Wir recherchieren nach,
damit ihr nicht müsst.

Bei Wolfgang Fellners Mediengruppe gehört die Täuschung des Publikums zum Geschäftsmodell. Seit Jahren verkauft er verbotene Schleichwerbung an ­Anzeigenkund:innen – und kommt damit davon.

Collage aus Zeitungsausschnitten und Screenshots von Österreich bzw. oe24. Der Titel: „Die Fellner'schen Methoden, ein Werbegeschäft zu machen“. Die Überschriften, im Uhrzeigersinn: „RAUCHEN – Was Brüssel plant, verspricht harten Tobak“; „100 Ideen für Österreichs Wirtschaft – Panel Energieinfrastruktur“; „GOLD-GENERATION im Vormarsch“; „WASSERKRAFT WIRD HIER HAUTNAH ERLEBBAR“; „DER GROSSE OE24-WIRTSCHAFTSGIPFEL“; „MEINE ENERGIE – STROM-SENSATION: Dieses Kraftwerk versorgt jetzt 40.000 Haushalte!“; „Starker Partner für Innovation“.

„Letztendlich habe ich immer gewonnen, bin ein kleines Glückskind gewesen“, sagt Wolfgang Fellner bei der Präsentation seiner ­Autobiografie im Mai 2026. Nun ja, man könnte auch sagen: Es war nicht Glück allein – geholfen hat auch seine Rücksichtslosigkeit. Zum Beispiel gegenüber geltendem Recht.

Fellner betreibt nämlich systematisch Schleichwerbung. Über die Jahre hat der Medienmacher die Grenzen des in Österreich Druckbaren erfolgreich verschoben – ­geduldet von den Behörden und in Komplizenschaft mit öffentlichen Stellen und der ­Politik. Denn trotz Aufdeckungen und öffentlicher Kritik täuscht Fellner zum eigenen Profit bis heute das Publikum seiner Blätter.

Das spießt sich zwar mit dem Image des Vollblutjournalisten, das er gern pflegt. Doch solange die Kassa klingelt, stört das den Verleger offenbar nicht.

Wie unverhohlen Fellner Schleichwerbung betreibt, zeigt ein Blick in seine Tageszeitung: Auf Seite 10 der Österreich-Ausgabe vom 13. Mai 2026 zum Beispiel führt uns die Redaktion in die österreichischen Alpen und zu deren Stauseen. Man erfährt, was sich rund um Staumauern so treiben lässt. Die schönen Bilder und die netten Geschichten sind Teil 24 der Serie „Meine Energie“, verrät der Seitenkopf. Das Thema des Tages: „Wasserkraft erleben“.

Collage aus mehreren überlappenden Zeitungsseiten auf grünem Hintergrund mit Artikeln zu Energieberatung, Kraftwerksbesichtigungen, Pumpspeicher Kaprun und Photovoltaik, u. a. „Ab zur Energieberatung!“, „Batterie im Berg“ und „Sonnenstrom für Süßes aus OÖ“.

Advertorials in „Österreich“ aus der Verbund-Kampagne „Meine Energie“. Was fehlt: Die Kennzeichnung als Werbung.

Dass alle drei Staumauern, für deren Besuch geworben wird, mehrheitlich im Besitz der Verbund AG sind, ist freilich kein Zufall: Für die Inhalte hat nämlich der Verbund bezahlt. Als Leser:in erfährt man das aber nicht.

Um herauszufinden, ob und wie viel der teilstaatliche Energieanbieter für diese Artikelserie bezahlt hat, muss man sich schon in die Medientransparenzdatenbank der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR) vertiefen. Öffentliche Rechtsträger, also auch der Verbund, müssen ihre Werbeausgaben seit 2024 grundsätzlich ab dem ersten Cent ­melden.

Die auf den Kanälen der oe24 Media Group realisierte „Meine Energie“-Kampagne ist bereits 2025 gestartet und war dem Verbund im vergangenen Jahr insgesamt 105.242,56 Euro wert. Das Unternehmen hat bei der RTR auch die jeweiligen Sujets hinterlegt – darunter die verdeckte Printwerbung in ­Österreich.

Damit hat der Verbund den Beweis für den mutmaßlichen Verstoß gegen das Mediengesetz gleich selbst erbracht. Wohl völlig unbemerkt und ohne Konsequenzen. Kein Wunder: Das ­Verbot von Schleichwerbung gilt in Österreich als totes Recht.

Paragraf 26 Mediengesetz ist zwar nach wie vor in Kraft und verlangt, ­entgeltliche Veröffentlichungen als solche erkennbar zu machen – ­damit das Publikum gleich weiß, woran es ist: Werbung oder Journalismus. ­Allzu ernst genommen wird das Gesetz aber nicht: Von den mehr als 20 bezahlten Printseiten der Verbund-Kampagne in Österreich, die ­Kobuk und Dossier dokumentiert haben, waren nur zwei als „Entgeltliche Einschaltung“ gekennzeichnet.

An der Aushöhlung des Paragrafen 26 hat Fellner seit jeher erheblichen Anteil. Dass Werbung nicht als solche ­erkennbar ist, hat bei ihm Methode. In den vergangenen zwanzig Jahren ist er dabei durchaus kreativ geworden und hat mit Fake-Journalismus viel Geld verdient.

Zu bezahlten Inseraten der ÖBB im Jahr 2012 gab es ­beispielsweise ­jeweils eine „kleine redaktionelle Geschichte“ – in Absprache mit ­Herausgeber Wolfgang Fellner. Das belegen E-Mails, die Dossier 2016 veröffentlicht hat.

Zu den dokumentierten Käufern von Fellners Schleichwerbung zählen in jenem Jahr auch die Möbelhauskette Ikea und der Elektronikhändler Saturn (heute Mediamarkt). Die Firmen gaben sich damals auf Dossier-Anfragen ausweichend und wollten die Gesetzesübertretungen nicht kommentieren.

Fellner selbst war schon damals weniger zurückhaltend: Positive Berichte über große Anzeigenkunden bezeichnete er gegenüber Dossier als „Teil unseres redaktionellen Konzepts“. In seiner schriftlichen Stellungnahme kreierte er ein unfreiwilliges Bonmot: „Ich kann Ihnen versichern, dass es in Österreich keine Schleichwerbung gibt – jedenfalls viel weniger als in anderen Medien.“

Zu Fellners Konzept gehören auch unzählige Schmeichelberichte über Supermarktketten. 2023 erschienen im Printmedium Österreich mehr als 80 Artikel über sie – eine Kobuk-Auswertung fand darunter ­keinen ­einzigen auch nur ansatzweise kritischen Artikel. Und das in einem Jahr, in dem die Konzerne wegen steigender Lebensmittelpreise auch ­politisch unter Druck gerieten.

