Wir recherchieren nach,
damit ihr nicht müsst.

Österreichs Boulevardmedien sind voll mit Artikeln, die prominente Frauen auf ihren Körper reduzieren und sexualisieren. Die Zeitungen bestimmen, wie viel Haut zu viel ist und wie Frauen auszusehen haben, um als schön, sexy und selbstbewusst zu gelten – toxische Schönheitsideale inklusive.

Collage "Nacktheit"

Frauen werden im Boulevard oft nicht als handelnde Personen dargestellt, sondern als Sexualobjekte. Unsere Analyse zeigt: Diese Objektifizierung und Sexualisierung von Frauen sind keine Einzelfälle, sondern ein strukturelles mediales Phänomen.

Dafür haben wir die Online-Ausgaben von Krone.at, Heute.at und OE24.at von Jänner bis Dezember 2025 ausgewertet. Untersucht wurden gezielt Artikel, in denen Körper, Aussehen oder Freizügigkeit im Mittelpunkt stehen. Beiträge also, die zum Beispiel Wörter wie nackt, sexy oder heiß im Titel hatten.

So kamen über 500 Artikel zusammen, in denen wir nachlesen konnten, wie megasexy und megahot die Körper prominenter Frauen und Männer sind – 52 Prozent davon stammen von Krone.at, 25 Prozent von Heute.at und 23 Prozent von OE24.at.

Die Ölkrise, ausgelöst durch den Iran-Krieg, bringt ein wiederkehrendes Thema aufs Tapet: die Förderung von Erdgas in Österreich mittels Fracking. Doch wenn Medien über Fracking schreiben, verwenden sie häufig veraltete Zahlen oder greifen auf Mythen zurück. 

Eine Collage von Zeitungsausschnitten zum Thema Energiepolitik und Fracking in Österreich. Die Collage enthält folgende Elemente: „Die Presse“ (Leitartikel und Meinung, 27. März 2026): Leitartikel von Jeannine Hierländer: „Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ – Diskussion über ideologische Tabus in der Energiepolitik und die Notwendigkeit, Österreichs Energieversorgung unabhängiger zu gestalten. Meinungsbeitrag von Christian Ortner: „Drill, Baby, Drill – und zwar bitte demnächst auch in Österreich!“ – Plädoyer für Fracking in Österreich, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. „Kronen Zeitung“ (Seite 18, 2. Juni 2024): Artikel: „Todesstoß für die Landschaft“ – Kritik an der Forderung nach Fracking im Weinviertel, verbunden mit Umweltbedenken. „Vorarlberger Nachrichten“ (Donnerstag, 6. Juni 2024): Artikel: „Grünes Fracking ist ein Mythos“ – Ablehnung von Fracking aus ökologischen Gründen, mit Verweis auf die Ablehnung durch Wissenschaft und Landespolitik. „Salzburger Nachrichten“ (Dienstag, 24. März 2026): Artikel: „Teures Gas, aber Fracking ist keine Option“ – Diskussion über die hohen Gaspreise und die Ablehnung von Fracking in Österreich. Zusätzlich sind auf der Collage Grafiken zu erneuerbaren Energien (Biogas und Photovoltaik) sowie ein Foto von einer Bohrinsel zu sehen.

Derzeit fällt vor allem Die Presse mit Artikeln zum Fracking auf: In einem Leitartikel mit dem Titel „Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ wird für diese Art der Erdgasförderung geworben, genauso wie in der Kolumne von Christian Ortner („‚Drill, Baby, Drill‘ – und zwar bitte demnächst auch in Österreich!“). Im Artikel „Österreich könnte viel eigenständiger sein“ kommt Fracking ebenso gut weg.

Dass in Meinungsbeiträgen für oder gegen Fracking argumentiert wird, ist legitim. Doch nicht nur dort, und nicht nur in der Presse, ist die Faktenlage oft dünn. Journalist:innen beziehen sich zum Beispiel auf veraltete Daten, verharmlosen Umweltrisiken oder verbreiten umgekehrt Mythen zum Schreckgespenst „Fracking“.

