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Wie Geflüchtete wahrgenommen werden, hängt stark davon ab, wie Medien über sie berichten. Eine Analyse der Kronen Zeitung und der Presse zeigt, dass Herkunft dabei eine wichtige Rolle spielt: Während Erzählungen über ukrainische Geflüchtete meist in Zusammenhang mit Integration und Schutz verbunden sind, werden Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Tschetschenien deutlich häufiger problematisiert.

„Mit der Flüchtlingswelle kamen auch Messerstecher.“ So beginnt im August 2025 ein Artikel in der Presse. Wenige Seiten weiter wird die gelungene Integration ukrainischer Familien gelobt. Zwei Geschichten, zwei Tonlagen – und zwei sehr unterschiedliche Bilder von Schutzsuchenden.

Best-of Negativschlagzeilen über Geflüchtete

Best-of Negativschlagzeilen über Geflüchtete

Wie Medien Geflüchtete zeigen

Um zu verstehen, wie solche Bilder entstehen, haben wir zwischen Juni und November 2025 insgesamt 547 Artikel ausgewertet – 132 in der Presse, 415 in der Kronen Zeitung. Welches Bild zeichnen österreichische Medien von Geflüchteten, insbesondere von Menschen aus Afghanistan, Syrien, der Ukraine oder Tschetschenien? Und wieso ist das relevant?

Weil Medien nicht nur informieren. Redaktionen setzen Schwerpunkte, wiederholen Narrative und prägen, worüber eine Gesellschaft spricht – und wie sie darüber spricht. Gerade bei Migration, Flucht und Integration wirkt diese Auswahl besonders stark. Die Kronen Zeitung erreicht laut Media-Analyse 24/25 täglich mehr als 1,6 Millionen Menschen, Die Presse rund 411.000. Wer keine eigenen Berührungspunkte mit Geflüchteten hat, kennt sie oft vor allem aus diesen Berichten.

Was dort auffällt: Positive Geschichten sind selten und wenn sie vorkommen, dann geht es um einzelne Erfolgsgeschichten; um Menschen wie den MMA-Fighter Karim Wadan, der Schauspieler Bagher Ahmadi, Menschen also, die „es geschafft haben“.
Erfolgsgeschichten über geflüchtete Personen

Erfolgsgeschichten über geflüchtete Personen

Doch gerade diese Texte bleiben die Ausnahme. Über fast alle Medien hinweg überwiegt ein negativer Grundton, das bestätigt auch eine Medienanalyse des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) aus dem Jahr 2024. Eine erste Übersicht über das Verhältnis positiver und negativer Berichte in beiden Medien zeigt dieses Ungleichgewicht deutlich.

Klare Abgrenzung

Geflüchtete erscheinen in der Berichterstattung nicht als einheitliche Gruppe. Herkunft macht einen deutlichen Unterschied. Vor allem bei ukrainischen Geflüchteten verknüpft Die Presse häufiger mit gelungener Integration, mit Arbeit und mit gesellschaftlicher Nähe als Geflüchtete aus Syrien oder Afghanistan. Empfehlungen der EU-Kommission werden zitiert, Studien herangezogen, Schutzstatus und Erwerbstätigkeit betont. Von zehn untersuchten Artikeln im Zusammenhang mit ukrainischen Geflüchteten behandeln nur zwei konkrete Probleme. Das dominante Narrativ: humanitäre Verantwortung und gelingende Aufnahme.

Dieses Bild setzt sich auch dort fort, wo Motive und Entscheidungen der Betroffenen thematisiert werden, etwa im Artikel Arbeit ist wichtiger als Sozialhilfe“, der anhand einer Studie zeigt, dass ukrainische Geflüchtete ihre Zielländer vor allem nach Arbeitsmöglichkeiten auswählen und nicht nach der Höhe von Sozialleistungen. Misstrauens- oder Belastungsnarrative spielen hier kaum eine Rolle.

