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Blind am rechten Auge: Wie der Exxpress über Extremismus berichtet

Der Exxpress verharmlost systematisch Rechtsextremismus auf der einen Seite und überdramatisiert Linksextremismus auf der anderen. Dabei greift die Boulevardplattform tief in die Trickkiste: Sie berichtet unvollständig oder gar nicht über Fakten, wenn diese nicht die gewünschte Botschaft transportieren; sie gibt Aussagen falsch wieder; und sie interpretiert Umfragen äußert kreativ. Alles nach dem Motto: Was nicht passend ist, wird passend gemacht.

Es ist eigentlich gar nicht so schwierig, über Links- und Rechtsextremismus ausgewogen zu berichten. Da sind zum Beispiel ganz simple Fakten: Aus einer SPÖ-Anfrage an den Innenminister Karner geht hervor, dass die Zahl der rechtsextremen Straftaten im ersten Halbjahr 2023 um 20 Prozent gestiegen ist. Das haben auch nahezu alle Zeitungen, vom Standard über den Kurier bis hin zu Boulevardblättern wie Oe24, berichtet. Nur im selbsternannten „Medium für Selberdenker“, dem Exxpress, war davon nichts zu lesen. Das Blatt schwieg eisern. Wenn es hingegen um Linksextremismus geht, wird es sehr schnell sehr laut. Selbst dann, wenn es keine echte Grundlage dafür gibt.

Wir treffen dieses Urteil nicht leichtfertig, denn wir haben tatsächlich alle Artikel, die wir seit 2021 über Links- und Rechtsextremismus im Exxpress finden konnten gelesen und analysiert. In Summe waren es 125 Texte, 64 zu Rechtsextremismus, 61 zu Linksextremismus.

Fangen wir mit den Berichten über Rechte an – die klingen im Exxpress oft so, als sei jegliche Kritik an ihnen lächerlich.

Ein Beispiel: Nachdem im Dezember 2022 mehrere deutsche und österreichische Medien über Gefahren berichtet haben, die von sogenannten „Reichsbürgern“ aus dem rechtsextremen Spektrum ausgehen könnten, stellt der Exxpress diese Einschätzung als lächerliche „Medienhysterie“ dar. „83 Millionen Deutsche dürften ziemlich gelassen in das {sic} Weihnachtswoche starten, die breite Mehrheit von ihnen (67%) hat keinerlei Angst vor einem Putsch durch Reichsbürger“, beginnt der Artikel und bezieht sich dabei auf eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA. Die Zahl ist korrekt – Angst vor einem Putsch hat die Mehrheit nicht. Jedoch zeigt die gleiche Umfrage, dass 55 Prozent der Bevölkerung die Gefahr, die von Reichsbürgern ausgeht, als „eher groß“ oder „sehr groß“ einschätzt. Der Exxpress erwähnt dieses Detail erst ganz am Ende des Textes.

Ebenfalls beliebt ist so zu tun, als wären die Begriffe  „Rechte“ und „Rechtsextreme“ nichts weiter als politische Kampffloskeln. Nach dem Motto: Mittlerweile gilt im „Mainstream“ ja wirklich jeder als rechtsextrem.

So titelt der Exxpresss im September: „SPD-Stiftung behauptet: Wer Klimaschutz ablehnt, ist `rechtsextremer Demokratiefeind´“. Die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung wird im Text als „umstritten“ bezeichnet, ihre Ergebnisse als „absurd“ und „irrwitzig“. Die Studie besagt allerdings keineswegs, dass alle Menschen, die Klimaschutz ablehnen, rechtsextrem sind, sondern vielmehr, dass es offenbar einen Zusammenhang zwischen der Ablehnung von Klimaschutz und Demokratiefeindlichkeit gibt. Die Studie wurde von mehreren Zeitungen aufgegriffen – „umstritten“, „absurd“ oder „irrwitzig“ fanden sie aber nur die „Selberdenker“ vom Exxpress.

In einem weiteren Artikel sieht sich Exxpress-Chefredakteur Richard Schmitt an „die dunkelste Corona-Zeit“ erinnert: „Wer gegen Fehler und Repression der Regierung demonstriert, sei ein “Rechter”, warnt die deutsche Grünen-Chefin Ricarda Lang“, schreibt er. Das Problem dabei: Die angesprochene Ricarda Lang hat das nie gesagt. Wie es häufiger beim Exxpress der Fall ist, wird das, was im Header behauptet wird, auch hier viel weiter unten im Artikel wieder relativiert. Tatsächlich hat Lang  gesagt, sie habe kein Verständnis für „Demonstrationen gemeinsam mit rechtsextremen Gruppierungen“.

