Aliens, Krebs, Weltuntergang: Für fast jede Schlagzeile findet sich in den Boulevard-Medien eine Studie, die sie vermeintlich belegt. Doch unsere Analyse zeigt: Im Jahr 2025 veröffentlichten Krone, Oe24 und Heute durchschnittlich mindestens viermal pro Woche irreführende Artikel zu Studien.
Der Wissenschaft sollten wir vertrauen – sie ist neutral, objektiv, faktenbasiert. Wenn also eine Zeitung schreibt, „Studie beweist“, dann muss es stimmen. Selbst wenn es absurd klingt: den genauen Todestag Jesu zu kennen, Aliens entdeckt zu haben, oder dass Toast das Herzinfarktrisiko erhöht. Glaubt man dem Boulevard, dann gibt es für all das Studien, die diese Befunde belegen.
Sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu schmücken, ist bei Medien sehr beliebt. Im Jahr 2025 hat unsere Analyse 1.453 Artikel auf Heute, Oe24 und in der Kronen Zeitung hervorgebracht, die behaupteten, wissenschaftliche Studien im Fokus zu haben. Circa 400 davon waren ausgestattet mit Schlagworten wie „Schock-Studie“, „Alarmierende Studie“ oder „Wissenschaftlich belegt“.
Aber: Fast die Hälfte dieser Artikel präsentierte die zitierten Studien oder deren Ergebnisse verzerrt, unvollständig oder schlicht falsch. Im Durchschnitt erscheinen mindestens viermal pro Woche verzerrte Studiendarstellungen. In einer Oktober-Woche veröffentlichte allein Heute sogar zehn solche Artikel.
Für unsere Recherche haben wir ein Jahr lang den österreichischen Boulevard durchforstet. Die internen Suchmaschinen der Medien erfassen längst nicht alle Artikel, also sammelten wir über Google-Suchen und die APA-Datenbank systematisch alle Beiträge, die sich auf Studien oder wissenschaftliche Erkenntnisse berufen. Dann galt: Quellen suchen, Studien lesen, Darstellungen abgleichen.
Vermutlich will man den Lesenden das Gefühl geben, es handle sich um Fakten und vertrauenswürdige Informationen. Aber: Es ist längst nicht überall Wissenschaft drinnen, wo Wissenschaft drauf steht.
Ein Beispiel: „Wissenschaftlich bestätigt: Attraktive Eltern bekommen eher Mädchen“, berichtet Oe24 im Jänner 2025. Die Kernaussage des Artikels, bebildert mit Fotos von attraktiven Frauen aus dem öffentlichen Leben und deren Kindern, basiert auf einer britischen Langzeitstudie aus den 1960ern.
Die Studie gibt es tatsächlich, ihre Methode ist aber überaus fragwürdig: Eltern von Siebenjährigen bewerteten die Attraktivität ihrer eigenen Kinder. Viele Jahre später, als diese Kinder selbst Kinder hatten, zeigte sich: Jene Frauen, die zuvor von ihren Eltern als besonders attraktiv eingestuft wurden, hatten später häufiger Töchter als Söhne.
Dass der Studienleiter Satoshi Kanazawa im Bereich der Evolutionären Psychologie tätig ist – ein Feld, das für seine spekulativen Erklärungsansätze bekannt ist – wird im Artikel nicht erwähnt. Ebenso wenig, dass Kanazawa in der Vergangenheit bereits mit umstrittenen Studien aufgefallen ist. Relativiert werden die Aussagen erst ganz am Ende: „Schönheit bleibt relativ“, schreibt Oe24.
Die kontroverse Methodik dieser Studie – dass Eltern die Attraktivität der eigenen Siebenjährigen bewerten sollten – oder Aussagen wie „Denn historisch gesehen war es für Frauen oft wichtiger als für Männer, äußerlich ansprechend zu sein, um Partner zu finden und den Genpool fortzuführen“ bleiben hingegen ohne weitere Diskussion stehen.
Alles ist gefährlich – sagt angeblich die Wissenschaft
Besonders beliebt ist im Boulevard, über gesundheitliche Gefahren in Kombination mit Studien zu berichten. Bei keinem anderen Thema haben wir mehr irreführende Artikel gefunden.
