Wir lesen Zeitung
und schauen fern.

Kategorie: Kronen Zeitung

Mangelnde Geschichtskenntnisse in der dpa und den angeschlossenen Redaktionen adeln eine altbekannte Tatsache zur neu entdeckten Sensation. Zufällig ist dabei auch ein 2009 erschienenes Buch im Spiel, das sein umtriebiger Autor geschickt zu vermarkten weiß. Aber der Reihe nach. Beginnen wir 1988, mit diesem kurzen Buchauszug:

Wer die These vom im Leben verarmten Mozart, der hoch verschuldet und im Armengrab bestattet gewesen sein soll, erfunden hat, ist nicht mit Sicherheit zu bestimmen. Das Bild des „verarmten Genius Mozart“ stammt jedenfalls aus der Romantik. Jeder Biograph versuchte, Mozart noch ärmer zu machen […] Ist etwa jemand verarmt, der mit 35 Jahren ein Industrielleneinkommen hat, eine noble Wohnung sich leistet, ein Reitpferd besitzt — das kommt heute einem hochkarätigen Luxuswagen gleich –, ein Billardspiel und Zimmer dazu besitzt?

„Collectanea Mozartiana“, Mozartgemeinde Wien (1988)

Dass Mozart, entgegen der Legende, ganz ausgezeichnet verdiente — obgleich davon durch seinen ausschweifenden Lebensstil wenig blieb — ist also schon lange bekannt. Und spätestens seit 2004, als auch in der Wikipedia Mozarts Jahreseinkommen auf umgerechnet ca. 125.000 EUR beziffert wurde, handelt es sich dabei um kein geheimes Offline-Wissen mehr.

Außer für die Deutsche Presse-Agentur. Diese berichtete nämlich am 5. April 2010, also ca. 22 Jahre nach meiner Buchquelle, fast sechs Jahre nach Wikipedia und drei Jahre nach dem „Mozartjahr“, diese sensationelle Neuigkeit aus einem (fast) druckfrischen Buch:

Mozart war keinesfalls ein armer Schlucker, das Musikgenie hat aber weit über seine Verhältnisse gelebt. In akribischer Recherchearbeit will dies ein Team um den Salzburger Autor und Mozartforscher Günther G. Bauer nachgewiesen haben.

Nachzulesen ist das in seinem Buch „Mozart. Geld, Ruhm und Ehre“. Am 10. April stellt Bauer seine bereits im vergangenen Jahr erschienene Arbeit in der Salzburger Stadtbibliothek vor.

[…] Fünf Jahre hat das 24-köpfige Team führender internationaler Mozartforscher – von Salzburg und Wien über Zürich bis Tokio – die Finanzen von Mozart in dessen Wiener Jahren (1781-1791) bestmöglich auf Kreuzer und Pfennig recherchiert und nachgerechnet. Das Ergebnis: „Er war doppelt so reich, als man bisher wusste. Er hatte in dieser Zeit ein Jahreseinkommen von durchschnittlich 5000 Gulden“, sagt Bauer. Die Umrechnung früherer Währungen ist problematisch, aber laut Bauer könnten dies heute bis zu 150 000 Euro sein.

[…] Das Bild vom „armen Mozart“ stimmt also nur insoweit, als dass „Wolferl“ mit seinem vielen Geld nicht auskam: „Mozart hat sein Geld verlebt in einem eigentlich aristokratischen Lebensstil, der ihm nicht zugestanden ist“, erläutert Bauer.