Demgegenüber stehen Geflüchtete aus Syrien oder Afghanistan, die in der Presse öfter als Problem vorkommen. Hier tauchen deutlich häufiger Begriffe wie Überforderung, Kriminalität oder Integrationsdefiziten auf. Ein Gastkommentar in der Presse argumentiert etwa, dass Schwierigkeiten im Zusammenleben nicht auf Ausländerfeindlichkeit zurückzuführen seien, sondern auf Probleme, die „bestimmte Gruppen von meist muslimischen Migranten“, insbesondere aus Afghanistan und Syrien, verursachten. 

Diese unterschiedliche Bewertung wird in der Presse auch ausdrücklich benannt: In einem Leitartikel heißt es, dass die Aufnahme ukrainischer Geflüchteter „vergleichsweise problem- und geräuschlos“ verlaufen sei – eine Formulierung, die offen zwischen „den einen“ und „den anderen“ unterscheidet. Dieses Problemnarrativ findet sich nicht nur in Kommentaren, sondern auch in der laufenden Berichterstattung. So thematisiert etwa der Artikel Die Schulen sind immer noch am Anschlag“ die Überforderung des Schulsystems und nennt dabei explizit „Kinder aus Syrien und Afghanistan“. Ukrainische Kinder kommen nicht vor. Dabei bleiben strukturelle Faktoren wie Personalmangel, große Klassen und fehlende Förderangebote im Hintergrund.

Der eingangs zitierte Artikel über die Messerstecher, die durch die Flüchtlingswelle nach Österreich gekommen seien, illustriert dieses Muster. Zwar wird statistisch relativiert, doch Tatverdächtige aus Afghanistan, Syrien oder Tschetschenien werden besonders hervorgehoben. Gewalt wird entlang von Herkunft erzählt. Dabei unterscheiden sich auch die Rahmenbedingungen: Ukrainische Geflüchtete erhielten rasch Schutzstatus, Zugang zum Arbeitsmarkt und breite gesellschaftliche Unterstützung. Diese Unterschiede sind real. Entscheidend ist jedoch, wie stark sie zum Deutungsrahmen werden.

Messerstecherei in Favoriten und Co.

Während die Presse überwiegend analytisch berichtet, arbeitet die Kronen Zeitung deutlich zugespitzter. Ein Gegenstand dominiert die Berichterstattung über Geflüchtete hier wie kein anderer: das Messer. Küchenmesser, Machete oder Klappmesser – in vielen der Krone-Berichte über Geflüchtete aus Syrien oder Afghanistan, taucht es als Tatmittel oder Bedrohungssymbol auf. Wer diese Geschichten liest, bekommt leicht den Eindruck, diese Gruppen würden vor allem eines tun: auf andere einstechen.

Besonders häufig fällt dabei ein Ort: Favoriten. Der 10. Wiener Gemeindebezirk wird zum Schauplatz „aggressiver (Jugend-) Gruppen“, zum Hotspot der Eskalation. Tschetschenen erscheinen fast ausschließlich im Kontext von Drogen oder organisierter Kriminalität.

Die Zahlen verdeutlichen das Muster: Zwischen Juni und November berichtete die Kronen Zeitung 40 Mal über Messerstechereien im Zusammenhang mit Syrern, Afghanen oder Tschetschenen. Zum Vergleich zeigt eine Auswertung der APA-Datenbank, dass im selben Zeitraum 37 weitere Berichte über Messergewalt erschienen, in denen die Krone andere Herkunft nannte oder ganz darauf verzichtete. Österreichische Tatverdächtige nennt das Medium nur drei.