Das Muster ist dabei immer ähnlich: Aus wissenschaftlichen Nuancen werden scheinbar eindeutige Bedrohungen. Unsicherheiten verschwinden, Einschränkungen fallen weg, und am Ende steht die perfekte Panik-Schlagzeile. Egal ob Sport-BHs, Proteinshakes oder Armbänder von Apple Watches – alles ist irgendwie gefährlich, sagt angeblich die Wissenschaft.
Schaut man sich die Beispiele genauer an, erkennt man immer wieder die gleichen Methoden.
Im März titelt Oe24 etwa: „Alzheimer früh erkennen: Ein Hinweis verbirgt sich in Ihrer Dusche“. Der Artikel bezieht sich auf eine Studie über die mögliche Beziehung zwischen rapide nachlassendem Geruchssinn im Alter und Alzheimer. Die Langzeitstudie zeigt: Senioren, deren Riechvermögen über mehrere Jahre deutlich abnimmt, haben ein fast doppelt so hohes Risiko für eine spätere Alzheimer-Diagnose.
Was Oe24 allerdings daraus macht, ist beispielhaft für die Mechanik der Verzerrung: Die entscheidende Nuance der Studie, nämlich der schleichende Verlauf des Geruchsverlusts, geht verloren. Übrig bleibt der suggerierte Heureka-Moment: Das Duschgel riecht plötzlich nicht mehr nach Erdbeeren oder Vanille, und schon droht Alzheimer.
Auch Heute beherrscht dieses Spiel: „Achtung Ansteckung! Viele Wiener haben Tripper & Co.“, behauptet das Portal beispielsweise im Februar 2025. Laut Artikel haben „viele Wiener“ Gonorrhö („Tripper“) – die zitierte Studie enthält allerdings keinerlei Daten aus Österreich. Die Behauptung zu Wien kann nur von den allgemeinen Ergebnissen zu europäischen Großstädten abgeleitet worden sein. Explizit belegt ist sie jedenfalls nicht.
Eine weitere Methode ist ebenfalls sehr beliebt: vage Studienangaben, die sich kaum überprüfen lassen. Ein Beispiel dafür: „Schock-Studie: Toast kann das Herzinfarkt-Risiko erhöhen“, titelt Oe24 im Jänner. Der Artikel behauptet, es handle sich um eine „Meta-Studie des renommierten Karolinska Instituts“. Welche konkrete Studie gemeint ist, bleibt unklar. Wir konnten auch nach ausgiebiger Recherche keine Toast-Studie finden.
Vergleichen konnten wir allerdings die im Artikel präsentierten Ergebnisse mit denen einer im Dezember 2024 erschienenen wissenschaftlichen Übersichtsarbeit zu Acrylamid – jenem Stoff, der entsteht, wenn man Lebensmittel (darunter auch Toastbrot) zu lange erhitzt. Die Ergebnisse sind aber weitaus differenzierter und widersprüchlicher, als das bei Oe24 steht. Im Artikel steht nämlich, dass eine hohe Acrylamid-Belastung laut Studie das Herzinfarktrisiko um 60 Prozent erhöhe. Davon ist zumindest in dieser Übersichtsarbeit keine Rede. Stattdessen geht es in der Studie um den Abbau von Acrylamid im Körper und mögliche Risiken des Stoffs Glycidamid. Ein exakter Wert von genau „60 Prozent“ als zentrales Hauptergebnis wird nicht explizit genannt.
Auch die Kronen Zeitung schürt immer mal wieder Angst mit Gesundheitsthemen: „Warnung an Schwangere: Auch Paracetamol schädlich“, titelte beispielsweise das Blatt im August. Die zitierte Arbeit beschreibt moderate Assoziationen mit ADHS und Autismus, betont aber ausdrücklich methodische Limitierungen und mögliche Störfaktoren. Heißt: Die Wissenschaft hat zwar Hinweise, aber keine Belege.
Die Krone macht daraus eine scheinbar gesicherte Gefahr und lässt den entscheidenden Kontext weg: Paracetamol gilt laut dem Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen weiterhin als einziges für Schwangere empfohlenes Schmerz- und Fiebermittel. Dort nimmt man sogar auf die kursierenden Falschmeldungen Bezug:
In der EU kann der Wirkstoff Paracetamol (…) weiterhin zur Schmerzlinderung- und Fiebersenkung während der Schwangerschaft eingesetzt werden, wenn dies als klinisch notwendig erachtet wird. Entgegen zuletzt aufgetauchten und wissenschaftlich unbestätigten Meldungen, liegen in der EU aktuell keine neuen Erkenntnisse vor, die eine Änderung der bestehenden EU-Anwendungsempfehlungen rechtfertigen würden.
