Die Ölkrise, ausgelöst durch den Iran-Krieg, bringt ein wiederkehrendes Thema aufs Tapet: die Förderung von Erdgas in Österreich mittels Fracking. Doch wenn Medien über Fracking schreiben, verwenden sie häufig veraltete Zahlen oder greifen auf Mythen zurück.
Derzeit fällt vor allem Die Presse mit Artikeln zum Fracking auf: In einem Leitartikel mit dem Titel „Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ wird für diese Art der Erdgasförderung geworben, genauso wie in der Kolumne von Christian Ortner („‚Drill, Baby, Drill‘ – und zwar bitte demnächst auch in Österreich!“). Im Artikel „Österreich könnte viel eigenständiger sein“ kommt Fracking ebenso gut weg.
Dass in Meinungsbeiträgen für oder gegen Fracking argumentiert wird, ist legitim. Doch nicht nur dort, und nicht nur in der Presse, ist die Faktenlage oft dünn. Journalist:innen beziehen sich zum Beispiel auf veraltete Daten, verharmlosen Umweltrisiken oder verbreiten umgekehrt Mythen zum Schreckgespenst „Fracking“.
Weil diese Art der Energiegewinnung immer noch ein Nischenthema ist, hier ein kurzer Exkurs:
Was ist Fracking?
Fracking kann man auf Deutsch als „hydraulische Gesteinsaufbrechung“ übersetzen. In mehreren Kilometern Tiefe wird Gestein aufgebrochen – im Fall der Erdgasgewinnung handelt es sich um Schiefergestein. Eine Flüssigkeit, die hauptsächlich aus Wasser besteht, wird unter extrem hohen Druck in das Gestein gepresst. Dadurch entstehen Risse (fracks), durch die das im Gestein eingeschlossene Gas entweichen kann. Mit derselben Methode kann nicht nur Gas gewonnen werden, sondern auch Erdwärme – indem man sehr heißes Gestein aufbricht, Wasser hindurchleitet und so die Wärme nutzbar macht.
Das Thema hat vor allem dann Konjunktur, wenn eine Energiekrise herrscht. Der Ukraine-Krieg oder die derzeitige Ölknappheit sind solche Auslöser. In Österreich reicht die Diskussion bis ins Jahr 2012: Damals hatte die OMV konkrete Pläne, Schiefergas im Weinviertel mittels Fracking zu fördern. Das Projekt scheiterte an zivilem und letztendlich auch politischem Widerstand. Bis 2022 war Fracking erstmal vom Tisch.
Dann griff Russland die Ukraine an und unsere langjährige Energieabhängigkeit vom Aggressor galt es plötzlich loszuwerden. Als Teil einer „Lösung“ brachten manche Akteur:innen Fracking auf den Tisch: Die Industriellenvereinigung forderte im Juli 2022 eine Machbarkeitsstudie für Fracking im Weinviertel. Die damalige Umweltministerin Leonore Gewessler antwortete, indem sie kurz darauf ein Fracking-Verbot forderte.
In der jetzigen Energiekrise schafft es Fracking erneut in die Titelzeilen des Landes. Und damit haben wir es auch wieder mit medialen Mythen zu tun, die sich seit Jahren halten.
1. Mythos: Mit Fracking könnten wir uns 30 Jahre selbst mit Gas versorgen
Seit etwa 14 Jahren hält sich die Erzählung, dass sich Österreich mit Fracking 30 Jahre selbst versorgen könnte. Aussagen wie
Dabei könnte sich Österreich damit Schätzungen zufolge bis zu 30 Jahre selbst mit Gas versorgen. (Die Presse, 3. April 2026)
und
Im nördlichen niederösterreichischen Weinviertel lagern Gasreserven, die Österreich auf 30 Jahre versorgen könnten. (Tiroler Tageszeitung, 12. Juli 2022)
liest man immer wieder.
Die 30 Jahre stammen ursprünglich von Schätzungen der OMV, als diese 2012 erstmals Fracking untersuchen wollte. Diese Einschätzung ist allerdings überholt.
