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Nachrichtenwert Nacktheit: 500 Artikel zeigen die systematische Sexualisierung im Boulevard

Österreichs Boulevardmedien sind voll mit Artikeln, die prominente Frauen auf ihren Körper reduzieren und sexualisieren. Die Zeitungen bestimmen, wie viel Haut zu viel ist und wie Frauen auszusehen haben, um als schön, sexy und selbstbewusst zu gelten – toxische Schönheitsideale inklusive.

Collage "Nacktheit"

Frauen werden im Boulevard oft nicht als handelnde Personen dargestellt, sondern als Sexualobjekte. Unsere Analyse zeigt: Diese Objektifizierung und Sexualisierung von Frauen sind keine Einzelfälle, sondern ein strukturelles mediales Phänomen.

Dafür haben wir die Online-Ausgaben von Krone.at, Heute.at und OE24.at von Jänner bis Dezember 2025 ausgewertet. Untersucht wurden gezielt Artikel, in denen Körper, Aussehen oder Freizügigkeit im Mittelpunkt stehen. Beiträge also, die zum Beispiel Wörter wie nackt, sexy oder heiß im Titel hatten.

So kamen über 500 Artikel zusammen, in denen wir nachlesen konnten, wie megasexy und megahot die Körper prominenter Frauen und Männer sind – 52 Prozent davon stammen von Krone.at, 25 Prozent von Heute.at und 23 Prozent von OE24.at.

Diagramm "Kobuk-Analyse im Überblick"

In den analysierten Artikeln werden Frauen systematisch auf ihren Körper reduziert – kein Anlass scheint dabei banal genug. Dabei zeigen sich immer wieder die gleichen Muster. Es folgt eine Jahresauswertung zur Objektifizierung und Sexualisierung von Frauen im österreichischen Boulevard.

Sex Sells bei Krone, Heute und OE24 

Von Bondage-Look, Domina-Ästhetik, Nackt-Kleid bis Sexbombe, Po-Dekolleté und XXL-Schlitz – den sexuell aufgeladenen Wortspielen von Krone.at, Heute.at & OE24.at sind keine Grenzen gesetzt. Ein besonders häufiger Anlass für einen Artikel ist dabei ein fehlender BH. Frauen, die sich bewusst dafür entscheiden, keinen BH zu tragen, sorgen für Aufsehen, offene Münder oder machen alle sprachlos.

Collage "BH"

Auch etwas mehr Haut zu zeigen, reicht für den Boulevard aus, ausgiebig darüber zu berichten. Auf Heute.at existiert sogar eine eigene Landingpage mit allen Nachrichten zum Thema „Nacktheit“.

Landingpage Heute.at "Nacktheit"

Dort findet sich eine besonders fragwürdige Mischung: von Artikeln, die sich auf die Freizügigkeit von Prominenten fokussieren, wie J.Lo singt in knapper Unterwäsche – alle rasten aus bis hin zu Berichten über sexuelle Übergriffe, etwa über einen exhibitionistischen Vorfall wie Nackter auf der Flucht – Polizei fahndet nach ihm.

Clickbait: „oben ohne“  

Doch auch wenn sich Frauen nicht freizügig zeigen, besteht im Boulevard genug Spielraum für sexualisierten Clickbait. Beliebt dabei ist der Begriff „oben ohne“, bewusst in Anführungszeichen gesetzt. Die angekündigte Nacktheit entpuppt sich jedoch als Mogelpackung, denn tatsächlich geht es um alles andere, nur nicht um nackte Tatsachen. Eine Strategie, die sowohl Krone.at, Heute.at & OE24.at gleichermaßen beherrschen.

Collage "oben ohne"

Beispielweise titelt Krone.at „Daniela Katzenberger zeigt sich ‚oben ohne‘, dabei handelt es sich um einen neuen Haarschnitt.
OE24.at berichtet vonMelissa Naschenweng ‚oben ohne‘ im Schnee – in Wahrheit ist sie ungeschminkt.
Heute.at schreibt über Misha Kovar: Schlagersängerin zeigt sich endlich ‚oben ohne‘. Worum es wirklich geht: Die Künstlerin zeigt sich ohne ihrer Mütze, die bis dahin ihr Markenzeichen war.

Pseudo-Skandale

Auch ohne Anführungszeichen versteht es der Boulevard vermeintliche Missgeschicke als Skandale zu inszenieren. Besonders gerne kommen dafür Ausdrücke wie Ups!“, „Mega-Skandal“, „Po-Blitzer oder Nackt-Panne zum Einsatz.

Collage "Skandale"

Wir haben unsere Analyse auch der Medienethikerin Claudia Paganini von der Universität Innsbruck vorgelegt. Für sie erzeugt diese skandalisierende Erzählweise nicht nur Aufmerksamkeit, sondern befeuert auch ein bestimmtes Gender-Stereotyp: „Nämlich die unfähige und dumme Frau, die es nicht einmal schafft, sich richtig anzuziehen.“ Damit unterstelle man Frauen entweder Unfähigkeit oder moralische Fragwürdigkeit.

