Wir recherchieren nach,
damit ihr nicht müsst.

Aliens, Krebs, Weltuntergang: Für fast jede Schlagzeile findet sich in den Boulevard-Medien eine Studie, die sie vermeintlich belegt. Doch unsere Analyse zeigt: Im Jahr 2025 veröffentlichten Krone, Oe24 und Heute durchschnittlich mindestens viermal pro Woche irreführende Artikel zu Studien.

Der Wissenschaft sollten wir vertrauen – sie ist neutral, objektiv, faktenbasiert. Wenn also eine Zeitung schreibt, „Studie beweist“, dann muss es stimmen. Selbst wenn es absurd klingt: den genauen Todestag Jesu zu kennen, Aliens entdeckt zu haben, oder dass Toast das Herzinfarktrisiko erhöht. Glaubt man dem Boulevard, dann gibt es für all das Studien, die diese Befunde belegen.

Sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu schmücken, ist bei Medien sehr beliebt. Im Jahr 2025 hat unsere Analyse 1.453 Artikel auf Heute, Oe24 und in der Kronen Zeitung hervorgebracht, die behaupteten, wissenschaftliche Studien im Fokus zu haben. Circa 400 davon waren ausgestattet mit Schlagworten wie „Schock-Studie“, „Alarmierende Studie“ oder „Wissenschaftlich belegt“.

Aber: Fast die Hälfte dieser Artikel präsentierte die zitierten Studien oder deren Ergebnisse verzerrt, unvollständig oder schlicht falsch. Im Durchschnitt erscheinen mindestens viermal pro Woche verzerrte Studiendarstellungen. In einer Oktober-Woche veröffentlichte allein Heute sogar zehn solche Artikel.

Für unsere Recherche haben wir ein Jahr lang den österreichischen Boulevard durchforstet. Die internen Suchmaschinen der Medien erfassen längst nicht alle Artikel, also sammelten wir über Google-Suchen und die APA-Datenbank systematisch alle Beiträge, die sich auf Studien oder wissenschaftliche Erkenntnisse berufen. Dann galt: Quellen suchen, Studien lesen, Darstellungen abgleichen.

Vermutlich will man den Lesenden das Gefühl geben, es handle sich um Fakten und vertrauenswürdige Informationen. Aber: Es ist längst nicht überall Wissenschaft drinnen, wo Wissenschaft drauf steht.

Ein Beispiel: „Wissenschaftlich bestätigt: Attraktive Eltern bekommen eher Mädchen“, berichtet Oe24 im Jänner 2025. Die Kernaussage des Artikels, bebildert mit Fotos von attraktiven Frauen aus dem öffentlichen Leben und deren Kindern, basiert auf einer britischen Langzeitstudie aus den 1960ern.

Die Studie gibt es tatsächlich, ihre Methode ist aber überaus fragwürdig: Eltern von Siebenjährigen bewerteten die Attraktivität ihrer eigenen Kinder. Viele Jahre später, als diese Kinder selbst Kinder hatten, zeigte sich: Jene Frauen, die zuvor von ihren Eltern als besonders attraktiv eingestuft wurden, hatten später häufiger Töchter als Söhne.

Dass der Studienleiter Satoshi Kanazawa im Bereich der Evolutionären Psychologie tätig ist – ein Feld, das für seine spekulativen Erklärungsansätze bekannt ist – wird im Artikel nicht erwähnt. Ebenso wenig, dass Kanazawa in der Vergangenheit bereits mit umstrittenen Studien aufgefallen ist. Relativiert werden die Aussagen erst ganz am Ende: „Schönheit bleibt relativ“, schreibt Oe24.

Die kontroverse Methodik dieser Studie – dass Eltern die Attraktivität der eigenen Siebenjährigen bewerten sollten – oder Aussagen wie „Denn historisch gesehen war es für Frauen oft wichtiger als für Männer, äußerlich ansprechend zu sein, um Partner zu finden und den Genpool fortzuführen“ bleiben hingegen ohne weitere Diskussion stehen.

Alles ist gefährlich – sagt angeblich die Wissenschaft

Besonders beliebt ist im Boulevard, über gesundheitliche Gefahren in Kombination mit Studien zu berichten. Bei keinem anderen Thema haben wir mehr irreführende Artikel gefunden.

Das Muster ist dabei immer ähnlich: Aus wissenschaftlichen Nuancen werden scheinbar eindeutige Bedrohungen. Unsicherheiten verschwinden, Einschränkungen fallen weg, und am Ende steht die perfekte Panik-Schlagzeile. Egal ob Sport-BHs, Proteinshakes oder Armbänder von Apple Watches – alles ist irgendwie gefährlich, sagt angeblich die Wissenschaft.

Schaut man sich die Beispiele genauer an, erkennt man immer wieder die gleichen Methoden.

Im März titelt Oe24 etwa: Alzheimer früh erkennen: Ein Hinweis verbirgt sich in Ihrer Dusche“. Der Artikel bezieht sich auf eine Studie über die mögliche Beziehung zwischen rapide nachlassendem Geruchssinn im Alter und Alzheimer. Die Langzeitstudie zeigt: Senioren, deren Riechvermögen über mehrere Jahre deutlich abnimmt, haben ein fast doppelt so hohes Risiko für eine spätere Alzheimer-Diagnose.

Was Oe24 allerdings daraus macht, ist beispielhaft für die Mechanik der Verzerrung: Die entscheidende Nuance der Studie, nämlich der schleichende Verlauf des Geruchsverlusts, geht verloren. Übrig bleibt der suggerierte Heureka-Moment: Das Duschgel riecht plötzlich nicht mehr nach Erdbeeren oder Vanille, und schon droht Alzheimer.

Auch Heute beherrscht dieses Spiel: „Achtung Ansteckung! Viele Wiener haben Tripper & Co.“, behauptet das Portal beispielsweise im Februar 2025. Laut Artikel haben „viele Wiener“ Gonorrhö („Tripper“) – die zitierte Studie enthält allerdings keinerlei Daten aus Österreich. Die Behauptung zu Wien kann nur von den allgemeinen Ergebnissen zu europäischen Großstädten abgeleitet worden sein. Explizit belegt ist sie jedenfalls nicht.

Eine weitere Methode ist ebenfalls sehr beliebt: vage Studienangaben, die sich kaum überprüfen lassen. Ein Beispiel dafür: „Schock-Studie: Toast kann das Herzinfarkt-Risiko erhöhen“, titelt Oe24 im Jänner. Der Artikel behauptet, es handle sich um eine „Meta-Studie des renommierten Karolinska Instituts“. Welche konkrete Studie gemeint ist, bleibt unklar. Wir konnten auch nach ausgiebiger Recherche keine Toast-Studie finden.

Vergleichen konnten wir allerdings die im Artikel präsentierten Ergebnisse mit denen einer im Dezember 2024 erschienenen wissenschaftlichen Übersichtsarbeit zu Acrylamid – jenem Stoff, der entsteht, wenn man Lebensmittel (darunter auch Toastbrot) zu lange erhitzt. Die Ergebnisse sind aber weitaus differenzierter und widersprüchlicher, als das bei Oe24 steht. Im Artikel steht nämlich, dass eine hohe Acrylamid-Belastung laut Studie das Herzinfarktrisiko um 60 Prozent erhöhe. Davon ist zumindest in dieser Übersichtsarbeit keine Rede. Stattdessen geht es in der Studie um den Abbau von Acrylamid im Körper und mögliche Risiken des Stoffs Glycidamid. Ein exakter Wert von genau „60 Prozent“ als zentrales Hauptergebnis wird nicht explizit genannt.

Auch die Kronen Zeitung schürt immer mal wieder Angst mit Gesundheitsthemen: „Warnung an Schwangere: Auch Paracetamol schädlich“, titelte beispielsweise das Blatt im August. Die zitierte Arbeit beschreibt moderate Assoziationen mit ADHS und Autismus, betont aber ausdrücklich methodische Limitierungen und mögliche Störfaktoren. Heißt: Die Wissenschaft hat zwar Hinweise, aber keine Belege.

Die Krone macht daraus eine scheinbar gesicherte Gefahr und lässt den entscheidenden Kontext weg: Paracetamol gilt laut dem Bundesamt für Sicherheit im Gesundheitswesen weiterhin als einziges für Schwangere empfohlenes Schmerz- und Fiebermittel. Dort nimmt man sogar auf die kursierenden Falschmeldungen Bezug:

In der EU kann der Wirkstoff Paracetamol (…) weiterhin zur Schmerzlinderung- und Fiebersenkung während der Schwangerschaft eingesetzt werden, wenn dies als klinisch notwendig erachtet wird. Entgegen zuletzt aufgetauchten und wissenschaftlich unbestätigten Meldungen, liegen in der EU aktuell keine neuen Erkenntnisse vor, die eine Änderung der bestehenden EU-Anwendungsempfehlungen rechtfertigen würden.