Noch deutlicher wird es beim Blick auf positive Berichterstattung. Unter rund 400 relevanten Artikeln in der Kronen Zeitung fanden sich gerade einmal zwei positive Beiträge explizit über Syrer, zwei über Tschetschenen und drei über Afghanen. Sie sind meist an Ausnahmesituationen gebunden und betreffen etwa spektakuläre Einzelfälle wie den syrischen Essenslieferanten, der nach seinem Eingreifen bei einem Messerangriff in Villach als „Held“ gefeiert wurde. Oder Fälle, in denen Geflüchtete selbst Opfer von Gewalt oder behördlichen Fehlern sind. Vereinzelt finden sich auch humanitäre Berichte, etwa ein Rettungseinsatz, bei dem zwei Afghanen nach einem Badeunfall das Leben gerettet wurde. Alltagsnahe Darstellungen jenseits solcher Fälle bleiben die Ausnahme. Der Rest erzählt fast ausschließlich von Gewalt, Bedrohung und Konflikt. Wer über diese Gruppen liest, liest fast immer Schlechtes.

Offen rassistisch in der Krone

Noch deutlicher wird das Bild in den Leserbriefen. Dort finden sich regelmäßig pauschalisierende und teils offen rassistische Zuschriften. Afghanen oder Syrer werden als „Gastpatienten“ bezeichnet, Abschiebungen als Erfolg gefeiert. Wenn Menschen aus Syrien Österreich verlassen, ist das pauschal gut – wenn Menschen aus Syrien nach Österreich kommen, dann pauschal schlecht. Ganze Gruppen werden kollektiv verantwortlich gemacht, etwa indem Leserbriefe einen tragischen Mordfall zum Anlass nehmen, um eine ganze Gruppe von Afghanen als „Ehrenmörder“ abzustempeln. So verstärkt sich, was zuvor in Schlagzeilen angelegt wurde. Denn am Ende bleibt oft nur eine einziges dominantes Narrativ übrig. Es entsteht nicht durch einen oder mehrere besonders reißerische Artikel, sondern durch die Wiederholungen: Immer wieder dieselben Themen, dieselben Bilder, dieselben Zuschreibungen. Wer über Geflüchtete fast ausschließlich im Zusammenhang mit Gewalt, Kriminalität oder Sozialbetrug liest, lernt sie genauso kennen. Alles andere bleibt unsichtbar.

Dass diese Muster nicht zufällig sind, zeigt auch eine Langzeitstudie des Österreichischen Integrationsfonds: Über zehn Jahre hinweg überwiegt in der Migrationsberichterstattung ein negativer Grundton. Besonders in Krisenzeiten verstärkt sich diese Tendenz. Begriffe wie „Flüchtlingswelle“ oder „Asylproblem“ rahmen Migration als Bedrohung.

Leserbriefe aus der Kronen Zeitung

Leserbriefe aus der Kronen Zeitung

Die eine Story

Dass Geflüchtete je nach Herkunft unterschiedlich dargestellt werden, ist kein Zufall. Medien folgen bestimmten Nachrichtenlogiken. Konflikt, Kriminalität und Zuspitzung gelten als besonders aufmerksamkeitsstark – sie werden häufiger geklickt als gelungene Alltags- oder unspektakuläre Integrationsgeschichten. Wiederholen sich solche Themen über Monate hinweg, prägen sie das Gesamtbild. Eines, in dem Geflüchtete vor allem als Ausnahme, Problem oder Gefahr erscheinen. „Durchschnittliche“ Menschen, die arbeiten gehen, Kinder großziehen, sich durch Behörden kämpfen oder einfach versuchen, ihr Leben zu organisieren, kommen kaum vor. Frauen, Familien, ältere Menschen spielen in dieser Berichterstattung fast keine Rolle.

So entsteht ein verzerrtes Bild. Nicht unbedingt, weil einzelne Artikel falsch wären oder Tatsachen verdreht werden, sondern weil sie immer wieder dasselbe erzählen. Und genau das beeinflusst, wem Zugehörigkeit und Würde selbstverständlich zugeschrieben werden.


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Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien und wurde parallel im Datum veröffentlicht.

In der österreichischen Berichterstattung werden Unfälle oft zum Spektakel: Medien veröffentlichen unzensierte Fotos von Autowracks, Rettungseinsätzen oder Leichenboxen – und verletzen damit die Intimsphäre der Opfer. Das ist besonders im Boulevard ein Problem. Aber nicht nur dort.

