Wer in Österreich den Sportteil einer Tageszeitung aufschlägt, bekommt ein ziemlich klares Bild davon, wer hier im Zentrum steht: Männer. Frauen kommen nur am Rand vor.
Es ist derzeit schwer, der Fußball-Weltmeisterschaft zu entkommen. Kaum ein Sportereignis erhält so viel mediale Aufmerksamkeit wie das Turnier der Männer. Fans werden mit Sondersendungen, Live-Analysen und Reporter Rainer Pariasek versorgt, der aus Amerika ins heimische Wohnzimmer grüßt. Doch die Aufmerksamkeit für den Männersport beschränkt sich nicht auf die Wochen eines globalen Großereignisses. Das ist der Normalzustand. Noch dazu sind es in Österreich meistens Männer, die die Berichterstattung rund um den Sport gestalten. So gibt es beispielsweise bei der Übertragung der WM zwischen ORF und ServusTV mit Anna Lallitsch nur eine einzige Frau, die die Spiele kommentiert.
Dass die Berichterstattung über Athletinnen in Österreich eine untergeordnete Rolle spielt, ist kein Bauchgefühl, das lässt sich messen: Für diese Analyse haben wir die Print-Sportberichterstattung von Juli bis Dezember 2025 in der Heute-Zeitung (Wien-Ausgabe), der Kronen Zeitung (Wien Krone) und Der Standard untersucht. Dabei wurde in jeder einzelnen Ausgabe erhoben, wie viele Sportartikel sich primär mit Männersport, Frauensport oder gemischten Bewerben beschäftigen und wie Bilder dabei eingesetzt werden.
Klare Zahlen, klares Ungleichgewicht
In der Heute entfallen im Schnitt rund 87 Prozent der Sportartikel auf Männer, nur etwa zehn Prozent berichten über Frauensport. In der Kronen Zeitung liegt der Männeranteil bei rund 81 Prozent, Frauensport macht dort etwa elf Prozent der Artikel aus, fast acht Prozent sind gemischt. Selbst im als Qualitätsmedium geltenden Standard sind rund zwei Drittel (66 Prozent) der Sportartikel dem Männersport gewidmet, 21 Prozent dem Frauensport und circa zwölf Prozent der Texte berichten über männliche und weibliche Athlet:innen.
Der Sportteil einer Heute-Ausgabe umfasst im Schnitt rund elf Artikel. Somit ist meist nur Platz für einen Text über Frauensport. Anders gesagt: An vielen Tagen kommt Frauensport gar nicht vor.
Exxpress-Herausgeberin Eva Schütz war eine von vielen Überraschungskandidat:innen für den ORF-Generalsposten. Armin Wolf tat auf der Plattform Bluesky seine Ratlosigkeit über ihre Nominierung durch den Stiftungsrat kund und bezeichnete den Exxpress als „rechte, rassistische Fake News-Schleuder“. Das sorgte für Empörung, vor allem beim Exxpress. Dabei sollte der Redaktion ihr eigener Umgang mit Falschnachrichten und rassistischen Narrativen nichts Neues sein. Eine Bestandsaufnahme.
Neun Bewerber:innen stellten sich am 11. Juni der Stiftungsrats-Wahl zum oder zur neuen ORF-Chef:in. Exxpress-Herausgeberin und Chefredakteurin Eva Schütz war eine von ihnen. Und laut ihrem Hausmedium war sie sogar die „ORF-Generaldirektorin der Zuseher“, denn: „Eva Schütz in Umfragen klar vorne“, titelte der Exxpress am Dienstag.
Abgesehen davon, dass Zuseher:innen und Umfragen für die Bestellung keine Rolle spielen, sind die im Exxpress kolportierten Zahlen irreführend. Schütz würde in einer Umfrage der Gratiszeitung Heute auf 57 Prozent Zustimmung kommen, steht dort.
Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine echte Meinungsumfrage, sondern um ein Voting unter Heute-Leser:innen, eingebettet in einem Artikel über Schütz’ Kandidatur. Der Artikel ist außerdem bereits zwei Wochen alt. In einem aktuelleren Voting kommt Schütz nur auf 13 Prozent.
