Männer sind Ikonen oder sogar Legenden. Frauen sind Prinzessinnen, Rotzgören oder Muttis. So scheint das zumindest der deutschsprachige Musikjournalismus zu sehen. In unserer Recherche haben wir uns die Wortwahl in den vier größten deutschsprachigen Plattformen für Musikkritiken angeschaut. Dabei zeigt sich ein deutliches Muster: Männliche Künstler werden als prägende Instanzen der Musikgeschichte verewigt, Künstlerinnen auffallend oft sexualisiert und verniedlicht.
Oasis, Iggy Pop und Co. sind allesamt musikalische Legenden. Da sind sich führende Musikjournalist:innen einig. Wie ist das bei Künstlerinnen wie Mariah Carey oder Dolly Parton? Ebenfalls Legenden? Zumindest werden sie nicht so genannt. Es scheint da nämlich eine Krux zu geben: Die beiden sind keine Männer. Musikjournalist:innen nennen sie lieber „Prinzessin“ (Rolling Stone über Carey) oder „Übermutter“ (Der Spiegel über Parton).
Wenn man sich durch Albumkritiken und Konzertreviews von deutschen und österreichischen Medien arbeitet, merkt man schnell: Das sind keine Einzelfälle. Sexismus im Musikjournalismus hat System.
Im Zeitraum zwischen 2023 und 2025 haben wir uns mehrere hundert Nachrufe, Konzert- und Albumreviews in deutschsprachigen Medien angeschaut. Dabei wollten wir wissen, wie die jeweiligen Künstlerinnen und Künstler von den Medien genannt werden. Gemeint sind nicht Boulevardzeitungen, im Gegenteil. Wir haben Rolling Stone, Musikexpress, Der Spiegel, und Der Standard analysiert. Warum ausgerechnet die österreichische Tageszeitung heraussticht, verraten wir euch etwas weiter unten.
Insgesamt lässt sich sagen: Männliche Künstler bekommen viel positivere Zuschreibungen als ihre Musikerkolleginnen – und das unabhängig davon, ob eine Kritik positiv oder negativ ausfällt. Hier ein kleiner Überblick über die meistverwendeten Begriffe:
Einmal in den Olymp des Musikjournalismus und zurück
Jeff Beck ist ein „Gitarrengott“ (Der Standard), The Smiths sind „Pop-Heilige“ (Der Standard) und wenn Pearl Jam, Toto und Uriah Heep auftreten, dann sind „Titanen“ am Werk (Rolling Stone). Kein Begriff der Mythologie und Religion ist im Musikjournalismus zu hoch, zu blasphemisch, um einen Mann zu beschreiben. Um in den Musikerolymp aufgenommen zu werden, muss es sich nicht einmal um die größten Stars der Musikgeschichte handeln. Auch Maurice Ernst, Sänger der österreichischen Band Bilderbuch, bekommt vom Standard den Titel „Jesus aus Deutschlandsberg“ verliehen.
Und wo sind die Göttinnen?
Von ihnen gibt es in über sechshundert Artikeln keine einzige. Himmlische Wortwahl wird Künstlerinnen maximal in Form von Engeln zuteil, wie etwa bei Rhian Teasdale von der All-Female-Band Wet Leg, die Der Standard in einem Album-Review als „lesbischen Unschuldsengel mit Kleinmädchenstimme“ bezeichnet. Oder Musikerkollegin Jessie Murph: Sie würde laut Rolling Stone „wie eine Prinzessin wirken, wenn ihre zerzausten, pumaschwarzen Haare und ihr verführerisches Lächeln ihr nicht eher die Gestalt eines Racheengels verliehen“.
Können Frauen keine Legenden sein?
Eine besonders beliebte Zuschreibung in der Musikberichterstattung ist „Legende“. In knapp einem Viertel der analysierten Artikel haben wir sie gefunden. In drei Jahren Berichterstattung von vier verschiedenen Medien gibt es gerade einmal 21 Frauen, die so bezeichnet werden. Bei Männern bzw. rein männlichen Bands haben wir 96 „Legenden“ gefunden. Die Wahrscheinlichkeit, dass beim Begriff „Legende“ ein Mann gemeint ist, liegt bei den untersuchten Artikeln also bei 82 %.
Unter den Frauen wird diese Ehre am häufigsten Dolly Parton zuteil, nämlich fünfmal. Zum Vergleich: Ozzy Osbourne bzw. Black Sabbath sind gleich 15-mal als solche verewigt. In den restlichen Artikeln, in denen sie vorkommen, sind sie wahlweise „Metal-Ikonen“ oder „Pioniere“. Parton kommt nicht immer so schmeichelhaft davon, mehr dazu weiter unten.