Eine Collage mit Titelbildern von Berichten zu Unfällen. Der Titel lautet „Unfallvoyeurismus in österreichischen Medien“.

„Video zeigt brutalen Gondel-Absturz in der Schweiz“, schreibt die Kronen Zeitung am 18. März in der Bildunterschrift eines Videos, das einen tödlichen Unfall in einem Schweizer Skigebiet zeigt. Allerdings zeigt das Video nicht nur den „brutalen Gondel-Absturz“ – sondern auch die versuchte Wiederbelebung des Opfers. Die journalistische Grundregel, die Intimsphäre von Menschen zu schützen, wird dabei ignoriert. Das Video generiert über 2.800 Likes und wird über 1.000 Mal geteilt.

Fotos von Autowracks, brennenden LKWs und Sanitäter:innen, die gerade versuchen, Menschenleben zu retten, werden regelmäßig als Titelbilder zur Berichterstattung über Unfälle verwendet – und das nicht nur in der Krone. Je schockierender die Szene, desto mehr tauchen solche Bilder in österreichischen Medien auf.

Dieses Muster hat einen Namen: Unfallvoyeurismus. Es geht dabei darum, Leid und Tod möglichst ungefiltert zur Schau zu stellen. Das Problem: Die Opfer der Unfälle bleiben dabei oft identifizierbar – durch mangelhaft verpixelte Fotos von ihnen selbst, Nahaufnahmen der zerstörten Fahrzeuge oder durch Details zum Leben der Betroffenen und ihrer Familien. Das verletzt die Intimsphäre der Opfer und ihrer Angehörigen.

Um zu verstehen, wie verbreitet dieses Phänomen in österreichischen Medien ist, haben wir alle Unfallberichte der größten überregionalen Tageszeitungen vom 1. Jänner bis zum 31. März 2026 ausgewertet.

Das Ergebnis: In diesem Zeitraum erschienen fast täglich Artikel, die Fotos zeigten, die unmittelbar nach einem Unfall aufgenommen wurden.

Disclaimer: Um die Intimsphäre der Opfer und deren Familien zu schützen, haben wir in diesem Artikel darauf verzichtet, die kritisierten Artikel zu verlinken. Die Fotos vom Unfallort zeigen wir nur, wenn wir sie vorab bearbeitet haben.

Fragwürdige Bebilderung bei Autounfällen

Besonders oft dominieren Fotos von Autowracks die Unfallberichterstattung. Ein demoliertes Auto ist für die Bebilderung interessant, um die Schwere des Unfalls darzustellen. Medien müssen in diesen Fällen auch ein Informationsinteresse erfüllen: Wie schwer ein Autounfall ausgehen kann, zeigt auch, wie groß die Gefahr durch Verkehrsunfälle für die öffentliche Sicherheit ist.

Gleichzeitig sind Medien dazu verpflichtet, dieses öffentliche Interesse auch immer gegen den Persönlichkeitsschutz abzuwägen. Muss man dazu wirklich das Unfallwrack zeigen, in dem ein Mensch verunglückt ist? Reicht es vielleicht auch, den Ausgang einfach in Worten zu beschreiben?

Als Ende März eine Frontalkollision einer Person das Leben kostete und drei weitere schwer verletzte, veröffentlichte Oe24 gleich fünf Fotos vom Unfallort – darunter gleich mehrere Perspektiven auf eines der zerstörten Fahrzeuge. Auch Kurier und Heute greifen regelmäßig auf solches Bildmaterial zurück: Nach einem Unfall im Bezirk Melk, bei dem ein 18-Jähriger ums Leben kam, zeigten beide Medien, wie das Wrack vollständig um einen Baum gewickelt war.

Obwohl auf diesen Fotos keine Personen zu sehen sind, bleiben Leid und Tod der eigentliche Inhalt. Wer das Auto und den Ort kennt, kann die Betroffenen oft trotzdem identifizieren. Angehörige oder Überlebende können diese Bilder retraumatisieren.