Besonders abstrus ist auch dieser Artikel des Chefredakteurs: „Was kommt jetzt noch alles?“, fragt Schmitt in einem Bericht über die katholische Kirche, in dem er behauptet, „dass zukünftig nur noch Linke für die katholische Kirche“ arbeiten dürften. Das soll angeblich die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp, so gesagt haben. Auch das ist falsch. Tatsächlich hat sie angekündigt, dass sie keine Mitglieder der AfD beschäftigen will, da die Partei vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft wurde. Bebildert wird der Artikel mit einem Jesus-Kreuz, eingefärbt in den Farben der Regenbogen-Fahne. Dass gerade die Kirche bisher als großer Verfechter der LGBTQ-Szene aufgefallen ist, wäre jedenfalls neu.

https://exxpress.at/praesidentin-der-katholiken-komitees-keine-kirchen-aemter-mehr-fuer-rechte-politiker/

Kritisch nur dann, wenn es um ausländische rechte Gruppierungen geht

Wir würden dem Exxpress aber unrecht tun, wenn wir behaupteten, seine Berichterstattung zu Rechtsextremismus sei ausschließlich neutral oder verharmlosend. Wir haben immerhin auch 6 Artikel (seit 2021) gefunden, die sich kritisch mit Rechtsextremismus beschäftigen. Aber: In gleich vier dieser Artikel geht es um ausländische Rechtsextremisten. Konkret um rechtsextreme Türk*innen bzw. die rechtsextreme Gruppierung „Graue Wölfe“. Wer den Exxpress liest, könnte also fast glauben, die einzigen Rechtsextremen in Österreich seien Migrant*innen. Über rechtsextreme Fälle im Bundesheer, wie etwa den Grazer Soldaten, der den Hitler-Gruß zeigte, schweigt der Exxpress nämlich, genauso wie über den 2021 geplanten Bombenanschlag eines Rechtsextremen auf das KPÖ-nahe Volksstimmefest.

Artikel sind keine Einzelfälle, wie eine Analyse zeigt

Die genannten Beispiele zur Verharmlosung von Rechtsextremismus haben System. Wir haben alle 125 Texte über Rechts- bzw. Linksextremismus den Kategorien „neutral“, „verharmlosend“ oder „kritisch“ zugeordnet. Dabei zeigt die Analyse, dass ein Großteil der Artikel, die im Untersuchungszeitraum zu Rechtsextremismus erschienen sind, neutral gehalten waren. 20 Prozent der Artikel waren verharmlosend und nur neun Prozent können als kritisch eingestuft werden. Bei den Texten über Linksextremismus, verhält sich das auffallend anders: Mehr als die Hälfte der erschienenen Artikel sind kritisch, kein einziger ist als verharmlosend einzuschätzen.

Denn wenn es um Linksextremismus geht, warnt der Exxpress eindringlich vor großen Gefahren oder gar linken Terrorangriffen. Und wenn es um linken Aktivismus geht, fällt regelmäßig ein Wort: Chaoten. Und das in zahlreichen Variationen: Linksextreme Chaoten, linksextremistische Klima-Chaoten, linke Chaoten, linksradikale Chaoten usw usf..

Die große Angst vor dem linken Terror

Während also die Bedrohung durch Reichsbürger als etwas Lächerliches dargestellt wird, warnt der Exxpress häufig vor einer linksextremen Terrorwelle und schürt damit Ängste. Liest man die Texte und überprüft die Behauptungen, zeigt sich jedoch häufig, dass die Suppe ziemlich dünn ist.