Umgekehrt scheint keine Supermarktneuigkeit für die Fellner-Medien zu belanglos: Rabattaktionen landen dann schon einmal auf der Titelseite und eine Presseaussendung über das neue „Asia-Sortiment“ von Spar wird fast wortgleich im „Business“-Teil übernommen. Dazu muss man wissen: Die Konzerne sind verlässliche Anzeigenkunden.

Auch in den Österreich-Ausgaben des ersten Halbjahres 2026 können Leser:innen nicht immer sicher sein, unter dem Label Journalismus auch Journalismus zu bekommen. Auffällig sind die regelmäßig erscheinenden Sonderrubriken. Die Seite „Rauchen“ etwa erscheint stets mit ­passenden Inseraten. Unter einem kritischen Bericht über die Ausweitung der Tabak­steuer auf Nikotinpouches leuchtet dann zum Beispiel in auffälligen Grün-, Blau- und Gelbtönen eine Werbung für: Nikotinpouches.

Zum „Tag der Pflege“ steht wiederum ein Bericht über die „neue Pflegestrategie“ des Landes Oberösterreich neben Werbung für Jobs in Oberösterreichs Altenpflege. Und auch bei Gesundheitsthemen passt das redaktionelle Umfeld oft zum Inserat: So weist etwa über einer Werbung für das Hörakustik­unternehmen Hansaton ein Artikel auf die Wichtigkeit von Hörtests hin.

Collage von Zeitungsausschnitten und Anzeigen zu Tabakpolitik und Gesundheit auf dunklem Hintergrund mit grünem Streifen. Von links nach rechts: 1. „Was Brüssel plant, verspricht harten Tobak“ und darunter eine VELO-Nicotine-Pouches-Anzeige, 2. ein Artikel zur neuen ApoApp in der Rubrik „Apothekerkammer“, 3. Werbung für Hansaton Hörtest-Tage unter einem redaktionellen Artikel über besseres Hören, 4. der Artikel „‚Gold-Generation‘ im Vormarsch“ in der Rubrik „Tag der Pflege“, darunter eine Werbung zum Tag der Pflege des Landes Oberösterreich

Mit eigenen Rubriken schafft Oe24/Österreich das passende redaktionelle Umfeld für Werbekund:innen.

Schleichwerbung, ein Kavaliersdelikt

Trotz dieses auffallenden Musters sind diese Berichte im redaktionellen Teil der Zeitung rechtlich nur dann Schleichwerbung, wenn man auch einen Geldfluss nachweisen kann. Anders sieht es im TV aus: Das Audio­visuelle Mediendienste-Gesetz verbietet Schleichwerbung auch ohne Entgelt. Das löst das Beweisproblem. Es zähle der „objektive Eindruck“, erklärt der Medienrechtler Hans Peter Lehofer.

Dagegen zog ausgerechnet Fellner 2022 bis vor den Verfassungsgerichtshof (VfGH). Sein Argument: TV anders zu behandeln als Print verstoße gegen den Gleichheitsgrundsatz. Konkret legte er Beschwerde dagegen ein, dass ein Oe24.TV-Bericht über einen Shop für Atemschutzmasken, in dem ein Mitarbeiter verschiedene Modelle und Produkte vorstellen konnte, von der Medienbehörde KommAustria als Schleichwerbung eingestuft worden war. Der VfGH wies die Beschwerde zurück und gab der KommAustria recht.

Sendezeit kann man sich im Fellnerversum dennoch erkaufen – vor den Zuseher:innen verborgen. Die Wirtschaftskammer Österreich etwa ­zahlte 22.500 Euro, damit ihr Handelsobmann beim „großen Oe24-Wirtschaftsgipfel“ vergangenen Dezember mitdiskutieren konnte. Das geht aus den Meldungen an die RTR hervor.

Das dort hinterlegte Video lässt einen Hinweis auf „Produktplatzierung“ erkennen – eine solche liege bei Zahlungen für Diskussionsteilnahmen aber gar nicht vor, sagt Lehofer. Auf Youtube lädt man das Video der Diskussion ohne Hinweis. Auch von der Energie Steiermark ist im vergangenen Jahr für die Teilnahme ihres Vorstands an einer Oe24.TV-Diskussionsrunde Geld geflossen, hier waren es 6.900 Euro.

Zwei Screenshots von oe24-TV-Beiträgen: links ein Screenshot mit Martin Graf (Vorstand Energie Steiermark) zum Thema Energieinfrastruktur, rechts eine Runde des oe24-Wirtschaftsgipfels mit Gesprächsteilnehmern auf roten Sesseln vor nächtlicher Stadtkulisse.

Auch für die Teilnahme an TV-Diskussionen fließt Geld an die oe24 media group. Gekennzeichnet wird das nicht.

Crossmediale Verschleierung

Die oe24 Media Group praktiziert das Geschäft mit der Schleichwerbung mittlerweile crossmedial. Die Verbund-Kampagne nutzt sie ­sogar als „Content-Case“ für Eigenwerbung. Die Kampagne soll „das Thema ­Energie aus unterschiedlichen Perspektiven erlebbar“ machen, heißt es auf der Website der Mediengruppe. Zu diesem Zweck wird nicht nur im Print, sondern auch online, auf Oe24.TV und auf Social Media geworben. Crossmedial eben. Aber nicht wirklich transparent.

„Präsentiert von ­Verbund“, heißt es im Einspieler der TV-Beiträge der Kampagne. Manche zeigen durch­gehend das Verbund-Logo. In ­anderen wird auf das Logo verzichtet, etwa im Beitrag über die Eröffnung des Wasserkraftwerks Limberg III, der auch dank Interviews mit Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) und Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer (ÖVP) den Eindruck eines ganz gewöhn­lichen redaktionellen Beitrags erweckt.

Auf oe24.at führt ganz oben auf der Startseite ein „Sonderthema“ zu ­Verbund-freundlichen „Top-Stories“. Die Artikel sind als entgeltliche Einschaltungen gekennzeichnet, sehen allerdings wie journalistische ­Beiträge aus. Kennzeichnungen wie diese werden von Leser:innen oft übersehen, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin Sabine Einwiller von der Universität Wien.

Auch im Videoformat auf Social Media wirkt die Verbund-Werbung ­zunächst redaktionell. Social-Media-Redakteur:innen moderieren die Beiträge, im Hintergrund laufen Archivbilder. Oft verrät nur ein Blick an das Ende des Begleittextes der Postings: Das hier ist eine „Anzeige“. Das ist weit weg von dem, was Expert:innen als transparent genug erachten. Die Arbeiterkammer Wien empfiehlt zum Beispiel, auf Tiktok die Werbe­kennzeichnung an den Anfang einer Beschreibung zu setzen und für ­Videos visuelle Labels zu verwenden.