Das Gefühl, dass daran irgendetwas nicht stimmen kann, beschleicht einen beim Exxpress-Lesen öfter. Dem Medium „für Selberdenker“ haben wir mit Faktenchecks deshalb schon mehrmals beim Nachdenken nachgeholfen.
Der User @bjoernsenior.bsky.social dokumentiert ebenfalls schon seit Jahren Unstimmigkeiten, Fehler und Falschnachrichten der Plattform – vermehrt findet sich darunter auch mutmaßlicher KI-Content. Aber wie viel davon sind wirklich „Fake News“? Und was kann man dort sogar als „rassistisch“ bezeichnen?
Der „Fake-News“-Vorwurf
Wir lassen den ganzen KI-Slop – also die mutmaßlich mit Hilfe künstlicher Intelligenz produzierten Blödsinnigkeiten – an dieser Stelle außen vor. Auch wenn wir dafür auf einen österreichischen „Kanzler Andrew Babler“ oder den „Ex-Präsidenten“ Donald Trump verzichten müssen. Was uns hier interessiert, sind Falschnachrichten, die in die Irre führen.
Zum Beispiel bei Meldungen zum Klimawandel. Den zweiten österreichischen Sachstandsbericht zum Klimawandel versuchte der Exxpress vergangenes Jahr als „simple Binsenweisheit“ zu verkaufen – und die Berichte darüber als „Panikmache“. Der Exxpress störte sich an der Feststellung, dass sich Österreich schneller als der globale Durchschnitt erwärmt.
Das Blatt ist nämlich draufgekommen, dass sich ja nicht nur Österreich, sondern sehr viele Länder schneller als der globale Durchschnitt erwärmen, weil dazu auch die (kälteren) Ozeane gezählt werden. Und schließt offenbar daraus: Dann kann das Ganze ja nicht so schlimm sein. Diese Kritik sei „so simpel wie entlarvend“, schreibt der Exxpress über sich selbst.
Es wirkt nicht so, als hätte sich jemand angesehen, worum es in der Arbeit der Wissenschaftler:innen eigentlich ging (unter anderem die regionalen Auswirkungen des Klimawandels). Dass in diesem Medium einmal sogar Schneefall die Existenz des Klimawandels relativierte, dürfte da nicht weiter verwundern.
Der Exxpress verbreitete in den letzten Jahren außerdem die Falschbehauptung, dass die Maskenpflicht während der Pandemie keine Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen gehabt hätte. Im November 2024 erschien beim Exxpress ein Artikel über den Mythos, vermehrte „plötzliche und unerwartete“ Todesfälle seien auf die Corona-Impfung zurückzuführen.
Irreführende Geschichten über Asyl und Migration
In auffällig vielen irreführenden Berichten des Exxpress geht es um die Themen Asyl und Migration. Da wäre zum Beispiel die Behauptung, dass vorbestrafte Asylwerber:innen selbst mit einer Haftstrafe „problemlos Österreicher werden“ könnten. Die Quelle ist ein FPÖ-Video. Die Behauptung ist falsch. Das ist im Staatsbürgerschaftsgesetz klar geregelt.
Oder dass an einer Wiener Volksschule Ramadan statt Weihnachten gefeiert würde, auch das haben wir widerlegt.
Oder nehmen wir den Mythos um „‚Schwäne essende‘ Migranten“ aus dem vergangenen September. Aufgewärmt hat ihn damals der rechtspopulistische Politiker Nigel Farage in einem Radio-Interview. „Jetzt kommt alles raus!“, titelte der Exxpress.
Eine Statistik über Angriffe auf Schwäne sollte den Mythos belegen, Hinweise auf migrantische Täter:innen liefert diese aber nicht. Ein Tierschutzverein vermutete dahinter vielmehr Jugendliche, die die Tiere „aus Spaß“ attackieren würden. Auch Fotos, die der Exxpress einbettete, um das Narrativ zu untermaueren, hat die örtliche Polizei schon 2024 widerlegt.
Interessant ist vor allem das Wahrheitsverständnis, dass die Redaktion in Bezug auf Farages Äußerung offenlegt: „Solange das Gegenteil nicht eindeutig belegt sei [sic], sollten [sic] seine Warnung ernst genommen werden.“
Anfang Mai lässt uns der Exxpress zudem wissen, dass die Donauinsel nun eine „NoGo Area“ ist. Der Grund? „Rassismus gegen Österreicher“. Die Insel sei „fest in muslimischer Hand“, schreibt ein oder eine unbekannte:r Redakteur:in. Und: Sexuelle Belästigung im FKK-Bereich sei ein großes Problem – „sowohl durch Österreicher als auch muslimische junge Männer“.
Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Berichte über sexuelle Übergriffe im Nacktbereich. Aber von „muslimischen Männern“? Woher hat der Exxpress das? Eine Quelle erwähnt er nicht. „Sogar abgebissene Ohren stehen auf der Tagesliste [sic]“, meint der Exxpress weiter. Uns ist nur ein einziger Fall bekannt. Gewohnt nüchtern zieht das Blatt Fazit:
Durch unzählige Banden aus aller Herren Länder, die dort in den warmen Monaten herumlungern, ist es für die Stadt und die Polizei fast unmöglich, die Sicherheit auf der Donauinsel zu gewährleisten.
Der Umgang mit Falschnachrichten
Fälschlicherweise berichtete der Exxpress auch, österreichische Wissenschaftler:innen würden einen „Bevölkerungsaustausch“ befürworten. In einem offenen Brief warnten tausende Uniprofessor:innen vor einer möglichen FPÖ-ÖVP-Regierung. Der Brief ist nicht besonders lang. Dass ihn beim Exxpress ein Mensch gelesen hat, ist aber zu bezweifeln. Denn er schreibt:
Ein Satz zum Schluss des Briefes macht allerdings stutzig: Dort fordern die ‚Wissenschaftler*innen‘ ein ‚eindeutiges und unzweifelhaftes Ja zum Bevölkerungsaustausch, weils uns in unseren Elfenbeintürmen eh nicht betrifft‘.
Das Zitat ist erfunden. In Wahrheit formulierten die „Wissenschaftler:innen für Demokratie“ folgenden Satz:
Wir (…) fordern ein eindeutiges und unzweifelhaftes JA ZUR DEMOKRATIE, JA ZUR OFFENEN GESELLSCHAFT sowie zur Freiheit der Forschung und ihrer Lehre.
Entlarvend ist zudem auch der Umgang des Exxpress mit seinen Falschnachrichten: Sie bleiben meistens einfach stehen. Die längst widerlegte Falschbehauptung, BRICS-Staaten würden „künftig 80 Prozent der Ölproduktion“ kontrollieren, steht dort zum Beispiel ebenso noch wie die irrsinnige Behauptung, dass „62.000 Liter“ HIV-verseuchte Blutkonserven in die Ukraine geliefert werden sollten.
Falschnachrichten zum Fall Castillo
Auf der Exxpress-Website finden sich regelmäßig tendenziöse und ideologisch aufgeladene Beiträge – wir haben das beispielsweise anhand der Berichte nach dem tödlichen Attentat auf Charlie Kirk dokumentiert. Auch im Fall Noelia Castillo kann man das beobachten.
Die 25-jährige Spanierin hat sich für einen assistierten Suizid entschieden, der Fall sorgte in Spanien für eine Debatte über Sterbehilfe – und wurde von rechten und ultrakatholischen Akteur:innen instrumentalisiert.
Mittendrin der Exxpress: Er bettet ein X-Posting ein, in dem die Falschbehauptung verbreitet wird, Castillo hätte ihre „beste Freundin“ vorab nicht sehen dürfen – „weil sie befürchten, dass sie es sich vielleicht noch anders überlegt und nicht zustimmt, getötet zu werden und dass ihre Organe entnommen werden“. Sowohl der Mythos zur Organspende als auch die Erzählung, enge Freund:innen wären von Castillo weggehalten worden, gehören zu den bereits widerlegten Falschbehauptungen rund um den Fall.
Eine weitere Desinformation, die sich im Fall Castillo hartnäckig hält, ist die Behauptung, sie sei von einer Gruppe Migranten vergewaltigt worden.
Im Exxpress-„Nachtflug“ mit dem positiven Jahresmotto „Tabuthemen 2026 – Migration, Gewalt & Meinungsfreiheit eskalieren“ zitiert Exxpress-Kolumnist Bernhard Heinzlmaier „alternative Medien“: Es hätte sich um „Migranten aus dem Magreb“ gehandelt. Das Factchecking-Team der deutschen Presseagentur findet „kein[en] Beleg für Beteiligung von Migranten an sexuellen Übergriffen auf Noelia Castillo“.