Ein Buch, in dem scheinbar genauer nachgerechnet wurde, das aber nüchtern betrachtet, keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse bringt und bereits seit über einem halben Jahr auf dem Markt ist, wird plötzlich zur Nachricht. Und dann noch das „24-köpfige Team führender internationaler Mozartforscher“, obgleich nur ein Name am Cover steht. Eigentlich hätte spätestens bei derart bescheidener Selbstdarstellung jemand stutzig werden und kritisch nachfragen müssen. Aber stattdessen wird lieber Geschichte geschrieben. Oder genauer, auf gut österreichisch, a Gschichtl druckt:

Mozart war Großverdiener – und Verschwender (krone.at, 5.4.2010)

Neues [sic!] Buch zu Mozarts Leben: Reicher Geldverschwender (tt.com, 5.4.2010)

Enthüllt: Mozart spielte 150.000 Euro im Jahr ein!
Von wegen armer Schlucker […] (heute.at, 6.4.2010)

Zumindest der Online-Redaktion der „Presse“ hätte dabei aber schon was auffallen können:

Mozart war Spitzenverdiener, kein armer Schlucker (diepresse.com, 6.4.2010)Mozart war Spitzenverdiener, kein armer Schlucker
Das musikalische Genie verdiente außergewöhnlich gut, haben Forscher nun [sic!] herausgefunden.

[…] Das weist ein Forscherteam um den Salzburger Autor und Mozartforscher Günther G. Bauer nun [sic!] nach.

Die Presse, 6.4.2010

Und direkt daneben verlinkt „AUS DEM ARCHIV“:

Maestro Mozart, der Millionär (diepresse.com, 30.1.2010)Maestro Mozart, der Millionär
Die Einkommenssituation von Wolfgang Amadeus Mozart dürfte viel besser gewesen sein, als die Forschung bisher dachte. ein „verarmtes Genie“ war er jedenfalls sicher nicht.

[…] Folgt man Günther G. Bauer, dem ehemaligen Rektor der Universität Mozarteum in Salzburg, dann verdiente Mozart außerordentlich gut.

Die Presse, 30.1.2010

Offenbar hat das Buch vor der dpa heuer schon mal ne kleinere Runde in den österreichischen Medien gedreht. Und „Die Presse“ wiederholt, schwer begeistert oder vergesslich, ihre Empfehlung nun im Vierteljahrestakt. Passend zu Mozart, irgendwie.

Der Amazon-Link zu Buch und Provision ist praktischerweise auch gleich mit dabei. Den Verkaufsrang (292.758, bzw. unter Mozartbüchern 49 von ca. 100) scheint dies allerdings noch nicht wesentlich beflügelt zu haben. Ob’s am Blatt liegt oder am Buch? Ein 42-köpfiges Team internationaler Medienwatchblogger wird dies in den nächsten Jahren klären.

Sachdienliche Hinweise könnten aber bereits jetzt die Leserkommentare unter dem älteren der beiden Presse-Artikel liefern. Ich gebe hier mal einige dieser persönlichen Meinungen wieder. Ausnahmsweise ungeprüft und unrecherchiert — sollen ruhig auch noch ein paar Journalisten ihre Arbeit tun…

Die zahllosen Peinlichkeiten in Bauers neuem Buch
beginnen schon damit, dass er das Bild von Cignaroli „Miozart im blauen Morgenmantel“ für echt hält. Bauers grobe Unkenntnis der Mozart-Literatur und seine Unbedarftheit als abslouter Nicht-Historiker können angesichts hier des vorgeführten Publicity-Aufwands nur verwundern.

Re: Die zahllosen Peinlichkeiten in Bauers neuem Buch
Ein sehr seltsames Buch. Das beginnt schon mit dem peinlichen Namedropping in einer Liste von „Mitarbeitern“, von denen manche nur eine Frage oder ein E-Mail beantwortet haben und sich einer gegen die Vereinnahmung nicht wehren kann, weil er lange tot ist. Besonders kurios wird es, wenn sich der Autor gescheiter als Mozart selbst gebärdet: „Die Kutschenfahrten kosteten mehr als der Komponist vermutete“! (S. 82)

Re: Re: Die zahllosen Peinlichkeiten in Bauers neuem Buch
Dass Mozart viel Geld verdient und nicht gratis gelebt hat, wussten wir schon. Der Autor hat die „Genaue Rechnungstafel“ von 1788 gefunden, fasst aber sonst nur die fehlerhafte Sekundärliteratur zusammen. Er hält den Deiner-Bericht für echt, glaubt, dass der Eingang des Camesina-Hauses in der Domgasse 5 lag und wenn er behauptet, Mozart habe anlässlich der Begräbnisse seiner Kinder Leichenschmäuse(!) veranstaltet, so wird klar, dass das Wien des 18. Jahrhunderts für Bauer ein total fremder Planet bleibt.