Alarmismus auch bei Integration

Problematisch wird es auch, wenn der Boulevard dieses Muster der Verzerrung auch auf heikle soziale Themen anwendet. Im März 2025 schrieb Heute: „Kindergarten-Schock: Österreichische Kinder verlernen deutsche Sprache“. Grundlage war eine Erhebung der Pädagogischen Hochschulen Tirol und Oberösterreich.

Die Untersuchung liefert durchaus relevante Einblicke, hat jedoch die Sprachkenntnisse der Kinder überhaupt nicht untersucht. Einer der Studienautoren sagte uns dazu bereits, dass er der Headline von Heute nicht zustimmen kann.

Wenn Marketing zur Wissenschaft wird

Was wir ebenfalls festgestellt haben: Die Auftraggebenden von Studien werden häufig nicht genannt oder kritisch hinterfragt.

Heute titelt beispielsweise im September: „Studie bestätigt Wirkung von neuem Anti-Aging-Wirkstoff“. Im Bericht ist korrekt zu lesen, dass die Studie von der Firma Guangzhou Luanying Cosmetics Co. finanziert wurde. Dass das auch jene Firma ist, die den getesteten Wirkstoff entwickelt hat und daran verdient, wird nicht näher hinterfragt. Ebenso wenig die eingeschränkte Aussagekraft der Ergebnisse.

Zum Beispiel lief die Studie nur 28 Tage: Das ist viel zu kurz, um echte Anti-Aging-Effekte zu beurteilen. Denn bei älteren Erwachsenen, also genau jener Zielgruppe, für die Anti-Aging-Produkte gedacht sind, erneuert sich die Haut langsamer. Dieser natürliche Erneuerungsprozess dauert mehr als 30 Tage: Die Studiendauer von 28 Tagen deckt also nicht einmal einen vollständigen Hauterneuerungszyklus ab und erlaubt daher keine verlässlichen Aussagen über langfristige Effekte.

Aber immerhin gibt es eine Studie. Wenn der Boulevard von „Studien“ schreibt, ist das nämlich regelmäßig nicht der Fall.

Manchmal steht zwar „Studie“ im Text, in Wahrheit ist es aber schlicht Marketing. „Engel & Völkers-Studie: Luxus-Chalets in Österreich derzeit gefragt wie nie“, meldet Heute im Jänner – inklusive Fotos von Immobilien, die das Unternehmen verkauft, samt Kaufpreisen und Textpassagen, die direkt aus der Presseaussendung übernommen wurden. Schleichwerbung, getarnt als Wissenschaft.

Die Boulevardmedien lieben solche Pseudo-Studien. Man findet sie in Hülle und Fülle.

Sehr häufig kommt es auch vor, dass die untersuchten Medien Marktumfragen – also Meinungsumfragen, die von Firmen in Auftrag gegeben wurden – als Studien präsentiert haben. Das bedeutet nicht automatisch, dass die Informationen nicht stimmen. Allerdings fehlt in den meisten Fällen jegliche Einordnung.

Ein Beispiel: „Neues Pfand: Jeder Dritte will künftig anders einkaufen“, titelt Heute im Jänner und beruft sich auf eine „Studie“. In Wahrheit ist die Quelle eine Umfrage von SodaStream – ein Unternehmen, das in seiner Werbung gegen das Pfandsystem Position bezieht.

Im Mai titelt Oe24: „SO viel Trinkgeld geben die Österreicher“. Wieder gibt es angeblich eine Studie. In Wahrheit handelt es sich um eine Umfrage der Hotelvereinigung.

Vom Dirty Talk bis zur Integration: Meinungserhebungen als „Studien“

Insbesondere bei Sex und Beziehungen werden Meinungsumfragen oft mit wissenschaftlichen Studien gleichgestellt. Die Dating-Plattform Parship versorgt die österreichische Medienlandschaft konsequent mit solchen „Studien“, etwa: „Studie enthüllt: Jeder zweite junge Single lebt noch bei den Eltern“ (Heute, Oktober), „Diese Altersgruppe hat laut Studie am ehesten offene Beziehungen“ (Oe24, Februar), oder der absolute Kracher: „Jeder Zentimeter zählt – wie die Körpergröße das Dating beeinflusst“, der im Februar 2025 sowohl bei Heute als auch bei Oe24 erschien. Auch andere Firmen liefern fleißig: „Dirty Talk: Studie enthüllt, wie er wirklich bei Frauen ankommt“ – eine Online-Befragung der Sprachlernplattform Babbel, die Heute veröffentlichte.

Mit Wissenschaft haben solche „Studien“ nichts zu tun. Die Medien profitieren von klickstarken Überschriften über Sex, Dating oder Integration. Kommerzielle Plattformen wie Parship oder Babbel bekommen kostenlose Werbung.

Wer liest schon nach?

Zurück zu den echten Studien. Heute verlinkt in mehreren Artikeln die zitierten Arbeiten. Das ist äußerst löblich, aber wer liest schon wirklich nach? Schade eigentlich, denn würde man sich die Arbeit antun, würde man merken, dass in den Studien gelegentlich andere Zahlen, Daten oder Fakten stehen als im Artikel selbst.

So etwa bei dem alarmistischen Bericht darüber, wie Zuckerkonsum Lebenszeit raubt. Angeblich, so Heute, kostet jedes süße Getränk zwölf Minuten Lebenszeit.

Die Studie ist verlinkt. Klickt man darauf, sieht man aber, dass sie gar keine tatsächlich verlorene Lebenszeit berechnet hat. Die Forschenden berechnen Krankheitsrisiken und sagen sinngemäß: Wenn eine Million Menschen X essen, steigt statistisch das Risiko für Y.

Noch so ein Beispiel von Heute: „Klo-Scrolling – Hämorrhoiden durch Insta & Co“. Wer also länger am Klo sitzt, weil er am Handy hängt, riskiert angeblich „ernsthafte Folgen“, nämlich Hämorrhoiden. Wieder ist die Studie verlinkt. Und wieder steht etwas anderes drinnen. Die Forschenden stellen nämlich keine Kausalität her, sondern lediglich eine Korrelation.

Diese Diskrepanzen bemerkt man aber nur, wenn eine Studie überhaupt verlinkt ist. Kronen Zeitung und Oe24 verzichten fast immer darauf – und die Suche nach den zitierten wissenschaftlichen Werken stößt gelegentlich auf eine ziemlich hohe Hürde: Mitunter stehen vor Studien absurd hohe Bezahlschranken. Oe24 titelte beispielsweise im Februar „MÜTTER entscheiden wohin es im Familienurlaub geht“. Eine Überprüfung in der Originalstudie? Nur möglich für 950 Euro.

Genau weil es für Lesende so herausfordernd sein kann, die zitierten Studien zu überprüfen, entstehen gelegentlich auch Schlagzeilen, die ins Absurde rutschen. So handelt es sich beispielsweise bei dem von Heute berichteten „genauen Todestag Jesu“ eigentlich um eine geologischen Fachstudie, die Spuren von Erdbeben im ersten Jahrhundert untersuchte. Laut Bibel gab es am Todestag von Jesus nämlich ein Erdbeben.

Vom genauen Tag eines solchen Erdbebens kann aber keine Rede sein, wie es gleich im Abstrakt der Studie steht: Das seismische Ereignis zu Beginn des ersten Jahrhunderts wurde vorläufig auf das Jahr 31 n. Chr. datiert, mit einer Genauigkeit von plus/minus fünf Jahren.

Was geht uns das an?

Das alles konnten wir in all jenen Artikeln recherchieren, die zumindest einen vagen Hinweis auf die Quelle hatten. Oft fehlt die wissenschaftliche Quelle ganz, sie wird nicht verlinkt, nicht genannt. Statt wissenschaftlicher Belege heißt es dann nur vage „Studien zeigen“ oder „Wissenschaftler haben herausgefunden“.

Genau wie im Fall eines viralen Instagram-Posts, der für Oe24 zur vermeintlichen Gewissheit wird, dass mexikanisches Essen glücklich macht – ein wissenschaftliches Werk, das dies belegt, suchten wir vergeblich. Vielleicht hat irgendwer das irgendwann mal untersucht, wir finden es jedenfalls nicht.