„Der Ruf der Migrant:innen darf nicht geschädigt werden und da ist man sogar bereit, 788 Gruppenvergewaltigungen in Deutschland unter den Teppich zu kehren“, behauptet Heinzlmaier in diesem Gespräch außerdem. Die Zahl ist richtig, was in dieser Statistik allerdings auch belegt ist: die meisten Gruppenvergewaltigungen begehen mit Abstand Deutsche. Moderiert wird die Sendung übrigens von Herausgeberin Eva Schütz. Kritische Nachfragen bleiben aus.
Der Rassismus-Vorwurf
Ob der Exxpress als Medium „rassistisch“ agiert, ist nicht einfach zu beantworten. Armin Wolf bezieht sich mit seinem Posting auf Kommentare im Exxpress-Forum, in denen von den „Sitten der Teppichlutscher“ die Rede ist und „Remigration“ gefordert wird. Weil sie die meisten User:innen-Likes bekommen haben, befinden sie sich kurzzeitig auf der Startseite als „Top-Kommentare“.
Begriffe wie „Umvolkung“ und „Bevölkerungsaustausch“ tummeln sich ganz selbstverständlich ebenso in den Kommentarspalten. In seinen Berichten verwendet der Exxpress diese Wörter nicht, bedient aber ähnliche Bilder. In einem Artikel über die Talent Partnerships der EU mit anderen Ländern schreibt der Exxpress zum Beispiel: „Noch kommen nicht Hunderttausende über solche Programme. Aber die Rohre werden verlegt.“
Das „Austausch“-Narrativ bedient auch diese Schlagzeile: „In der Tagesschau heißen Deutsche jetzt ‚Nicht-Migranten‘“. In Wahrheit kündigt die Sprecherin eine Initiative von „Migranten und Nicht-Migranten“ an, bei der Ehrenamtliche Deutschkurse anbieten. Obwohl für das Publikum völlig klar ist, wer gemeint ist, zieht die Schlagzeile diese Formulierung bewusst aus dem Kontext.
Es ist ein klassisches Beispiel für „Rage Bait“; das gezielte Schüren von Empörung, um Reichweite zu generieren. Der Beitrag erschien ursprünglich auf Nius, dem „Partnermedium“ und Mehrheitseigentümer des Exxpress.
Rassistische Narrative in Meinungsbeiträgen
Zugpferde sind die Kolumnisten. In Beiträgen von Bernhard Heinzlmaier oder Ralph Schöllhammer werden die Begriffe „Bevölkerungsaustausch“ und „Schuldkult“ für vermeintliche Analysen genutzt („wenn man das [so nennen] dürfte“, wie Heinzlmaier ergänzt) – beides sind rassistisch aufgeladene Kampfbegriffe.
Ein weiterer Exxpress-Gastkommentator, der FPÖ-Nahe Publizist Werner Reichel, erklärt indes, warum so viele Tourist:innen aus dem „sich durch Massenzuwanderung selbst zerstörendem Europa“ gerne nach Japan reisen würden. Das läge am dortigen „kulturell homogenen Staatsvolk“. „Es ist für viele, vor allem Junge, ein letztes Schlupfloch, um der europäischen Tragödie zumindest zeitweise zu entfliehen.“
Bei manchen Kommentaren ergänzt der Exxpress einen Hinweis: „Gastkommentare stellen die Meinung der jeweiligen externen Autoren dar und müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.“ Dieser ist so einer.
Natürlich ist die „Meinung anderer“ erstmal nur eine Meinung anderer. Dennoch steckt hinter Gastbeiträgen eine redaktionelle Entscheidung (oder sollte es zumindest). Sätze wie „Westeuropa hat das groß angelegte Experiment durchgeführt, die Babys, die sie nicht haben wollten, durch Kinder aus der nicht-westlichen Welt zu ersetzen“ zahlen auf die „Great Replacement Theory“ ein. Das muss man als Redaktion wissen und wollen.
Wir wollten vom Exxpress daher wissen, wo die Redaktion die Grenze zwischen Migrationskritik und rassistischen Narrativen zieht. Man hat uns nicht geantwortet.