Den Haupttreffer in dieser ganzen Geschichte landete allerdings zweifellos eine Autorin beim deutschen Tagesspiegel. Sie war von der scheinbar neuen Scheinerkenntnis so aufgewühlt, dass sie ihren Artikel zur Hälfte dem Irrtum an sich widmete. Und dessen mögliche Auswirkungen auf die Rezeption von Mozarts Werk. Der Irrtum im Irrtum sozusagen. Trotz falscher Prämisse und Verkennung der Fakten, ein meisterhaft formuliertes kulturphilosophisches Highlight, mit tröstenden Aspekten für alle Beteiligten (zur Gänze hier nachzulesen):

Champagner für Mozart
Christiane Peitz schreibt die Musikgeschichte um [sic!]

Die Wissenschaft hat festgestellt: Mozart war doch nicht arm. Er hat nur über seine Verhältnisse gelebt.

[…] Aber klingt die Jupiter-Symphonie anders, wenn wir wissen, dass ihr Schöpfer weniger Wasser als Wein trank?

[…] Der Mensch mag Irrtümer gerne. […] Irrtümer bringen die Menschheit weiter. Ähnlich wie der Zweifel sind sie die fröhlichen Anarchisten im Wissensbetrieb. Nichts ist sicher, keine Erkenntnis ist in Stein gemeißelt, nicht mal die eigene. Es lohnt sich, die Welt jeden Tag neu zu erfinden. Ich irre mich, also bin ich. […]

Die Kronen Zeitung berichtete jüngst über diesen zu Herzen gehenden Fall später Gerechtigkeit:

Enkel fand flüchtigen Mörder seines Opas
[…] Clem Pellet hat den Mörder seines Großvaters 38 Jahre nach dessen Flucht aus der Haft im US-Staat Arizona wiedergefunden. Der inzwischen 78-jährige Frank Dryman muss jetzt lebenslang hinter Gitter.

Kronen Zeitung: Enkel fand flüchtigen Mörder seines Opas

Schöne Geschichte. Leider nur halb so spannend, wenn man sie in einer seriösen Zeitung oder Agenturmeldung nachliest. Der Mörder war nämlich keineswegs „aus der Haft“ geflohen. Er hatte knapp 15 Jahre abgesessen und befand sich bereits mehrere Jahre in Freiheit, auf Bewährung. Eines Tages tauchte er dann unter, womit er sich erneut straffällig machte. Was übrigens auch krone.at einige Tage vor dem Printartikel noch wusste.

Ob der Mann nun erneut auf Bewährung frei kommt oder zurück ins Gefängnis, wird voraussichtlich erst im Mai entschieden. Dass er „jetzt lebenslang hinter Gitter“ muss, ist daher eine weitere frei erfundene Zuspitzung für den Boulevard.

Die Krone erzählt weiter:

[…] Der Privatdetektiv stieß […] auf ein Alias von Dryman — Victor Houston. Einen Mann mit diesem Namen und dem richtigen Alter gab’s nur in Arizona City. Der Detektiv verständigte die Polizei, die Houston anhand von Fingerabdrücken als Dryman identifizierte und festnahm.

Diese Version der Geschichte deckt sich ebenfalls mit keiner verfügbaren Quelle und dürfte daher auch frei erfunden sein.