Alarmismus auch bei Integration
Problematisch wird es auch, wenn der Boulevard dieses Muster der Verzerrung auch auf heikle soziale Themen anwendet. Im März 2025 schrieb Heute: „Kindergarten-Schock: Österreichische Kinder verlernen deutsche Sprache“. Grundlage war eine Erhebung der Pädagogischen Hochschulen Tirol und Oberösterreich.
Die Untersuchung liefert durchaus relevante Einblicke, hat jedoch die Sprachkenntnisse der Kinder überhaupt nicht untersucht. Einer der Studienautoren sagte uns dazu bereits, dass er der Headline von Heute nicht zustimmen kann.
Wenn Marketing zur Wissenschaft wird
Was wir ebenfalls festgestellt haben: Die Auftraggebenden von Studien werden häufig nicht genannt oder kritisch hinterfragt.
Heute titelt beispielsweise im September: „Studie bestätigt Wirkung von neuem Anti-Aging-Wirkstoff“. Im Bericht ist korrekt zu lesen, dass die Studie von der Firma Guangzhou Luanying Cosmetics Co. finanziert wurde. Dass das auch jene Firma ist, die den getesteten Wirkstoff entwickelt hat und daran verdient, wird nicht näher hinterfragt. Ebenso wenig die eingeschränkte Aussagekraft der Ergebnisse.
Zum Beispiel lief die Studie nur 28 Tage: Das ist viel zu kurz, um echte Anti-Aging-Effekte zu beurteilen. Denn bei älteren Erwachsenen, also genau jener Zielgruppe, für die Anti-Aging-Produkte gedacht sind, erneuert sich die Haut langsamer. Dieser natürliche Erneuerungsprozess dauert mehr als 30 Tage: Die Studiendauer von 28 Tagen deckt also nicht einmal einen vollständigen Hauterneuerungszyklus ab und erlaubt daher keine verlässlichen Aussagen über langfristige Effekte.
Aber immerhin gibt es eine Studie. Wenn der Boulevard von „Studien“ schreibt, ist das nämlich regelmäßig nicht der Fall.
Manchmal steht zwar „Studie“ im Text, in Wahrheit ist es aber schlicht Marketing. „Engel & Völkers-Studie: Luxus-Chalets in Österreich derzeit gefragt wie nie“, meldet Heute im Jänner – inklusive Fotos von Immobilien, die das Unternehmen verkauft, samt Kaufpreisen und Textpassagen, die direkt aus der Presseaussendung übernommen wurden. Schleichwerbung, getarnt als Wissenschaft.
Die Boulevardmedien lieben solche Pseudo-Studien. Man findet sie in Hülle und Fülle.
Sehr häufig kommt es auch vor, dass die untersuchten Medien Marktumfragen – also Meinungsumfragen, die von Firmen in Auftrag gegeben wurden – als Studien präsentiert haben. Das bedeutet nicht automatisch, dass die Informationen nicht stimmen. Allerdings fehlt in den meisten Fällen jegliche Einordnung.
Ein Beispiel: „Neues Pfand: Jeder Dritte will künftig anders einkaufen“, titelt Heute im Jänner und beruft sich auf eine „Studie“. In Wahrheit ist die Quelle eine Umfrage von SodaStream – ein Unternehmen, das in seiner Werbung gegen das Pfandsystem Position bezieht.
Im Mai titelt Oe24: „SO viel Trinkgeld geben die Österreicher“. Wieder gibt es angeblich eine Studie. In Wahrheit handelt es sich um eine Umfrage der Hotelvereinigung.