In einem Thread auf Bluesky zeigte @bjoernsenior.bsky.social zuletzt eindrücklich, „wie der exxpress rechtsextreme Akteure und deren Sprache normalisiert“. Neben dem Einbetten radikaler Postings („Deport all Muslims“) gehört dazu, den Rechtsextremisten Tommy Robinson als „Bürgerrechtler“, Identitäre als „patriotische Gruppe“ und die Identitären-Parole „Defend Europe“ als „klar pro-europäische Botschaft“ zu verharmlosen.
Wiederkehrendes Muster
Die Beispiele belegen: Der Exxpress berichtet nicht nur irreführend und tendenziös, er verbreitet auch nachweislich Falschinformationen. Auffällig häufig betrifft dies Narrative über Menschen anderer Herkunft. Das reicht noch nicht, um den Exxpress pauschal als „rassistisches Medium“ zu bezeichnen. Es zeigt aber ein wiederkehrendes Muster, in dem Falschinformationen, selektive Darstellung und rassistisch aufgeladene Narrative einen relevanten Teil der Inhalte bestimmen.
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Männer sind Ikonen oder sogar Legenden. Frauen sind Prinzessinnen, Rotzgören oder Muttis. So scheint das zumindest der deutschsprachige Musikjournalismus zu sehen. In unserer Recherche haben wir uns die Wortwahl in den vier größten deutschsprachigen Plattformen für Musikkritiken angeschaut. Dabei zeigt sich ein deutliches Muster: Männliche Künstler werden als prägende Instanzen der Musikgeschichte verewigt, Künstlerinnen auffallend oft sexualisiert und verniedlicht.
Oasis, Iggy Pop und Co. sind allesamt musikalische Legenden. Da sind sich führende Musikjournalist:innen einig. Wie ist das bei Künstlerinnen wie Mariah Carey oder Dolly Parton? Ebenfalls Legenden? Zumindest werden sie nicht so genannt. Es scheint da nämlich eine Krux zu geben: Die beiden sind keine Männer. Musikjournalist:innen nennen sie lieber „Prinzessin“ (Rolling Stone über Carey) oder „Übermutter“ (Der Spiegel über Parton).
Die Ölkrise, ausgelöst durch den Iran-Krieg, bringt ein wiederkehrendes Thema aufs Tapet: die Förderung von Erdgas in Österreich mittels Fracking. Doch wenn Medien über Fracking schreiben, verwenden sie häufig veraltete Zahlen oder greifen auf Mythen zurück.
Derzeit fällt vor allem Die Presse mit Artikeln zum Fracking auf: In einem Leitartikel mit dem Titel „Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ wird für diese Art der Erdgasförderung geworben, genauso wie in der Kolumne von Christian Ortner („‚Drill, Baby, Drill‘ – und zwar bitte demnächst auch in Österreich!“). Im Artikel „Österreich könnte viel eigenständiger sein“ kommt Fracking ebenso gut weg.
Dass in Meinungsbeiträgen für oder gegen Fracking argumentiert wird, ist legitim. Doch nicht nur dort, und nicht nur in der Presse, ist die Faktenlage oft dünn. Journalist:innen beziehen sich zum Beispiel auf veraltete Daten, verharmlosen Umweltrisiken oder verbreiten umgekehrt Mythen zum Schreckgespenst „Fracking“.
In der österreichischen Berichterstattung werden Unfälle oft zum Spektakel: Medien veröffentlichen unzensierte Fotos von Autowracks, Rettungseinsätzen oder Leichenboxen – und verletzen damit die Intimsphäre der Opfer. Das ist besonders im Boulevard ein Problem. Aber nicht nur dort.
„Video zeigt brutalen Gondel-Absturz in der Schweiz“, schreibt die Kronen Zeitung am 18. März in der Bildunterschrift eines Videos, das einen tödlichen Unfall in einem Schweizer Skigebiet zeigt. Allerdings zeigt das Video nicht nur den „brutalen Gondel-Absturz“ – sondern auch die versuchte Wiederbelebung des Opfers. Die journalistische Grundregel, die Intimsphäre von Menschen zu schützen, wird dabei ignoriert. Das Video generiert über 2.800 Likes und wird über 1.000 Mal geteilt.