Medien vor Ort berichten, der Detektiv verfolgte die Spur von Drymans Sozialversicherungsnummer bis zur Hochzeitskapelle des Städtchens Arizona City. Dort fragte er „Victor Houston“, den Inhaber der Kapelle, nach „Frank Valentine“ (einem früheren Alias des Flüchtigen). Bei der Befragung fielen dem Ermittler an „Houstons“ Händen Tatoos auf, die zwar verändert worden waren, aber jenen von Dryman ähnelten. Auch das Alter des Mannes schien in etwa zu passen. Die hinzugezogene Polizei fand die Fingerabdrücke „Houstons“ zwar überraschenderweise nicht in der nationalen Datenbank, aber die Übereinstimmungen mehrerer Tatoos am Körper waren erdrückend. Nach kurzem Verhör gestand er daher seine wahre Identität.

Das ist schon irgendwie erstaunlich. Die Krone bekommt eine Agenturmeldung. Gibt diese in ihrer Online-Ausgabe korrekt wieder. Lässt sie dann einige Tage in der Redaktion abliegen. Und erzählt in der gedruckten Ausgabe die Geschichte dann so, als wäre sie bereits einige Generationen mündlich ums Lagerfeuer gegangen.

Aber vielleicht ist das ja das Geheimnis einer „guten“ Krone-Story…?

Die Krone-Schlagzeile des Tages:

Drei Kinder und keine Arbeit: Verzweifelter Vater als Bankräuber!
800 Euro Arbeitslose, Schulden und drei hungrige Kinder — ein Kärntner Familienvater wusste nicht mehr weiter und beging einen Doppelbankraub!

To: [email protected], [email protected], [email protected]
Subject: Abokündigung!

IHR FEINEN GUTMENSCHEN IN EUREM POLITISCHEN KORREKTHEITSWAHN FINDET DOCH IMMER IRGEND EINE EINE ENTSCHULDIGUNG FÜR DIE SCHLIMMSTEN STRAFTÄTER – UND WER BITTE DENKT AN DIE OPER!?!!! ES RIECHT! ICH KÜNDIGE HIERMIT MEIN ABO!!!

Franz W. Polter

Krone-Autor Michael P. hat ein seltsames Verhältnis zu Resozialisierungseinrichtungen. Die eine Woche schreibt er sie in den Himmel, preist in schillernsten Farben den „Luxus hinter Gittern„. Die andere Woche schreibt er sie zur Hölle auf Erden herbei. Beide Male fabriziert er hanebüchenen Unsinn.

Ausgangspunkt war diesmal die Entscheidung des Landesgerichts Eisenstadt, einen 14-jährigen Straftäter in ein Internat für schwer erziehbare Jugendliche in den USA zu schicken — „The Glen Mills Schools“ in Pennsylvania.

Diese Einrichtung versteht sich nicht als „Boot Camp“, sondern verfolgt den Ansatz der Peer-Education. Den Jugendlichen werden keine zweifelhaften Autoritäten vorgesetzt, die mit Druck, militärischem Drill und Repression arbeiten. Vielmehr wirft man sie in eine Art „Gang“ Gleichaltriger. Allerdings eine mit gesellschaftlich erwünschten Normen und Werten. Die Problemkinder bekommen hier eine Ausbildung, müssen gemeinsame Ziele erreichen, lernen in Gruppengesprächen Konfliktsituationen zu meistern und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen. Bei entsprechenden Fortschritten ist ein Aufstieg in der Hierarchie mit entsprechenden Privilegien möglich. Bei Rückfall in unerwünschte Verhaltensmuster folgt sozialer Abstieg in der Gruppe und im Erziehungsprogramm.

Soviel ganz grob zum nicht völlig unumstrittenen Glen Mills-Konzept.
Weitere Einblicke gibt es hier oder in diesem Video.

Und so hat die Kronen Zeitung am Sonntag ihren (tlw.) zahlenden Lesern die Geschichte erzählt:

Kronen Zeitung, 21.3.2010, S. 12/13

[…] Strafzellen, Isolationshaft und täglicher Drill […]

In den Staaten heißen sie „amerikanische Gulags“ […] Jetzt hat auch die österreichische Justiz diese Besserungs-Camps für sich entdeckt.