Ein Beispiel:

Im Mai diesen Jahres betitelt der Exxpress einen Artikel folgendermaßen: Tag X: Behörden warnen vor linksextremer Terrorwelle. Im Header heißt es weiter: „Sogar vor Terror-Anschlägen wird gewarnt“. Worum geht es? Der Exxpress zitiert im Text Thomas Haldenwang, den Präsidenten des deutschen Bundesamtes für Verfassungsschutz. Haldenweg hat bezüglich Linksextremismus gesagt: „Die Schwelle zum Terrorismus sehen wir aktuell noch nicht überschritten. Aber wenn sich die Radikalisierungsspirale weiterdreht und die Taten immer brutaler und hemmungsloser werden, dann rückt der Moment näher, in dem man auch von Linksterrorismus sprechen muss.“

Das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz warnt somit nicht vor aktuellen Terror-Anschlägen, sondern im schlimmsten Fall vor einer zukünftigen Entwicklung hin zu terrorisischen Strukturen. Bei Rechtsextremismus hingegen warnt der Verfassungschutz schon heute konkret vor Terrorangriffen und spricht von „rechtextremistischem Terror“. Im Exxpress ist davon nichts zu lesen.

Aber das ist nicht das Einzige, was der Exxpress in diesem Artikel ausklammert, um seiner Linie treu zu bleiben.

So schreibt die Redaktion weiter: „Linksextremismus ist auf dem Vormarsch. Im Jahr 2019 gab es laut Verfassungsschutz 9.200 gewaltbereite Linksextremisten, 2021 waren es sogar gut 10.300.“ Das ist im Prinzip korrekt, allerdings fehlt zur Einordnung die Zahl bekannter Rechtsextremisten: Laut der gleichen Quelle, dem deutschen Verfassungsschutz, ist auch diese 2022 leicht gestiegen auf 14.0000. Es gibt in Deutschland demnach also noch immer deutlich mehr Rechts- als Linksextreme, was der Exxpress verschweigt.

 

Verfassungsschutzbericht 2022 Deutschland, S. 51/S. 128

Was der Exxpress hier macht ist eine beliebte Methode: Nämlich nur selektiv über jene Zahlen zu berichten, die zur Weltanschauung passen. Nicht erwähnt wird etwa auch, dass die Straf- und Gewalttaten der Linksextremisten laut dem selben Verfassungsschutzbericht seit 2020 erheblich zurückgegangen sind, während die Straftaten der Rechtsextremisten in nahezu allen Bereichen (außer Sachbeschädigung) weiter zugenommen haben oder gleich geblieben sind.

All das sind keine einzelnen Ausrutscher im Exxpress. Bereits 2021 hat der Exxpress einen Artikel mit der Headline veröffentlicht: Verfassungsschutz warnt vor linkem Terror und bezieht sich auch damals  auf den Präsidenten des deutschen Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang. Im Text zitiert ihn der Exxpress alarmiert: „Anschläge sind jederzeit möglich.“ Allerdings hat Haldenwang auch vor zwei Jahren nicht explizit vor linkem Terror gewarnt. Sein Zitat bezog sich allgemein auf islamistische, rechtsextremistische und linksextremistische Anschläge. Erst im letzten Satz erfahren die Exxpress-Leser:innen, dass Haldenweg die größte Gefahr für Demokratie und Sicherheit im Rechtsextremismus sieht. Ein noch klarerer Widerspruch zur Panikmache im Titel ist kaum denkbar.

Sind Linke wirklich gewalttätiger als Rechte?

Schockierende Bilder, empörende Szenen und gefährliche Ausschreitungen, die ganz Österreich sprachlos machen – so ist meist das Narrativ des Exxpress, wenn er sich mit Linksextremismus beschäftigt. Mehr als doppelt so oft fallen hier negative Worte als in Artikeln über Rechtsextremismus. Der Exxpress vermittelt dabei auch systematisch den Eindruck, dass Linke gewaltbereiter seien als Rechte. Das zeigt etwa eine Analyse der Wortwahl. Wir haben vier Kategorien erstellt mit häufig genannten Begriffen: 1. Terror, 2. Gewalt, 3. Attacke/Angriff/Straftat und 4. Waffen.

 

Bei der Analyse fällt auf, dass der Exxpress Rechtsextremisten deutlich seltener mit Gewalttaten in Verbindung bringt beziehungsweise als gewalttätig darstellt, als das bei Linksextremisten der Fall ist. Auch Terror ist im Exxpress hauptsächlich ein linkes Thema. Dagegen fällt das Wort „Waffen“ nur im Kontext von Rechtsextremen, was an vier Berichten über Razzien in Wien und Niederösterreich bei rechtsextremen Hooligans im September vergangenen Jahres liegt.

