Die Kleine Zeitung berichtet über einen scheinbaren Skandal: Der Vater von Vizekanzler Andreas Babler soll für eine Operation vorgereiht worden sein. Man veröffentlicht die Geschichte ohne Stellungnahme des Krankenhauses – und mit vielen Konjunktiven. In den Folgeberichten lässt sich der Vorwurf nicht erhärten. Die Rekonstruktion eines journalistischen Schnellschusses, der nach hinten losging.
Der im Titel erhobene Vorwurf ist brisant: „Wurde Bablers Vater im Spital bevorzugt?“ lautet die jüngste „Exklusiv“-Geschichte der Kleinen Zeitung. Sie erscheint online am Mittwochabend und ist Donnerstag die Titelstory der Printausgabe. Es geht um eine Operation im Orthopädischen Spital Speising in Wien. Der Vater von Vizekanzler Andreas Babler „sei für eine Routineoperation vorgereiht worden“, steht im Teaser.
Nachdem schon der Titel ein Fragezeichen benötigt, bleibt es auch im zweiten Absatz ziemlich theoretisch: Der von Babler im ORF-Sommergespräch angekündigte Kampf gegen die Zweiklassenmedizin „könnte“ nun in „ein schiefes Licht“ geraten, heißt es.
Wenig Substanz, großes Echo
Drei Autor:innen waren an der Recherche beteiligt, darunter der leitende Innenpolitik-Redakteur und die Chefredakteurin für Wien. Anlass der Recherche waren aber keine exklusiven Informationen, die dem Medium zugespielt wurden, sondern eine Anfrage der FPÖ an das Gesundheitsministerium. Dort bezieht man sich bereits auf „Aussagen von Mitarbeitern“, nach denen der Mann „auffallend rasch“ behandelt worden sei. Die Kleine veröffentlicht noch am selben Tag spätabends ihre Recherche dazu.
Auch die Redakteur:innen sprechen mit Mitarbeitenden des Spitals und lassen sich „die Operation Mitte August“ und „die ungewöhnlich schnelle Durchführung des Eingriffes“ des Gastpatienten bestätigen. Auch, dass die Anmeldung wenige Wochen vor der OP stattgefunden habe, findet die Zeitung heraus. Mehr Insiderinfos gibt es im Artikel allerdings nicht. Stattdessen zitiert die Kleine aus der parlamentarischen Anfrage:
In der Anfrage werden dazu Aussagen von Mitarbeitern des Spitals zitiert, wonach dieser ‚auffallend rasch und – ohne die sonst übliche Wartezeit einhalten zu müssen – für einen Operationstermin vorgereiht worden‘ sei, wodurch ‚sämtliche geltenden Transparenz- und Reihungsregeln außer Kraft gesetzt würden‘.
Warum die Zeitung die „Sonderbehandlung“ – ein Begriff mit grausamer Vorgeschichte – als Tatsache behandelt? Für die Mitarbeitenden seien „keine offensichtlichen Umstände vorgelegen, die eine Vorreihung gerechtfertigt hätten.“
Ob die rasche Terminvergabe aber überhaupt eine Vorreihung war, beantwortet die Recherche nicht. Dass anonyme Quellen dies behaupten, sollte der Beginn einer Recherche sein, nicht deren Ergebnis.
Man hat also die FPÖ-Anfrage zur Kenntnis genommen, selbst mit Mitarbeiter:innen aus dem Krankenhaus gesprochen, und schließlich noch die SPÖ und die Stadt Wien – das Spital wird vom Wiener Gesundheitsfonds finanziert – um Stellungnahme gebeten. Erstere dementiert eine Einflussnahme, Letztere verweist auf das Krankenhaus-Management. Wen die Kleine Zeitung allerdings zunächst gar nicht gefragt hat: Das Spital selbst.
