscheiden immer noch mit, welchen Themen, Personen und Leistungen Aufmerksamkeit und Relevanz zugestanden wird. Wer somit Frauensport systematisch ausblendet, kann sich später nicht darauf berufen, dass sich eh niemand dafür interessiert. 

Redaktionen als Spiegel ihrer Machtverhältnisse

Ein möglicher Grund für die Schieflage liegt in den Redaktionen selbst. Standard-Sportchef Philip Bauer gibt auf Anfrage Einblick. Das aktuelle Team der Standard-Sportredaktion besteht aus acht Männern. Laut Bauer gibt es jedoch außerhalb der Redaktion immer wieder Frauen, die sich an der Berichterstattung beteiligen. Doch bereits bei den Praktikumsbewerbungen zeige sich seit Jahren ein starkes Ungleichgewicht: Das Verhältnis liege im Schnitt bei etwa eins zu zehn zugunsten der männlichen Bewerber.

Bauer sagt, man bemühe sich um eine ausgewogene Berichterstattung. Ein tatsächliches Gleichgewicht sei jedoch „in der Praxis noch nicht hergestellt“.

Die Sportredaktionen der Kronen Zeitung und der Heute-Zeitung haben auf mehrfache Anfragen nicht reagiert.

Laut der „MediaAffairs“ und „exploristas“-Studie werden in Österreich nur drei Prozent der Sportbeiträge von Redakteurinnen verfasst. Zwei Drittel stammen von männlichen Journalisten und knapp ein Drittel von Nachrichtenagenturen.  

Dass die personelle Zusammensetzung Auswirkungen auf die Berichterstattung haben könnte, legt die Studie ebenfalls nahe. Während männliche Sportjournalisten nur zu 13 Prozent über Sportlerinnen berichten, liegt dieser Anteil bei Journalistinnen bei 38 Prozent. Zwar berichten auch Frauen überwiegend über Männersport, sie räumen Athletinnen aber deutlich mehr Platz ein. Vonseiten der EU wird deshalb für einen höheren Frauenanteil in Sportredaktionen plädiert: Mindestens 30 Prozent soll der Anteil von Frauen in Sportmedien und -redaktionen betragen.

Warum das kein Randthema ist

Sport ist einer der wirkmächtigsten öffentlichen Schauplätze unserer Gesellschaft. Wenn Sportlerinnen medial kaum eine Bühne finden, fehlen nicht nur Berichte, sondern auch Identifikationsfiguren für junge Frauen. Wie häufig und wie prominent über sportliche Leistungen berichtet wird, prägt langfristig, was als relevant gilt. Denn Medien entscheiden mit ihrer Berichterstattung nicht nur, worüber gesprochen wird, sondern auch darüber, wem Aufmerksamkeit, Bedeutung und Wert zugestanden wird.


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