Fotos von Autowracks, brennenden LKWs und Sanitäter:innen, die gerade versuchen, Menschenleben zu retten, werden regelmäßig als Titelbilder zur Berichterstattung über Unfälle verwendet – und das nicht nur in der Krone. Je schockierender die Szene, desto mehr tauchen solche Bilder in österreichischen Medien auf.
Dieses Muster hat einen Namen: Unfallvoyeurismus. Es geht dabei darum, Leid und Tod möglichst ungefiltert zur Schau zu stellen. Das Problem: Die Opfer der Unfälle bleiben dabei oft identifizierbar – durch mangelhaft verpixelte Fotos von ihnen selbst, Nahaufnahmen der zerstörten Fahrzeuge oder durch Details zum Leben der Betroffenen und ihrer Familien. Das verletzt die Intimsphäre der Opfer und ihrer Angehörigen.
Mit dem Titel „Natascha Kampusch – Gefangen in Freiheit“ strahlt der ORF am Montag, 16. März, eine Dokumentation über die heute 38-Jährige aus. Im Programmtext steht ihr derzeitiger Gesundheitszustand im Fokus. Damit löst der Sender noch vor der Erstausstrahlung weltweit Berichte über ihren höchstpersönlichen Lebensbereich aus. Ein schwerer Fehler.
„Dramatische Wende 20 Jahre nach ihrer Selbstbefreiung: Die 38-jährige Natascha Kampusch hat einen Zusammenbruch erlitten“, beginnt die Beschreibung der neuen Dokumentation im ORF–TV-Programm. Damit ist der Ton gesetzt. „Bewegt vom heutigen Zustand“ der Frau würden „Ermittler, Staatsanwälte und Wegbegleiterinnen schonungslos Stellung“ beziehen, verspricht die Ankündigung weiter. Wortgleich veröffentlicht der ORF dazu am Donnerstag auch eine Presseaussendung.
Die PR schlägt ein. Sie führt noch am selben Tag zu einer Flut an Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien. Heute sorgt der Inhalt sogar für internationale Berichterstattung. Die Berichte sind allesamt problematisch: Sie teilen höchstpersönliche Informationen, die nicht von Kampusch selbst stammen. Was hat der ORF hier losgetreten – und warum?
ORF prescht vor
Trumps Desinformation hat in deutschsprachigen Schlagzeilen leichtes Spiel. Ob die dokumentierten Erschießungen von Renee Good und Alex Pretti oder die Drohung, Grönland zu annektieren – Medien berichten oft so, als läge die Wahrheit irgendwo zwischen der Propaganda aus dem Weißen Haus und den erwiesenen Fakten. Ein Rückblick auf drei große und mehrere kleine Fälle, in denen Lügen einfach durchgereicht wurden.
Am 24. Jänner erschießt ein Mitarbeiter der US-Einheit ICE den 37-jährigen Alex Pretti. Ein Video zeigt, wie innerhalb weniger Sekunden mindestens zehn Schüsse fallen, Pretti liegt da schon längst am Boden. Die Weltöffentlichkeit sieht, dass der Mann, der ihn erschießt, nicht in Gefahr war. Die US-Regierung behauptet Gegenteiliges, spricht von „Notwehr“.
Trotz der eindeutigen Bilder gibt aber beispielsweise die Kronen Zeitung in ihrer Titelzeile die Version des US-Heimatschutzministeriums wieder: „Ministerium zu Todesschüssen: ‚Plante Massaker‘“. Auch Vol.at, News die Kleine Zeitung und die Salzburger Nachrichten machen das am nächsten Tag mit der APA-Headline „US-Grenzschutz zu Schüssen in Minneapolis: Beamte sind Opfer“. Auf Orf.at schreibt man zunächst nur vorsichtig: „Zweifel an Darstellung von US-Regierung“, ändert die Headline ein paar Stunden später aber in die deutlichere Variante „Video widerspricht Ministeriumsdarstellung“.