Die Konsequenzen irreführender Studiendarstellungen gehen weit über skurrile Behauptungen wie „Alien-DNA in unseren Genen“ oder „mysteriöse Ozeane unter der Erde entdeckt“ hinaus. Wenn dieselben Methoden auf Gesundheitsthemen angewendet werden, treffen Menschen Entscheidungen auf falscher Grundlage. Wenn politische Themen – etwa zu Flüchtlingen oder Integration – mit verzerrten „Studien“ unterfüttert werden, entstehen Narrative, die Debatten vergiften und Ängste schüren.

Das facht die ohnehin wachsende Wissenschaftsskepsis weiter an. Denn ein Misstrauen gegen unseriöse Studien kann sich langsam zu einem Misstrauen gegen die Wissenschaft allgemein entwickeln und trifft dann auch qualitativ hochwertige Forschung – mit schwerwiegenden Folgen für wichtige gesellschaftliche Debatten, etwa über Klimawandel, Impfungen oder öffentliche Gesundheit.

Die Wissenschaft selbst kann sich irren – das gehört zu ihrem Wesen. Die Mehrheit einzelner Studienergebnisse lässt zudem kaum die zugespitzten Aussagen zu, mit denen Medien oft arbeiten. Doch grundsätzlich ist die Wissenschaft vertrauenswürdig. Die Art, wie über sie berichtet wird, ist es oft nicht.


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Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien und wurde parallel im Falter veröffentlicht.

Eine neue Nachrichtenseite erfindet Redakteure und lässt sie Artikel von Medien wie MeinBezirk, Oberösterreichische Nachrichten oder News abschreiben. Doch nicht alle Quellen auf diesem KI-Portal sind nachvollziehbar. Was ist die Motivation dahinter?

Screenshot der Website „Weltstimme“. Über dem Bild ist ein rotes Band mit der Aufschrift „KI-GENERIERT!“ platziert. Zu erkennen ist ein Artikel mit der Überschrift „Russlandtag in Warschau: Polens rechte Opposition nähert sich Moskau an – was das für Österreich bedeutet“. Das Hauptbild zeigt zwei Männer in Anzügen, die sich unterhalten. Rechts daneben sind weitere Artikel mit Bildern und Überschriften zu sehen, darunter „USA und Iran erreichen Friedensabkommen zur Beendigung militärischer Spannungen“ (mit einem Foto von Donald Trump) und „EU-Außenminister erörtern Strategien zur Unterstützung der Ukraine und des Nahen Ostens“. Unterhalb des Hauptartikels sind weitere Nachrichten mit Bildern und kurzen Texten aufgelistet, z. B. „Fünf Volksbegehren beginnen am Montag in Österreich“ oder „Russlandtag in Warschau: Polens rechte Opposition nähert sich Moskau an – was das für Österreich bedeutet“.

Österreich hat ein neues Nachrichtenmedium – und es ist ziemlich fleißig. Die Startseite ändert sich oft mehrmals täglich. Es gibt neue Aufmachergeschichten und neue Artikel in den einzelnen Ressorts, die von Politik bis Lifestyle alles abdecken. Bemerkenswert: Dieses Onlinemedium stemmt das mit nur zwei Redakteuren: David Egger, der Chefredakteur, und Leon Hofer. Das meiste scheint beim Chef hängen zu bleiben, denn David schafft bis zu 40 Artikel täglich. Leon steuert immerhin zwei bis zehn Texte pro Tag bei.

Das alles klingt nicht nur unmenschlich. Das ist es auch. Das Medium, das sich „Weltstimme“ nennt, ist eine KI-generierte Nachrichtenseite.

Das ist alles nur geklaut

Auf den ersten Blick fällt der KI-Einfluss nicht auf. Die Weltstimme hat einen seriösen, modernen Websiteauftritt. Das Logo mit der roten Schrift auf weißem Hintergrund beinhaltet bewährte Medienfarben. Der Slogan „Der Welt eine Stimme. Der Wahrheit ein Gehör“ klingt zwar etwas pathetisch, aber in einer Onlinewelt voller Kalendersprüche fällt auch das nicht weiter auf. Es gibt die Rubriken „Aktuelle Nachrichten“, „Top-Themen“ und „Meistgelesen“. Und sieben verschiedene Ressorts.

Eines davon heißt „Regionen“ und überzeugt mit hyperlokalen Nachrichten. Man erfährt dort beispielsweise etwas über einen „Erste-Hilfe-Kurs für Kinder in St. Florian“ in Oberösterreich oder die Eröffnung eines Spielwarengeschäfts im steirischen Leoben.

Natürlich war „David“ nicht wirklich in beiden Bundesländern vor Ort. David gibt es nämlich vermutlich gar nicht – genauso wenig wie seinen Kollegen Leon. Sind David Egger und Leon Hofer Pseudonyme? Stecken dahinter echte Menschen?

Es scheint zumindest niemanden in dieser „Redaktion“ zu geben, der tatsächlich recherchiert. Denn viele Texte sind geklaut.

Über den Erste-Hilfe-Kurs oder die Geschäftseröffnung hat nur Stunden zuvor MeinBezirk.at berichtet – das größte digitale Regionalblatt des Landes aus dem Haus der RegionalMedien Austria mit Ausgaben für praktisch jeden Bezirk. Eine Fundgrube für KI-Crawler: Die Artikelmenge ist riesig, die Struktur klar und die Informationen aktuell.

Screenshot der Website „Weltstimme“ mit der Überschrift „Ein Ressort voller Artikel und Fotos von MeinBezirk“. Die Seite zeigt mehrere Artikel aus der Rubrik „REGIONEN“. Die Hauptüberschrift lautet „Initiative für Frauensicherheit identifiziert ‚Angsträume‘ in Korneuburg“. Weitere Artikel behandeln Themen wie Jubiläen, Unfälle und lokale Ereignisse. Die Artikel sind mit Fotos von Gruppen, Veranstaltungen und Einsatzfahrzeugen illustriert.

Tatsächlich kommen die meisten Texte dieser Rubrik von MeinBezirk. Nicht jedes Wort ist identisch, der Aufbau ist aber immer sehr, sehr ähnlich. Oft erscheinen die Artikel nur eine Stunde später mit einem geringfügig abgeänderten Titel: Aus „Bad Vöslau zählt zu Österreichs grünsten Städten“ wird dann „Bad Vöslau gilt als eine der grünsten Städte Österreichs laut neuer Analyse“.

Weltstimme verwendet auch dieselben Titelbilder – zum Beispiel das Foto der Kindergruppe aus St. Florian, dessen Urheber in Wahrheit die Organisation „OÖ Kinderwelt“ ist. Beim KI-Portal erscheinen Fotos grundsätzlich ohne Fotocredit.

Generisch und geglättet

Auch in anderen Ressorts finden wir wiederverwertete Texte. Im Sportressort entdecken wir einen Text über „Selbstfahrende Taxis und Fußball im WM-Großraum San Francisco“. Der Bericht erzählt von einem Taxifahrer, der auf dem Weg zum Stadion fragt, „ob die gesamte Fußball-Weltmeisterschaft hier stattfindet“. Interessanterweise hat Harald Bartl, Sport-Ressortleiter der Oberösterreichischen Nachrichten, genau dasselbe erlebt und nur kurz zuvor in seiner „WM-Post aus Amerika“ notiert.

Bis auf diese abgekupferte Anekdote bleibt der Weltstimme-Text generisch: Sätze wie „Die Kombination aus innovativer Technologie und den logistischen Herausforderungen eines Großereignisses wie der WM wirft Fragen zur Zukunft des Sports und der Mobilität auf“ haben hohen Large-Language-Modell-Wiedererkennungswert.

In einem Bericht über Argentiniens Strategie vor dem WM-Spiel gegen Österreich beobachten wir dasselbe Phänomen: Der Einstieg ist fast ident zum ersten Absatz in den OÖN, danach folgt eine seichte Analyse über ein Spiel, das „das Können beider Mannschaften auf die Probe stellen wird.“

Im Politik-Ressort wiederholen sich hingegen die Inhalte eines anderen Mediums: News.at. Am 19. Juni erscheint ein Artikel mit dem kryptischen Titel „Maschinenstürmer verüben Angriffe auf Industrieanlagen in mehreren Ländern“. Warum ausgerechnet ein Foto von Journalist und Moderator Michael Fleischhacker als Titelbild fungiert, erschließt sich nur, wenn man den Text auch andernorts sucht. Er liest sich nämlich wie die Kolumne, die Fleischhacker zuvor für News verfasst hat.

Es ist ein spannendes Beispiel dafür, wie der (mutmaßliche) Einsatz von künstlicher Intelligenz Meinungsbeiträge glättet. Denn in der Fassung von Weltstimme geht nicht nur der Humor verloren, auch Bedeutungen ändern sich: Anstelle von „Skeptiker [der Nutzung von KI; Anmerkung] werden als primitive Maschinenstürmer denunziert“ heißt es nun, Skeptiker werden „als konservative Stimmen betrachtet“.