Das Echo ist jedenfalls groß. Noch am selben Abend berichten Kronen Zeitung, Oe24, Heute und Exxpress – und bringen den brisanten Vorwurf damit auch vor die Paywall. Bei Oe24 ist „Babler-Vater bei OP bevorzugt?“ schon am nächsten Morgen auf der Titelseite. Auch in der Donnerstagsausgabe der Kronen Zeitung und der Heute wird die Recherche zitiert. Keines der genannten Medien holt die Anfrage an das Spital nach.
Krankenhaus dementiert, ZiB legt mit Details nach
Das tun immerhin Der Standard und der ORF, bevor sie die Vorwürfe um die Mittagszeit ebenfalls veröffentlichen. Im Ö1 Mittagsjournal kommt nun neben den Vorwürfen aus der parlamentarischen Anfrage und dem Kleine Zeitung-Artikel erstmals auch der Kliniksprecher Pierre Saffarnia zu Wort: „Bei uns werden selbstverständlich die Behandlungs- und OP-Termine nach medizinischem Status, also nach medizinischen Kriterien vergeben.“
Weil das Spital von der Schweigepflicht entbunden wurde, kann sich Saffarnia auch zum konkreten Fall äußern: Der Mann sei schon „als dringlicher Patient“ eingewiesen worden, habe tagsüber und nachts „starke Schmerzen“ sowie Bewegungseinschränkungen gehabt. „Der Fall war so dringlich, dass innerhalb von maximal vier Wochen eine Operation nach der Einweisung stattfinden musste, sonst drohten stärkere Einschränkungen, die die Lebensqualität massiv beeinträchtigen.“
In der ZiB 13 wird die „Aufregung“, für die eine OP des Vaters des Vizekanzlers sorge, ebenfalls zum Thema. Dort erfährt man in der Anmoderation nun auch das Alter des Patienten – eine völlig irrelevante Information, die nur noch mehr von dessen Privatsphäre preisgibt. Im Beitrag wird ein weiteres, privates Detail bekannt: Jetzt weiß die Öffentlichkeit auch, welche OP stattgefunden hat.
Noch vor 13 Uhr veröffentlicht die Klinik ihre Stellungnahme auch in einer Presseaussendung. Um 13:41 erscheint auf Kleinezeitung.at ein weiterer Artikel. Es wird weiter aus der Schnellschusspistole geschossen: „Schnelle OP bei Bablers Vater: ‚Das ganze Haus weiß das‘“, so der Titel.
17 Stunden nach der Erstveröffentlichung wird nun auch berichtet, dass das Spital die Vorwürfe entschieden abstreitet. Aber es gibt auch Widerspruch zur Dringlichkeit der OP des Gastpatienten: „Die Quelle der Kleinen Zeitung aus dem Spital bleibt allerdings bei ihrer Darstellung, dass es eine normale Indikation gewesen sei, wie bei vielen anderen Patienten auch.“ Auffällig: Plötzlich ist man im Singular angelangt, es gibt laut Text nur mehr eine Quelle.
Ein mutmaßlich anderer Mitarbeiter – vielleicht auch derselbe, so genau geht das nicht hervor – wird zitiert: „Das ganze Haus weiß das“. Die Kleine macht das Zitat zum Titel. Ein belastbarer Beweis ist aber auch das nicht: „Jeder weiß das“ ist erst einmal nur ein weiterer Vorwurf, dem man nachgehen muss.
Kleine beruft sich auf „Whistleblower“
Auf Anfrage bestätigt uns die Kleine Zeitung, dass das Spital erst „am Folgetag“ kontaktiert wurde. Journalistisch ist das höchst unsauber. Hörensagen zur Schlagzeile zu machen, kennen wir sonst nur vom Boulevard, nicht von einem Qualitätsmedium, das drei Topjournalist:innen auf eine Recherche ansetzt.
Kritikwürdig ist auch, dass von Anfang an Bablers „Vater“ im Mittelpunkt steht. „Ein Familienmitglied“ hätte es wohl auch getan und die Privatsphäre des Patienten geschützt.
Auch viele Leser:innen kritisieren den Eingriff in den höchstpersönlichen Lebensbereich einer nicht-öffentlichen Person. Deshalb schreibt die Zeitung Donnerstagabend einen dritten Text zur OP-Causa. Der Titel, ausgerechnet: „Eine Frage der Glaubwürdigkeit“.