Wir haben bei David Misch nachgefragt. Er leitet das Department für Angewandte Geowissenschaften und Geophysik an der Montanuniversität Leoben. Für ihn ist diese Schätzung auf der Basis der derzeit verfügbaren Daten unrealistisch: „Die optimistischen Prognosen haben sich in wissenschaftlichen Studien bislang nicht bewahrheitet.“ Sie stammen aus einer Zeit, in der das Schiefergaspotential im Wiener Becken überschätzt wurde. Wie lange wir uns mit unseren Schiefergasvorkommen tatsächlich versorgen könnten, lässt sich nicht seriös beantworten.
2. Mythos: Es gibt eine Fracking-Methode, die ökologisch risikofrei ist
In den USA wird diese Technik seit vielen Jahren – nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten – mit großem Erfolg angewendet, in Deutschland und Österreich hingegen scheiterte sie an der ortsüblichen Bedenkenträgerei, und das, obwohl ausgerechnet in Graz ein ökologisch unbedenkliches Fracking-Verfahren entwickelt worden ist. (Christian Ortner in Die Presse, 27. März 2026)
Mit dem „ökologisch unbedenkliches Fracking-Verfahren“ aus „Graz“ ist eigentlich eine Untersuchung der Montanuniversität in Leoben aus dem Jahr 2011 gemeint. Das Verfahren wird damals wie heute angeführt, um Umweltbedenken aus dem Weg zu räumen. „Ökologisch unbedenklich“ macht es Fracking aber keineswegs.
Das Projekt wurde vom emeritierten Professor Herbert Hofstätter geleitet. Das Verfahren ersetzt die potenziell umweltschädlichen Chemikalien in der Flüssigkeit, die in das Gestein gepresst wird (siehe Exkurs „Was ist Fracking“) gegen unbedenklichere Stoffe.
Das große Aber: Diese Methode macht das, was in die Erde hineingepumpt wird, zwar sauberer – das, was aus der Erde herauskommt, ist es deshalb nicht. Konkret kann beim Fracking Methan freigesetzt werden – eines der klimaschädlichsten Treibhausgase. Entweichendes Methan ist generell ein Risiko der Erdgasförderung – auch wenn man das Gas nicht mittels Fracking, sondern konventionell fördert. Wird zusätzlich Fracking betrieben, steigt aber natürlich das Risiko, auch weil dafür mehr Bohrungen nötig sind. Eine Studie der European Geosciences Union schätzte 2019 sogar, dass die Schiefergasproduktion in den USA für mehr als die Hälfte aller gestiegenen Emissionen aus fossilen Brennstoffen weltweit in den vorangegangenen zehn Jahren verantwortlich ist.
Fracking bringt aber nicht nur Methan „nach oben“, sondern auch das sogenannte Lagerstättenwasser. Dieses Wasser kommt tief im Untergrund vor und kann mit Schwermetallen belastet sein.
Aber auch andere wesentliche Herausforderungen des Frackings bleiben bestehen. Geologe Misch nennt hier beispielsweise den enormen Wasserverbrauch oder den hohen Energiebedarf durch die tiefen Bohrungen und die Hochdruckpumpen.
An der Montanuniversität wird dieses Verfahren derzeit jedenfalls nicht mehr beforscht, bestätigt uns Misch. „Es wurde auch nie marktreif im Großmaßstab getestet.“
3. Mythos: Fracking-Risiken sind unkontrollierbar
Während Medien manche Risiken vernachlässigen, prägen andere als unsachliche Angstbilder die Debatte:
(Kronen Zeitung, 2. Juni 2024)
Es ist ein Bild, das sich hartnäckig hält: In der Oscar-nominierten Dokumentation „Gasland“ bringt ein Mann mit einem Feuerzeug sein Leitungswasser zum Brennen. Schuld an dem brennbaren Methan aus seinem Wasserhahn seien die Fracking-Aktivitäten in der Umgebung, so die Doku.
Behörden in Colorado untersuchten die Gegend daraufhin und fanden in mehreren Fällen Hinweise auf natürlich vorkommendes Methan. Im konkreten Fall ließ sich jedoch bis heute kein eindeutiger Ursprung klären; ein Zusammenhang mit Fracking konnte weder bestätigt noch ausgeschlossen werden.
Geologie-Professor Misch verweist jedenfalls darauf, dass „viele der zur Hochzeit der Fracking-Debatte gezeigten Aufnahmen wahrscheinlich auf natürlich im Grundwasser vorkommendes, seichtes Methan zurückzuführen“ seien. In Ansfelden führte solch ein biogenes Methan 2023 bei einer seichten Erdwärmebohrung sogar zu einer Kellerexplosion.