Eine News-Recherche zu Ermittlungen gegen den Goldhändler TGI hat die Weltstimme ebenfalls abgeschrieben – und auch das selbstgeschossene Bild darin geklaut.

KI-Bilder und „Österreich-Bezug“

Die Herkunft der Inhalte der Weltstimme ist allerdings nicht immer so durchschaubar. Viele Texte sind fast ident zu APA-Beiträgen – vermutlich stammen aber auch diese von anderen Onlinemedien.

Oft tauchen auch englischsprachige Artikel auf der Website auf. Sie werden einige Tage später allerdings ins Deutsche übersetzt. Woher die Informationen ursprünglich kommen, ist nicht immer nachvollziehbar. Mit einer KI könnte der Text theoretisch von jeder fremden Sprache ins Englische beziehungsweise Deutsche übersetzt, erweitert und verändert worden sein.

Immer wieder fällt außerdem ein konstruierter Österreich-Bezug auf. Den Prompt „Erkläre, was das für Österreich bedeutet“ kann man fast schon dahinter durchschimmern sehen. „Nepotismus in der AfD: Was der deutsche Steuergeld-Skandal für Österreich bedeutet“ lautet zum Beispiel ein Artikel im Auslandsressort.

Der Skandal, um den es geht, ist schon einige Monate alt. Bis auf den unspektakulären Bezug zu Österreich („Der aktuelle Skandal aus Deutschland zeigt, wie schnell der Zugang zu staatlichen Ressourcen die Prinzipien einer Protestbewegung korrumpieren kann“) sind alle darin erwähnten Informationen schon lange bekannt.

Die große Frage: Wie kommt der Artikel zustande? Ist am Anfang dieser Verkettung ein Mensch involviert? Einer, der zum Beispiel auch die KI-Vorstellung generieren lässt, wie die AfD-Vetternwirtschaft aussieht:

Screenshot eines Artikels mit der Überschrift „Nepotismus in der AfD: Was der deutsche Steuergeld-Skandal für Österreich bedeutet“. Das Bild zeigt vier Personen in Anzügen und Blazern, die vor dem Reichstagsgebäude in Berlin posieren. Vor dem Bild ist ein rotes Band mit der Aufschrift „KI-GENERIERT!“ platziert. Auf dem Tisch vor den Personen liegen Stapel von Geldscheinen. Der Artikel ist von „Leon Hofer“ und datiert auf den 18. Juni 2026.

Apropos Bilder: Wenn diese nicht von anderen Medien übernommen, also geklaut werden, sind sie oft KI-generiert. Darunter befinden sich unzählige Fakes von Politiker:innen.

Bei einem Bild von Sebastian Kurz, der Putin die Hand schüttelt, ist der KI-Einfluss kaum zu erkennen. Was dennoch auf den Einsatz von KI hindeutet: Das Foto ist sonst nirgendwo zu finden, mehrere KI-Erkennungstools zeigen eine hohe Wahrscheinlichkeit an und das Bild hat den gewissen KI-Look. Bei Kurz’ Frisur erkennt man beispielsweise jede Haarsträhne, und trotzdem sieht sie plastisch aus. Für natürliche Fotos ist das äußerst ungewöhnlich, auch wenn man die Kunst des Kurz’schen Haarstylings berücksichtigt.

Bei vermeintlichen Porträts im Freien fällt außerdem der stets bedeckte Himmel auf. Damit vermeidet man harte Schatten – für KI-Bildgeneratoren immer noch eine Herausforderung.

Collage aus vier Fotos mit dem Titel „Täuschend echt:“. Jedes Foto ist mit einem roten Band und der Aufschrift „FAKE!“ überlagert. Die Bilder zeigen: Eine Frau, die im Europäischen Parlament spricht. Sie soll Ursula von der Leyen sein. Eine Gruppe von Politikern, darunter Vladimir Putin und Sebastian Kurz. Zwei Politiker, die sich unterhalten, mit einer deutschen und einer französischen Flagge im Hintergrund. Ein Mann in Anzug vor einem historischen Gebäude. Das soll der bulgarische Ex-Präsident Rumen Radew sein.

Die Russland-Obsession

Besonders auffällig ist die Anzahl jener Artikel, die sich mit Russland und dem Ukraine-Krieg beschäftigen. Häufig fallen diese Artikel in die Kategorie „Top-Themen“. Über die Forderung der baltischen Staaten, das EU-Ölembargo gegen Russland zu beschleunigen, „berichtete“ die Weltstimme als einziges „österreichisches Medium“, genau so wie über die Infiltrationsversuche russischer Agenten gegen die geheime Produktionsstätte eines litauischen Drohnenherstellers.

Für beide Geschichten finden wir auch andernorts Belege. Stutzig macht uns allerdings der Artikel „Inszenierter Busangriff auf Kinder: Moskaus Kalkül für den Kriegseintritt von Belarus“. Es geht darin um den Anschlag auf einen Bus im russischen Grenzort Brjansk, in dem ein Kinder-Fußballteam aus Belarus saß. Moskau und Minsk berichteten von einer getöteten Frau und neun Verletzten.

Russland behauptete daraufhin, es habe sich um eine ukrainische Drohne gehandelt – so berichteten es übrigens auch viele unserer Medien. Der Sicherheitsdienst der Ukraine legte hingegen Dokumente vor, die belegen sollen, dass sich zu diesem Zeitpunkt keine ukrainischen Drohnen im Luftraum befunden hätten.

Was wirklich passiert ist, konnte bisher nicht unabhängig verifiziert werden. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen forderte am 29. Juni deshalb eine unabhängige Untersuchung.

Ausgerechnet unser KI-Portal Weltstimme weiß aber, was wirklich dahintersteckt: „Moskau will Lukaschenko zum Kriegseintritt zwingen“. Der Anschlag soll also von russischer Seite geplant und als ukrainischer Angriff getarnt worden sein.

Dafür gäbe es sogar Beweise, so die KI-Seite: Fotos des getroffenen Busses „deuten auf einen Sprengsatz am Boden hin, nicht auf einen Angriff aus der Luft.“  Wer sie analysiert hat, bleibt unklar.

Gegenüber dem polnischen Medium Belsat, das vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen betrieben wird und vorrangig für ein belarussisches Publikum produziert, trifft ein Minenräumoffizier der ukrainischen Armee zwar ähnliche Aussagen. Eine unabhängige Einschätzung ist aber auch das nicht.

Collage aus Screenshots mehrerer Nachrichten-Websites mit dem Titel „Starker Fokus auf Russland:“. Die Bilder zeigen Artikel von „Weltstimme“, die sich mit Russland befassen. Themen sind unter anderem militärische Ausbildung, politische Spannungen und internationale Reaktionen. Die Artikel sind mit Bildern von Soldaten, Politikern und Flaggen illustriert.

Unbekannte Betreiber:innen

Wir hätten die Betreibenden der Weltstimme gerne gefragt, wie die Themensetzung und die einzelnen Artikel zustande kommen. Doch die auf der Website angegebenen Mailadressen führen ins Nichts.

Laut Impressum soll die Weltstimme am Austria Campus im zweiten Bezirk in Wien sitzen, konkret am Rothschildplatz 1. Laut Mieterliste belegen dort aber ausschließlich Unternehmen der UniCredit Group die Büroräumlichkeiten.

Was und wer auch immer dahintersteckt, die KI-unterstützte Weltstimme ist Teil eines weltweiten Phänomens: des Booms KI-generierter Nachrichtenseiten.

Das Unternehmen NewsGuard, das weltweit Onlineinhalte analysiert, hat bereits über 3.700 solcher Seiten getrackt. Laut NewsGuard liegt der Anreiz im Programmatic Advertising – also im automatischen Kauf und Verkauf von Online-Werbeflächen. Ein Portal mit sehr viel Content und ohne Paywall kann theoretisch auf sehr viele Seitenaufrufe kommen und damit attraktiv für Programmatic Advertising-Kunden werden.

Nur: Weltstimme hat keine Onlinewerbung. Vielleicht liegt es daran, dass es die Seite erst seit ein paar Monaten gibt und man die Inhalte für ein besseres Endergebnis noch weiter ausbauen will. Vielleicht geht es aber auch gar nicht um Geld.

Ein „Hobbyprojekt“

Bei Thomas Fischer ist das laut eigener Aussage zum Beispiel so. Er betreibt das KI-Portal Brandaktuell.at. Auch diese Seite wirkt wie ein seriöses, journalistisches Nachrichtenportal. Doch die Redakteur:innen Julia Vogt, Jonas Leitner oder Max Brenner sind erfunden. Niemand recherchiert hier wirklich.