Vom Dirty Talk bis zur Integration: Meinungserhebungen als „Studien“
Insbesondere bei Sex und Beziehungen werden Meinungsumfragen oft mit wissenschaftlichen Studien gleichgestellt. Die Dating-Plattform Parship versorgt die österreichische Medienlandschaft konsequent mit solchen „Studien“, etwa: „Studie enthüllt: Jeder zweite junge Single lebt noch bei den Eltern“ (Heute, Oktober), „Diese Altersgruppe hat laut Studie am ehesten offene Beziehungen“ (Oe24, Februar), oder der absolute Kracher: „Jeder Zentimeter zählt – wie die Körpergröße das Dating beeinflusst“, der im Februar 2025 sowohl bei Heute als auch bei Oe24 erschien. Auch andere Firmen liefern fleißig: „Dirty Talk: Studie enthüllt, wie er wirklich bei Frauen ankommt“ – eine Online-Befragung der Sprachlernplattform Babbel, die Heute veröffentlichte.
Mit Wissenschaft haben solche „Studien“ nichts zu tun. Die Medien profitieren von klickstarken Überschriften über Sex, Dating oder Integration. Kommerzielle Plattformen wie Parship oder Babbel bekommen kostenlose Werbung.
Wer liest schon nach?
Zurück zu den echten Studien. Heute verlinkt in mehreren Artikeln die zitierten Arbeiten. Das ist äußerst löblich, aber wer liest schon wirklich nach? Schade eigentlich, denn würde man sich die Arbeit antun, würde man merken, dass in den Studien gelegentlich andere Zahlen, Daten oder Fakten stehen als im Artikel selbst.
So etwa bei dem alarmistischen Bericht darüber, wie Zuckerkonsum Lebenszeit raubt. Angeblich, so Heute, kostet jedes süße Getränk zwölf Minuten Lebenszeit.
Die Studie ist verlinkt. Klickt man darauf, sieht man aber, dass sie gar keine tatsächlich verlorene Lebenszeit berechnet hat. Die Forschenden berechnen Krankheitsrisiken und sagen sinngemäß: Wenn eine Million Menschen X essen, steigt statistisch das Risiko für Y.
Noch so ein Beispiel von Heute: „Klo-Scrolling – Hämorrhoiden durch Insta & Co“. Wer also länger am Klo sitzt, weil er am Handy hängt, riskiert angeblich „ernsthafte Folgen“, nämlich Hämorrhoiden. Wieder ist die Studie verlinkt. Und wieder steht etwas anderes drinnen. Die Forschenden stellen nämlich keine Kausalität her, sondern lediglich eine Korrelation.
Diese Diskrepanzen bemerkt man aber nur, wenn eine Studie überhaupt verlinkt ist. Kronen Zeitung und Oe24 verzichten fast immer darauf – und die Suche nach den zitierten wissenschaftlichen Werken stößt gelegentlich auf eine ziemlich hohe Hürde: Mitunter stehen vor Studien absurd hohe Bezahlschranken. Oe24 titelte beispielsweise im Februar „MÜTTER entscheiden wohin es im Familienurlaub geht“. Eine Überprüfung in der Originalstudie? Nur möglich für 950 Euro.
Genau weil es für Lesende so herausfordernd sein kann, die zitierten Studien zu überprüfen, entstehen gelegentlich auch Schlagzeilen, die ins Absurde rutschen. So handelt es sich beispielsweise bei dem von Heute berichteten „genauen Todestag Jesu“ eigentlich um eine geologische Fachstudie, die Spuren von Erdbeben im ersten Jahrhundert untersuchte. Laut Bibel gab es am Todestag von Jesus nämlich ein Erdbeben.
Vom genauen Tag eines solchen Erdbebens kann aber keine Rede sein, wie es gleich im Abstrakt der Studie steht: Das seismische Ereignis zu Beginn des ersten Jahrhunderts wurde vorläufig auf das Jahr 31 n. Chr. datiert, mit einer Genauigkeit von plus/minus fünf Jahren.
Was geht uns das an?
Das alles konnten wir in all jenen Artikeln recherchieren, die zumindest einen vagen Hinweis auf die Quelle hatten. Oft fehlt die wissenschaftliche Quelle ganz, sie wird nicht verlinkt, nicht genannt. Statt wissenschaftlicher Belege heißt es dann nur vage „Studien zeigen“ oder „Wissenschaftler haben herausgefunden“.
Genau wie im Fall eines viralen Instagram-Posts, das für Oe24 zur vermeintlichen Gewissheit macht, dass mexikanisches Essen glücklich macht – ein wissenschaftliches Werk, das dies belegt, suchten wir vergeblich. Vielleicht hat irgendwer das irgendwann mal untersucht, wir finden es jedenfalls nicht.