„Sir, yes Sir“ — das bleibt vielleicht der einzige Satz, den der 14-jährige […] risikolos sagen darf.

[…] Die Zeit hinter Gittern [in Österreich] wird dem Schwererziehbaren […] wie das Paradies vorkommen, zumindest im Vergleich zum Tagesablauf in „Boot Camps“ […]

Denn die Camps sind in vielen Punkten schlimmer als die Armee. Die Jugendlichen werden rund um die Uhr angebrüllt, oft herrscht Redeverbot, es gibt Isolationshaft und Fußketten.

[…] durch die harten Züchtigungsmethoden verlieren die Insassen schnell die Nerven, erleiden Kreislaufzusammenbrüche. 30 Teenager sind seit 1980 in elf Staaten bereits ums Leben gekommen.

PS: oe24.at vergaloppiert sich in seiner Meldung weniger tief ins Reich der Fantasie, steuert aber wie gewohnt das schönste Symbolbild bei… Nein, der „Burgenländer kommt [nicht] in diese amerikanische Umerziehungsanstalt [in North Carolina]“.

Meuchelt der Onkel seine Nichten,
wird sofort sie groß berichten.
Asylanten, Dealer, Kriminelle,
auf Seite 1, da rollt die Welle.
Nicht beim kleinsten Fehler der EU,
drückt gnädig sie ein Auge zu.
Doch dass Gottes Haus zur Hölle wenden,
Priester, die dort unsre Kinder schänden,
(ein Horror, der sich täglich mehrt)
ist der „Krone“ kaum die Rede wert.

Wotan Mirfl

 

Am interessantesten sind in der Krone ja oft jene Themen, über die sie nicht berichtet. Oder auffallend leise, für ein Boulevard-Blatt ihres Charakters.

(Schlagzeilen von 10. bis 15.3.)

Hier zum Vergleich die Titelseiten anderer Medien im selben Zeitraum:

Selbst in den zahlreichen kleinen News-Kästchen der Krone-Titelseiten wurde das Thema totgeschwiegen (jdf. in den OÖ-Ausgaben). Lediglich im Blattinneren gab es so etwas wie eine Kathpress-Minimalabdeckung der Nachrichtenlage: Nahezu ausschließlich O-Töne von Kirchenvertretern, sonst kaum ein kritisches Wort. Und ein Brief von Jeannée an die „Liebe Kirche“, in dem er bedauerte — nein, nicht die missbrauchten Kinder — sondern, dass die…

schwarzen Priester- und Klosterbrüderschafe, […] den Philistern, Selbstgerechten, Puristen und Kirchenhassern nun scharfe Munition im Überfluss liefern für ihr heiß ersehntes Armageddon … die große Abrechnung, das finale Gefecht, die Mutter aller Schlachten kontra Kreuz und Glauben.

(Das Krone-Blog — nicht verwandt mit dem Blatt — hat sich des Themas ebenfalls angenommen.)

Du bist Krone-Redakteur und feierst große Party. Die Stimmung ist ausgelassen. Du unterhältst dich prächtig und fühlst dich richtig wohl im Kreise deiner Freunde und Kollegen. Dummerweise haben sie beschlossen, dir für deine Verfehlungen eine Abreibung zu verpassen. Du wirst in einen Nebenraum gebracht, die Tür wird versperrt und so musst du dort den Rest des Abends verbringen, während nebenan die Feier munter weitergeht.

Und weil du in deinem 10 m²-Gefängnis vielleicht sogar nen Fernseher, ein Bett und eine schöne Aussicht aus dem Fenster hast, wissen auf der Party alle: „Das ist ja gar keine Strafe für dich. Du hast es da so schön, du würdest auch freiwillig drin bleiben (vielleicht sollten wir dich besser in den Keller, zu den Ratten…?)“.

