Eine neue Nachrichtenseite erfindet Redakteure und lässt sie Artikel von Medien wie MeinBezirk, Oberösterreichische Nachrichten oder News abschreiben. Doch nicht alle Quellen auf diesem KI-Portal sind nachvollziehbar. Was ist die Motivation dahinter?
Österreich hat ein neues Nachrichtenmedium – und es ist ziemlich fleißig. Die Startseite ändert sich oft mehrmals täglich. Es gibt neue Aufmachergeschichten und neue Artikel in den einzelnen Ressorts, die von Politik bis Lifestyle alles abdecken. Bemerkenswert: Dieses Onlinemedium stemmt das mit nur zwei Redakteuren: David Egger, der Chefredakteur, und Leon Hofer. Das meiste scheint beim Chef hängen zu bleiben, denn David schafft bis zu 40 Artikel täglich. Leon steuert immerhin zwei bis zehn Texte pro Tag bei.
Das alles klingt nicht nur unmenschlich. Das ist es auch. Das Medium, das sich „Weltstimme“ nennt, ist eine KI-generierte Nachrichtenseite.
Das ist alles nur geklaut
Auf den ersten Blick fällt der KI-Einfluss nicht auf. Die Weltstimme hat einen seriösen, modernen Websiteauftritt. Das Logo mit der roten Schrift auf weißem Hintergrund beinhaltet bewährte Medienfarben. Der Slogan „Der Welt eine Stimme. Der Wahrheit ein Gehör“ klingt zwar etwas pathetisch, aber in einer Onlinewelt voller Kalendersprüche fällt auch das nicht weiter auf. Es gibt die Rubriken „Aktuelle Nachrichten“, „Top-Themen“ und „Meistgelesen“. Und sieben verschiedene Ressorts.
Eines davon heißt „Regionen“ und überzeugt mit hyperlokalen Nachrichten. Man erfährt dort beispielsweise etwas über einen „Erste-Hilfe-Kurs für Kinder in St. Florian“ in Oberösterreich oder die Eröffnung eines Spielwarengeschäfts im steirischen Leoben.
Natürlich war „David“ nicht wirklich in beiden Bundesländern vor Ort. David gibt es nämlich vermutlich gar nicht – genauso wenig wie seinen Kollegen Leon. Sind David Egger und Leon Hofer Pseudonyme? Stecken dahinter echte Menschen?
Es scheint zumindest niemanden in dieser „Redaktion“ zu geben, der tatsächlich recherchiert. Denn viele Texte sind geklaut.
Über den Erste-Hilfe-Kurs oder die Geschäftseröffnung hat nur Stunden zuvor MeinBezirk.at berichtet – das größte digitale Regionalblatt des Landes aus dem Haus der RegionalMedien Austria mit Ausgaben für praktisch jeden Bezirk. Eine Fundgrube für KI-Crawler: Die Artikelmenge ist riesig, die Struktur klar und die Informationen aktuell.
Tatsächlich kommen die meisten Texte dieser Rubrik von MeinBezirk. Nicht jedes Wort ist identisch, der Aufbau ist aber immer sehr, sehr ähnlich. Oft erscheinen die Artikel nur eine Stunde später mit einem geringfügig abgeänderten Titel: Aus „Bad Vöslau zählt zu Österreichs grünsten Städten“ wird dann „Bad Vöslau gilt als eine der grünsten Städte Österreichs laut neuer Analyse“.
Weltstimme verwendet auch dieselben Titelbilder – zum Beispiel das Foto der Kindergruppe aus St. Florian, dessen Urheber in Wahrheit die Organisation „OÖ Kinderwelt“ ist. Beim KI-Portal erscheinen Fotos grundsätzlich ohne Fotocredit.
Generisch und geglättet
Auch in anderen Ressorts finden wir wiederverwertete Texte. Im Sportressort entdecken wir einen Text über „Selbstfahrende Taxis und Fußball im WM-Großraum San Francisco“. Der Bericht erzählt von einem Taxifahrer, der auf dem Weg zum Stadion fragt, „ob die gesamte Fußball-Weltmeisterschaft hier stattfindet“. Interessanterweise hat Harald Bartl, Sport-Ressortleiter der Oberösterreichischen Nachrichten, genau dasselbe erlebt und nur kurz zuvor in seiner „WM-Post aus Amerika“ notiert.