Wenn eine Kennzeichnung irgendwo in der Beschreibung ­verschwindet, ist das auch für den PR-Ethikrat zu wenig. In den letzten Jahren ­würden sich Fälle fehlender Kennzeichnung auf Social Media häufen, berichtet dessen Vorsitzende Michaela Wein. Für sie ist auf Social Media auch ein Stück weit das „Unrechtsbewusstsein verlorengegangen“. Eine RTR-­Studie zu Influencer:innen bestätigt diesen Befund: Werbung werde überhaupt „nur sporadisch“ explizit gekennzeichnet. 20 Jahre nach dem Start von ­Österreich ist Fellner damit auch auf Social Media in guter Gesellschaft.

Beide Seiten verantwortlich

Für eine ordentliche Kennzeichnung seien allerdings nicht nur Medien und Medienschaffende verantwortlich, sondern auch die PR-Abteilungen, stellt Ethikrat-Vorsitzende Wein klar. „Manche denken: Das Medium ist zuständig für die Kennzeichnung, und das ist nicht mein Problem.“ ­Anderen seien die Meldungen und Rügen des PR-Ethikrats wiederum einfach „wurscht“.

Und wie sieht das beim Verbund aus? Das börsennotierte Unternehmen, zu 51 Prozent im Besitz der Republik, beschreibt „Integrität und faire ­Geschäftspraktiken“ auf Anfrage immerhin als „wesentliche Bestand­teile“ der Unternehmenskultur. Man sei „sehr an einer transparenten Darstellung von entgeltlichen Einschaltungen interessiert“ und würde das gegenüber Partnern „stets klar“ artikulieren.

Trotzdem hält das Unternehmen fest: „Die Gestaltung, Veröffentlichung und Kennzeichnung der betreffenden Formate liegt letztverantwortlich beim publizierenden ­Medienhaus.“ Man bedaure, dass das „nicht lückenlos passiert ist“.

Die Wirtschaftskammer Österreich und die Energie Steiermark sehen die Verantwortung für die Kennzeichnung ihrer bezahlten TV-­Auftritte ebenfalls bei der Mediengruppe oe24/Österreich. Nur: Diese schweigt. Die ­Geschäftsführer Wolfgang und Nikolaus Fellner haben auf unsere ­Anfrage nicht reagiert.

Presseförderung trotz Schleichwerbung

Sie haben auch kaum Sanktionen zu befürchten. „Der Paragraf 26 des Mediengesetzes ist fast totes Recht, weil er kaum exekutiert wird“, kritisiert die Wissenschaftlerin Sabine Einwiller. Zuständig sind nämlich die Bezirksverwaltungsbehörden, also etwa Bezirkshauptmannschaften oder Magistrate, „die einmal zum Beispiel überlegen müssen, ob gegen das Fischerei­gesetz verstoßen wird, und ein andermal, ob eine Übertretung des Mediengesetzes vorliegt“, so Jurist Lehofer.

Kurz gesagt: Die Durchsetzung funktioniert nicht.

In manchen Fällen ist direkt die Polizei zuständig. Doch sie weiß ­mitunter nicht, was sie mit Anzeigen zu Schleichwerbung anfangen soll. Dossier dokumentierte im Jahr 2016 Fälle, in denen Beamt:innen hunderte Anzeigen unbearbeitet liegengelassen und zum Teil sogar verloren haben. „In der Bearbeitung ist das in einer der niedrigsten Stufen“, sagte damals ein leitender Beamter.

Die zuständigen Polizeiinspektionen sind wohl tatsächlich nicht der beste Ort für die Bekämpfung der ­grassierenden Schleichwerbung, die sogar für Medienexpert:innen schwer zu ­erkennen ist.

Die Kontrolle auch hier der KommAustria zu übertragen, wäre verfassungsrechtlich möglich. Dafür müsste das Gesetz geändert werden. Aber „flächendeckend kontrollieren wird man es nicht können“, gibt der Medienrechtler Lehofer zu bedenken. Einen anderen Hebel könnte die Presseförderung darstellen.

Zurzeit spielt es für deren Erhalt keine Rolle, ob ein Medium sein Publikum systematisch täuscht. Zumindest bei einer Neuaufstellung der Qualitätsjournalismusförderung solle man diesen Aspekt berücksichtigen, findet Lehofer. Das müsse aber über Stichproben hinausgehen: „Es müsste belegt werden, dass es ein strukturelles Problem ist und dieses Medium potenziell schleichwerbungsgeneigt ist.“

Das wäre auch im Sinne des Rechnungshofs: Dieser kritisierte vergangenes Jahr fehlende Qualitätskriterien bei der Fördervergabe und empfahl unter anderem, „die Unabhängigkeit der Berichterstattung zu analysieren“. Schleichwerbung hätte dann auch dort Konsequenzen, wo es wehtut – beim Geld. Solange das nicht geschieht, gilt in Österreich weiterhin das Fellner’sche Prinzip: Frechheit siegt.

Schleichwerbungs-Glossar:

Advertorials heißen jene Printinserate, die wie redaktionelle Berichte aussehen.

Gefälligkeitsberichterstattung ist Berichterstattung, in der ein Unternehmen, eine Sache oder eine Person besonders
positiv dargestellt werden, um daraus einen wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen.

Kopplungsgeschäfte sind Werbegeschäfte, bei denen ein werblicher und ein vermeintlich redaktioneller Teil zusammen verkauft werden.

Produktplatzierung bedeutet, dass ein Produkt oder eine Marke in einer Sendung so vorkommen, „dass davon auszugehen ist, dass hierfür üblicherweise ein Entgelt geleistet wird“, schreibt
Thomas Petz von der KommAustria auf Anfrage. Dafür reiche es grundsätzlich, wenn die Marke oder das Produkt als solche erkennbar seien.

Schleichwerbung ist Werbung, die nicht danach aussieht und nicht als Werbung gekennzeichnet ist. Sie ist – egal ob Inhalte entgeltlich oder unentgeltlich veröffentlicht werden – nach dem Audiovisuelle Mediendienste-Gesetz unzulässig. Laut dem Mediengesetz und dem Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) gilt eine ungekennzeichnete Werbung erst dann als unzulässig, wenn die Entgeltlichkeit nachweisbar ist.

Werbliche Hybridisierung bezeichnet das starke Verschwimmen von Grenzen zwischen werblicher und ­ gewöhnlicher Kommunikation auf Social Media.


Diese Recherche entstand in Kooperation mit dem Investigativmagazin Dossier. Julia Tinney hat an der Recherche mitgearbeitet. Das aktuelle Dossier-Heft beschäftigt sich mit dem „Fall Fellner – Krawall und Korruption in Österreich“.


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„Entsetzliche“, „bislang unbekannte“ oder „Ekel-Details“: Im Fall Günther Paal machen Medien den Missbrauch an einem Kind zu einem Wettbewerb um immer schockierendere Enthüllungen. Die Gratwanderung zwischen berechtigtem öffentlichem Interesse und Opferschutz gelingt nicht allen.