Besonders dann, wenn man es so macht, wie Oe24 Ende März: Nach dem Tod einer 20-jährigen Lenkerin in Linz erschien dort eine Fotomontage, die das Autowrack neben einem Porträt des Opfers zeigt, bei dem nur die Augen verpixelt sind. Damit war die junge Frau für Angehörige und Bekannte zweifellos erkennbar.

Das Titelbild eines Oe24-Artikels zu einem Unfall in Linz zeigt ein Foto des Opfers neben einem des Autowracks.

Auch Presse und Standard verwenden gelegentlich Bilder, die Szenen der Rettungsversuche zeigen. In unserer Auswertung war das insbesondere bei internationalen Unfällen mit mehreren Todesopfern der Fall – etwa bei einem Zugunglück in Spanien mit mehr als 40 Todesopfern oder dem Absturz einer Militärmaschine in Kolumbien, bei dem 66 Personen starben.

Klicks auf Kosten der Betroffenen

Laut Ehrenkodex des Österreichischen Presserats ist auf die Anonymitätsinteressen von Unfall- und Verbrechensopfern besonders zu achten. Im Fall von vier Bauarbeitern, die nach einem Unfall im März auf einer Baustelle in Wien ums Leben kamen, schienen Heute und Oe24 diesen Grundsatz zu ignorieren. Während Heute Details über die Familien der Bauarbeiter – inklusive ihrer Kinder – publizierte, erschienen bei Oe24 Bilder der Opfer, auf denen diese trotz Verpixelung gut erkennbar waren.

Als im Jänner in Tirol die Leiche eines Skifahrers entdeckt wurde, wählte die Kronen Zeitung ein Titelbild, das zeigt, wie eine Leichenbox in den Kofferraum eines Transportautos geladen wird. Die Information, dass jemand gestorben ist, hätte gereicht. Stattdessen soll die Leichenbox das Unglück dramatisieren und Klicks generieren, ohne der Öffentlichkeit irgendeinen Informationsgewinn zu bieten.

Unsensible Fotos können sogar einer Geschäftslogik dienen: Beim tödlichen Unfall im Bezirk Melk sind im Kurier-Bericht nur der Titel und ein Bild vom Autowrack zu sehen: Wer mehr Kontext möchte, muss zunächst ein Digital-Abo abschließen.

Es geht auch anders

Es gäbe auch respektvollere Möglichkeiten, Unfälle zu bebildern. Symbolfotos wären eine naheliegende Lösung, auf die viele Qualitätsmedien zurückgreifen. Auch im Boulevard werden immer wieder solche Stockbilder, beispielsweise von Einsatzfahrzeugen, verwendet.

Fotos, die zwar am Unfallort aufgenommen wurden, aber keine beschädigten Fahrzeuge oder Wiederbelebungsversuche dokumentieren, sind auch eine Alternative: Dazu gehören Fotos vom Unfallort, nachdem das Wrack weggeräumt wurde, oder Fotos, die nur die Fahrzeuge der Ersthelfer:innen zeigen.

Eine Collage von Symbolfotos als Titelbildern von Unfällenberichten. Der Titel über die Collage lautet: „Symbolbilder als mögliche Lösung“

Der „spektakuläre Crash“, das „Unfall-Drama“ oder der „Horror-Crash“ werden vor allem deshalb möglichst drastisch bebildert, um persönliche Tragödien zu sensationalisieren. Der Informationswert ist überschaubar – das Risiko, Betroffene und Angehörige zu retraumatisieren, hingegen hoch.


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Mit dem Titel „Natascha Kampusch – Gefangen in Freiheit“ strahlt der ORF am Montag, 16. März, eine Dokumentation über die heute 38-Jährige aus. Im Programmtext steht ihr derzeitiger Gesundheitszustand im Fokus. Damit löst der Sender noch vor der Erstausstrahlung weltweit Berichte über ihren höchstpersönlichen Lebensbereich aus. Ein schwerer Fehler. 