Die Konsequenzen irreführender Studiendarstellungen gehen weit über skurrile Behauptungen wie „Alien-DNA in unseren Genen“ oder „mysteriöse Ozeane unter der Erde entdeckt“ hinaus. Wenn dieselben Methoden auf Gesundheitsthemen angewendet werden, treffen Menschen Entscheidungen auf falscher Grundlage. Wenn politische Themen – etwa zu Flüchtlingen oder Integration – mit verzerrten „Studien“ unterfüttert werden, entstehen Narrative, die Debatten vergiften und Ängste schüren.
Das facht die ohnehin wachsende Wissenschaftsskepsis weiter an. Denn ein Misstrauen gegen unseriöse Studien kann sich langsam zu einem Misstrauen gegen die Wissenschaft allgemein entwickeln und trifft dann auch qualitativ hochwertige Forschung – mit schwerwiegenden Folgen für wichtige gesellschaftliche Debatten, etwa über Klimawandel, Impfungen oder öffentliche Gesundheit.
Die Wissenschaft selbst kann sich irren – das gehört zu ihrem Wesen. Die Mehrheit einzelner Studienergebnisse lässt zudem kaum die zugespitzten Aussagen zu, mit denen Medien oft arbeiten. Doch grundsätzlich ist die Wissenschaft vertrauenswürdig. Die Art, wie über sie berichtet wird, ist es oft nicht.
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Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien und wurde parallel im Falter veröffentlicht.
Wer in Österreich den Sportteil einer Tageszeitung aufschlägt, bekommt ein ziemlich klares Bild davon, wer hier im Zentrum steht: Männer. Frauen kommen nur am Rand vor.
Es ist derzeit schwer, der Fußball-Weltmeisterschaft zu entkommen. Kaum ein Sportereignis erhält so viel mediale Aufmerksamkeit wie das Turnier der Männer. Fans werden mit Sondersendungen, Live-Analysen und Reporter Rainer Pariasek versorgt, der aus Amerika ins heimische Wohnzimmer grüßt. Doch die Aufmerksamkeit für den Männersport beschränkt sich nicht auf die Wochen eines globalen Großereignisses. Das ist der Normalzustand. Noch dazu sind es in Österreich meistens Männer, die die Berichterstattung rund um den Sport gestalten. So gibt es beispielsweise bei der Übertragung der WM zwischen ORF und ServusTV mit Anna Lallitsch nur eine einzige Frau, die die Spiele kommentiert.
Dass die Berichterstattung über Athletinnen in Österreich eine untergeordnete Rolle spielt, ist kein Bauchgefühl, das lässt sich messen: Für diese Analyse haben wir die Print-Sportberichterstattung von Juli bis Dezember 2025 in der Heute-Zeitung (Wien-Ausgabe), der Kronen Zeitung (Wien Krone) und Der Standard untersucht. Dabei wurde in jeder einzelnen Ausgabe erhoben, wie viele Sportartikel sich primär mit Männersport, Frauensport oder gemischten Bewerben beschäftigen und wie Bilder dabei eingesetzt werden.
Klare Zahlen, klares Ungleichgewicht
In der Heute entfallen im Schnitt rund 87 Prozent der Sportartikel auf Männer, nur etwa zehn Prozent berichten über Frauensport. In der Kronen Zeitung liegt der Männeranteil bei rund 81 Prozent, Frauensport macht dort etwa elf Prozent der Artikel aus, fast acht Prozent sind gemischt. Selbst im als Qualitätsmedium geltenden Standard sind rund zwei Drittel (66 Prozent) der Sportartikel dem Männersport gewidmet, 21 Prozent dem Frauensport und circa zwölf Prozent der Texte berichten über männliche und weibliche Athlet:innen.
Der Sportteil einer Heute-Ausgabe umfasst im Schnitt rund elf Artikel. Somit ist meist nur Platz für einen Text über Frauensport. Anders gesagt: An vielen Tagen kommt Frauensport gar nicht vor.