Wie viel Information braucht die Öffentlichkeit, um eine Tat wie den sexuellen Übergriff auf ein Kind durch einen erwachsenen Mann zu verstehen? Vor etwa zwei Wochen war plötzlich bekannt: Der Kabarettist Günther Paal, bekannt als „Gunkl“, erstattete im Mai Selbstanzeige, weil er ein Kind missbraucht hat – und weil er deshalb jahrelang um viel Geld erpresst wurde. Die beiden Erpresserinnen sitzen in Untersuchungshaft, der Prozess gegen Paal startet Mitte Oktober.

Relevante Informationen betreffen aber auch die Frage, welche Umstände den Missbrauch ermöglicht haben: Welche Abhängigkeitsverhältnisse gab es, wo haben Schutzmechanismen versagt und was lässt sich daraus für die Prävention lernen?

Was nicht relevant ist: Wie und wo das Kind berührt wurde, wie es darauf reagiert hat oder wie der Täter die Tat erlebt hat. All das betrifft nämlich den höchstpersönlichen Lebensbereich des Kindes.

Und trotzdem sind diese Details nun öffentlich bekannt. Trotzdem heben sie Medien in ihre Schlagzeilen und Titelgeschichten. Warum?

Ein Missbrauch aus Täterperspektive

Die Kleine Zeitung berichtet über einen scheinbaren Skandal: Der Vater von Vizekanzler Andreas Babler soll für eine Operation vorgereiht worden sein. Man veröffentlicht die Geschichte ohne Stellungnahme des Krankenhauses – und mit vielen Konjunktiven. In den Folgeberichten lässt sich der Vorwurf nicht erhärten. Die Rekonstruktion eines journalistischen Schnellschusses, der nach hinten losging.

Eine Collage aus sieben Screenshots und Artikeln verschiedener österreichischer Medien, die sich mit dem Vorwurf der bevorzugten Behandlung von Andreas Bablers Vater in einem Wiener Spital befassen. Die Collage ist auf orangefarbenem Hintergrund angeordnet und enthält folgende Elemente: Oben links: Screenshot eines Nachrichtenbeitrags von ZIB mit der Überschrift „Babler muss sich Fragen zur OP seines Vaters stellen“. Im Bild ist ein Moderator im grauen Anzug zu sehen. Mitte links: Artikel von OE24 mit der Überschrift „Als Gastpatient in Wien: Babler-Vater bei OP bevorzugt?“ und der Untertitel „Niederösterreicher wurde im Sommer in Spital operiert“. Mitte: Titelblatt der Kleinen Zeitung mit der Schlagzeile „Wurde Bablers Vater im Spital bevorzugt?“ und einem Foto von Andreas Babler. Der Untertitel lautet „Der Vater von Vizekanzler Andreas Babler soll für eine Routineoperation in einem Wiener Spital vorgezogen worden sein“. Oben rechts: Artikel der Kronen Zeitung mit der Überschrift „Bablers Vater soll für OP vorgezogen worden sein“ und dem Untertitel „SPÖ dementiert“. Mitte rechts: Artikel der Kleinen Zeitung mit der Überschrift „Schnelle OP bei Bablers Vater: ‚Das ganze Haus weiß das‘“ und dem Text „Spital dementiert eine bevorzugte Behandlung von Bablers Vater. Mitarbeiter bleiben bei ihrer Darstellung einer nicht indizierten Vorreihung“. Unten links: Artikel von Heute mit der Überschrift „Schneller OP-Termin für Bablers Vater sorgt für Wirbel“ und dem Untertitel „Wirbel um Babler: Sein Vater soll ungewöhnlich rasch einen OP-Termin in einem Wiener Spital erhalten haben. Der SPÖ-Chef dementiert die Vorwürfe“. Unten rechts: Artikel vom Der Standard mit der Überschrift „Bablers Vater soll bei OP-Termin bevorzugt worden sein – die Klinik weiß das zurück“ und dem Text „Mehrere Medien und die FPÖ thematisieren eine angebliche Bevorzugung. Laut der Klinik gab es für den Operationstermin eine ‚akute Dringlichkeit‘“.

Der im Titel erhobene Vorwurf ist brisant: „Wurde Bablers Vater im Spital bevorzugt?“ lautet die jüngste „Exklusiv“-Geschichte der Kleinen Zeitung. Sie erscheint online am Mittwochabend und ist Donnerstag die Titelstory der Printausgabe. Es geht um eine Operation im Orthopädischen Spital Speising in Wien. Der Vater von Vizekanzler Andreas Babler „sei für eine Routineoperation vorgereiht worden“, steht im Teaser.

Nachdem schon der Titel ein Fragezeichen benötigt, bleibt es auch im zweiten Absatz ziemlich theoretisch: Der von Babler im ORF-Sommergespräch angekündigte Kampf gegen die Zweiklassenmedizin „könnte“ nun in „ein schiefes Licht“ geraten, heißt es.

Wenig Substanz, großes Echo

Drei Autor:innen waren an der Recherche beteiligt, darunter der leitende Innenpolitik-Redakteur und die Chefredakteurin für Wien. Anlass der Recherche waren aber keine exklusiven Informationen, die dem Medium zugespielt wurden, sondern eine Anfrage der FPÖ an das Gesundheitsministerium. Dort bezieht man sich bereits auf  „Aussagen von Mitarbeitern“, nach denen der Mann „auffallend rasch“ behandelt worden sei. Die Kleine veröffentlicht noch am selben Tag spätabends ihre Recherche dazu.

Aliens, Krebs, Weltuntergang: Für fast jede Schlagzeile findet sich in den Boulevard-Medien eine Studie, die sie vermeintlich belegt. Doch unsere Analyse zeigt: Im Jahr 2025 veröffentlichten Krone, Oe24 und Heute durchschnittlich mindestens viermal pro Woche irreführende Artikel zu Studien.

Der Wissenschaft sollten wir vertrauen – sie ist neutral, objektiv, faktenbasiert. Wenn also eine Zeitung schreibt, „Studie beweist“, dann muss es stimmen. Selbst wenn es absurd klingt: den genauen Todestag Jesu zu kennen, Aliens entdeckt zu haben, oder dass Toast das Herzinfarktrisiko erhöht. Glaubt man dem Boulevard, dann gibt es für all das Studien, die diese Befunde belegen.

Sich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen zu schmücken, ist bei Medien sehr beliebt. Im Jahr 2025 hat unsere Analyse 1.453 Artikel auf Heute, Oe24 und in der Kronen Zeitung hervorgebracht, die behaupteten, wissenschaftliche Studien im Fokus zu haben. Circa 400 davon waren ausgestattet mit Schlagworten wie „Schock-Studie“, „Alarmierende Studie“ oder „Wissenschaftlich belegt“.

Aber: Fast die Hälfte dieser Artikel präsentierte die zitierten Studien oder deren Ergebnisse verzerrt, unvollständig oder schlicht falsch. Im Durchschnitt erscheinen mindestens viermal pro Woche verzerrte Studiendarstellungen. In einer Oktober-Woche veröffentlichte allein Heute sogar zehn solche Artikel.