Screenshot der Website „brandaktuell“ mit der Überschrift „Top Stories“. Sechs Artikel sind in drei Reihen zu je zwei Spalten angeordnet. Die Artikel behandeln Themen wie KI und Automatisierung, Proteste, Arbeitsmarkt und politische Analysen. Über dem Bild steht ein rotes Band mit der Aufschrift „KI-GENERIERT!“. Im Hintergrund sind die Logos der Kategorien wie „Tech & Zukunft“, „Gesellschaft“, „Kultur“ und „Meinung“ zu sehen.

Immerhin haben viele der Texte „Referenzlinks“, die zu den ursprünglichen Quellen führen. Dass die Seite nur Inhalte aggregiert und keine Redaktion dahintersteckt, geht für Leser:innen allein dadurch aber nicht hervor. Problematisch ist das zum Beispiel, wenn Analysen vom Standard und anderen Medien als Meinungsbeiträge der KI-Personas verpackt werden. Vom Urheberrecht einmal abgesehen.

„Jede virtuelle Person besitzt einen eigenen Prompt, eigene Schärfe, eigenen Fokus und eigenen Hintergrund“, erklärt uns Fischer auf Anfrage. Das Portal bezeichnet er als seine „KI-Hobbyprojekt-Spielwiese“. Fischer aggregiert die Referenzlinks, lässt daraus automatisch eine Zusammenfassung erstellen und gibt diese frei. Manche Artikel werden „redaktionell erstellt“, wie er sagt. Er meint damit, dass das System automatisch nach Quellen sucht.

Fischer will mit der Seite „den menschlichen Einfluss mithilfe von KI“ und verschiedene APIs, also Datenschnittstellen, testen. Geschäftsmodell stecke dahinter keines. Auch wenn die Seite voll mit Onlinewerbung ist, verdiene er damit nur wenige Euro. Abgesehen davon interessiere ihn auch, „welche Aufmerksamkeit ein solches Projekt erzeugt“.

Ist das schlimm?

Onlineseiten, die mithilfe künstlicher Intelligenz Informationen verbreiten, produzieren in einem Internet voller Content einfach noch mehr Content. Warum sollte uns das weiter kümmern?

1. Die Originalquelle verschwindet. Wenn dutzende KI-Portale dieselben Informationen zusammentragen, wird es immer schwieriger, die eigentliche Quelle zu finden. Schon heute führt die Google-KI solche KI-generierten Seiten in ihren Zusammenfassungen als Quellen an. Im Journalismus geht es dabei um den Kern der Arbeit, der unsichtbar wird. Dazu kommt die wesentliche Frage des Urheberrechts, die nicht geklärt ist.

2. Die Anfälligkeit für Desinformation steigt. Artikel, die eine künstliche Intelligenz überarbeitet oder sogar selbst verfasst, sind anfällig für Fehler. Zudem verbreitet sich Desinformation schneller, wenn sie von mehreren Portalen automatisiert verarbeitet wird. Wenn kein Mensch involviert ist, fehlt auch eine Korrekturschleife. Wenn nicht einmal transparent ist, wer hinter den Seiten steckt, kann auch niemand zur Verantwortung gezogen werden.

3. Die öffentliche Debatte wird leichter beeinflussbar. Ein Analyst von NewsGuard hat mit einem Investment von nur 105 US-Dollar eine vollautomatisierte KI-Nachrichtenseite erstellt, die am laufenden Band falsche Politikmeldungen erstellte. Für große Lobbygruppen, geschweige denn für staatliche Akteure, ist es ein Kinderspiel, davon gleich mehrere zu erstellen. Schon jetzt gibt es Seiten, auf denen man kostenlose „Nachrichtenartikel“ erstellen lassen kann – es reicht ein einziges Stichwort. Es war noch nie so leicht, etwas wie Journalismus aussehen zu lassen.

4. Die Wirtschaftlichkeit von Onlinemedien gerät noch mehr unter Druck. Grundsätzlich greifen KI-Seiten meistens auf Inhalte zurück, die irgendwann einmal ein echter Mensch recherchiert hat. Wer sich mit einer automatischen Zusammenfassung zufrieden gibt, verzichtet womöglich auf das Original. Für Onlinemedien, die ohnehin schon unter wirtschaftlichem Druck stehen, sind das keine guten Nachrichten.


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Wer in Österreich den Sportteil einer Tageszeitung aufschlägt, bekommt ein ziemlich klares Bild davon, wer hier im Zentrum steht: Männer. Frauen kommen nur am Rand vor.

Es ist derzeit schwer, der Fußball-Weltmeisterschaft zu entkommen. Kaum ein Sportereignis erhält so viel mediale Aufmerksamkeit wie das Turnier der Männer. Fans werden mit Sondersendungen, Live-Analysen und Reporter Rainer Pariasek versorgt, der aus Amerika ins heimische Wohnzimmer grüßt. Doch die Aufmerksamkeit für den Männersport beschränkt sich nicht auf die Wochen eines globalen Großereignisses. Das ist der Normalzustand. Noch dazu sind es in Österreich meistens Männer, die die Berichterstattung rund um den Sport gestalten. So gibt es beispielsweise bei der Übertragung der WM zwischen ORF und ServusTV mit Anna Lallitsch nur eine einzige Frau, die die Spiele kommentiert. 

Collage aus österreichischen Sportzeitungsausschnitten (Kronen Zeitung, Der Standard, Heute) mit der Überschrift: „Wer steht im österreichischen Sportjournalismus im Zentrum?" Die Artikel zeigen überwiegend Männerfußball. Logo von Kobuk! unten rechts.

Dass die Berichterstattung über Athletinnen in Österreich eine untergeordnete Rolle spielt, ist kein Bauchgefühl, das lässt sich messen: Für diese Analyse haben wir die Print-Sportberichterstattung von Juli bis Dezember 2025 in der Heute-Zeitung (Wien-Ausgabe), der Kronen Zeitung (Wien Krone) und Der Standard untersucht. Dabei wurde in jeder einzelnen Ausgabe erhoben, wie viele Sportartikel sich primär mit Männersport, Frauensport oder gemischten Bewerben beschäftigen und wie Bilder dabei eingesetzt werden.

Klare Zahlen, klares Ungleichgewicht

In der Heute entfallen im Schnitt rund 87 Prozent der Sportartikel auf Männer, nur etwa zehn Prozent berichten über Frauensport. In der Kronen Zeitung liegt der Männeranteil bei rund 81 Prozent, Frauensport macht dort etwa elf Prozent der Artikel aus, fast acht Prozent sind gemischt. Selbst im als Qualitätsmedium geltenden Standard sind rund zwei Drittel (66 Prozent) der Sportartikel dem Männersport gewidmet, 21 Prozent dem Frauensport und circa zwölf Prozent der Texte berichten über männliche und weibliche Athlet:innen.

Der Sportteil einer Heute-Ausgabe umfasst im Schnitt rund elf Artikel. Somit ist meist nur Platz für einen Text über Frauensport. Anders gesagt: An vielen Tagen kommt Frauensport gar nicht vor.

Exxpress-Herausgeberin Eva Schütz war eine von vielen Überraschungskandidat:innen für den ORF-Generalsposten. Armin Wolf tat auf der Plattform Bluesky seine Ratlosigkeit über ihre Nominierung durch den Stiftungsrat kund und bezeichnete den Exxpress als „rechte, rassistische Fake News-Schleuder“. Das sorgte für Empörung, vor allem beim Exxpress. Dabei sollte der Redaktion ihr eigener Umgang mit Falschnachrichten und rassistischen Narrativen nichts Neues sein. Eine Bestandsaufnahme.

Collage von Artikeln des Mediums „Express“ mit der Überschrift: „Tendenziös, einseitig, falsch: Beispiele aus der Exxpress-Berichterstattung“. Die Artikel tragen Titel wie „EU-Deal mit Bangladesch: Wird Migration jetzt ‚Talent‘ genannt?“, „Donauinsel wird zur NoGo Area: Rassismus gegen Österreicher“, „UK-Debatte um ‚Schwäne essende‘ Migranten: Jetzt kommt alles raus!“, „Brisante Studie: ‚Plötzlich und unerwartet‘ – 74 Prozent der Toten starben durch die Impfung“, „In der Tagesschau heißen Deutsche jetzt ‚Nicht-Migranten‘“, „FPÖ warnt: Selbst vorbestrafte Asylwerber dürfen jetzt Staatsbürgerschaft beantragen“ und „Panikmache per Staats-Website: Der Schmäh mit der ‚doppelten Klimaerwärmung‘“.