Österreichs Boulevardmedien sind voll mit Artikeln, die prominente Frauen auf ihren Körper reduzieren und sexualisieren. Die Zeitungen bestimmen, wie viel Haut zu viel ist und wie Frauen auszusehen haben, um als schön, sexy und selbstbewusst zu gelten – toxische Schönheitsideale inklusive.
Frauen werden im Boulevard oft nicht als handelnde Personen dargestellt, sondern als Sexualobjekte. Unsere Analyse zeigt: Diese Objektifizierung und Sexualisierung von Frauen sind keine Einzelfälle, sondern ein strukturelles mediales Phänomen.
Dafür haben wir Krone.at, Heute.at und OE24.at von Jänner bis Dezember 2025 ausgewertet. Untersucht wurden gezielt Artikel, in denen Körper, Aussehen oder Freizügigkeit im Mittelpunkt stehen. Beiträge also, die zum Beispiel Wörter wie nackt, sexy oder heiß im Titel hatten.
So kamen über 500 Artikel zusammen, in denen wir nachlesen konnten, wie „megasexy“ und „megahot“ die Körper prominenter Frauen und Männer sind – 52 Prozent davon stammen von Krone.at, 25 Prozent von Heute.at und 23 Prozent von OE24.at.
In der österreichischen Berichterstattung werden Unfälle oft zum Spektakel: Medien veröffentlichen unzensierte Fotos von Autowracks, Rettungseinsätzen oder Leichenboxen – und verletzen damit die Intimsphäre der Opfer. Das ist besonders im Boulevard ein Problem. Aber nicht nur dort.
„Video zeigt brutalen Gondel-Absturz in der Schweiz“, schreibt die Kronen Zeitung am 18. März in der Bildunterschrift eines Videos, das einen tödlichen Unfall in einem Schweizer Skigebiet zeigt. Allerdings zeigt das Video nicht nur den „brutalen Gondel-Absturz“ – sondern auch die versuchte Wiederbelebung des Opfers. Die journalistische Grundregel, die Intimsphäre von Menschen zu schützen, wird dabei ignoriert. Das Video generiert über 2.800 Likes und wird über 1.000 Mal geteilt.
Fotos von Autowracks, brennenden LKWs und Sanitäter:innen, die gerade versuchen, Menschenleben zu retten, werden regelmäßig als Titelbilder zur Berichterstattung über Unfälle verwendet – und das nicht nur in der Krone. Je schockierender die Szene, desto mehr tauchen solche Bilder in österreichischen Medien auf.
Dieses Muster hat einen Namen: Unfallvoyeurismus. Es geht dabei darum, Leid und Tod möglichst ungefiltert zur Schau zu stellen. Das Problem: Die Opfer der Unfälle bleiben dabei oft identifizierbar – durch mangelhaft verpixelte Fotos von ihnen selbst, Nahaufnahmen der zerstörten Fahrzeuge oder durch Details zum Leben der Betroffenen und ihrer Familien. Das verletzt die Intimsphäre der Opfer und ihrer Angehörigen.
Trumps Desinformation hat in deutschsprachigen Schlagzeilen leichtes Spiel. Ob die dokumentierten Erschießungen von Renee Good und Alex Pretti oder die Drohung, Grönland zu annektieren – Medien berichten oft so, als läge die Wahrheit irgendwo zwischen der Propaganda aus dem Weißen Haus und den erwiesenen Fakten. Ein Rückblick auf drei große und mehrere kleine Fälle, in denen Lügen einfach durchgereicht wurden.
Am 24. Jänner erschießt ein Mitarbeiter der US-Einheit ICE den 37-jährigen Alex Pretti. Ein Video zeigt, wie innerhalb weniger Sekunden mindestens zehn Schüsse fallen, Pretti liegt da schon längst am Boden. Die Weltöffentlichkeit sieht, dass der Mann, der ihn erschießt, nicht in Gefahr war. Die US-Regierung behauptet Gegenteiliges, spricht von „Notwehr“.
Trotz der eindeutigen Bilder gibt aber beispielsweise die Kronen Zeitung in ihrer Titelzeile die Version des US-Heimatschutzministeriums wieder: „Ministerium zu Todesschüssen: ‚Plante Massaker‘“. Auch Vol.at, News die Kleine Zeitung und die Salzburger Nachrichten machen das am nächsten Tag mit der APA-Headline „US-Grenzschutz zu Schüssen in Minneapolis: Beamte sind Opfer“. Auf Orf.at schreibt man zunächst nur vorsichtig: „Zweifel an Darstellung von US-Regierung“, ändert die Headline ein paar Stunden später aber in die deutlichere Variante „Video widerspricht Ministeriumsdarstellung“.