Wie Geflüchtete wahrgenommen werden, hängt stark davon ab, wie Medien über sie berichten. Eine Analyse der Kronen Zeitung und der Presse zeigt, dass Herkunft dabei eine wichtige Rolle spielt: Während Erzählungen über ukrainische Geflüchtete meist mit Integration und Schutz verbunden sind, werden Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Tschetschenien deutlich häufiger problematisiert.

„Mit der Flüchtlingswelle kamen auch Messerstecher.“ So beginnt im August 2025 ein Artikel in der Presse. Wenige Seiten weiter wird die gelungene Integration ukrainischer Familien gelobt. Zwei Geschichten, zwei Tonlagen – und zwei sehr unterschiedliche Bilder von Schutzsuchenden.

Best-of Negativschlagzeilen über Geflüchtete

Best-of Negativschlagzeilen über Geflüchtete

Wie Medien Geflüchtete zeigen

In der österreichischen Berichterstattung werden Unfälle oft zum Spektakel: Medien veröffentlichen unzensierte Fotos von Autowracks, Rettungseinsätzen oder Leichenboxen – und verletzen damit die Intimsphäre der Opfer. Das ist besonders im Boulevard ein Problem. Aber nicht nur dort.

Eine Collage mit Titelbildern von Berichten zu Unfällen. Der Titel lautet „Unfallvoyeurismus in österreichischen Medien“.

„Video zeigt brutalen Gondel-Absturz in der Schweiz“, schreibt die Kronen Zeitung am 18. März in der Bildunterschrift eines Videos, das einen tödlichen Unfall in einem Schweizer Skigebiet zeigt. Allerdings zeigt das Video nicht nur den „brutalen Gondel-Absturz“ – sondern auch die versuchte Wiederbelebung des Opfers. Die journalistische Grundregel, die Intimsphäre von Menschen zu schützen, wird dabei ignoriert. Das Video generiert über 2.800 Likes und wird über 1.000 Mal geteilt.

Fotos von Autowracks, brennenden LKWs und Sanitäter:innen, die gerade versuchen, Menschenleben zu retten, werden regelmäßig als Titelbilder zur Berichterstattung über Unfälle verwendet – und das nicht nur in der Krone. Je schockierender die Szene, desto mehr tauchen solche Bilder in österreichischen Medien auf.

Dieses Muster hat einen Namen: Unfallvoyeurismus. Es geht dabei darum, Leid und Tod möglichst ungefiltert zur Schau zu stellen. Das Problem: Die Opfer der Unfälle bleiben dabei oft identifizierbar – durch mangelhaft verpixelte Fotos von ihnen selbst, Nahaufnahmen der zerstörten Fahrzeuge oder durch Details zum Leben der Betroffenen und ihrer Familien. Das verletzt die Intimsphäre der Opfer und ihrer Angehörigen.

Mit dem Titel „Natascha Kampusch – Gefangen in Freiheit“ strahlt der ORF am Montag, 16. März, eine Dokumentation über die heute 38-Jährige aus. Im Programmtext steht ihr derzeitiger Gesundheitszustand im Fokus. Damit löst der Sender noch vor der Erstausstrahlung weltweit Berichte über ihren höchstpersönlichen Lebensbereich aus. Ein schwerer Fehler. 

„Dramatische Wende 20 Jahre nach ihrer Selbstbefreiung: Die 38-jährige Natascha Kampusch hat einen Zusammenbruch erlitten“, beginnt die Beschreibung der neuen Dokumentation im ORFTV-Programm. Damit ist der Ton gesetzt. „Bewegt vom heutigen Zustand“ der Frau würden „Ermittler, Staatsanwälte und Wegbegleiterinnen schonungslos Stellung“ beziehen, verspricht die Ankündigung weiter. Wortgleich veröffentlicht der ORF dazu am Donnerstag auch eine Presseaussendung.