„Dramatische Wende 20 Jahre nach ihrer Selbstbefreiung: Die 38-jährige Natascha Kampusch hat einen Zusammenbruch erlitten“, beginnt die Beschreibung der neuen Dokumentation im ORFTV-Programm. Damit ist der Ton gesetzt. „Bewegt vom heutigen Zustand“ der Frau würden „Ermittler, Staatsanwälte und Wegbegleiterinnen schonungslos Stellung“ beziehen, verspricht die Ankündigung weiter. Wortgleich veröffentlicht der ORF dazu am Donnerstag auch eine Presseaussendung.

Die PR schlägt ein. Sie führt noch am selben Tag zu einer Flut an Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien. Heute sorgt der Inhalt sogar für internationale Berichterstattung. Die Berichte sind allesamt problematisch: Sie teilen höchstpersönliche Informationen, die nicht von Kampusch selbst stammen. Was hat der ORF hier losgetreten – und warum?

ORF prescht vor

Trumps Desinformation hat in deutschsprachigen Schlagzeilen leichtes Spiel. Ob die dokumentierten Erschießungen von Renee Good und Alex Pretti oder die Drohung, Grönland zu annektieren – Medien berichten oft so, als läge die Wahrheit irgendwo zwischen der Propaganda aus dem Weißen Haus und den erwiesenen Fakten. Ein Rückblick auf drei große und mehrere kleine Fälle, in denen Lügen einfach durchgereicht wurden.

Collage deutschsprachiger Schlagzeilen zu Trump, ICE-Einsätzen und Außenpolitik: Überschriften zu Alex Prettis Tod, angeblicher „Notwehr“, Trumps Aussagen, Angriffen vor Venezuela und dem „Interesse“ an Grönland – Beispiele für relativierende oder unkritisch übernommene Narrative.

Am 24. Jänner erschießt ein Mitarbeiter der US-Einheit ICE den 37-jährigen Alex Pretti. Ein Video zeigt, wie innerhalb weniger Sekunden mindestens zehn Schüsse fallen, Pretti liegt da schon längst am Boden. Die Weltöffentlichkeit sieht, dass der Mann, der ihn erschießt, nicht in Gefahr war. Die US-Regierung behauptet Gegenteiliges, spricht von „Notwehr“.

Trotz der eindeutigen Bilder gibt aber beispielsweise die Kronen Zeitung in ihrer Titelzeile die Version des US-Heimatschutzministeriums wieder: „Ministerium zu Todesschüssen: ‚Plante Massaker‘“. Auch Vol.at, News die Kleine Zeitung und die Salzburger Nachrichten machen das am nächsten Tag mit der APA-Headline „US-Grenzschutz zu Schüssen in Minneapolis: Beamte sind Opfer“. Auf Orf.at schreibt man zunächst nur vorsichtig: „Zweifel an Darstellung von US-Regierung“, ändert die Headline ein paar Stunden später aber in die deutlichere Variante „Video widerspricht Ministeriumsdarstellung“.

Dass Medien die Täter-Opfer-Umkehr der US-Regierung in ihre Schlagzeilen heben und Widersprüche als „Zweifel“ lesen, zeigt vor allem: Es ist noch nicht angekommen, dass Meldungen aus dem Weißen Haus in vielen Fällen bewusste Desinformation sind, die von dem, was tatsächlich passiert ist, ablenken soll. Drei Fakten, die viele Medien nicht klar benannt haben:

Die Boulevard-Berichte über den Tod von Johanna G. sind an Voyeurismus kaum zu überbieten. Während die Redaktionen private Details der Getöteten ausschlachten, stilisieren sie den mutmaßlichen Täter zur erzählbaren Figur. Das macht die Frau zum zweiten Mal zum Opfer.