Dass Medien die Täter-Opfer-Umkehr der US-Regierung in ihre Schlagzeilen heben und Widersprüche als „Zweifel“ lesen, zeigt vor allem: Es ist noch nicht angekommen, dass Meldungen aus dem Weißen Haus in vielen Fällen bewusste Desinformation sind, die von dem, was tatsächlich passiert ist, ablenken soll. Drei Fakten, die viele Medien nicht klar benannt haben:
Die Boulevard-Berichte über den Tod von Johanna G. sind an Voyeurismus kaum zu überbieten. Während die Redaktionen private Details der Getöteten ausschlachten, stilisieren sie den mutmaßlichen Täter zur erzählbaren Figur. Das macht die Frau zum zweiten Mal zum Opfer.
„Ich darf Sie eindrücklich darum ersuchen, ethisch und moralisch vertretbare Berichterstattung an den Tag zu legen“ – mit diesen Abschlussworten wendet sich Markus Lamb, der Pressesprecher der Polizei, an die anwesenden Medienvertreter:innen. Es ist der 14. Jänner, die Landespolizeidirektion Steiermark hat zur „Pressekonferenz nach Leichenfund“ geladen. Es geht um den mutmaßlichen Mord der zuvor als vermisst gegoltenen Südsteirerin Johanna G.
„Ethisch und moralisch vertretbar“ ist das, was Wiener Boulevardmedien seitdem veröffentlichen, jedenfalls nicht. Sie geben dem Opfer in mehreren Berichten eine Mitschuld und lassen die Verteidigung des Täters (es sei ein „Sex-Unfall“ gewesen) dominieren. Fotos aus Ermittlungsakten werden auf Doppelseiten abgedruckt, die Tat als „tödliches Geschehen“ oder „Würgespielchen“ verharmlost. Wir haben uns die zentralen Erzählmuster angesehen.
Disclaimer: Es fällt nicht leicht, diesen Text zu schreiben. Einerseits wollen wir nicht reproduzieren, was an Gerüchten und Spekulationen herumkursiert und den höchstpersönlichen Lebensbereich des Opfers betrifft. Andererseits müssen wir adressieren, wie unbedacht andere Medien mit genau diesen Informationen umgehen. Wir versuchen aber, nur dort explizit zu werden, wo es notwendig ist, damit man unsere Kritik nachvollziehen kann. Und wir verzichten darauf, wie sonst üblich, die kritisierten Artikel zu verlinken.
Mitschuld des Opfers
Am 17. Jänner titelt das Boulevardblatt Oe24: „Tinder-Affäre brachte Fitnesstrainerin (34) den Tod“. Dazu ein Bild des Täters in Siegerpose – ein Freudenschrei, beide Hände zu Fäusten in die Luft gestreckt. Rechts oben im Eck ein viel kleineres Foto von Johanna G., die er mutmaßlich getötet hat. Sie bekommt eine minimale Verpixelung um die Augen, er einen schwarzen Balken.
Sebastian Kurz lädt ausgewählte Medienvertreter:innen nach Tel Aviv ein – sie sollen sein neues Projekt „Dream“ kennenlernen, ein KI-Start-up. Die meisten Medien kennzeichnen nicht, dass „Dream“ die Reise bezahlt hat. Und auch inhaltlich rückt das Unternehmen in den Hintergrund: Die Berichte drehen sich vor allem um Kurz.
Vergangenes Wochenende lud Sebastian Kurz einige deutsche und österreichische Journalist:innen ein, sein Unternehmen „Dream“ in Israel zu besichtigen. Oder wie die Kronen Zeitung schreibt: Er führte durch „sein sagenumwobenes und milliardenschweres Reich in Tel Aviv“. Das klingt tatsächlich wie die Einladung, eine „Traum“-Welt zu betreten, und genau so lesen sich auch viele der Berichte quer durch die Medien.