„Eine direkte Verbindung der tiefen Gaslagerstätten mit dem trinkbaren Grundwasser durch Fracking ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen“, meint Misch weiter. Ein Restrisiko, etwa durch schlecht abgedichtete Bohrungen, bleibt zwar immer – „das ist aber kein Fracking-spezifisches Problem, sondern könnte prinzipiell bei jeder Tiefenbohrung auftreten.“
Auch was mögliche Erdbeben betrifft, beruhigt Misch. Moderne, technologische Standards würden die Erdbebengefahr durch Fracking bei uns „auf nahe Null“ reduzieren. Auch beim Bergbau komme es immer wieder zu „induzierten seismischen Events“ – diese seien aber „harmlos“, zumindest, wenn alle Sicherheitsregeln eingehalten werden. Ähnliches sei bei Fracking zu erwarten.
In einer Studie des deutschen Umweltbundesamts aus dem Jahr 2014 kam ebenfalls heraus, dass Fracking zwar nicht risikofrei ist, etwaige Risiken mit entsprechendem Monitoring aber beherrschbar seien.
4. Mythos: Es gibt ein Fracking-Verbot
Die Probebohrungen scheiterten am Widerstand der Bevölkerung, dann folgte ein gesetzliches Verbot von Fracking – das bis heute gilt. (Salzburger Nachrichten, 24. März 2026)
Immer wieder liest man davon, dass Fracking in Österreich verboten sei. Aber das stimmt nicht. Im Parlament gab es dazu zwar Entschließungsanträge in den Jahren 2014 und 2022 und auch die ehemalige Umweltministerin Leonore Gewessler hat versucht, ein Fracking-Verbot durchzusetzen. Gekommen ist es aber nie. Mit einer Ausnahme: Das Land Vorarlberg hat 2014 ein solches Verbot in seiner Landesverfassung verankert. Mittendrin waren damals übrigens die Vorarlberger Nachrichten, die eine Petition gegen Fracking ins Leben gerufen haben und rund 60.000 Menschen davon überzeugen konnten.
Bundesweit müssen Schiefergasbohrungen seit 2012 und einer Änderung des UVP-Gesetzes allerdings verpflichtend eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchlaufen. Das gilt auch für Tiefbohrungen, um die Rohstoffe in einem ersten Schritt ausfindig zu machen. Es war übrigens diese UVP-Novelle, die der OMV letztendlich die Fracking-Ambitionen vermieste.
5. Mythos: Schiefergas eignet sich in Österreich als „Übergangslösung“, bis Erneuerbare nachziehen
Energie sparen ist gut. Auch gut wäre es, überholte Überzeugungen loszulassen. Sie sind ein Luxus, den sich dieses Land im Jahr 2026 nicht mehr leisten kann. (Die Presse, 3. April 2026)
„Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ – dieser Leitartikel in der Presse bringt Fracking als kurzfristige Lösung zur Energiesicherung ins Spiel. Doch das ist irreführend.
Schon als sich 2022 die Industriellenvereinigung für Fracking einsetzte, winkte die OMV ab. Die hohen Investitionen und die lange Vorbereitungszeit rentierten sich einfach nicht.
Das liegt wiederum an unseren Klimazielen: Österreich hat sich vorgenommen, bis 2040 klimaneutral zu sein. Nun entsteht bei der Nutzung von Erdgas zur Energiegewinnung CO2. Fracking wäre schon damals erst ab 2030 einsatzbereit und daher nur einige Jahre möglich gewesen.
Experte Misch glaubt ebenfalls nicht, dass Schiefergas mittelfristig eine Rolle in der nationalen Energieversorgung spielen kann. Trotzdem ist er sicher, dass Fracking „zweifellos nach modernen Standards – und dann auch sicher – umsetzbar“ wäre. Die Technologie könne nicht zuletzt auch zur Gewinnung von CO2-neutraler Erdwärme nützlich sein (siehe Exkurs „Was ist Fracking?“).
Fracking per se ist daher als Tabuwort ungeeignet. Von Fracking zur Erdgasgewinnung sollten manche Kommentator:innen dennoch loslassen lernen.
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