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Inseratenaffäre: Die Dichand-Studie ist ziemlich dünn

Tatü, Tata – die Dichand-Studie ist da. Montagabend veröffentlichten „Profil“ und „Kurier“ Texte zu einer Studie, die die Dichands in der Inseratenaffäre rund um Thomas Schmid entlasten soll. Wir haben sie gelesen, damit ihr nicht müsst. Unser Fazit: Das Studiendesign wurde so gewählt, um eine Entlastung heraus lesen zu können, wenn man das möchte. Für eine echte Entlastung ist die Studie zu dünn.

Freundliche Berichterstattung über Kurz in der Krone im Wahlkampf 2017

Die Vorgeschichte: Die WKStA ermittelt gegen die mächtigen Verleger Christoph und Eva Dichand. Der Verdacht steht im Raum, Sebastian Kurz habe im Gegenzug für Inserate und ein freundlicheres Stiftungsgesetz positive Berichterstattung im Boulevard bekommen.

Wir haben mit unseren Recherchen bereits gezeigt, dass der Vorwurf nicht ganz aus der Luft gegriffen scheint. So haben wir in den Wochen vor dem Nationalratswahlkampf 2017 eine deutliche Pro-Kurz-Schlagseite in der „Krone“ festgestellt – „Heute“ hat hingegen ausgeglichener berichtet. Und auch in Oe24 von Wolfgang Fellner haben wir im Wahlkampf 2019 eine klare Schlagseite zugunsten der ÖVP gefunden.

„Heute“-Herausgeberin Eva Dichand hat den Vorwurf der gekauften Berichterstattung stets als absurd zurück gewiesen und uns bereits angekündigt, eine eigene Studie beauftragt zu haben, die das beweisen soll. Nun ist die Studie da.

„Anwälte der Gratiszeitung ‚Heute‘ gehen in die Offensive“ schreibt der Kurier am Montagabend. Durchgeführt hat sie die WU in Wien, bezahlt hat sie laut den Medienberichten unter anderem die Heute-Verlagsgruppe. In der Studie selbst steht dazu nichts.

In der Methode liegt der Hund

Zu welchem Ergebnis kommt nun diese Untersuchung? Und was wurde überhaupt untersucht? Auf den ersten Blick klingt die Studie sehr umfangreich. Mehr als 250.000 Artikel aus neun Tageszeitungen wurden untersucht, der Zeitraum geht von 1. Jänner 2016 bis 31. Oktober 2021. Die ÖVP soll demnach in „Heute“ nicht außergewöhnlich häufig vorgekommen sein – und wenn, dann jedenfalls nicht positiver als die anderen Parteien.

Aber, und hier kommt die erste zentrale Einschränkung: Die Studienautoren haben in allen Zeitungen lediglich Berichte aus dem Ressort Innenpolitik analysiert, weil es sonst zu viele Artikel gewesen wären. In der Krone wurde die Analyse sogar noch weiter auf das Politikressort eingeschränkt.

Das mag sinnvoll sein, damit die Studie überhaupt realisierbar ist, aber andererseits gehen gerade so entscheidende Artikel verloren. Wir haben zum Beispiel mehrseitige und extrem freundliche Kurz-Portraits in der Krone-Bunt gefunden („Die Kurz-Geschichte eines Wunderwuzzis“). Ebenso haben wir in der Krone Kurz-freundliche Texte in einer Reihe an Kolumnen und Leserbriefen entdeckt – all diese Texte wurden von der WU-Studie nicht erfasst. Das gilt zum Beispiel auch für diesen Artikel, der im Wahlkampf 2017 erschienen ist.

Ein sehr freundliches Kurz Portrait in der Krone in Wahlkampf 2017

Ein sehr freundliches Kurz-Portrait in der Krone in Wahlkampf 2017, das von der WU-Studie nicht erfasst ist.

Auch der sehr lange Untersuchungszeitraum kann irreführend sein. Denn Politiker profitieren zwar immer von positiver Berichterstattung, aber sie ist nicht zu jedem Zeitpunkt gleich viel wert. Erst in den Wochen vor Wahlen oder wenn besonders wichtige Entscheidungen anstehen, sind positive Berichte in großen Zeitungen Gold wert.

Wenn man einen besonders langen Untersuchungszeitraum wählt, werden solche Phasen verschleiert. Wir wissen zum Beispiel nicht, ob es während der EU-Ratspräsidentschaft unter Sebastian Kurz besonders freundliche Artikel über ihn in den Dichand-Medien gab. Aus der Studie kann man weder heraus lesen, dass es sie gab, und auch nicht, dass es sie nicht gab.

Wir haben für unsere Recherchen daher bewusst nur die letzten 6 Wochen vor den jeweiligen Wahlen untersucht.

Ein weiteres Manko der WU-Studie ist, wie „positive“ und „negative“-Artikel dort definiert sind. Für die Tonalitäts-Prüfung wurde ein Radius von 25 Wörtern rund um eine Partei, oder einen Akteur festgelegt. Wenn also „ÖVP“ oder „Sebastian Kurz“ in einem Text vorkommt, dann hat man geschaut, welche Wörter vorher und nachher vorkommen und ob diese Wörter eher positiv oder eher negativ klingen.

Das macht das Ergebnis dieser Untersuchung wenig belastbar. Selbst die Studienautoren sagen, dass ein negativer Wert nicht bedeuten muss, dass über den betroffenen Politiker negativ berichtet worden ist. Es könnte auch sein, dass das Thema negativ besetzt ist (Seite 11 der Studie).

Wenn beispielsweise in einem Artikel über kriminelle Flüchtlinge Sebastian Kurz zitiert wurde, der härtere Strafen fordert, dann ist gut möglich, dass dieser Artikel als „negativ“ gewertet wurde, weil im Radius von „Sebastian Kurz“ das Wort „kriminell“ vorkommt. In Wahrheit freut sich natürlich jeder Politiker, wenn eine Zeitung über eine Forderung berichtet.

Andere Artikel, die ganz klar positiv für Kurz sind, könnten andererseits so untergegangen sein. Wir haben zum Beispiel Wahlkampfreportagen in Oe24 gefunden, die sich so lesen:

„Wer gekommen ist, ist begeistert. Kritische Stimmen sucht man vergeblich, findet stattdessen viel Lob für das eigene Tun. Hinterfragenswerte Spenden? Ibiza? Das interessiert niemanden – und wenn, dann ist das eine FPÖ-Geschichte.“

Wahlkampf ÖVP 2019 Kollage

Positive Kurz-Berichte im Wahlkampf 2019 in Oe24

Die ÖVP kommt in diesem Absatz nicht vor, dafür kommen im Radius der FPÖ positive Wörter wie „Lob“ vor. Wie gesagt: Man bekommt mit dieser Methode zwar ein Ergebnis, aber so wirklich belastbar ist es nicht. Um den Vorwurf der WKStA endgültig zu entkräften, reicht sie jedenfalls nicht.

Man kann sich leicht selbst ein Bild machen: Die 49-seitige Studie ist schnell gelesen, neben den vielen Grafiken ist es dann gar nicht so viel Text.


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1 Kommentar(e)

Andreas Zuckerhut - Am 10. February 2024 um 02:31

Beautiful