KI scheint heute fast alles zu können: Schreiben, rechnen, singen oder gar schauspielern. Aber auch Menschen ausziehen, die nie nackt vor der Kamera gestanden sind. Immer häufiger kursieren im Netz täuschend echte Nacktbilder, generiert von künstlicher Intelligenz: sogenannte Deepfake-Nudes. Betroffen sind oft Prominente – vor allem junge Frauen. Heute.at berichtet gerne über solche Fälle – und verbreitet dabei die problematischen Nacktbilder munter weiter.
„Jemand macht Geld mit Fake-Nacktbildern von mir“: Ja, die Heute-Zeitung!
Im Frühjahr dieses Jahres berichtete Heute.at über die Schweizer Influencerin nathistyle. Ein Mann habe sie über alle Kommentarspalten hinweg mit Nachrichten bombardiert, ihr eine „Betrugsmasche“ vorgeworfen und damit gedroht, die Polizei einzuschalten. In Wirklichkeit war der Mann auf ein gefälschtes Profil hereingefallen, das sich als die Influencerin ausgab. Der Person hinter diesem Profil hatte der Mann dann Geld überwiesen, und zwar in der Erwartung, dafür Nacktbilder von der Influencerin zu erhalten. Diese wurden mit KI erstellt.
Das Titelbild, das die Heute-Redaktion auswählt, zeigt jedoch ausgerechnet das Deepfake-Nude selbst: scheinbar nathistyle, nackt in einem Spiegel-Selfie. Im ursprünglich auf Instagram veröffentlichten Originalfoto trägt die Frau ein weißes Kleid, das im Bild dann digital entfernt wurde. Darüber kleben nun nur noch eine Handvoll hautfarbener Pixel.
Die Heute-Redaktion schreibt unter dem Bild:
„Mit diesem Fake-Nacktbild der Influencerin Nathistyle verdient jemand Geld.“
Genau. Nämlich nicht nur die Person hinter dem Fake-Profil, sondern auch Heute.at selbst.
Die Bundesregierung kürzt die Inserate. Die Gratiszeitungen Heute und Oe24 trifft das ganz besonders. Dass Medienminister Babler nun auch „Qualitätskriterien“ bei der Fördervergabe verankern will, macht ihn dort erst recht zum Buhmann.
„Regierung ruiniert Österreichs Medien“, „Mega-Skandal: Regierung zahlt 14 Mio. an Fake-News“, „Wie sich Medienminister bei Medien blamiert“ – in den Gratiszeitungen Heute und Oe24 hat man sich vergangene Woche besonders an Vizekanzler und Medienminister Andreas Babler abgearbeitet.
Während ihn Oe24 „höchstpersönlich zum Totengräber der heimischen Medien-Szene“ macht, attestiert Heute einen medienpolitischen „Babler-Blindflug“ – und wirft ihm sowohl „Speed kills“-Taktiken als auch ein „auf die lange Bank schieben“ vor.
Die Medienbranche steckt in einer Krise – und bei den beiden Gratiszeitungen hat man den Schuldigen bereits gefunden. Dabei nimmt man es mit Zahlen, Daten und Fakten nicht immer ganz so genau.
Der „Kiss-Cam-Skandal“ zeigt nicht nur, wie unbedacht sich manche Menschen in der Umgebung leinwandgroßer Live-Kameraeinblendungen verhalten können. Der Fall ist auch ein Paradebeispiel dafür, wie fehleranfällig Medien als Reizverstärker sozialer Netzwerke arbeiten. In Österreich ist nach tagelanger Empörung zumindest leise Selbstkritik zu hören.
Coldplay spielen im Gillette Stadium bei Boston ihren Song „Yellow“, das Publikum leuchtet in Handylichtern. Die „Kiss Cam“ zoomt auf ein umarmendes Paar, das daraufhin in Panik gerät. Noch am selben Abend explodiert das Internet.
Was auf Kamera passiert ist, müssen wir an dieser Stelle nicht mehr erklären – den 14-sekündigen Clip hat inzwischen wohl jeder und jede gesehen. Vielmehr interessiert uns: Wie berichten Medien über das Social-Media-Phänomen? Zwischen Fake News, Spekulationen und Voyeurismus scheint eines zu stimmen: Was mit ausreichender Kraft von Social Media in „echte“ Medien schwappt, muss sich dort nicht mehr legitimieren.
