Innenpolitik-Chef Walter Hämmerle verteidigt darin die Recherche, für die er gemeinsam mit seinen Kolleg:innen verantwortlich zeichnet, und gibt zu: Die Berichterstattung sei eine „Gratwanderung“. Er schreibt:
Wenn der begründete Verdacht einer bevorzugten Behandlung im persönlichen Umfeld aufkommt, die im Widerspruch zu den politischen Positionen steht, ist es nicht nur legitim, sondern sogar geboten, zuerst nachzufragen und dann aber auch zu berichten.
Die Kleine hat aber zuerst berichtet und dann nachgefragt. Die Quellen blieben immerhin „auch nach den gelieferten Klarstellungen durch Partei und Spital“ bei ihren Darstellungen. Glück gehabt, möchte man meinen.
Aber wer sind diese Quellen überhaupt? Verbreiten sie ein Krankenhaus-Gerücht oder haben sie Einblick in medizinische Daten?
„Die Whistleblower hatten direkt Einblick in die Unterlagen und uns glaubhaft vermittelt, dass eine Sonderbehandlung durch einen ungewöhnlich schnellen OP-Termin gegeben war“, schreibt uns die Wiener Chefredakteurin Christina Traar, die ebenfalls an der Recherche beteiligt war, auf Anfrage.
Das ist entlarvend, denn es bedeutet auch: Die Journalist:innen der Kleinen Zeitung hatten offenbar keinen direkten Einblick in die Unterlagen. Sie verlassen sich ausschließlich auf die Aussagen von Mitarbeitenden.
Wir wollten daher wissen, wie die Journalist:innen die Aussagen verifiziert haben. „Durch eine Verifikation ihrer Tätigkeit in dem Spital sowie in mehreren kontradiktorischen Gesprächen. Die Whistleblower nannten zudem Details zu dem Fall, die weder in der FPÖ-Anfrage, noch öffentlich zugänglich sind“, lautet die Antwort. Ihre Beweggründe seien „glaubhaft keine parteipolitischen“. Außerdem könne ausgeschlossen werden, „dass diese Quellen dieselben sind, die die FPÖ für ihre Anfrage herangezogen hatte“.
Mangelnde journalistische Sorgfalt
Für die Zeitung lagen also glaubhafte Insiderinfos vor. Beweise für eine „Sonderbehandlung“ sind das aber nicht. Auf unsere Frage, ob nach Indizien für eine Intervention recherchiert wurde, antwortet Traar: „In unserem Artikel wurde an keiner Stelle die Behauptung aufgestellt, die SPÖ oder der Vizekanzler hätten direkt interveniert.“
Das ist eine interessante Auslegung. Die Zeitung schreibt selbst: „Auf wessen Geheiß der Vater des SPÖ-Vorsitzenden diese Sonderbehandlung erhielt, ist unklar“ – was impliziert, dass es ein Geheiß gegeben habe, man wisse eben nur nicht, woher.
Die Kleine Zeitung hat mit dem vermeintlichen Scoop Fehler gemacht. Und alle Medien, die ohne Einholen einer Stellungnahme oder sogar mit der Bekanntgabe weiterer persönlicher Details (looking at you, ORF) darauf aufgesprungen sind, ebenso.
Über das Spital hinweg zu berichten und eine unzulässige Vorreihung zu behaupten, ohne das gegenzuchecken, sollte sich im Qualitätsjournalismus nicht ausgehen.
Hämmerle sieht die Kritik letztlich politisch motiviert: „Da wird zwar jede kritische Berichterstattung gegen konkurrierende Parteien begrüßt und beklatscht, wenn aber dann die eigene Bewegung zum Thema wird, wird laut ‚Kampagnenjournalismus‘ gerufen“. Um Kampagnenjournalismus geht es aber gar nicht. Es ist eine Kritik an mangelnder journalistischer Sorgfalt, die sich die Kleine Zeitung jetzt gefallen lassen muss.
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