Eine neue Nachrichtenseite erfindet Redakteure und lässt sie Artikel von Medien wie MeinBezirk, Oberösterreichische Nachrichten oder News abschreiben. Doch nicht alle Quellen auf diesem KI-Portal sind nachvollziehbar. Was ist die Motivation dahinter?

Screenshot der Website „Weltstimme“. Über dem Bild ist ein rotes Band mit der Aufschrift „KI-GENERIERT!“ platziert. Zu erkennen ist ein Artikel mit der Überschrift „Russlandtag in Warschau: Polens rechte Opposition nähert sich Moskau an – was das für Österreich bedeutet“. Das Hauptbild zeigt zwei Männer in Anzügen, die sich unterhalten. Rechts daneben sind weitere Artikel mit Bildern und Überschriften zu sehen, darunter „USA und Iran erreichen Friedensabkommen zur Beendigung militärischer Spannungen“ (mit einem Foto von Donald Trump) und „EU-Außenminister erörtern Strategien zur Unterstützung der Ukraine und des Nahen Ostens“. Unterhalb des Hauptartikels sind weitere Nachrichten mit Bildern und kurzen Texten aufgelistet, z. B. „Fünf Volksbegehren beginnen am Montag in Österreich“ oder „Russlandtag in Warschau: Polens rechte Opposition nähert sich Moskau an – was das für Österreich bedeutet“.

Österreich hat ein neues Nachrichtenmedium – und es ist ziemlich fleißig. Die Startseite ändert sich oft mehrmals täglich. Es gibt neue Aufmachergeschichten und neue Artikel in den einzelnen Ressorts, die von Politik bis Lifestyle alles abdecken. Bemerkenswert: Dieses Onlinemedium stemmt das mit nur zwei Redakteuren: David Egger, der Chefredakteur, und Leon Hofer. Das meiste scheint beim Chef hängen zu bleiben, denn David schafft bis zu 40 Artikel täglich. Leon steuert immerhin zwei bis zehn Texte pro Tag bei.

Wer in Österreich den Sportteil einer Tageszeitung aufschlägt, bekommt ein ziemlich klares Bild davon, wer hier im Zentrum steht: Männer. Frauen kommen nur am Rand vor.

Es ist derzeit schwer, der Fußball-Weltmeisterschaft zu entkommen. Kaum ein Sportereignis erhält so viel mediale Aufmerksamkeit wie das Turnier der Männer. Fans werden mit Sondersendungen, Live-Analysen und Reporter Rainer Pariasek versorgt, der aus Amerika ins heimische Wohnzimmer grüßt. Doch die Aufmerksamkeit für den Männersport beschränkt sich nicht auf die Wochen eines globalen Großereignisses. Das ist der Normalzustand. Noch dazu sind es in Österreich meistens Männer, die die Berichterstattung rund um den Sport gestalten. So gibt es beispielsweise bei der Übertragung der WM zwischen ORF und ServusTV mit Anna Lallitsch nur eine einzige Frau, die die Spiele kommentiert. 

Collage aus österreichischen Sportzeitungsausschnitten (Kronen Zeitung, Der Standard, Heute) mit der Überschrift: „Wer steht im österreichischen Sportjournalismus im Zentrum?" Die Artikel zeigen überwiegend Männerfußball. Logo von Kobuk! unten rechts.

Dass die Berichterstattung über Athletinnen in Österreich eine untergeordnete Rolle spielt, ist kein Bauchgefühl, das lässt sich messen: Für diese Analyse haben wir die Print-Sportberichterstattung von Juli bis Dezember 2025 in der Heute-Zeitung (Wien-Ausgabe), der Kronen Zeitung (Wien Krone) und Der Standard untersucht. Dabei wurde in jeder einzelnen Ausgabe erhoben, wie viele Sportartikel sich primär mit Männersport, Frauensport oder gemischten Bewerben beschäftigen und wie Bilder dabei eingesetzt werden.

Exxpress-Herausgeberin Eva Schütz war eine von vielen Überraschungskandidat:innen für den ORF-Generalsposten. Armin Wolf tat auf der Plattform Bluesky seine Ratlosigkeit über ihre Nominierung durch den Stiftungsrat kund und bezeichnete den Exxpress als „rechte, rassistische Fake News-Schleuder“. Das sorgte für Empörung, vor allem beim Exxpress. Dabei sollte der Redaktion ihr eigener Umgang mit Falschnachrichten und rassistischen Narrativen nichts Neues sein. Eine Bestandsaufnahme.

Collage von Artikeln des Mediums „Express“ mit der Überschrift: „Tendenziös, einseitig, falsch: Beispiele aus der Exxpress-Berichterstattung“. Die Artikel tragen Titel wie „EU-Deal mit Bangladesch: Wird Migration jetzt ‚Talent‘ genannt?“, „Donauinsel wird zur NoGo Area: Rassismus gegen Österreicher“, „UK-Debatte um ‚Schwäne essende‘ Migranten: Jetzt kommt alles raus!“, „Brisante Studie: ‚Plötzlich und unerwartet‘ – 74 Prozent der Toten starben durch die Impfung“, „In der Tagesschau heißen Deutsche jetzt ‚Nicht-Migranten‘“, „FPÖ warnt: Selbst vorbestrafte Asylwerber dürfen jetzt Staatsbürgerschaft beantragen“ und „Panikmache per Staats-Website: Der Schmäh mit der ‚doppelten Klimaerwärmung‘“.

Neun Bewerber:innen stellten sich am 11. Juni der Stiftungsrats-Wahl zum oder zur neuen ORF-Chef:in. Exxpress-Herausgeberin und Chefredakteurin Eva Schütz war eine von ihnen. Und laut ihrem Hausmedium war sie sogar die „ORF-Generaldirektorin der Zuseher“, denn: „Eva Schütz in Umfragen klar vorne“, titelte der Exxpress am Dienstag.

Abgesehen davon, dass Zuseher:innen und Umfragen für die Bestellung keine Rolle spielen, sind die im Exxpress kolportierten Zahlen irreführend. Schütz würde in einer Umfrage der Gratiszeitung Heute auf 57 Prozent Zustimmung kommen, steht dort.

Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine echte Meinungsumfrage, sondern um ein Voting unter Heute-Leser:innen, eingebettet in einem Artikel über Schütz’ Kandidatur. Der Artikel ist außerdem bereits zwei Wochen alt. In einem aktuelleren Voting kommt Schütz nur auf 13 Prozent.

Das Gefühl, dass daran irgendetwas nicht stimmen kann, beschleicht einen beim Exxpress-Lesen öfter. Dem Medium „für Selberdenker“ haben wir mit Faktenchecks deshalb schon mehrmals beim Nachdenken nachgeholfen.