Die PR schlägt ein. Sie führt noch am selben Tag zu einer Flut an Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien. Heute sorgt der Inhalt sogar für internationale Berichterstattung. Die Berichte sind allesamt problematisch: Sie teilen höchstpersönliche Informationen, die nicht von Kampusch selbst stammen. Was hat der ORF hier losgetreten – und warum?

ORF prescht vor

Trumps Desinformation hat in deutschsprachigen Schlagzeilen leichtes Spiel. Ob die dokumentierten Erschießungen von Renee Good und Alex Pretti oder die Drohung, Grönland zu annektieren – Medien berichten oft so, als läge die Wahrheit irgendwo zwischen der Propaganda aus dem Weißen Haus und den erwiesenen Fakten. Ein Rückblick auf drei große und mehrere kleine Fälle, in denen Lügen einfach durchgereicht wurden.

Collage deutschsprachiger Schlagzeilen zu Trump, ICE-Einsätzen und Außenpolitik: Überschriften zu Alex Prettis Tod, angeblicher „Notwehr“, Trumps Aussagen, Angriffen vor Venezuela und dem „Interesse“ an Grönland – Beispiele für relativierende oder unkritisch übernommene Narrative.

Am 24. Jänner erschießt ein Mitarbeiter der US-Einheit ICE den 37-jährigen Alex Pretti. Ein Video zeigt, wie innerhalb weniger Sekunden mindestens zehn Schüsse fallen, Pretti liegt da schon längst am Boden. Die Weltöffentlichkeit sieht, dass der Mann, der ihn erschießt, nicht in Gefahr war. Die US-Regierung behauptet Gegenteiliges, spricht von „Notwehr“.

Trotz der eindeutigen Bilder gibt aber beispielsweise die Kronen Zeitung in ihrer Titelzeile die Version des US-Heimatschutzministeriums wieder: „Ministerium zu Todesschüssen: ‚Plante Massaker‘“. Auch Vol.at, News die Kleine Zeitung und die Salzburger Nachrichten machen das am nächsten Tag mit der APA-Headline „US-Grenzschutz zu Schüssen in Minneapolis: Beamte sind Opfer“. Auf Orf.at schreibt man zunächst nur vorsichtig: „Zweifel an Darstellung von US-Regierung“, ändert die Headline ein paar Stunden später aber in die deutlichere Variante „Video widerspricht Ministeriumsdarstellung“.

Dass Medien die Täter-Opfer-Umkehr der US-Regierung in ihre Schlagzeilen heben und Widersprüche als „Zweifel“ lesen, zeigt vor allem: Es ist noch nicht angekommen, dass Meldungen aus dem Weißen Haus in vielen Fällen bewusste Desinformation sind, die von dem, was tatsächlich passiert ist, ablenken soll. Drei Fakten, die viele Medien nicht klar benannt haben:

Die Boulevard-Berichte über den Tod von Johanna G. sind an Voyeurismus kaum zu überbieten. Während die Redaktionen private Details der Getöteten ausschlachten, stilisieren sie den mutmaßlichen Täter zur erzählbaren Figur. Das macht die Frau zum zweiten Mal zum Opfer.

Collage mehrerer Boulevard-Schlagzeilen von Heute, oe24.tv, Weekend.at und Kosmo, die den Tod von Johanna G. als angeblichen „Sex-Unfall“ darstellen. Zu sehen sind Überschriften, in denen die Verteidigungsversion des mutmaßlichen Täters dominiert und seine Anwältin prominent inszeniert wird.

„Ich darf Sie eindrücklich darum ersuchen, ethisch und moralisch vertretbare Berichterstattung an den Tag zu legen“ – mit diesen Abschlussworten wendet sich Markus Lamb, der Pressesprecher der Polizei, an die anwesenden Medienvertreter:innen. Es ist der 14. Jänner, die Landespolizeidirektion Steiermark hat zur Pressekonferenz nach Leichenfund“ geladen. Es geht um den mutmaßlichen Mord der zuvor als vermisst gegoltenen Südsteirerin Johanna G.