Neun Bewerber:innen stellten sich am 11. Juni der Stiftungsrats-Wahl zum oder zur neuen ORF-Chef:in. Exxpress-Herausgeberin und Chefredakteurin Eva Schütz war eine von ihnen. Und laut ihrem Hausmedium war sie sogar die „ORF-Generaldirektorin der Zuseher“, denn: „Eva Schütz in Umfragen klar vorne“, titelte der Exxpress am Dienstag.

Abgesehen davon, dass Zuseher:innen und Umfragen für die Bestellung keine Rolle spielen, sind die im Exxpress kolportierten Zahlen irreführend. Schütz würde in einer Umfrage der Gratiszeitung Heute auf 57 Prozent Zustimmung kommen, steht dort.

Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine echte Meinungsumfrage, sondern um ein Voting unter Heute-Leser:innen, eingebettet in einem Artikel über Schütz’ Kandidatur. Der Artikel ist außerdem bereits zwei Wochen alt. In einem aktuelleren Voting kommt Schütz nur auf 13 Prozent.

Das Gefühl, dass daran irgendetwas nicht stimmen kann, beschleicht einen beim Exxpress-Lesen öfter. Dem Medium „für Selberdenker“ haben wir mit Faktenchecks deshalb schon mehrmals beim Nachdenken nachgeholfen.

Der User @bjoernsenior.bsky.social dokumentiert ebenfalls schon seit Jahren Unstimmigkeiten, Fehler und Falschnachrichten der Plattform – vermehrt findet sich darunter auch mutmaßlicher KI-Content. Aber wie viel davon sind wirklich „Fake News“? Und was kann man dort sogar als „rassistisch“ bezeichnen?

Der „Fake-News“-Vorwurf

Wir lassen den ganzen KI-Slop – also die mutmaßlich mit Hilfe künstlicher Intelligenz produzierten Blödsinnigkeiten – an dieser Stelle außen vor. Auch wenn wir dafür auf einen österreichischen „Kanzler Andrew Babler oder den „Ex-Präsidenten Donald Trump verzichten müssen. Was uns hier interessiert, sind Falschnachrichten, die in die Irre führen.

Zum Beispiel bei Meldungen zum Klimawandel. Den zweiten österreichischen Sachstandsbericht zum Klimawandel versuchte der Exxpress vergangenes Jahr als „simple Binsenweisheit“ zu verkaufen – und die Berichte darüber als „Panikmache“. Der Exxpress störte sich an der Feststellung, dass sich Österreich schneller als der globale Durchschnitt erwärmt.

Das Blatt ist nämlich draufgekommen, dass sich ja nicht nur Österreich, sondern sehr viele Länder schneller als der globale Durchschnitt erwärmen, weil dazu auch die (kälteren) Ozeane gezählt werden. Und schließt offenbar daraus: Dann kann das Ganze ja nicht so schlimm sein. Diese Kritik sei „so simpel wie entlarvend“, schreibt der Exxpress über sich selbst.

Es wirkt nicht so, als hätte sich jemand angesehen, worum es in der Arbeit der Wissenschaftler:innen eigentlich ging (unter anderem die regionalen Auswirkungen des Klimawandels). Dass in diesem Medium einmal sogar Schneefall die Existenz des Klimawandels relativierte, dürfte da nicht weiter verwundern.

Collage mit der Überschrift lautet: „Exxpress-‚Know how‘ zum Klimawandel:“. Zu sehen sind Artikelausschnitte mit Titeln wie „Panikmache: Österreich erwärmt sich schneller – doch der Grund ist banal“, „Österreichs Kampf gegen Klima-Fake-News – trifft es auch Panikmache aus Ministerien?“, „Die Eisfrei-Lüge – Faktencheck bestätigt Panikmache“, „Kaum 25 Grad – doch Klima-Hysteriker rufen schon wieder den Weltuntergang aus“, „‚Unrealistisch‘: Schlimmstes Klimaszenario bereits vor Jahren entschärft“ und „Panikmache per Staats-Website: Der Schmäh mit der ‚doppelten Klimaerwärmung“.

Der Exxpress verbreitete in den letzten Jahren außerdem die Falschbehauptung, dass die Maskenpflicht während der Pandemie keine Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen gehabt hätte. Im November 2024 erschien beim Exxpress ein Artikel über den Mythos, vermehrte „plötzliche und unerwartete“ Todesfälle seien auf die Corona-Impfung zurückzuführen.

Irreführende Geschichten über Asyl und Migration

In auffällig vielen irreführenden Berichten des Exxpress geht es um die Themen Asyl und Migration. Da wäre zum Beispiel die Behauptung, dass vorbestrafte Asylwerber:innen selbst mit einer Haftstrafe „problemlos Österreicher werden“ könnten. Die Quelle ist ein FPÖ-Video. Die Behauptung ist falsch. Das ist im Staatsbürgerschaftsgesetz klar geregelt.

Oder dass an einer Wiener Volksschule Ramadan statt Weihnachten gefeiert würde, auch das haben wir widerlegt.

Oder nehmen wir den Mythos um „‚Schwäne essende‘ Migranten“ aus dem vergangenen September. Aufgewärmt hat ihn damals der rechtspopulistische Politiker Nigel Farage in einem Radio-Interview. „Jetzt kommt alles raus!“, titelte der Exxpress.

Eine Statistik über Angriffe auf Schwäne sollte den Mythos belegen, Hinweise auf migrantische Täter:innen liefert diese aber nicht. Ein Tierschutzverein vermutete dahinter vielmehr Jugendliche, die die Tiere „aus Spaß“ attackieren würden. Auch Fotos, die der Exxpress einbettete, um das Narrativ zu untermaueren, hat die örtliche Polizei schon 2024 widerlegt.

Interessant ist vor allem das Wahrheitsverständnis, dass die Redaktion in Bezug auf Farages Äußerung offenlegt: „Solange das Gegenteil nicht eindeutig belegt sei [sic], sollten [sic] seine Warnung ernst genommen werden.“

Collage von durchgestrichenen Artikeln des „Express“ mit der Überschrift: „Irreführende Berichte häufig in Verbindung mit den Themen Asyl und Migration:“. Die Artikel sind mit einem roten Kreuz durchgestrichen und tragen Titel wie „FPÖ warnt: Selbst vorbestrafte Asylwerber dürfen jetzt Staatsbürgerschaft beantragen“, „UK-Debatte um ‚Schwäne essende‘ Migranten: Jetzt kommt alles raus!“ und „Vater empört: Ramadan statt Weihnachten in Wiener Volksschule!“.

Anfang Mai lässt uns der Exxpress zudem wissen, dass die Donauinsel nun eine „NoGo Area“ ist. Der Grund? „Rassismus gegen Österreicher“. Die Insel sei „fest in muslimischer Hand“, schreibt ein oder eine unbekannte:r Redakteur:in. Und: Sexuelle Belästigung im FKK-Bereich sei ein großes Problem – „sowohl durch Österreicher als auch muslimische junge Männer“.

Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Berichte über sexuelle Übergriffe im Nacktbereich. Aber von „muslimischen Männern“? Woher hat der Exxpress das? Eine Quelle erwähnt er nicht. „Sogar abgebissene Ohren stehen auf der Tagesliste [sic]“, meint der Exxpress weiter. Uns ist nur ein einziger Fall bekannt. Gewohnt nüchtern zieht das Blatt Fazit:

Durch unzählige Banden aus aller Herren Länder, die dort in den warmen Monaten herumlungern, ist es für die Stadt und die Polizei fast unmöglich, die Sicherheit auf der Donauinsel zu gewährleisten.

Der Umgang mit Falschnachrichten

Fälschlicherweise berichtete der Exxpress auch, österreichische Wissenschaftler:innen würden einen „Bevölkerungsaustausch“ befürworten. In einem offenen Brief warnten tausende Uniprofessor:innen vor einer möglichen FPÖ-ÖVP-Regierung. Der Brief ist nicht besonders lang. Dass ihn beim Exxpress ein Mensch gelesen hat, ist aber zu bezweifeln. Denn er schreibt:

Ein Satz zum Schluss des Briefes macht allerdings stutzig: Dort fordern die ‚Wissenschaftler*innen‘ ein ‚eindeutiges und unzweifelhaftes Ja zum Bevölkerungsaustausch, weils uns in unseren Elfenbeintürmen eh nicht betrifft‘.

Das Zitat ist erfunden. In Wahrheit formulierten die „Wissenschaftler:innen für Demokratie“ folgenden Satz:

Wir (…) fordern ein eindeutiges und unzweifelhaftes JA ZUR DEMOKRATIE, JA ZUR OFFENEN GESELLSCHAFT sowie zur Freiheit der Forschung und ihrer Lehre.