Der User @bjoernsenior.bsky.social dokumentiert ebenfalls schon seit Jahren Unstimmigkeiten, Fehler und Falschnachrichten der Plattform – vermehrt findet sich darunter auch mutmaßlicher KI-Content. Aber wie viel davon sind wirklich „Fake News“? Und was kann man dort sogar als „rassistisch“ bezeichnen?

Der „Fake-News“-Vorwurf

Wir lassen den ganzen KI-Slop – also die mutmaßlich mit Hilfe künstlicher Intelligenz produzierten Blödsinnigkeiten – an dieser Stelle außen vor. Auch wenn wir dafür auf einen österreichischen „Kanzler Andrew Babler“ oder den „Ex-Präsidenten“ Donald Trump verzichten müssen. Was uns hier interessiert, sind Falschnachrichten, die in die Irre führen.

Zum Beispiel bei Meldungen zum Klimawandel. Den zweiten österreichischen Sachstandsbericht zum Klimawandel versuchte der Exxpress vergangenes Jahr als „simple Binsenweisheit“ zu verkaufen – und die Berichte darüber als „Panikmache“. Der Exxpress störte sich an der Feststellung, dass sich Österreich schneller als der globale Durchschnitt erwärmt.

Das Blatt ist nämlich draufgekommen, dass sich ja nicht nur Österreich, sondern sehr viele Länder schneller als der globale Durchschnitt erwärmen, weil dazu auch die (kälteren) Ozeane gezählt werden. Und schließt offenbar daraus: Dann kann das Ganze ja nicht so schlimm sein. Diese Kritik sei „so simpel wie entlarvend“, schreibt der Exxpress über sich selbst.

Es wirkt nicht so, als hätte sich jemand angesehen, worum es in der Arbeit der Wissenschaftler:innen eigentlich ging (unter anderem die regionalen Auswirkungen des Klimawandels). Dass in diesem Medium einmal sogar Schneefall die Existenz des Klimawandels relativierte, dürfte da nicht weiter verwundern.

Collage mit der Überschrift lautet: „Exxpress-‚Know how‘ zum Klimawandel:“. Zu sehen sind Artikelausschnitte mit Titeln wie „Panikmache: Österreich erwärmt sich schneller – doch der Grund ist banal“, „Österreichs Kampf gegen Klima-Fake-News – trifft es auch Panikmache aus Ministerien?“, „Die Eisfrei-Lüge – Faktencheck bestätigt Panikmache“, „Kaum 25 Grad – doch Klima-Hysteriker rufen schon wieder den Weltuntergang aus“, „‚Unrealistisch‘: Schlimmstes Klimaszenario bereits vor Jahren entschärft“ und „Panikmache per Staats-Website: Der Schmäh mit der ‚doppelten Klimaerwärmung“.

Der Exxpress verbreitete in den letzten Jahren außerdem die Falschbehauptung, dass die Maskenpflicht während der Pandemie keine Auswirkungen auf das Infektionsgeschehen gehabt hätte. Im November 2024 erschien beim Exxpress ein Artikel über den Mythos, vermehrte „plötzliche und unerwartete“ Todesfälle seien auf die Corona-Impfung zurückzuführen.

Irreführende Geschichten über Asyl und Migration

In auffällig vielen irreführenden Berichten des Exxpress geht es um die Themen Asyl und Migration. Da wäre zum Beispiel die Behauptung, dass vorbestrafte Asylwerber:innen selbst mit einer Haftstrafe „problemlos Österreicher werden“ könnten. Die Quelle ist ein FPÖ-Video. Die Behauptung ist falsch. Das ist im Staatsbürgerschaftsgesetz klar geregelt.

Oder dass an einer Wiener Volksschule Ramadan statt Weihnachten gefeiert würde, auch das haben wir widerlegt.

Oder nehmen wir den Mythos um „‚Schwäne essende‘ Migranten“ aus dem vergangenen September. Aufgewärmt hat ihn damals der rechtspopulistische Politiker Nigel Farage in einem Radio-Interview. „Jetzt kommt alles raus!“, titelte der Exxpress.

Eine Statistik über Angriffe auf Schwäne sollte den Mythos belegen, Hinweise auf migrantische Täter:innen liefert diese aber nicht. Ein Tierschutzverein vermutete dahinter vielmehr Jugendliche, die die Tiere „aus Spaß“ attackieren würden. Auch Fotos, die der Exxpress einbettete, um das Narrativ zu untermaueren, hat die örtliche Polizei schon 2024 widerlegt.

Interessant ist vor allem das Wahrheitsverständnis, dass die Redaktion in Bezug auf Farages Äußerung offenlegt: „Solange das Gegenteil nicht eindeutig belegt sei [sic], sollten [sic] seine Warnung ernst genommen werden.“

Collage von durchgestrichenen Artikeln des „Express“ mit der Überschrift: „Irreführende Berichte häufig in Verbindung mit den Themen Asyl und Migration:“. Die Artikel sind mit einem roten Kreuz durchgestrichen und tragen Titel wie „FPÖ warnt: Selbst vorbestrafte Asylwerber dürfen jetzt Staatsbürgerschaft beantragen“, „UK-Debatte um ‚Schwäne essende‘ Migranten: Jetzt kommt alles raus!“ und „Vater empört: Ramadan statt Weihnachten in Wiener Volksschule!“.

Anfang Mai lässt uns der Exxpress zudem wissen, dass die Donauinsel nun eine „NoGo Area“ ist. Der Grund? „Rassismus gegen Österreicher“. Die Insel sei „fest in muslimischer Hand“, schreibt ein oder eine unbekannte:r Redakteur:in. Und: Sexuelle Belästigung im FKK-Bereich sei ein großes Problem – „sowohl durch Österreicher als auch muslimische junge Männer“.

Tatsächlich gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Berichte über sexuelle Übergriffe im Nacktbereich. Aber von „muslimischen Männern“? Woher hat der Exxpress das? Eine Quelle erwähnt er nicht. „Sogar abgebissene Ohren stehen auf der Tagesliste [sic]“, meint der Exxpress weiter. Uns ist nur ein einziger Fall bekannt. Gewohnt nüchtern zieht das Blatt Fazit:

Durch unzählige Banden aus aller Herren Länder, die dort in den warmen Monaten herumlungern, ist es für die Stadt und die Polizei fast unmöglich, die Sicherheit auf der Donauinsel zu gewährleisten.

Der Umgang mit Falschnachrichten

Fälschlicherweise berichtete der Exxpress auch, österreichische Wissenschaftler:innen würden einen „Bevölkerungsaustausch“ befürworten. In einem offenen Brief warnten tausende Uniprofessor:innen vor einer möglichen FPÖ-ÖVP-Regierung. Der Brief ist nicht besonders lang. Dass ihn beim Exxpress ein Mensch gelesen hat, ist aber zu bezweifeln. Denn er schreibt:

Ein Satz zum Schluss des Briefes macht allerdings stutzig: Dort fordern die ‚Wissenschaftler*innen‘ ein ‚eindeutiges und unzweifelhaftes Ja zum Bevölkerungsaustausch, weils uns in unseren Elfenbeintürmen eh nicht betrifft‘.

