Trumps Desinformation hat in deutschsprachigen Schlagzeilen leichtes Spiel. Ob die dokumentierten Erschießungen von Renee Good und Alex Pretti oder die Drohung, Grönland zu annektieren – Medien berichten oft so, als läge die Wahrheit irgendwo zwischen der Propaganda aus dem Weißen Haus und den erwiesenen Fakten. Ein Rückblick auf drei große und mehrere kleine Fälle, in denen Lügen einfach durchgereicht wurden.
Am 24. Jänner erschießt ein Mitarbeiter der US-Einheit ICE den 37-jährigen Alex Pretti. Ein Video zeigt, wie innerhalb weniger Sekunden mindestens zehn Schüsse fallen, Pretti liegt da schon längst am Boden. Die Weltöffentlichkeit sieht, dass der Mann, der ihn erschießt, nicht in Gefahr war. Die US-Regierung behauptet Gegenteiliges, spricht von „Notwehr“.
Trotz der eindeutigen Bilder gibt aber beispielsweise die Kronen Zeitung in ihrer Titelzeile die Version des US-Heimatschutzministeriums wieder: „Ministerium zu Todesschüssen: ‚Plante Massaker‘“. Auch Vol.at, News die Kleine Zeitung und die Salzburger Nachrichten machen das am nächsten Tag mit der APA-Headline „US-Grenzschutz zu Schüssen in Minneapolis: Beamte sind Opfer“. Auf Orf.at schreibt man zunächst nur vorsichtig: „Zweifel an Darstellung von US-Regierung“, ändert die Headline ein paar Stunden später aber in die deutlichere Variante „Video widerspricht Ministeriumsdarstellung“.
Dass Medien die Täter-Opfer-Umkehr der US-Regierung in ihre Schlagzeilen heben und Widersprüche als „Zweifel“ lesen, zeigt vor allem: Es ist noch nicht angekommen, dass Meldungen aus dem Weißen Haus in vielen Fällen bewusste Desinformation sind, die von dem, was tatsächlich passiert ist, ablenken soll. Drei Fakten, die viele Medien nicht klar benannt haben:
Fakt 1: Alex Pretti war kein „gunman“
Im Fall Pretti fokussiert sich das Weiße Haus schnell auf die Waffe, die Pretti an diesem Tag legal mit sich trug. Trump veröffentlicht auf seiner eigenen Social-Media-Plattform Truth Social ein Foto davon. „This is the gunman’s gun“, schreibt er dazu. Das ist die Waffe des Schützen. Das soll die Erzählung bestärken, Pretti wurde aus Notwehr erschossen. Und deutschsprachige Medien spielen mit.
Am 26. Jänner veröffentlicht die Kronen Zeitung einen Artikel mit der Headline „US-Behörde verteidigt erneute tödliche Schüsse als ‚Notwehr‘“ und schreibt, es gäbe Videos, „wie Pretti eine Waffe der Hand (sic!) in die Luft hält.“
Ähnlich fragte am Tag davor auch die deutsche Bild: „Hatte Alex Pretti hier eine Waffe?“ Sie zeigt dazu jenen Videoausschnitt, auf den sich wohl auch die Krone bezieht: Ein sehr verschwommener Screenshot aus einem Video, auf dem Prettis leere Hand in der Luft tatsächlich auch ein Gegenstand sein könnte („womöglich eine Waffe“). Allerdings veröffentlichen sowohl Bild als auch Krone einen Ausschnitt derselben Szene in deutlich besserer Qualität, der dem eindeutig widerspricht. Pretti hatte in der einen Hand ein Smartphone – in der anderen, die er in die Höhe streckt: nichts.