Collage mehrerer Boulevard-Schlagzeilen von Heute, oe24.tv, Weekend.at und Kosmo, die den Tod von Johanna G. als angeblichen „Sex-Unfall“ darstellen. Zu sehen sind Überschriften, in denen die Verteidigungsversion des mutmaßlichen Täters dominiert und seine Anwältin prominent inszeniert wird.

„Ich darf Sie eindrücklich darum ersuchen, ethisch und moralisch vertretbare Berichterstattung an den Tag zu legen“ – mit diesen Abschlussworten wendet sich Markus Lamb, der Pressesprecher der Polizei, an die anwesenden Medienvertreter:innen. Es ist der 14. Jänner, die Landespolizeidirektion Steiermark hat zur Pressekonferenz nach Leichenfund“ geladen. Es geht um den mutmaßlichen Mord der zuvor als vermisst gegoltenen Südsteirerin Johanna G.

„Ethisch und moralisch vertretbar“ ist das, was Wiener Boulevardmedien seitdem veröffentlichen, jedenfalls nicht. Sie geben dem Opfer in mehreren Berichten eine Mitschuld und lassen die Verteidigung des Täters (es sei ein „Sex-Unfall“ gewesen) dominieren. Fotos aus Ermittlungsakten werden auf Doppelseiten abgedruckt, die Tat als „tödliches Geschehen“ oder „Würgespielchen“ verharmlost. Wir haben uns die zentralen Erzählmuster angesehen.

Disclaimer: Es fällt nicht leicht, diesen Text zu schreiben. Einerseits wollen wir nicht reproduzieren, was an Gerüchten und Spekulationen herumkursiert und den höchstpersönlichen Lebensbereich des Opfers betrifft. Andererseits müssen wir adressieren, wie unbedacht andere Medien mit genau diesen Informationen umgehen. Wir versuchen aber, nur dort explizit zu werden, wo es notwendig ist, damit man unsere Kritik nachvollziehen kann. Und wir verzichten darauf, wie sonst üblich, die kritisierten Artikel zu verlinken.

Mitschuld des Opfers

Am 17. Jänner titelt das Boulevardblatt Oe24: „Tinder-Affäre brachte Fitnesstrainerin (34) den Tod“. Dazu ein Bild des Täters in Siegerpose – ein Freudenschrei, beide Hände zu Fäusten in die Luft gestreckt. Rechts oben im Eck ein viel kleineres Foto von Johanna G., die er mutmaßlich getötet hat. Sie bekommt eine minimale Verpixelung um die Augen, er einen schwarzen Balken.

Eine Krone-Umfrage beherrscht die Innenpolitik-Ressorts des Landes: Christian Kern steht augenscheinlich wieder einmal als Kandidat für den SPÖ-Vorsitz zur Debatte. Doch der Realitätscheck fällt ernüchternd aus, die Berichte stützen sich auf viel heiße Luft. Helfen gerade alle der Krone dabei, einen unliebsamen Medienminister Babler loszuwerden?

Immer wieder nutzen Boulevardmedien Adolf Hitlers Namen zur Klick-Maximierung. Der Nachrichtenwert von Spekulationen über Hitlers Penisgröße, Sexleben und seine Fetische ist überschaubar. Wer Hitler auf biologische Kuriositäten und Sex reduziert, betreibt keine historische Aufarbeitung, sondern eine Form der Trivialisierung.

Hitler Clickbait

Sebastian Kurz lädt ausgewählte Medienvertreter:innen nach Tel Aviv ein – sie sollen sein neues Projekt „Dream“ kennenlernen, ein KI-Start-up. Die meisten Medien kennzeichnen nicht, dass „Dream“ die Reise bezahlt hat. Und auch inhaltlich rückt das Unternehmen in den Hintergrund: Die Berichte drehen sich vor allem um Kurz.