Das Zitat ist erfunden. In Wahrheit formulierten die „Wissenschaftler:innen für Demokratie“ folgenden Satz:

Wir (…) fordern ein eindeutiges und unzweifelhaftes JA ZUR DEMOKRATIE, JA ZUR OFFENEN GESELLSCHAFT sowie zur Freiheit der Forschung und ihrer Lehre.

Entlarvend ist zudem auch der Umgang des Exxpress mit seinen Falschnachrichten: Sie bleiben meistens einfach stehen. Die längst widerlegte Falschbehauptung, BRICS-Staaten würden „künftig 80 Prozent der Ölproduktion“ kontrollieren, steht dort zum Beispiel ebenso noch wie die irrsinnige Behauptung, dass „62.000 Liter“ HIV-verseuchte Blutkonserven in die Ukraine geliefert werden sollten.

Falschnachrichten zum Fall Castillo

Auf der Exxpress-Website finden sich regelmäßig tendenziöse und ideologisch aufgeladene Beiträge – wir haben das beispielsweise anhand der Berichte nach dem tödlichen Attentat auf Charlie Kirk dokumentiert. Auch im Fall Noelia Castillo kann man das beobachten.

Die 25-jährige Spanierin hat sich für einen assistierten Suizid entschieden, der Fall sorgte in Spanien für eine Debatte über Sterbehilfe – und wurde von rechten und ultrakatholischen Akteur:innen instrumentalisiert.

Mittendrin der Exxpress: Er bettet ein X-Posting ein, in dem die Falschbehauptung verbreitet wird, Castillo hätte ihre „beste Freundin“ vorab nicht sehen dürfen – „weil sie befürchten, dass sie es sich vielleicht noch anders überlegt und nicht zustimmt, getötet zu werden und dass ihre Organe entnommen werden“. Sowohl der Mythos zur Organspende als auch die Erzählung, enge Freund:innen wären von Castillo weggehalten worden, gehören zu den bereits widerlegten Falschbehauptungen rund um den Fall.

Eine weitere Desinformation, die sich im Fall Castillo hartnäckig hält, ist die Behauptung, sie sei von einer Gruppe Migranten vergewaltigt worden.

Im Exxpress-„Nachtflug“ mit dem positiven Jahresmotto „Tabuthemen 2026 – Migration, Gewalt & Meinungsfreiheit eskalieren“ zitiert Exxpress-Kolumnist Bernhard Heinzlmaier „alternative Medien“: Es hätte sich um „Migranten aus dem Magreb“ gehandelt. Das Factchecking-Team der deutschen Presseagentur findet „kein[en] Beleg für Beteiligung von Migranten an sexuellen Übergriffen auf Noelia Castillo“. 

„Der Ruf der Migrant:innen darf nicht geschädigt werden und da ist man sogar bereit, 788 Gruppenvergewaltigungen in Deutschland unter den Teppich zu kehren“, behauptet Heinzlmaier in diesem Gespräch außerdem. Die Zahl ist richtig, was in dieser Statistik allerdings auch belegt ist: die meisten Gruppenvergewaltigungen begehen mit Abstand Deutsche. Moderiert wird die Sendung übrigens von Herausgeberin Eva Schütz. Kritische Nachfragen bleiben aus.

Der Rassismus-Vorwurf

Ob der Exxpress als Medium „rassistisch“ agiert, ist nicht einfach zu beantworten. Armin Wolf bezieht sich mit seinem Posting auf Kommentare im Exxpress-Forum, in denen von den „Sitten der Teppichlutscher“ die Rede ist und „Remigration“ gefordert wird. Weil sie die meisten User:innen-Likes bekommen haben, befinden sie sich kurzzeitig auf der Startseite als  „Top-Kommentare“.

Begriffe wie „Umvolkung“ und „Bevölkerungsaustausch“ tummeln sich ganz selbstverständlich ebenso in den Kommentarspalten. In seinen Berichten verwendet der Exxpress diese Wörter nicht, bedient aber ähnliche Bilder. In einem Artikel über die Talent Partnerships der EU mit anderen Ländern schreibt der Exxpress zum Beispiel: „Noch kommen nicht Hunderttausende über solche Programme. Aber die Rohre werden verlegt.“

Das „Austausch“-Narrativ bedient auch diese Schlagzeile: „In der Tagesschau heißen Deutsche jetzt ‚Nicht-Migranten‘“. In Wahrheit kündigt die Sprecherin eine Initiative von „Migranten und Nicht-Migranten“ an, bei der Ehrenamtliche Deutschkurse anbieten. Obwohl für das Publikum völlig klar ist, wer gemeint ist, zieht die Schlagzeile diese Formulierung bewusst aus dem Kontext.

Es ist ein klassisches Beispiel für „Rage Bait“;  das gezielte Schüren von Empörung, um Reichweite zu generieren. Der Beitrag erschien ursprünglich auf Nius, dem „Partnermedium“ und Mehrheitseigentümer des Exxpress.

Rassistische Narrative in Meinungsbeiträgen

Zugpferde sind die Kolumnisten. In Beiträgen von Bernhard Heinzlmaier oder Ralph Schöllhammer werden die Begriffe „Bevölkerungsaustausch“ und „Schuldkult“ für vermeintliche Analysen genutzt („wenn man das [so nennen] dürfte“, wie Heinzlmaier ergänzt) – beides sind rassistisch aufgeladene Kampfbegriffe.

Ein weiterer Exxpress-Gastkommentator, der FPÖ-Nahe Publizist Werner Reichel, erklärt indes, warum so viele Tourist:innen aus dem „sich durch Massenzuwanderung selbst zerstörendem Europa“ gerne nach Japan reisen würden. Das läge am dortigen „kulturell homogenen Staatsvolk“. „Es ist für viele, vor allem Junge, ein letztes Schlupfloch, um der europäischen Tragödie zumindest zeitweise zu entfliehen.“

Bei manchen Kommentaren ergänzt der Exxpress einen Hinweis: „Gastkommentare stellen die Meinung der jeweiligen externen Autoren dar und müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.“ Dieser ist so einer.

Collage von Artikeln aus der Meinungsrubrik des „Express“. Die Überschrift lautet: „Nichts Neues in der Exxpress Meinungs-Rubrik:“. Es sind mehrere Artikelausschnitte mit Titeln wie „Heinzlmaier: Den vitalen muslimischen Ehrenmännern sind wir nicht gewachsen“, „Tyrannei der Schuld: Warum hasst sich der Westen? Ralph Schöllhammer analysiert!“, „Bernhard Heinzlmaier: Ist die westliche Kultur am Ende?“, „Christian Ortner: Die Islamisierung geht weiter“ und „Bernhard Heinzlmaier: Wien schafft sich ab!“ zu sehen.