Am stärksten ausgeprägt ist der Legendenkult bei Nachrufen und Artikeln über verstorbene Künstler:innen. Dort scheinen die Autor:innen aller Publikationen keine Scheu zu zeigen, zu überschwänglich in ihrer Wortwahl zu sein. Der Legendenregler ist hier bis zum Anschlag aufgedreht – wenn es sich denn um einen Mann handelt. Jimmy Cliff, Jellybean Johnson, und Klaus Doldinger, sie alle werden in Nachrufen zu „Legenden“ erklärt.
Bei Todesfällen weiblicher Künstlerinnen gestaltet sich die Tonalität weitaus neutraler. Connie Francis zum Beispiel, die erste Frau, die es an Spitze der Billboard Hot 100 schaffte, ist in keinem der vier untersuchten Medien als „Legende“ vermerkt. Sondern als „Teenageridol“ (Musikexpress), „Schlagerstar“ (Standard), „resiliente Diva“ (Spiegel) oder schlicht und einfach „Popsängerin“ (Rolling Stone).
Ebenso Donna Jean Godcheaux, die mit der Band Grateful Dead in der Rock’n’Roll Hall of Fame verewigt ist und mit Elvis und Percy Sledge arbeitete. Legende? Fehlanzeige.
Eine neutrale Wortwahl ist an sich auch kein journalistischer Fehler, aber wir finden sie vor allem bei Frauen. Quincy Jones, Zakir Hussain und Carlos Santana hingegen bekommen Lobeshymnen als „Titan“, „Maestro“ und – schon wieder – „Legende“. Es ist ein Muster, dass sich durch die meisten Artikel zieht: Bei Männern wird alles Lobende ausgepackt, was der Duden so hergibt.
Auch spannend: In Nachrufen von Rolling Stone bzw. Musikexpress zu Sinnead O’Connor und Marianne Faithfull finden sich durchaus die Begriffe „Musikgenie“ und „Legende“ – gemeint sind damit jedoch nicht etwa die verstorbenen Künstler:innen selbst, sondern ihre Musikerkollegen Prince und Metallica.
Das gleiche Phänomen finden wir auch in einem Rolling-Stone-Artikel über Cher. Die „aufstrebende Legende“ im Artikel ist ihr kurzzeitiger Partner Warren Beaty und nicht etwa die mehrfache Emmy-, Grammy- und Golden-Globe-Preisträgerin selbst. Sie hingegen wird schlicht „Musikerin und Sängerin“ genannt.
Einen kleinen Lichtblick gibt es aber doch: Als „Ikone“ werden sowohl Männer als auch Frauen in etwa gleich häufig bezeichnet, insbesondere in Artikeln des Rolling Stone ist das Verhältnis der Ikonen ausgewogen.
Heilig, sexy oder biestig
Auffällig ist, dass bei Musikerinnen besonders häufig sexualisierte Klischees zum Einsatz kommen. Insbesondere Der Spiegel sticht in diesem Bereich negativ hervor, etwa in seiner Albumrezension zur Sängerin Eartheater: „Die US-Künstlerin Eartheater galt lange als unantastbare Domina des Avantgarde-Pop, auf ›Powders‹ wird sie nun gefährlich anschmiegsam.“ Einige Zeilen später wird diese vom Autor gesetzte Zuschreibung noch einmal verstärkt, wenn Eartheater als „Marilyn Mansons Domina-Schwester“, als „Engel und Schattenwesen zugleich“ beschrieben wird.
Allgemein scheint es, als wäre „Domina“ im Spiegel eine gängige Kategorie, um Künstlerinnen zu bezeichnen, denn auch Madonna, Dina Summer, FKA Twigs, Lady Gaga und Wet Leg kommen unter anderen zum Handkuss. Über die Sängerin der letztgenannten Band schreibt Der Spiegel beispielsweise, die Künstlerin habe in ihrem Album eine neue Rolle angenommen, und zwar als „Kuscheldomina statt Kratzbürste“. Das sei ein „sprachliches Spiel mit Sexualität“, welches auch Inhalt des Albums sei, heißt es dazu auf Anfrage seitens des stellvertretenden Leiters für das Kulturressort.
Über alle vier Publikationen und in hunderten Artikel wiederholt sich dasselbe Muster: Künstlerinnen sind entweder Heilige, Sexobjekte oder Kratzbürsten.