Der Waffe, die Pretti legal an seiner Hüfte mitführte, widmen der Schweizer Blick und die Berliner Morgenpost ganze Artikel: „Hatten die Agenten der US-Einwanderungsbehörde ICE Angst vor einer Schweizer Armeewaffe?“ startet der Text bei Blick, in dem die Gefährlichkeit der „unberechenbaren Pistole“ betont wird. Für die Berliner Morgenpost ist es ebenfalls die Pistole, die „für Kontroversen“ sorgt. Der Artikel erzählt von früheren Klagen gegen dessen Hersteller.
Zu diesem Zeitpunkt kursieren aber bereits Videos, die zeigen, dass die ICE-Leute erst auf Prettis Waffe aufmerksam wurden, als er bereits am Boden lag, und dass sie ihm diese dann auch sofort abgenommen haben. Kurz danach erschießen sie ihn. Wie gefährlich auch immer diese Pistole und ihr Hersteller sein mögen – ICE tötete einen unbewaffneten Mann. Videoanalysen der New York Times und von Bellingcat bestätigen das.
„Beamte töteten Mann, der schon am Boden war“ findet zumindest die Tiroler Tageszeitung klare Worte. Andere Medien sind sich immer noch unsicher: „‚Hinrichtung‘ oder ‚Notwehr‘?“ fragen die Oberösterreichischen Nachrichten ebenfalls am 26. Jänner und klären vor der Paywall nicht darüber auf, was die Videoaufnahmen beweisen.
Die Krone veröffentlicht online einen Artikel zu den Videos, die „an Notwehr-Darstellung zweifeln“ lassen und legt zwei Tage später mit der Headline „Trump: Tod von Pfleger ‚unglücklicher Vorfall‘“ nach. Der Artikel gibt erneut Trumps Erzählung wieder: Die Waffe sei das Problem gewesen.
Am 28. Jänner werden Aufnahmen von einem früheren Aufeinandertreffen zwischen Pretti und ICE publik: Elf Tage bevor Pretti erschossen wurde, tritt er auf das Rücklicht eines ICE-Wagens, als dieser losfahren will. Die Insassen steigen daraufhin aus und fixieren ihn am Boden. Sie setzen Tränengas und Pepperballs ein und verschwinden wieder.
Die Gratiszeitung Heute titelt daraufhin: „Neues Video wirft Fragen auf“ und fragt selbst wiederum die eigene Community wie man „zu dem Vorfall mit Alex Pretti“ stehe. Zur Auswahl: a) Es war Notwehr der Polizei. b) Pretti hat die Situation provoziert. c) Die Polizei hätte deeskalieren sollen. d) Ich kenne nicht genug Details.
Das Video wird auch in der MAGA-Welt so interpretiert, wie es die Heute-Umfrage nahelegt – und so, wie es die Kronen Zeitung in einer Titelzeile vom 30. Jänner wiedergibt: „Trump nennt ICE-Todesopfer einen Unruhestifter“.
Der Schweizer Tagesanzeiger kommt nach der neuen Videoaufnahme tatsächlich zu dem Schluss: „Auch das Opfer erscheint in einem neuen Licht.“ Und der Kurier schreibt angesichts des neuen Videos, der „Tod von Pretti hatte Vorgeschichte“. Aber hatte er das wirklich? Es ist völlig unklar, ob es sich überhaupt um dieselbe ICE-Truppe handelte, ob sie Pretti wiedererkannt haben und ob er nicht genauso erschossen worden wäre, wenn es elf Tage vorher nicht zu diesem Kontakt gekommen wäre.
Ein vorläufiger Untersuchungsbericht der Grenzschutzbehörde CBP widerspricht Ende Jänner der zuvor verbreiteten Version: Pretti wurde vor den Schüssen entwaffnet. Österreichische Medien schreiben zaghaft, dass dieser Bericht die US-Regierung „unter Druck“ oder „in Bedrängnis“ bringen würde. Das sind Euphemismen: Er entlarvt einmal mehr die Notwehr-Lüge.