Bis auf diese abgekupferte Anekdote bleibt der Weltstimme-Text generisch: Sätze wie „Die Kombination aus innovativer Technologie und den logistischen Herausforderungen eines Großereignisses wie der WM wirft Fragen zur Zukunft des Sports und der Mobilität auf“ haben hohen Large-Language-Modell-Wiedererkennungswert.
In einem Bericht über Argentiniens Strategie vor dem WM-Spiel gegen Österreich beobachten wir dasselbe Phänomen: Der Einstieg ist fast ident zum ersten Absatz in den OÖN, danach folgt eine seichte Analyse über ein Spiel, das „das Können beider Mannschaften auf die Probe stellen wird.“
Im Politik-Ressort wiederholen sich hingegen die Inhalte eines anderen Mediums: News.at. Am 19. Juni erscheint ein Artikel mit dem kryptischen Titel „Maschinenstürmer verüben Angriffe auf Industrieanlagen in mehreren Ländern“. Warum ausgerechnet ein Foto von Journalist und Moderator Michael Fleischhacker als Titelbild fungiert, erschließt sich nur, wenn man den Text auch andernorts sucht. Er liest sich nämlich wie die Kolumne, die Fleischhacker zuvor für News verfasst hat.
Es ist ein spannendes Beispiel dafür, wie der (mutmaßliche) Einsatz von künstlicher Intelligenz Meinungsbeiträge glättet. Denn in der Fassung von Weltstimme geht nicht nur der Humor verloren, auch Bedeutungen ändern sich: Anstelle von „Skeptiker [der Nutzung von KI; Anmerkung] werden als primitive Maschinenstürmer denunziert“ heißt es nun, Skeptiker werden „als konservative Stimmen betrachtet“.
Eine News-Recherche zu Ermittlungen gegen den Goldhändler TGI hat die Weltstimme ebenfalls abgeschrieben – und auch das selbstgeschossene Bild darin geklaut.
KI-Bilder und „Österreich-Bezug“
Die Herkunft der Inhalte der Weltstimme ist allerdings nicht immer so durchschaubar. Viele Texte sind fast ident zu APA-Beiträgen – vermutlich stammen aber auch diese von anderen Onlinemedien.
Oft tauchen auch englischsprachige Artikel auf der Website auf. Sie werden einige Tage später allerdings ins Deutsche übersetzt. Woher die Informationen ursprünglich kommen, ist nicht immer nachvollziehbar. Mit einer KI könnte der Text theoretisch von jeder fremden Sprache ins Englische beziehungsweise Deutsche übersetzt, erweitert und verändert worden sein.
Immer wieder fällt außerdem ein konstruierter Österreich-Bezug auf. Den Prompt „Erkläre, was das für Österreich bedeutet“ kann man fast schon dahinter durchschimmern sehen. „Nepotismus in der AfD: Was der deutsche Steuergeld-Skandal für Österreich bedeutet“ lautet zum Beispiel ein Artikel im Auslandsressort.
Der Skandal, um den es geht, ist schon einige Monate alt. Bis auf den unspektakulären Bezug zu Österreich („Der aktuelle Skandal aus Deutschland zeigt, wie schnell der Zugang zu staatlichen Ressourcen die Prinzipien einer Protestbewegung korrumpieren kann“) sind alle darin erwähnten Informationen schon lange bekannt.
Die große Frage: Wie kommt der Artikel zustande? Ist am Anfang dieser Verkettung ein Mensch involviert? Einer, der zum Beispiel auch die KI-Vorstellung generieren lässt, wie die AfD-Vetternwirtschaft aussieht:
Apropos Bilder: Wenn diese nicht von anderen Medien übernommen, also geklaut werden, sind sie oft KI-generiert. Darunter befinden sich unzählige Fakes von Politiker:innen.
Bei einem Bild von Sebastian Kurz, der Putin die Hand schüttelt, ist der KI-Einfluss kaum zu erkennen. Was dennoch auf den Einsatz von KI hindeutet: Das Foto ist sonst nirgendwo zu finden, mehrere KI-Erkennungstools zeigen eine hohe Wahrscheinlichkeit an und das Bild hat den gewissen KI-Look. Bei Kurz’ Frisur erkennt man beispielsweise jede Haarsträhne, und trotzdem sieht sie plastisch aus. Für natürliche Fotos ist das äußerst ungewöhnlich, auch wenn man die Kunst des Kurz’schen Haarstylings berücksichtigt.