Über Angriffe und Attacken im Kontext von Rechts- oder Linksextremismus berichtet der Exxpress gleich oft. Was auf den ersten Blick ausgewogen scheint, ist aber tatsächlich ziemlich irreführend, denn in der Realität gibt es deutlich mehr Vorfälle bei Rechtsextremen. Das sagen nicht wir, sondern eine vom österreichischen Innenministerium im Rahmen des Sicherheitsberichts 2021 Kriminalität veröffentlichte Statistik für die Jahre 2012-2021 : Die Zahl rechtsextremer Tathandlungen übersteigt die aus dem linken Spektrum bei weitem. So gab es 2021 etwa 1053 Tathandlung, die dem rechten Spektrum zuzuordnen sind. Demgegenüber stehen 119 linksextreme Tathandlungen.

Generell schreibt das Innenministerium von einem zahlenmäßigen Anstieg in Bezug auf Tathandlungen aus der rechtsextremen Szene und von einem Rückgang der Tathandlungen sowie der erstatteten Anzeigen in der linksextremen Szene. Wer nur den Exxpress liest, wäre wohl eher nicht zu dieser Einschätzung gekommen.

Linksradikales Volkstheater & Peter Pilz Blog

Interessant ist auch, was oder wer vom Exxpress als linksradikal bezeichnet wird. Dazu gehören beispielsweise das „linksradikale“ Volkstheater, welches „von den Wiener Steuerzahlern bezahlt werden muss“. Anlass ist hier das Stück „Zertretung“. „Linksradikal“ sind außerdem laut Exxpress Greta Thunbergs „Slogans“, generell die „Chaoten“, die gegen den Klimawandel demonstrieren und auch der Blog Zackzack von Peter Pilz.

Am meisten ärgert sich der Exxpress darüber, dass dessen „linksradikaler Blog“ innerhalb von zwei Jahren 200.000 Euro von der Stadt Wien erhalten hat. Die Redaktion stellt sich die Frage, „ob die Wiener Steuerzahler wirklich wollen, dass mit ihrem Geld Rechtsanwälte für linkslastige und aggressive Blog-Schreiber bezahlt werden“. Wie viel öffentliche Förderung der Exxpress bekommt, steht dort freilich nicht. Wie Kobuk bereits berichtet hat, waren es allein im Jahr 2022 1,1 Millionen Euro – ein Vielfaches von Zackzack.

Meinungen von Rechts über Links

Die Weltanschauung des Exxpress zeigt sich auch in zahlreichen Kolumnen. Dort liest man, was den Autor:innen alles ein Dorn im Auge ist: Klima-Bewegung, Rammstein-Debatte, Drag-Queen-Kultur, LBTQ-Rhetorik, Gender-Talk und dem „Geschwurbel über feministische Außenpolitik“. Es geht um das Gewaltproblem der linken Szene und um Polizisten, denen eigentlich immer Unrecht getan wird. Christian Ortner, einer der Kolumnisten, fragt in einem seiner Beiträge: „Was ist eigentlich so unmöglich daran, einfach „rechts“ zu sein?

Während Ortner in diesem Text über einen „verlogenen Kampf gegen Rechts“ lamentiert, kommt man nach der Analyse von 125 Artikeln zusammenfassend kaum umhin, eher dem Exxpress einen verlogenen Kampf gegen Links zu bescheinigen. Zumindest aber eine einseitige und manipulative Berichterstattung, die den Verdacht nahelegt, dass die Redaktion am rechten Auge doch etwas blind zu sein scheint. 


Kobuk finanziert sich ausschließlich über Spenden und Mitgliedsbeiträge. Wer uns unterstützen und damit weitere Recherchen wie diese ermöglichen will, findet alle Infos dazu hier: www.kobuk.at/support


Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien.

Über die Recherche:

Als „neutral“ wurden Berichte eingestuft, die ein Thema faktisch richtig darstellen und sich dabei nicht einseitig positionieren. Als verharmlosend sind in dieser Statistik Artikel kategorisiert, die falsche Fakten verbreiten oder sich einseitig positionieren und dabei Rechts- beziehungsweise Linksextremismus verharmlosend darstellen. Kritisch sind Artikel, die Rechts-/Linksextremismus als Bedrohung darstellen und dabei zugleich Stimmung gegen Rechts/Links machen.

Eine Anfrage an den Exxpress mit der Bitte um Stellungnahme blieb unbeantwortet.

Faktenlose Polemik bei Exxpress zum Thema Schneefall und Klimawandel
Wie das Pseudo-Medium Report24 Klimalügen verbreitet