Natürlich ist die „Meinung anderer“ erstmal nur eine Meinung anderer. Dennoch steckt hinter Gastbeiträgen eine redaktionelle Entscheidung (oder sollte es zumindest). Sätze wie „Westeuropa hat das groß angelegte Experiment durchgeführt, die Babys, die sie nicht haben wollten, durch Kinder aus der nicht-westlichen Welt zu ersetzen“ zahlen auf die „Great Replacement Theory“ ein. Das muss man als Redaktion wissen und wollen.

Wir wollten vom Exxpress daher wissen, wo die Redaktion die Grenze zwischen Migrationskritik und rassistischen Narrativen zieht. Man hat uns nicht geantwortet.

In einem Thread auf Bluesky zeigte @bjoernsenior.bsky.social zuletzt eindrücklich, „wie der exxpress rechtsextreme Akteure und deren Sprache normalisiert“. Neben dem Einbetten radikaler Postings („Deport all Muslims“) gehört dazu, den Rechtsextremisten Tommy Robinson als „Bürgerrechtler“, Identitäre als „patriotische Gruppe“ und die Identitären-Parole „Defend Europe“ als „klar pro-europäische Botschaft“ zu verharmlosen.

Wiederkehrendes Muster

Die Beispiele belegen: Der Exxpress berichtet nicht nur irreführend und tendenziös, er verbreitet auch nachweislich Falschinformationen. Auffällig häufig betrifft dies Narrative über Menschen anderer Herkunft. Das reicht noch nicht, um den Exxpress pauschal als „rassistisches Medium“ zu bezeichnen. Es zeigt aber ein wiederkehrendes Muster, in dem Falschinformationen, selektive Darstellung und rassistisch aufgeladene Narrative einen relevanten Teil der Inhalte bestimmen.


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Männer sind Ikonen oder sogar Legenden. Frauen sind Prinzessinnen, Rotzgören oder Muttis. So scheint das zumindest der deutschsprachige Musikjournalismus zu sehen. In unserer Recherche haben wir uns die Wortwahl in den vier größten deutschsprachigen Plattformen für Musikkritiken angeschaut. Dabei zeigt sich ein deutliches Muster: Männliche Künstler werden als prägende Instanzen der Musikgeschichte verewigt, Künstlerinnen auffallend oft sexualisiert und verniedlicht.

Eine Collage mit ausgewählten Headlines über Musiker und Musikerinnen.

Oasis, Iggy Pop und Co. sind allesamt musikalische Legenden. Da sind sich führende Musikjournalist:innen einig. Wie ist das bei Künstlerinnen wie Mariah Carey oder Dolly Parton? Ebenfalls Legenden? Zumindest werden sie nicht so genannt. Es scheint da nämlich eine Krux zu geben: Die beiden sind keine Männer. Musikjournalist:innen nennen sie lieber „Prinzessin“ (Rolling Stone über Carey) oder „Übermutter“ (Der Spiegel über Parton).

Österreichs Boulevardmedien sind voll mit Artikeln, die prominente Frauen auf ihren Körper reduzieren und sexualisieren. Die Zeitungen bestimmen, wie viel Haut zu viel ist und wie Frauen auszusehen haben, um als schön, sexy und selbstbewusst zu gelten – toxische Schönheitsideale inklusive.

Collage "Nacktheit"

Frauen werden im Boulevard oft nicht als handelnde Personen dargestellt, sondern als Sexualobjekte. Unsere Analyse zeigt: Diese Objektifizierung und Sexualisierung von Frauen sind keine Einzelfälle, sondern ein strukturelles mediales Phänomen.

Dafür haben wir Krone.at, Heute.at und OE24.at von Jänner bis Dezember 2025 ausgewertet. Untersucht wurden gezielt Artikel, in denen Körper, Aussehen oder Freizügigkeit im Mittelpunkt stehen. Beiträge also, die zum Beispiel Wörter wie nackt, sexy oder heiß im Titel hatten.

So kamen über 500 Artikel zusammen, in denen wir nachlesen konnten, wie „megasexy“ und „megahot“ die Körper prominenter Frauen und Männer sind – 52 Prozent davon stammen von Krone.at, 25 Prozent von Heute.at und 23 Prozent von OE24.at.

Die Ölkrise, ausgelöst durch den Iran-Krieg, bringt ein wiederkehrendes Thema aufs Tapet: die Förderung von Erdgas in Österreich mittels Fracking. Doch wenn Medien über Fracking schreiben, verwenden sie häufig veraltete Zahlen oder greifen auf Mythen zurück. 

Eine Collage von Zeitungsausschnitten zum Thema Energiepolitik und Fracking in Österreich. Die Collage enthält folgende Elemente: „Die Presse“ (Leitartikel und Meinung, 27. März 2026): Leitartikel von Jeannine Hierländer: „Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ – Diskussion über ideologische Tabus in der Energiepolitik und die Notwendigkeit, Österreichs Energieversorgung unabhängiger zu gestalten. Meinungsbeitrag von Christian Ortner: „Drill, Baby, Drill – und zwar bitte demnächst auch in Österreich!“ – Plädoyer für Fracking in Österreich, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. „Kronen Zeitung“ (Seite 18, 2. Juni 2024): Artikel: „Todesstoß für die Landschaft“ – Kritik an der Forderung nach Fracking im Weinviertel, verbunden mit Umweltbedenken. „Vorarlberger Nachrichten“ (Donnerstag, 6. Juni 2024): Artikel: „Grünes Fracking ist ein Mythos“ – Ablehnung von Fracking aus ökologischen Gründen, mit Verweis auf die Ablehnung durch Wissenschaft und Landespolitik. „Salzburger Nachrichten“ (Dienstag, 24. März 2026): Artikel: „Teures Gas, aber Fracking ist keine Option“ – Diskussion über die hohen Gaspreise und die Ablehnung von Fracking in Österreich. Zusätzlich sind auf der Collage Grafiken zu erneuerbaren Energien (Biogas und Photovoltaik) sowie ein Foto von einer Bohrinsel zu sehen.

Derzeit fällt vor allem Die Presse mit Artikeln zum Fracking auf: In einem Leitartikel mit dem Titel „Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ wird für diese Art der Erdgasförderung geworben, genauso wie in der Kolumne von Christian Ortner („‚Drill, Baby, Drill‘ – und zwar bitte demnächst auch in Österreich!“). Im Artikel „Österreich könnte viel eigenständiger sein“ kommt Fracking ebenso gut weg.

Dass in Meinungsbeiträgen für oder gegen Fracking argumentiert wird, ist legitim. Doch nicht nur dort, und nicht nur in der Presse, ist die Faktenlage oft dünn. Journalist:innen beziehen sich zum Beispiel auf veraltete Daten, verharmlosen Umweltrisiken oder verbreiten umgekehrt Mythen zum Schreckgespenst „Fracking“.