Medien versuchten, die Gewalt zu entpolitisieren und ein „Für und Wider“ auszumachen. Doch in einem Fall mit verifizierten Videoaufnahmen in guter Qualität, aus mehreren Perspektiven, gestützt von Zeugenaussagen – da gibt es schlicht keinen Raum für „Zweifel“. Medien hüten sich, die US-Regierung der Lüge zu bezichtigen. Aber wenn sie nachweisbar lügt, wer sagt es uns sonst? Die Übermedien-Autorin Annika Schneider bringt es in einem Newsletter auf den Punkt: „Zu sagen, dass die Heimatschutzministerin lügt, ist keine Meinungsäußerung. Es beschreibt lediglich die Tatsache, dass sie absichtlich eine Unwahrheit äußert.“
Fakt 2: Renee Good wollte niemanden überfahren
Die ICE-Einsätze sind tödlich. Seit 2025 wurden 40 Menschen von ICE-Einsatzkräften getötet oder sind in den ICE-Haftanstalten ums Leben gekommen – die höchste Zahl seit 20 Jahren. Für besonders große öffentliche Entrüstung sorgte neben Prettis Erschießung der Tod von Renee Good.
Auch damals waren schon die ersten Aufnahmen ziemlich klar: Good sitzt in ihrem Wagen, mit dem sie einen Teil der Straße blockiert (andere Autos manövrierten sich vorbei). Mehrere ICE-Männer gehen auf das Auto zu, es wird herumgeschrien. Goods Fahrerfenster ist offen, sie bleibt ruhig. Als sie im Schrittempo von der Truppe wegfahren will, tötet sie ein ICE-Mitarbeiter mit einem Schuss durch die Windschutzscheibe und zwei weiteren Schüssen durch das geöffnete Fenster. Für die US-Regierung ist der Schütze unschuldig und handelte, auch hier, aus Notwehr. Mit ihrem Auto hätte sie den Mann böswillig überfahren, lautet Trumps erste Meldung dazu.
Die Aufnahmen des Schützen selbst zeigen in diesem entscheidenden Moment nur verwackelte Fragmente. Auch in diesem Fall veröffentlichte die New York Times mehrere ausführliche Analysen aller verfügbaren Videos.
Die Presse hat die erste der Videoanalysen gesehen. Das Fazit: „Ob die Ereignisse sich so (wie Trump es behauptet, Anmerkung) abgespielt haben, ist schwer umstritten“. In ihrer Printausgabe vom 10. Jänner wird mit einem Satz deutlich, wie sehr sich Redakteur:innen verbiegen müssen, um ein „Dazwischen“ aufrechtzuerhalten: „Die Videos des Vorfalls ziehen aber in Zweifel, ob der ICE-Beamte in Lebensgefahr war: Good lenkt den Wagen an ihm vorbei.“ Welche Zweifel bleiben hier?
„Die Umstände der tödlichen Schüsse bleiben umstritten“, schreibt dazu auch die Kronen Zeitung, die Videos „legen einen anderen Tathergang nahe“, der Kurier. Der Standard nannte die Widersprüche zaghaft „berechtigte Zweifel an der Version des Weißen Hauses“.
Auch in diesem Fall versuchten Medien also, ein „Für und Wider“ zu konstruieren: Der „Version der Regierungs-Behörden“, Good sei eine „inländische Terroristin“ gewesen, die den Mann überfahren wollte, wird die Darstellung „örtlicher Behörden“ gegenübergestellt. Doch diese beiden Versionen stehen nicht gleichberechtigt nebeneinander: Die eine beruht auf einer unbelegten politischen Behauptung, die andere auf überprüfbaren Videoaufnahmen und Zeugenaussagen.
Trotzdem titelt die deutsche FAZ: „Nichts ist klar, alle haben ihr Urteil“. Der Text ist kein Kommentar, sondern eine vermeintliche Analyse: Ob die Erschießung Notwehr war, hänge „davon ab, in welchem politischen Lager man verortet ist.“ Als Beleg für diese These dient ein Video aus Perspektive des ICE-Schützen, in dem es so aussehen würde, als sei dieser „seitlich von der Motorhaube des Wagens erfasst“ worden. Wie bereits erwähnt, zeigt das diese Aufnahme nicht. Zwei Videoaufnahmen aus anderen Perspektiven, die diese Sekunden tatsächlich filmten, widersprechen eindeutig.