Sexualität spielt nur bei Frauen eine Rolle
Kommen wir kurz noch einmal zur vorhin erwähnten Bezeichnung „lesbischer Unschuldsengel“ für Rhian Teasdale zurück. In diesem Beispiel steckt nämlich ein weiteres Detail: Sexualität oder sexuelle Identität wird nur bei Frauen zum Thema gemacht. Der Spiegel hält es beispielsweise für notwendig, in seinem Artikel zum Hip-Hop-Festival Splash! festzuhalten, dass die „bisexuelle Rapperin aus Florida“ Doechii die Bühne betritt.
Ein weiteres Beispiel: Bereits im Vorspann zu einer Albumkritik von Lucy Dacus‘ „Forever is a Feeling“ schreibt Der Standard, dass die Indie-Rock-Sängerin bisexuell sei. In der Kommentarspalte hagelt es dafür ordentlich Kritik. Denn auch wenn die Beschäftigung mit früheren Beziehungen auf dem Album thematisiert wird – Dacus ist bei Weitem nicht die erste Musikerin, die das besingt. Es bleibt also fraglich, ob das wirklich der zentrale Aufhänger des Artikels sein muss.
In den analysierten Artikeln gibt es hingegen keinen einzigen Fall, in dem die Sexualität eines männlichen Künstlers eine Rolle spielt.
Quo vadis, Qualitätszeitung?
Es gibt allerdings Unterschiede zwischen den untersuchten Medien. Musikexpress und Rolling Stone bedienen sich in ihren Album- und Konzertkritiken einer eher neutralen Wortwahl und leisten sich damit weit weniger begriffliche Entgleisungen als Der Spiegel und Der Standard.
Im Standard lesen wir zum Beispiel problematische Formulierungen wie die „sexy Vegetarierin Carrie Underwood“, das „rotzige und räudige Frauenduo“ Wet Leg oder „Narkoseschwester“ Lana del Rey. Eine Auswahl zeigt die untenstehende Grafik:
Eines der Highlights in puncto Unseriösität ist wohl dieser Absatz einer Albumrezension:
Neben wenigen eigenen neuen Liedern macht die sympathische und bekennende „Hinterwäldler-Barbie“ mit dem Herz am rechten Fleck heute auf wilde Rockerbraut aus dem Ronacher oder dem Raimundtheater.
Die selbsternannte „Backwoods Barbie“ – eine Anspielung auf ihr 2008 erschienenes Album – die hier „auf wilde Rockerbraut macht“, ist niemand geringerer als Dolly Parton, die mit über 3.000 selbstverfassten Songs zu den erfolgreichsten Musikerinnen der Geschichte zählt. Für DJ Ötzi reicht es im selben Medium zum „singenden Bierzeltgott“.
Es sei durchaus möglich, „dass das Vokabular älterer, männlicher Poprezensenten bei jüngerem, in dieser Hinsicht sehr sensiblen Publikum nicht immer auf Wohlwollen stößt“, heißt es dazu vom Leiter des Standard-Kulturressorts Stefan Weiss, der gleichzeitig auf die Fachexpertise des Redakteurs verweist, aus dessen Feder zahlreiche der hier angeführten Formulierungen stammen. „‚Heilige‘, ‚Gott‘ und ‚Legende‘ sind, genauso wie ‚Ikone‘, eigentlich Wörter, die wir in Nachrufen zu vermeiden versuchen, weil sie wenig aussagen und sehr verbraucht sind“, schreibt Der Spiegel.
Wir wollten vom Standard auch wissen, warum nur Männer als „Gott“ bezeichnet werden. Der Standard betont, dass es durchaus Göttinnen in seinem Musikressort gebe – und nennt dann einen Artikel aus dem Jahr 2010.
Von Musikexpress und Rolling Stone liegen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels keine Stellungnahmen vor.
Wer bleibt im kulturellen Gedächtnis? Und wie?
Sprache enthält Wertungen. Begriffe wie „Legende“ oder „Prinzessin“ sind nicht neutral. Wenn Musiker als „Urgesteine“, „Institutionen“ und „Genies“ stilisiert werden, hat das ein völlig anderes Gewicht als eine Musikerin, die als „Fee“, „Prinzessin“ oder „Engel“ eingeordnet wird. Das eine prägt die Musikgeschichte, das andere ist schnell vergessen.
Fest steht: Solche Zuschreibungen prägen sich ein, sie schreiben alte Rollenklischees fort und sind sexistisch. Indem der Musikjournalismus unterscheidet, wer eine Legende sein darf und wer eine Fee bleibt, prägt er auch unser kulturelles Gedächtnis.
Dieser Artikel wurde parallel im Falter veröffentlicht.
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