Entlarvend ist zudem auch der Umgang des Exxpress mit seinen Falschnachrichten: Sie bleiben meistens einfach stehen. Die längst widerlegte Falschbehauptung, BRICS-Staaten würden „künftig 80 Prozent der Ölproduktion“ kontrollieren, steht dort zum Beispiel ebenso noch wie die irrsinnige Behauptung, dass „62.000 Liter“ HIV-verseuchte Blutkonserven in die Ukraine geliefert werden sollten.

Falschnachrichten zum Fall Castillo

Auf der Exxpress-Website finden sich regelmäßig tendenziöse und ideologisch aufgeladene Beiträge – wir haben das beispielsweise anhand der Berichte nach dem tödlichen Attentat auf Charlie Kirk dokumentiert. Auch im Fall Noelia Castillo kann man das beobachten.

Die 25-jährige Spanierin hat sich für einen assistierten Suizid entschieden, der Fall sorgte in Spanien für eine Debatte über Sterbehilfe – und wurde von rechten und ultrakatholischen Akteur:innen instrumentalisiert.

Mittendrin der Exxpress: Er bettet ein X-Posting ein, in dem die Falschbehauptung verbreitet wird, Castillo hätte ihre „beste Freundin“ vorab nicht sehen dürfen – „weil sie befürchten, dass sie es sich vielleicht noch anders überlegt und nicht zustimmt, getötet zu werden und dass ihre Organe entnommen werden“. Sowohl der Mythos zur Organspende als auch die Erzählung, enge Freund:innen wären von Castillo weggehalten worden, gehören zu den bereits widerlegten Falschbehauptungen rund um den Fall.

Eine weitere Desinformation, die sich im Fall Castillo hartnäckig hält, ist die Behauptung, sie sei von einer Gruppe Migranten vergewaltigt worden.

Im Exxpress-„Nachtflug“ mit dem positiven Jahresmotto „Tabuthemen 2026 – Migration, Gewalt & Meinungsfreiheit eskalieren“ zitiert Exxpress-Kolumnist Bernhard Heinzlmaier „alternative Medien“: Es hätte sich um „Migranten aus dem Magreb“ gehandelt. Das Factchecking-Team der deutschen Presseagentur findetkein[en] Beleg für Beteiligung von Migranten an sexuellen Übergriffen auf Noelia Castillo“

„Der Ruf der Migrant:innen darf nicht geschädigt werden und da ist man sogar bereit, 788 Gruppenvergewaltigungen in Deutschland unter den Teppich zu kehren“, behauptet Heinzlmaier in diesem Gespräch außerdem. Die Zahl ist richtig, was in dieser Statistik allerdings auch belegt ist: die meisten Gruppenvergewaltigungen begehen mit Abstand Deutsche. Moderiert wird die Sendung übrigens von Herausgeberin Eva Schütz. Kritische Nachfragen bleiben aus.

Der Rassismus-Vorwurf

Ob der Exxpress als Medium „rassistisch“ agiert, ist nicht einfach zu beantworten. Armin Wolf bezieht sich mit seinem Posting auf Kommentare im Exxpress-Forum, in denen von den „Sitten der Teppichlutscher“ die Rede ist und „Remigration“ gefordert wird. Weil sie die meisten User:innen-Likes bekommen haben, befinden sie sich kurzzeitig auf der Startseite als  „Top-Kommentare“.

Begriffe wie „Umvolkung“ und „Bevölkerungsaustausch“ tummeln sich ganz selbstverständlich ebenso in den Kommentarspalten. In seinen Berichten verwendet der Exxpress diese Wörter nicht, bedient aber ähnliche Bilder. In einem Artikel über die Talent Partnerships der EU mit anderen Ländern schreibt der Exxpress zum Beispiel: „Noch kommen nicht Hunderttausende über solche Programme. Aber die Rohre werden verlegt.“

Das „Austausch“-Narrativ bedient auch diese Schlagzeile: „In der Tagesschau heißen Deutsche jetzt ‚Nicht-Migranten‘“. In Wahrheit kündigt die Sprecherin eine Initiative von „Migranten und Nicht-Migranten“ an, bei der Ehrenamtliche Deutschkurse anbieten. Obwohl für das Publikum völlig klar ist, wer gemeint ist, zieht die Schlagzeile diese Formulierung bewusst aus dem Kontext.

Es ist ein klassisches Beispiel für „Rage Bait“;  das gezielte Schüren von Empörung, um Reichweite zu generieren. Der Beitrag erschien ursprünglich auf Nius, dem „Partnermedium“ und Mehrheitseigentümer des Exxpress.

Rassistische Narrative in Meinungsbeiträgen

Zugpferde sind die Kolumnisten. In Beiträgen von Bernhard Heinzlmaier oder Ralph Schöllhammer werden die Begriffe „Bevölkerungsaustausch“ und „Schuldkult“ für vermeintliche Analysen genutzt („wenn man das [so nennen] dürfte“, wie Heinzlmaier ergänzt) – beides sind rassistisch aufgeladene Kampfbegriffe.

Ein weiterer Exxpress-Gastkommentator, der FPÖ-Nahe Publizist Werner Reichel, erklärt indes, warum so viele Tourist:innen aus dem „sich durch Massenzuwanderung selbst zerstörendem Europa“ gerne nach Japan reisen würden. Das läge am dortigen „kulturell homogenen Staatsvolk“. „Es ist für viele, vor allem Junge, ein letztes Schlupfloch, um der europäischen Tragödie zumindest zeitweise zu entfliehen.“

Bei manchen Kommentaren ergänzt der Exxpress einen Hinweis: „Gastkommentare stellen die Meinung der jeweiligen externen Autoren dar und müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.“ Dieser ist so einer.

Collage von Artikeln aus der Meinungsrubrik des „Express“. Die Überschrift lautet: „Nichts Neues in der Exxpress Meinungs-Rubrik:“. Es sind mehrere Artikelausschnitte mit Titeln wie „Heinzlmaier: Den vitalen muslimischen Ehrenmännern sind wir nicht gewachsen“, „Tyrannei der Schuld: Warum hasst sich der Westen? Ralph Schöllhammer analysiert!“, „Bernhard Heinzlmaier: Ist die westliche Kultur am Ende?“, „Christian Ortner: Die Islamisierung geht weiter“ und „Bernhard Heinzlmaier: Wien schafft sich ab!“ zu sehen.

Natürlich ist die „Meinung anderer“ erstmal nur eine Meinung anderer. Dennoch steckt hinter Gastbeiträgen eine redaktionelle Entscheidung (oder sollte es zumindest). Sätze wie „Westeuropa hat das groß angelegte Experiment durchgeführt, die Babys, die sie nicht haben wollten, durch Kinder aus der nicht-westlichen Welt zu ersetzen“ zahlen auf die „Great Replacement Theory“ ein. Das muss man als Redaktion wissen und wollen.

Wir wollten vom Exxpress daher wissen, wo die Redaktion die Grenze zwischen Migrationskritik und rassistischen Narrativen zieht. Man hat uns nicht geantwortet.

In einem Thread auf Bluesky zeigte @bjoernsenior.bsky.social zuletzt eindrücklich, „wie der exxpress rechtsextreme Akteure und deren Sprache normalisiert“. Neben dem Einbetten radikaler Postings („Deport all Muslims“) gehört dazu, den Rechtsextremisten Tommy Robinson als „Bürgerrechtler“, Identitäre als „patriotische Gruppe“ und die Identitären-Parole „Defend Europe“ als „klar pro-europäische Botschaft“ zu verharmlosen.

Wiederkehrendes Muster

Die Beispiele belegen: Der Exxpress berichtet nicht nur irreführend und tendenziös, er verbreitet auch nachweislich Falschinformationen. Auffällig häufig betrifft dies Narrative über Menschen anderer Herkunft. Das reicht noch nicht, um den Exxpress pauschal als „rassistisches Medium“ zu bezeichnen. Es zeigt aber ein wiederkehrendes Muster, in dem Falschinformationen, selektive Darstellung und rassistisch aufgeladene Narrative einen relevanten Teil der Inhalte bestimmen.


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Männer sind Ikonen oder sogar Legenden. Frauen sind Prinzessinnen, Rotzgören oder Muttis. So scheint das zumindest der deutschsprachige Musikjournalismus zu sehen. In unserer Recherche haben wir uns die Wortwahl in den vier größten deutschsprachigen Plattformen für Musikkritiken angeschaut. Dabei zeigt sich ein deutliches Muster: Männliche Künstler werden als prägende Instanzen der Musikgeschichte verewigt, Künstlerinnen auffallend oft sexualisiert und verniedlicht.