Bei vermeintlichen Porträts im Freien fällt außerdem der stets bedeckte Himmel auf. Damit vermeidet man harte Schatten – für KI-Bildgeneratoren immer noch eine Herausforderung.
Die Russland-Obsession
Besonders auffällig ist die Anzahl jener Artikel, die sich mit Russland und dem Ukraine-Krieg beschäftigen. Häufig fallen diese Artikel in die Kategorie „Top-Themen“. Über die Forderung der baltischen Staaten, das EU-Ölembargo gegen Russland zu beschleunigen, „berichtete“ die Weltstimme als einziges „österreichisches Medium“, genau so wie über die Infiltrationsversuche russischer Agenten gegen die geheime Produktionsstätte eines litauischen Drohnenherstellers.
Für beide Geschichten finden wir auch andernorts Belege. Stutzig macht uns allerdings der Artikel „Inszenierter Busangriff auf Kinder: Moskaus Kalkül für den Kriegseintritt von Belarus“. Es geht darin um den Anschlag auf einen Bus im russischen Grenzort Brjansk, in dem ein Kinder-Fußballteam aus Belarus saß. Moskau und Minsk berichteten von einer getöteten Frau und neun Verletzten.
Russland behauptete daraufhin, es habe sich um eine ukrainische Drohne gehandelt – so berichteten es übrigens auch viele unserer Medien. Der Sicherheitsdienst der Ukraine legte hingegen Dokumente vor, die belegen sollen, dass sich zu diesem Zeitpunkt keine ukrainischen Drohnen im Luftraum befunden hätten.
Was wirklich passiert ist, konnte bisher nicht unabhängig verifiziert werden. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen forderte am 29. Juni deshalb eine unabhängige Untersuchung.
Ausgerechnet unser KI-Portal Weltstimme weiß aber, was wirklich dahintersteckt: „Moskau will Lukaschenko zum Kriegseintritt zwingen“. Der Anschlag soll also von russischer Seite geplant und als ukrainischer Angriff getarnt worden sein.
Dafür gäbe es sogar Beweise, so die KI-Seite: Fotos des getroffenen Busses „deuten auf einen Sprengsatz am Boden hin, nicht auf einen Angriff aus der Luft.“ Wer sie analysiert hat, bleibt unklar.
Gegenüber dem polnischen Medium Belsat, das vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen betrieben wird und vorrangig für ein belarussisches Publikum produziert, trifft ein Minenräumoffizier der ukrainischen Armee zwar ähnliche Aussagen. Eine unabhängige Einschätzung ist aber auch das nicht.
Unbekannte Betreiber:innen
Wir hätten die Betreibenden der Weltstimme gerne gefragt, wie die Themensetzung und die einzelnen Artikel zustande kommen. Doch die auf der Website angegebenen Mailadressen führen ins Nichts.
Laut Impressum soll die Weltstimme am Austria Campus im zweiten Bezirk in Wien sitzen, konkret am Rothschildplatz 1. Laut Mieterliste belegen dort aber ausschließlich Unternehmen der UniCredit Group die Büroräumlichkeiten.
Was und wer auch immer dahintersteckt, die KI-unterstützte Weltstimme ist Teil eines weltweiten Phänomens: des Booms KI-generierter Nachrichtenseiten.
Das Unternehmen NewsGuard, das weltweit Onlineinhalte analysiert, hat bereits über 3.700 solcher Seiten getrackt. Laut NewsGuard liegt der Anreiz im Programmatic Advertising – also im automatischen Kauf und Verkauf von Online-Werbeflächen. Ein Portal mit sehr viel Content und ohne Paywall kann theoretisch auf sehr viele Seitenaufrufe kommen und damit attraktiv für Programmatic Advertising-Kunden werden.
Nur: Weltstimme hat keine Onlinewerbung. Vielleicht liegt es daran, dass es die Seite erst seit ein paar Monaten gibt und man die Inhalte für ein besseres Endergebnis noch weiter ausbauen will. Vielleicht geht es aber auch gar nicht um Geld.