Ja — alles was hinkt, ist ein Vergleich. Doch wie sonst soll man dem gemeinen Krone-Redakteur und -Leser eine nur ansatzweise Vorstellung vermitteln, was Gefängnis bedeutet? Dass die Strafe nicht in möglichst menschenunwürdigen Haftbedingungen besteht, sondern in der Isolation vom Leben da draußen. Im Entzug der Freiheit. Der Freiheit, zu gehen, wohin man will. Zu sehen und zu spüren, jene, die man liebt. Zu tun und zu lassen, was man gedenkt. Und das nicht an einem einzigen, launigen Party-Abend, sondern über Monate, oft Jahre hinweg.

Keine Sorge, wir wollen jetzt nicht sozialromantisch das Leid verklären, von Menschen, die nur ihre gerechte Strafe erfahren — aber vielleicht doch einen kleinen Ausgleich schaffen und einen etwas entzerrten Blick auf Beschreibungen wie jene in der letzten Sonntags-Krone:

Luxus hinter Gittern
Willkommen im schönsten Gefängnis der Welt. „Hier in Leoben bleibt man freiwillig“, sagen die Täter. Ihre Opfer müssen meist viel mehr leiden.

[…] die Justizanstalt Leoben in der Steiermark sieht nicht aus wie ein Gefängnis, sie sieht aus wie ein Vier-Sterne-Wellnesshotel mit Wohlfühlcharakter. Hier spielen Kinderschänder gegeneinander Tischfußball, hier borgen sich Drogendealer in der Bibliothek Bildbände aus, hier genießen Serienvergewaltiger auf der Sonnenterrasse ein bisschen die Frühlingsluft.

Quelle: https://www.krone.at/krone/S32/object_id__188802/hxcms/index.html

Man hat entweder viel richtig oder viel falsch gemacht, wenn die ganze Welt nach Leoben blickt. Wenn selbst Brasilien ein Fernsehteam in die Steiermark schickt. Wenn das „Times Magazine“ die edle Architektur lobt. Wenn Georgier im Internet mit den Fotos Kriminelle anwerben: „In Leoben bleibt man freiwillig, da bricht man nicht aus.“

Quelle: https://www.krone.at/krone/S32/object_id__188802/hxcms/index.html

Ob kinderschändende, serienvergewaltigende Drogendealer zur repräsentativen Stammbelegung der JVA Leoben gehören, die vorwiegend für U-Häftlinge und Kleinkriminelle konzipiert wurde, wissen wir nicht. Aber das „Luxus“-Gefängnis erregt die Krone offenbar so sehr, dass sie es, dreieinhalb Jahre nach ihrem ersten Bericht, nun aufs Neue ins Blatt hebt. Ohne neue Erkenntnisse zwar, aber dafür groß auf einer Doppelseite aufgemacht, als „Die Reportage“.

Am 25.08.06 waren es allerdings noch nicht „die Täter“, denen in den Mund gelegt wurde, hier bliebe man freiwillig. Auch gab’s noch keine dubiosen „Georgier im Internet“, die angeblich Kriminelle mit zufällig den gleichen Worten werben. Damals schrieb die Krone dieses Zitat noch einer harmlosen georgischen Website zu, die die JVA ironisch mit einem Hotel verglichen haben soll. Wie übrigens auch einige andere Websites und Foren es weltweit taten — aber das soll nicht unseren angstschweren Blick auf die finsteren Georgier trüben.

Als kleinere Seitenfüller der Reportage dienen zwei weitere Anstalten, die etwas arg bemüht auch ihr Luxus-Fett abkriegen. Vielleicht um eine Art System im österreichischen Luxus-Strafvollzug zu belegen. So wird das „Landl“ in der Wiener Josefstadt zum „Gourmet-Paradies“ erkoren. Steht da wirklich, wörtlich so! Weil es Menüs für unterschiedliche Bedürfnisse anbietet. Unter uns, das tun auch andere Haftanstalten, Graz-Karlau zum Beispiel. Auch wenn also im „Landl“ der ultimative Gaumenkitzel lockt, warten wir vor dem Bankraub lieber noch das Urteil der Haute Cuisine ab. Manchmal sagt eine Haube mehr als eine Krone.