„Ethisch und moralisch vertretbar“ ist das, was Wiener Boulevardmedien seitdem veröffentlichen, jedenfalls nicht. Sie geben dem Opfer in mehreren Berichten eine Mitschuld und lassen die Verteidigung des Täters (es sei ein „Sex-Unfall“ gewesen) dominieren. Fotos aus Ermittlungsakten werden auf Doppelseiten abgedruckt, die Tat als „tödliches Geschehen“ oder „Würgespielchen“ verharmlost. Wir haben uns die zentralen Erzählmuster angesehen.

Disclaimer: Es fällt nicht leicht, diesen Text zu schreiben. Einerseits wollen wir nicht reproduzieren, was an Gerüchten und Spekulationen herumkursiert und den höchstpersönlichen Lebensbereich des Opfers betrifft. Andererseits müssen wir adressieren, wie unbedacht andere Medien mit genau diesen Informationen umgehen. Wir versuchen aber, nur dort explizit zu werden, wo es notwendig ist, damit man unsere Kritik nachvollziehen kann. Und wir verzichten darauf, wie sonst üblich, die kritisierten Artikel zu verlinken.

Mitschuld des Opfers

Am 17. Jänner titelt das Boulevardblatt Oe24: „Tinder-Affäre brachte Fitnesstrainerin (34) den Tod“. Dazu ein Bild des Täters in Siegerpose – ein Freudenschrei, beide Hände zu Fäusten in die Luft gestreckt. Rechts oben im Eck ein viel kleineres Foto von Johanna G., die er mutmaßlich getötet hat. Sie bekommt eine minimale Verpixelung um die Augen, er einen schwarzen Balken.

Eine Krone-Umfrage beherrscht die Innenpolitik-Ressorts des Landes: Christian Kern steht augenscheinlich wieder einmal als Kandidat für den SPÖ-Vorsitz zur Debatte. Doch der Realitätscheck fällt ernüchternd aus, die Berichte stützen sich auf viel heiße Luft. Helfen gerade alle der Krone dabei, einen unliebsamen Medienminister Babler loszuwerden?

Immer wieder nutzen Boulevardmedien Adolf Hitlers Namen zur Klick-Maximierung. Der Nachrichtenwert von Spekulationen über Hitlers Penisgröße, Sexleben und seine Fetische ist überschaubar. Wer Hitler auf biologische Kuriositäten und Sex reduziert, betreibt keine historische Aufarbeitung, sondern eine Form der Trivialisierung.

Hitler Clickbait

Sebastian Kurz lädt ausgewählte Medienvertreter:innen nach Tel Aviv ein – sie sollen sein neues Projekt „Dream“ kennenlernen, ein KI-Start-up. Die meisten Medien kennzeichnen nicht, dass „Dream“ die Reise bezahlt hat. Und auch inhaltlich rückt das Unternehmen in den Hintergrund: Die Berichte drehen sich vor allem um Kurz.

Collage mehrerer österreichischer Medienberichte. Zu sehen sind Titelblätter und Online-Artikel verschiedener Zeitungen und Magazine, die über eine Reise eines ehemaligen Politikers nach Israel berichten. Auf den Ausschnitten stehen Schlagzeilen wie „Medienhype nach Kurz-Reise“, „KURZ: Mein neues Leben“, „im Kreis der Tech-Milliardäre“ oder „Ein Blick hinter die Kulissen des Unicorns“. Fotos zeigen den entsprechenden Politiker in Gesprächssituationen oder Büroumgebungen.

Vergangenes Wochenende lud Sebastian Kurz einige deutsche und österreichische Journalist:innen ein, sein Unternehmen „Dream“ in Israel zu besichtigen. Oder wie die Kronen Zeitung schreibt: Er führte durch „sein sagenumwobenes und milliardenschweres Reich in Tel Aviv“. Das klingt tatsächlich wie die Einladung, eine „Traum“-Welt zu betreten, und genau so lesen sich auch viele der Berichte quer durch die Medien.