Ein „Hobbyprojekt“
Bei Thomas Fischer ist das laut eigener Aussage zum Beispiel so. Er betreibt das KI-Portal Brandaktuell.at. Auch diese Seite wirkt wie ein seriöses, journalistisches Nachrichtenportal. Doch die Redakteur:innen Julia Vogt, Jonas Leitner oder Max Brenner sind erfunden. Niemand recherchiert hier wirklich.
Immerhin haben viele der Texte „Referenzlinks“, die zu den ursprünglichen Quellen führen. Dass die Seite nur Inhalte aggregiert und keine Redaktion dahintersteckt, geht für Leser:innen allein dadurch aber nicht hervor. Problematisch ist das zum Beispiel, wenn Analysen vom Standard und anderen Medien als Meinungsbeiträge der KI-Personas verpackt werden. Vom Urheberrecht einmal abgesehen.
„Jede virtuelle Person besitzt einen eigenen Prompt, eigene Schärfe, eigenen Fokus und eigenen Hintergrund“, erklärt uns Fischer auf Anfrage. Das Portal bezeichnet er als seine „KI-Hobbyprojekt-Spielwiese“. Fischer aggregiert die Referenzlinks, lässt daraus automatisch eine Zusammenfassung erstellen und gibt diese frei. Manche Artikel werden „redaktionell erstellt“, wie er sagt. Er meint damit, dass das System automatisch nach Quellen sucht.
Fischer will mit der Seite „den menschlichen Einfluss mithilfe von KI“ und verschiedene APIs, also Datenschnittstellen, testen. Geschäftsmodell stecke dahinter keines. Auch wenn die Seite voll mit Onlinewerbung ist, verdiene er damit nur wenige Euro. Abgesehen davon interessiere ihn auch, „welche Aufmerksamkeit ein solches Projekt erzeugt“.
Ist das schlimm?
Onlineseiten, die mithilfe künstlicher Intelligenz Informationen verbreiten, produzieren in einem Internet voller Content einfach noch mehr Content. Warum sollte uns das weiter kümmern?
1. Die Originalquelle verschwindet. Wenn dutzende KI-Portale dieselben Informationen zusammentragen, wird es immer schwieriger, die eigentliche Quelle zu finden. Schon heute führt die Google-KI solche KI-generierten Seiten in ihren Zusammenfassungen als Quellen an. Im Journalismus geht es dabei um den Kern der Arbeit, der unsichtbar wird. Dazu kommt die wesentliche Frage des Urheberrechts, die nicht geklärt ist.
2. Die Anfälligkeit für Desinformation steigt. Artikel, die eine künstliche Intelligenz überarbeitet oder sogar selbst verfasst, sind anfällig für Fehler. Zudem verbreitet sich Desinformation schneller, wenn sie von mehreren Portalen automatisiert verarbeitet wird. Wenn kein Mensch involviert ist, fehlt auch eine Korrekturschleife. Wenn nicht einmal transparent ist, wer hinter den Seiten steckt, kann auch niemand zur Verantwortung gezogen werden.
3. Die öffentliche Debatte wird leichter beeinflussbar. Ein Analyst von NewsGuard hat mit einem Investment von nur 105 US-Dollar eine vollautomatisierte KI-Nachrichtenseite erstellt, die am laufenden Band falsche Politikmeldungen erstellte. Für große Lobbygruppen, geschweige denn für staatliche Akteure, ist es ein Kinderspiel, davon gleich mehrere zu erstellen. Schon jetzt gibt es Seiten, auf denen man kostenlose „Nachrichtenartikel“ erstellen lassen kann – es reicht ein einziges Stichwort. Es war noch nie so leicht, etwas wie Journalismus aussehen zu lassen.
4. Die Wirtschaftlichkeit von Onlinemedien gerät noch mehr unter Druck. Grundsätzlich greifen KI-Seiten meistens auf Inhalte zurück, die irgendwann einmal ein echter Mensch recherchiert hat. Wer sich mit einer automatischen Zusammenfassung zufrieden gibt, verzichtet womöglich auf das Original. Für Onlinemedien, die ohnehin schon unter wirtschaftlichem Druck stehen, sind das keine guten Nachrichten.
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