Ja, und die Justizanstalt Favoriten, in der Drogensüchtige entwöhnt werden, bei notorischer Überbelegung, aber laut Krone immerhin „offenen Türen“ (des öfteren auch Pulsadern, aber das passte wohl nicht in „Die Reportage“), die ist sicher auch ein bislang schwer verkannter Hort des Luxus, in den man sich gerne zurückzieht um sich von seinen Raubzügen zu erholen.

Quelle: https://www.krone.at/krone/S32/object_id__188802/hxcms/index.html

Er möchte dennoch „keinen Tag eingesperrt sein“, darf ein JVA-Beamter aus Leoben den Luxus-Spuk dann doch noch etwas relativieren — in der ihm gewährten Zweifragen-Interviewzelle.

Die treffendste Antwort hätte aber ohnehin schon das von der Krone angeführte, leider nicht weiter berücksichtigte, Times Magazine in seinem lesenswerten Artikel gegeben:

Jeder [der die Bilder aus Leoben sieht] sagt — so oder ähnlich: „Ich glaube, Verbrechen lohnt sich doch.“ […] Oder: „Vielleicht sollte ich nach Österreich ziehen und ein paar Banken ausrauben.“ Das ist eine absolut nachvollziehbare Reaktion, dennoch aber auch töricht und falsch — in etwa so vernünftig, als würde man einen neuen Spitalstrakt betrachten und sagen: „Wow, ich wünschte ich hätte Krebs.“

Laut Times komme der menschlichere Strafvollzug übrigens auch jenen sehr zugute, die dort — manchmal tatsächlich lebenslang — ihren harten Dienst versehen. Und vielleicht sollten wir auch nicht vergessen, dass „die“ fast alle irgendwann wieder raus kommen. Wetten, auch der Krone-Autor wünschte sich — wenn’s unvermeidbar wäre — als Nachbar lieber einen „Ehemaligen“ aus dem Musterstrafvollzug, als aus dem Kerker seiner Träume?

Schließen wir mit Fjodor Dostojewski den Kreis zum Titel der Geschichte:

«Den Grad der Zivilisiertheit einer Gesellschaft kann man beurteilen, wenn man in ihre Gefängnisse schaut.»

Luxus hinter Gittern

17. Feb: pleaserobme.com geht online. Die Seite nimmt das mangelnde Sicherheitsbewusstsein vieler Internetuser aufs Korn und listet den Twitter-Status von Menschen, die gerade nicht zu Hause sind. Es handelt sich dabei um User des standortbezogenen Dienstes Foursquare, dessen Twitter-Statusnachrichten („left home“, „checked in“) diesbezüglich hervorragend auszuwerten sind.

18. Feb: Eine britische Online-Preisvergleichsseite für Versicherungen warnt im Rahmen ihrer Pressearbeit, dass Twittern Einbrecher anlocken könnte. Man verweist dabei auf pleaserobme.com und zitiert den eigenen Bereichsleiter Darren Black:

In Zukunft könnten Versicherungen die Zahlung verweigern, falls sie das Verhalten des Kunden für fahrlässig halten. (Hervorhebungen von uns)

19. Feb: Der britische Telegraph berichtet in der Folge

Das Benutzen von Facebook oder Twitter könnte Ihre Versicherungsprämie um 10 % erhöhen.

Der Artikel bezieht sich auf die Pressemitteilung der Preisagentur und ein Interview mit Darren Black, in dem er sagt:

Es würde mich nicht wundern, falls Versicherungen die Teilnahme an sozialen Netzwerken in der Risikobewertung eines Kunden berücksichtigen würden. Bei Leuten, die diese Seiten nutzen, könnten die Prämien um bis zu 10 % steigen.