Collage mehrerer österreichischer Medienberichte. Zu sehen sind Titelblätter und Online-Artikel verschiedener Zeitungen und Magazine, die über eine Reise eines ehemaligen Politikers nach Israel berichten. Auf den Ausschnitten stehen Schlagzeilen wie „Medienhype nach Kurz-Reise“, „KURZ: Mein neues Leben“, „im Kreis der Tech-Milliardäre“ oder „Ein Blick hinter die Kulissen des Unicorns“. Fotos zeigen den entsprechenden Politiker in Gesprächssituationen oder Büroumgebungen.

Vergangenes Wochenende lud Sebastian Kurz einige deutsche und österreichische Journalist:innen ein, sein Unternehmen „Dream“ in Israel zu besichtigen. Oder wie die Kronen Zeitung schreibt: Er führte durch „sein sagenumwobenes und milliardenschweres Reich in Tel Aviv“. Das klingt tatsächlich wie die Einladung, eine „Traum“-Welt zu betreten, und genau so lesen sich auch viele der Berichte quer durch die Medien.

KI scheint heute fast alles zu können: Schreiben, rechnen, singen oder gar schauspielern. Aber auch Menschen ausziehen, die nie nackt vor der Kamera gestanden sind. Immer häufiger kursieren im Netz täuschend echte Nacktbilder, generiert von künstlicher Intelligenz: sogenannte Deepfake-Nudes. Betroffen sind oft Prominente – vor allem junge Frauen. Heute.at berichtet gerne über solche Fälle – und verbreitet dabei die problematischen Nacktbilder munter weiter.

Quelle: heute.at

„Jemand macht Geld mit Fake-Nacktbildern von mir“: Ja, die Heute-Zeitung!

Im Frühjahr dieses Jahres berichtete Heute.at über die Schweizer Influencerin nathistyle. Ein Mann habe sie über alle Kommentarspalten hinweg mit Nachrichten bombardiert, ihr eine „Betrugsmasche“ vorgeworfen und damit gedroht, die Polizei einzuschalten. In Wirklichkeit war der Mann auf ein gefälschtes Profil hereingefallen, das sich als die Influencerin ausgab. Der Person hinter diesem Profil hatte der Mann dann Geld überwiesen, und zwar in der Erwartung, dafür Nacktbilder von der Influencerin zu erhalten. Diese wurden mit KI erstellt.

Das Titelbild, das die Heute-Redaktion auswählt, zeigt jedoch ausgerechnet das Deepfake-Nude selbst: scheinbar nathistyle, nackt in einem Spiegel-Selfie. Im ursprünglich auf Instagram veröffentlichten Originalfoto trägt die Frau ein weißes Kleid, das im Bild dann digital entfernt wurde. Darüber kleben nun nur noch eine Handvoll hautfarbener Pixel.

Die Heute-Redaktion schreibt unter dem Bild:

„Mit diesem Fake-Nacktbild der Influencerin Nathistyle verdient jemand Geld.“

Quelle: heute.at

Genau. Nämlich nicht nur die Person hinter dem Fake-Profil, sondern auch Heute.at selbst.

Man stelle sich folgende Szene vor: Die größten Fastfood-Restaurants in Österreich gehen gemeinsam zum ORF und wünschen sich dort eine neue Sendung. Ein wöchentliches „Infomagazin“ zum Thema Ernährung, aber ausschließlich mit Fokus auf Fastfood. Es werden die Vorzüge von Fastfood erläutert, es gibt hochglanzgefilmte Einblicke in die Produktion und Entwicklung. Probleme werden nur thematisiert, um auf die innovativen Lösungen der Hersteller zu verweisen. Kleinere Nachteile lassen die zahlreichen Vorzüge noch überzeugender erscheinen. Und was sich nicht kleinreden lässt, wird mittels lehrreicher Verbrauchertipps geschmeidig an die Eigenverantwortung der Kundschaft abgewälzt. Und die Programmverantwortlichen im ORF sagen: „Das ist eine wunderbare Idee, so machen wir das!“

Unvorstellbar? Nun, genau dieses Kunststück ist dem Arbeitskreis der Automobilimporteure (einem Zweig der österreichischen Industriellenvereinigung) gelungen.