Eine Collage mit ausgewählten Headlines über Musiker und Musikerinnen.

Oasis, Iggy Pop und Co. sind allesamt musikalische Legenden. Da sind sich führende Musikjournalist:innen einig. Wie ist das bei Künstlerinnen wie Mariah Carey oder Dolly Parton? Ebenfalls Legenden? Zumindest werden sie nicht so genannt. Es scheint da nämlich eine Krux zu geben: Die beiden sind keine Männer. Musikjournalist:innen nennen sie lieber „Prinzessin“ (Rolling Stone über Carey) oder „Übermutter (Der Spiegel über Parton).

Österreichs Boulevardmedien sind voll mit Artikeln, die prominente Frauen auf ihren Körper reduzieren und sexualisieren. Die Zeitungen bestimmen, wie viel Haut zu viel ist und wie Frauen auszusehen haben, um als schön, sexy und selbstbewusst zu gelten – toxische Schönheitsideale inklusive.

Collage "Nacktheit"

Frauen werden im Boulevard oft nicht als handelnde Personen dargestellt, sondern als Sexualobjekte. Unsere Analyse zeigt: Diese Objektifizierung und Sexualisierung von Frauen sind keine Einzelfälle, sondern ein strukturelles mediales Phänomen.

Dafür haben wir Krone.at, Heute.at und OE24.at von Jänner bis Dezember 2025 ausgewertet. Untersucht wurden gezielt Artikel, in denen Körper, Aussehen oder Freizügigkeit im Mittelpunkt stehen. Beiträge also, die zum Beispiel Wörter wie nackt, sexy oder heiß im Titel hatten.

So kamen über 500 Artikel zusammen, in denen wir nachlesen konnten, wie megasexy und megahot die Körper prominenter Frauen und Männer sind – 52 Prozent davon stammen von Krone.at, 25 Prozent von Heute.at und 23 Prozent von OE24.at.

Die Ölkrise, ausgelöst durch den Iran-Krieg, bringt ein wiederkehrendes Thema aufs Tapet: die Förderung von Erdgas in Österreich mittels Fracking. Doch wenn Medien über Fracking schreiben, verwenden sie häufig veraltete Zahlen oder greifen auf Mythen zurück. 

Eine Collage von Zeitungsausschnitten zum Thema Energiepolitik und Fracking in Österreich. Die Collage enthält folgende Elemente: „Die Presse“ (Leitartikel und Meinung, 27. März 2026): Leitartikel von Jeannine Hierländer: „Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ – Diskussion über ideologische Tabus in der Energiepolitik und die Notwendigkeit, Österreichs Energieversorgung unabhängiger zu gestalten. Meinungsbeitrag von Christian Ortner: „Drill, Baby, Drill – und zwar bitte demnächst auch in Österreich!“ – Plädoyer für Fracking in Österreich, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. „Kronen Zeitung“ (Seite 18, 2. Juni 2024): Artikel: „Todesstoß für die Landschaft“ – Kritik an der Forderung nach Fracking im Weinviertel, verbunden mit Umweltbedenken. „Vorarlberger Nachrichten“ (Donnerstag, 6. Juni 2024): Artikel: „Grünes Fracking ist ein Mythos“ – Ablehnung von Fracking aus ökologischen Gründen, mit Verweis auf die Ablehnung durch Wissenschaft und Landespolitik. „Salzburger Nachrichten“ (Dienstag, 24. März 2026): Artikel: „Teures Gas, aber Fracking ist keine Option“ – Diskussion über die hohen Gaspreise und die Ablehnung von Fracking in Österreich. Zusätzlich sind auf der Collage Grafiken zu erneuerbaren Energien (Biogas und Photovoltaik) sowie ein Foto von einer Bohrinsel zu sehen.

Derzeit fällt vor allem Die Presse mit Artikeln zum Fracking auf: In einem Leitartikel mit dem Titel „Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ wird für diese Art der Erdgasförderung geworben, genauso wie in der Kolumne von Christian Ortner („‚Drill, Baby, Drill‘ – und zwar bitte demnächst auch in Österreich!“). Im Artikel „Österreich könnte viel eigenständiger sein“ kommt Fracking ebenso gut weg.

Dass in Meinungsbeiträgen für oder gegen Fracking argumentiert wird, ist legitim. Doch nicht nur dort, und nicht nur in der Presse, ist die Faktenlage oft dünn. Journalist:innen beziehen sich zum Beispiel auf veraltete Daten, verharmlosen Umweltrisiken oder verbreiten umgekehrt Mythen zum Schreckgespenst „Fracking“.

Wie Geflüchtete wahrgenommen werden, hängt stark davon ab, wie Medien über sie berichten. Eine Analyse der Kronen Zeitung und der Presse zeigt, dass Herkunft dabei eine wichtige Rolle spielt: Während Erzählungen über ukrainische Geflüchtete meist mit Integration und Schutz verbunden sind, werden Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Tschetschenien deutlich häufiger problematisiert.

„Mit der Flüchtlingswelle kamen auch Messerstecher.“ So beginnt im August 2025 ein Artikel in der Presse. Wenige Seiten weiter wird die gelungene Integration ukrainischer Familien gelobt. Zwei Geschichten, zwei Tonlagen – und zwei sehr unterschiedliche Bilder von Schutzsuchenden.

Best-of Negativschlagzeilen über Geflüchtete

Best-of Negativschlagzeilen über Geflüchtete

Wie Medien Geflüchtete zeigen

In der österreichischen Berichterstattung werden Unfälle oft zum Spektakel: Medien veröffentlichen unzensierte Fotos von Autowracks, Rettungseinsätzen oder Leichenboxen – und verletzen damit die Intimsphäre der Opfer. Das ist besonders im Boulevard ein Problem. Aber nicht nur dort.

Eine Collage mit Titelbildern von Berichten zu Unfällen. Der Titel lautet „Unfallvoyeurismus in österreichischen Medien“.

„Video zeigt brutalen Gondel-Absturz in der Schweiz“, schreibt die Kronen Zeitung am 18. März in der Bildunterschrift eines Videos, das einen tödlichen Unfall in einem Schweizer Skigebiet zeigt. Allerdings zeigt das Video nicht nur den „brutalen Gondel-Absturz“ – sondern auch die versuchte Wiederbelebung des Opfers. Die journalistische Grundregel, die Intimsphäre von Menschen zu schützen, wird dabei ignoriert. Das Video generiert über 2.800 Likes und wird über 1.000 Mal geteilt.

Fotos von Autowracks, brennenden LKWs und Sanitäter:innen, die gerade versuchen, Menschenleben zu retten, werden regelmäßig als Titelbilder zur Berichterstattung über Unfälle verwendet – und das nicht nur in der Krone. Je schockierender die Szene, desto mehr tauchen solche Bilder in österreichischen Medien auf.

Dieses Muster hat einen Namen: Unfallvoyeurismus. Es geht dabei darum, Leid und Tod möglichst ungefiltert zur Schau zu stellen. Das Problem: Die Opfer der Unfälle bleiben dabei oft identifizierbar – durch mangelhaft verpixelte Fotos von ihnen selbst, Nahaufnahmen der zerstörten Fahrzeuge oder durch Details zum Leben der Betroffenen und ihrer Familien. Das verletzt die Intimsphäre der Opfer und ihrer Angehörigen.

Mit dem Titel „Natascha Kampusch – Gefangen in Freiheit“ strahlt der ORF am Montag, 16. März, eine Dokumentation über die heute 38-Jährige aus. Im Programmtext steht ihr derzeitiger Gesundheitszustand im Fokus. Damit löst der Sender noch vor der Erstausstrahlung weltweit Berichte über ihren höchstpersönlichen Lebensbereich aus. Ein schwerer Fehler. 

„Dramatische Wende 20 Jahre nach ihrer Selbstbefreiung: Die 38-jährige Natascha Kampusch hat einen Zusammenbruch erlitten“, beginnt die Beschreibung der neuen Dokumentation im ORFTV-Programm. Damit ist der Ton gesetzt. „Bewegt vom heutigen Zustand“ der Frau würden „Ermittler, Staatsanwälte und Wegbegleiterinnen schonungslos Stellung“ beziehen, verspricht die Ankündigung weiter. Wortgleich veröffentlicht der ORF dazu am Donnerstag auch eine Presseaussendung.

Die PR schlägt ein. Sie führt noch am selben Tag zu einer Flut an Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien. Heute sorgt der Inhalt sogar für internationale Berichterstattung. Die Berichte sind allesamt problematisch: Sie teilen höchstpersönliche Informationen, die nicht von Kampusch selbst stammen. Was hat der ORF hier losgetreten – und warum?

ORF prescht vor