23. Feb: Die Computerzeitschrift PC-Pro recherchiert nach und vermeldet

Versicherer bestreiten Prämienerhöhung wegen Twitter

[…] Auf Nachfrage, ob er Versicherungen kenne, die Kunden für Nachlässigkeiten in sozialen Netzwerken bestrafen würden, erklärte Darren Black, dass sein Kommentar im Interview eine reine Spekulation über mögliche zukünftige Trends gewesen sei und die Nutzung von Facebook oder Twitter derzeit niemandem in die Prämie eingerechnet würde.

26. Feb: Die Kronen Zeitung schafft Fakten

Ob eine offen stehende Haustüre oder ein Urlaubseintrag auf Facebook — das macht für britische Versicherungen keinen Unterschied. […] Folge: Sie zahlen im Schadensfall nicht.

[…] So zahlen bereits in England eifrige Nutzer von Facebook, Xing, Twitter und Co. zehn Prozent höhere Gebühren bei Hausrats- und Diebstahlversicherungen.

[…] Experten entwickelten eine Seite (aus Sicherheitsgründen wird sie in der „Krone“ nicht veröffentlicht), auf der eindeutige „Einbruchs-Einladungen“ von sämtlichen [sic!] Netzwerken Europas gefiltert werden.

[…] Und dem nicht genug: Die Nachrichten werden mit Meldungen aus „Ortsnetzwerken“ verknüpft. Damit Diebe genau wissen, wer wann sein Haus verlässt.

Aus Sicherheitsgründen verlinken wir an dieser Stelle nicht auf die dzt. 802 Google-News-Treffer zu pleaserobme.com. Und weiß zufällig jemand, was genau ein „Ortsnetzwerk“ ist?

Oh, danach hätten wir jetzt besser nicht gegoogelt, denn unter den spärlichen Treffern findet sich auch die mutmaßliche Quelle (24. Feb) dieser Krone-Titelstory.

Bildblog – übernehmen Sie! 😉

Ich gratuliere Seppi und Burli aus der Sportredaktion zum Schlagzeilen-Namen Fischi für die frischgebackende Olympiasiegerin Andrea Fischbacher. D’Fischbocherin wäre ja zu lang gewesen, und seit Schlieri, Kirchi, Dorfi, Walchi, Meisi, Lizzi und Goldi ist bekannt: Babysprache gehört zum Wintersport wie Boxenluder zur Formel 1.

Siehe auch bei Zib21 und Nömix.

„Eingenistet im Enddarm der Kronen Zeitung lebt es sich als Politiker leichter.“ schreibt der grüne Landtagsabgeordnete Martin Margulies in seinem Blog und listet das Inseratenvolumen zur Wiener Volksbefragung nach Zeitung auf. Mit großem Abstand Nummer eins: Hans Dichands „Kronen Zeitung“, mit brutto fast €350.000 Anzeigevolumen, gefolgt von der von Dichands Schwiegertochter Eva geführten Gratiszeitung „Heute“.

Margulies vermutet: „Die Anfütterung zwecks positiver Berichterstattung hat System.“

Der Blogger Oliver Ritter hat zudem das Inseratenaufkommen der Stadt Wien in „Heute“ beobachtet und unabhängig von der Volksbefragungskampagne in den ersten zehn Februarausgaben an fünf Tagen bis zu zwei weitere Inserate der Stadt Wien gefunden. In Summe zählt Oliver 18 Inserate der Stadt Wien in diesen 10 Ausgaben von „Heute“.

Ob und wie sich das Anzeigenaufkommen auf die journalistische Arbeit auswirkt, ist jedenfalls schwer objektivierbar. Gibt nicht irgendwo eine Institution oder ein Watchblog, die sich kritischem Monitoring politischer Werbung verschrieben haben?

(Grafik: Martin Margulies.)