Dass Medien die Täter-Opfer-Umkehr der US-Regierung in ihre Schlagzeilen heben und Widersprüche als „Zweifel“ lesen, zeigt vor allem: Es ist noch nicht angekommen, dass Meldungen aus dem Weißen Haus in vielen Fällen bewusste Desinformation sind, die von dem, was tatsächlich passiert ist, ablenken soll. Drei Fakten, die viele Medien nicht klar benannt haben:
Die Boulevard-Berichte über den Tod von Johanna G. sind an Voyeurismus kaum zu überbieten. Während die Redaktionen private Details der Getöteten ausschlachten, stilisieren sie den mutmaßlichen Täter zur erzählbaren Figur. Das macht die Frau zum zweiten Mal zum Opfer.
„Ich darf Sie eindrücklich darum ersuchen, ethisch und moralisch vertretbare Berichterstattung an den Tag zu legen“ – mit diesen Abschlussworten wendet sich Markus Lamb, der Pressesprecher der Polizei, an die anwesenden Medienvertreter:innen. Es ist der 14. Jänner, die Landespolizeidirektion Steiermark hat zur „Pressekonferenz nach Leichenfund“ geladen. Es geht um den mutmaßlichen Mord der zuvor als vermisst gegoltenen Südsteirerin Johanna G.
„Ethisch und moralisch vertretbar“ ist das, was Wiener Boulevardmedien seitdem veröffentlichen, jedenfalls nicht. Sie geben dem Opfer in mehreren Berichten eine Mitschuld und lassen die Verteidigung des Täters (es sei ein „Sex-Unfall“ gewesen) dominieren. Fotos aus Ermittlungsakten werden auf Doppelseiten abgedruckt, die Tat als „tödliches Geschehen“ oder „Würgespielchen“ verharmlost. Wir haben uns die zentralen Erzählmuster angesehen.
Disclaimer: Es fällt nicht leicht, diesen Text zu schreiben. Einerseits wollen wir nicht reproduzieren, was an Gerüchten und Spekulationen herumkursiert und den höchstpersönlichen Lebensbereich des Opfers betrifft. Andererseits müssen wir adressieren, wie unbedacht andere Medien mit genau diesen Informationen umgehen. Wir versuchen aber, nur dort explizit zu werden, wo es notwendig ist, damit man unsere Kritik nachvollziehen kann. Und wir verzichten darauf, wie sonst üblich, die kritisierten Artikel zu verlinken.
Mitschuld des Opfers
Am 17. Jänner titelt das Boulevardblatt Oe24: „Tinder-Affäre brachte Fitnesstrainerin (34) den Tod“. Dazu ein Bild des Täters in Siegerpose – ein Freudenschrei, beide Hände zu Fäusten in die Luft gestreckt. Rechts oben im Eck ein viel kleineres Foto von Johanna G., die er mutmaßlich getötet hat. Sie bekommt eine minimale Verpixelung um die Augen, er einen schwarzen Balken.
Immer wieder nutzen Boulevardmedien Adolf Hitlers Namen zur Klick-Maximierung. Der Nachrichtenwert von Spekulationen über Hitlers Penisgröße, Sexleben und seine Fetische ist überschaubar. Wer Hitler auf biologische Kuriositäten und Sex reduziert, betreibt keine historische Aufarbeitung, sondern eine Form der Trivialisierung.
Man stelle sich folgende Szene vor: Die größten Fastfood-Restaurants in Österreich gehen gemeinsam zum ORF und wünschen sich dort eine neue Sendung. Ein wöchentliches „Infomagazin“ zum Thema Ernährung, aber ausschließlich mit Fokus auf Fastfood. Es werden die Vorzüge von Fastfood erläutert, es gibt hochglanzgefilmte Einblicke in die Produktion und Entwicklung. Probleme werden nur thematisiert, um auf die innovativen Lösungen der Hersteller zu verweisen. Kleinere Nachteile lassen die zahlreichen Vorzüge noch überzeugender erscheinen. Und was sich nicht kleinreden lässt, wird mittels lehrreicher Verbrauchertipps geschmeidig an die Eigenverantwortung der Kundschaft abgewälzt. Und die Programmverantwortlichen im ORF sagen: „Das ist eine wunderbare Idee, so machen wir das!“
Unvorstellbar? Nun, genau dieses Kunststück ist dem Arbeitskreis der Automobilimporteure (einem Zweig der österreichischen Industriellenvereinigung) gelungen.