Stichwort „moralische Fragwürdigkeit“: Ein harmloser Freudentanz nach dem Sieg der US-amerikanischen Tennisspielerin Danielle Collins wird bei Krone.at zur Eklat-Szene & Po-Jubel mit provozierenden Gesten und zur Popo-Provokation.

Was ist passiert? Beim Jubeln hat sich die Sportlerin kurz an den Hintern gefasst. Dass es hier eigentlich um ihren sportlichen Erfolg geht, spielt für das Medium kaum eine Rolle.

Collage "Eklat-Szene"

Wenn sich Frauen bewusst freizügiger zeigen, rutschen ihre Erfolge und Leistungen oft schnell in den Hintergrund – im Boulevard zumindest an das Ende des Artikels. Bei einem Event verrutscht kurz ihr Kleid und Krone.at schreibt über Brooks Nader mit Fashion-Malheur am Red Carpet. Die beruflichen Erfolge des Models finden sich erst im allerletzten Absatz wieder.

Auch bei der Premiere ihres Films berichtet Krone.at von Jennifer Lawrence: Sideboob-Blitzer am Red Carpet. Ganz unten im Artikel geht es nicht mehr um ihren „Sexappeal“ und „jede Menge nackte Haut“, sondern um ihre Dreharbeiten.

Collage "Körper vor Karriere"

„Wie Frauen aussehen, was sie tragen, oder nicht tragen, definiert in unserer Gesellschaft ihren Wert“, erklärt die Journalistin und Mitherausgeberin des Buchs Geradegerückt: Vorverurteilt, skandalisiert, verleumdet: Wie die Biografien prominenter Frauen verzerrt werden, Beate Hausbichler im Analyse-Gespräch mit Kobuk. Sie sieht in den Schlagzeilen nicht nur eine deutliche Reduktion auf den Körper, sondern letztendlich auch eine Herabwürdigung von Frauen.

Auf Schnappschüsse folgt Schnappatmung

Freizügige Social-Media-Postings prominenter Frauen sorgen laut Krone.at, Heute.at und OE24.at für Aufregung, Aufsehen, Furore und Schnappatmung, denn die sogenannten „Fans“ rasten, zucken oder flippen dabei aus.

Belegt wird dieses großinszenierte Masseninteresse häufig durch exemplarisch angeführte Social-Media-Kommentare oder Like-Zahlen, wie etwa „Einfach umwerfend“ und „Sexy Traumfrau von Heute.at oder 600.000 Likes auf die freizügigen Schnappschüsse, wie Krone.at erklärt. Der Boulevard macht aus diesem „öffentliche Interesse“ eine Rechtfertigung für die Objektifizierung und Sexualisierung von Frauen.

Collage "Fans"

Frauen werde durch dieses Narrativ eine klare Verantwortung zugeschrieben, meint Beate Hausbichler. Sie sieht darin eine gefährliche Botschaft: „Als Frau müsse man sich jede Sekunde bewusst sein, welche Wirkung der eigene Körper hat – sozusagen Schuldumkehr bei der Stunde null.“

Hater ≠ Fans  

Besonders problematisch ist es dann, wenn Redaktionen übergriffige und sexistische Social-Media-Kommentare verbreiten, ohne sie einzuordnen. Das erweckt den Eindruck, dass Frauen für die Reaktionen auf ihren Körper selbst verantwortlich sind, wie folgende Beispiele zeigen:

Sweeney kassiert für Naked-Dress Mega-Shitstorm, titelt die Krone und zitiert Social-Media-Kommentare wie folgt: „Eine Kritik, die auf Zustimmung trifft: ‚Erst will sie ernst genommen werden – und dann präsentiert sie ihren Busen.‘“ und „Wie soll ich mich da auf ihre Rede konzentrieren, wenn das Erste, was präsentiert wird, ihre Brust ist?“.

Heute.at berichtet in Biedermann überrascht ‚oben ohne‘ – alle rasten aus von überschwänglichen Komplimenten wie „lecker siehst du wieder aus“, „zum Anbeißen“ oder „Olala, sexy Knuddelmaus“.

Collage "Hate-Speech"

„Übergriffige Kommentare werden zu Komplimenten und Hate-Speech zu Kritik“, sagt dazu die Medienethikern Claudia Paganini im Gespräch mit Kobuk. Sie betont die Gefahr, dass Hass dadurch salonfähig werde: „Wenn so etwas sogar zitiert wird, dann fühlt sich der nächste Hater umso mehr darin bestärkt, ähnliche Kommentare nachzulegen.“ Ihrer Ansicht nach versäumen die Medien dabei, Kommentare richtig einzuordnen und deutlich zu zeigen, dass es sich um problematisches Aussagen handle.

Paganini erklärt, dass der Körper einer Frau ständig Gegenstand von Betrachtung und Bewertung sei. Dadurch entstehe der Eindruck, dass bei Frauen in erster Linie ihr Körper zähle. „Frauen reproduzieren das, was die Gesellschaft von ihnen erwartet: Sie sollen attraktiv und erotisch sein – und wenn sie sich dann genau so zeigen, werden sie darauf reduziert bzw. dafür getadelt“, so Paganini.

Betrachtung, Bewertung & Bikini-Body

Der Boulevard sexualisiert nicht nur die Körper von Frauen, er bewertet und idealisiert sie auch. Welche Körperform demnach als besondererTraumkörper gilt, ist leicht erkennbar. Bestimmte Begriffe tauchen dabei gemeinsam auf:

Wir haben diese Zuschreibungen ausschließlich bei schlanken und normschönen Frauen gefunden. Der Boulevard legt damit ein klares Bild fest, wie der Körper einer Frau auszusehen hat, um als schön, sexy oder beneidenswert beschrieben zu werden – Bestätigung und Förderung von unrealistischen Schönheitsidealen inklusive.

Beate Hausbichler erkennt hinter den vermeintlichen Komplimenten einen gegenteiligen Effekt: „Bewertungen wie Jugendlichkeit, Schlankheit oder Sexyness funktionieren nur, weil es auch ihr Gegenteil gibt – und das ist extremes Bodyshaming.“ Auch wenn es nicht leicht gelingen werde, müsse laut Hausbichler das Ziel sein, die Körper von Frauen so wenig wie möglich zu kommentieren.

Spieglein, Spieglein an der Wand …

… wer ist die Schönste im ganzen Land? Die Körper von Frauen miteinander vergleichen, ist eine offen gelebte Praxis im Boulevard. Mit besonders einfallsreichen Begriffen wie Bikini-Duell, Dekolleté-Konkurrenz oderKurven-Konkurrenz wird ein Konkurrenzkampf inszeniert, der so nicht existiert.

Collage "Konkurrenz"

Der Boulevard folgt dabei einer klaren Vergleichslogik: Zwei Frauen werden als Gegenspielerinnen dargestellt. Einer von ihnen wird eine äußere Ähnlichkeit zugeschrieben, die zur Bedrohung für die andere wird.

Krone.at fragt Models im Bikini-Duell: Welche Beauty ist heißer? oder warnt Beauty-Thron in Gefahr! Lehmann bangt vor Schwedin vor der neuen Fußball-Schönheit. Auch OE24.at vergleicht bei Zu sexy für den Schlager? Melissa Naschenweng sieht aus wie Helene! nicht die gesanglichen Leistungen der Sängerinnen sondern ihr Auftreten, das erneut sexualisiert wird.

So wird ein Narrativ weitergetragen, das Frauen als Konkurrentinnen darstellt, nach dem Motto „Nur eine kann die Schönste sein!“.

Collage "Vergleich"

Men Too?

Wie sieht das ganze bei Männern aus? Gibt es auch über Prominente diese Art von sexualisierenden Berichten?

Ja, gibt es! Krone.at titelt etwaHeiß! Haaland trainiert hart – und fast nackt, Heute.at schreibt Andreas Gabalier zeigt sich oben ohne – alle rasten aus, und Oe24.at titelt Brad Pitt zeigt sich oben ohne und Fans flippen wegen Tattoos aus.

Collage "Männer"

Der große Unterschied: die Quantität. Von über 500 analysierten Artikeln zur Sexualisierung und Objektifizierung prominenter Personen betreffen rund 87 Prozent Frauen und nur 12 Prozent Männer. Etwa 1 Prozent der Beiträge thematisieren Frauen und Männer gemeinsam.

Kobuk-Analyse im Überblick

Objektifizierung mit Konsequenzen

Unsere Analyse zeigt: Sexualisierungen im Boulevard sind keine Einzelfälle, dahinter steckt eine mediale Praxis mit Struktur, die Frauen deutlich häufiger und systematischer trifft als Männer.

Laut Claudia Paganini bleibt diese Objektifizierung von Frauen in den Medien nicht ohne Konsequenz, denn die Medienethikerin sieht eine Verbindung zu Gewalt gegen Frauen:

„Die sexualisierte Darstellung von Frauen bedeutet, ihnen einen Objektstatus aufzudrängen. Das Femizid-Problem in Österreich hängt mit dieser Reduktion von Frauen auf Sexualobjekte zusammen. Denn was macht man mit Objekten? Man besitzt sie, man benutzt sie und man glaubt, sie gehören einem.“


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Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien und wurde parallel im Falter veröffentlicht.

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