Fakt 3: Es gab keinen „Streit um Grönland“
Doch es sind nicht nur innenpolitische Entwicklungen, bei denen Medien auf der Suche nach Zwischentönen Fehler machen. Als Trump nach und nach eine Drohkulisse gegen Grönland aufbaute, die in Besetzungsfantasien gipfelte und letztendlich in einem „Rahmenvertrag“ endete, von dem bisher wenig Details bekannt sind, war so gut wie überall von einem „Streit um Grönland“ zu lesen.
„Streit um Grönland: Dänemark lobt ‚gutes Treffen‘ mit US-Vertretern“ lautet zum Beispiel eine Headline der Tagesschau. Aber die USA und Dänemark haben sich nie um Grönland gestritten. Trump will sich Grönland einverleiben – seit 1979 ein autonomer Staat innerhalb des dänischen Königreichs. Er drohte also damit, einen souveränen Staat anzugreifen. Der Begriff „Streit“ verschleiert das.
Medien rahmen zudem die Annexionsdrohungen als „Grönland-Frage“, in der Trump „jetzt ernst“ mache – so titelt es beispielsweise die Kleine Zeitung, als ein US-Sondergesandter für Grönland ernannt wird. Die Formulierungen „Trump bekräftigt Anspruch auf Grönland“ oder „Trump greift nach Grönland“ gehörten Anfang Jänner ebenfalls zu den Schlagzeilen deutschsprachiger Medien. Dem US-Präsidenten dürften sie gefallen: Die Wortwahl suggeriert einen legitimen Anspruch, ein Durchgreifen – das entspricht immerhin seinen Worten.
Die Presse verharmlost die Drohungen als „Interesse“ und stellt die titelgebende Frage: „Ist das Interesse Trumps an Grönland ein Risiko oder eine Chance für die arktische Insel?“ Für die Chancen wird Eldur Olafsson, Gründer und CEO von Amaroq, zitiert – das in Grönland agierende Bergbauunternehmen profitiert von steigenden Aktien, sobald es um Grönlands Bodenschätze geht. Kein Wunder also, dass er der Debatte etwas Positives abgewinnen kann. Immerhin kommt Die Presse zu dem Schluss: „Bislang erweist sich die Rhetorik um den Kauf Grönlands oder dessen gewaltsame Einnahme jedoch als kontraproduktiv.“
Am 21. Jänner trat Trump beim World Economic Forum auf, über seine Rede wurde viel berichtet. „Bei seiner mit Spannung erwarteten Rede auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos am Mittwoch betonte Trump, niemand anderer als die USA können Grönland verteidigen“, schreibt zum Beispiel der ORF. „Niemand sonst kann Grönland verteidigen“ ist für kurze Zeit sogar der Titel des Artikels. Der Text gibt fast ausschließlich die Aussagen von Donald Trump wieder, ohne einzuordnen, dass die USA bereits seit Jahrzehnten auf Basis von Abkommen mit Dänemark militärischen Zugang zu Grönland haben.
2026 ist nicht 2016
Viele deutsche Medien veröffentlichen nach der Davos-Rede eigene Faktenchecks, um den vielen Lügen und Übertreibungen entgegenzuhalten. Allgemein boomen Trump-Faktenchecks in den vergangenen Monaten. Das Problem: In der alltäglichen Berichterstattung wird die vom Weißen Haus forcierte Desinformation weiterhin oft einfach durchgereicht. Im vergangenen Jahr haben wir das mehrmals beobachtet:
- Wenn Trump behauptet, Journalist:innen wären Teil eines Anti-ICE-Protests in einer Kirche gewesen und sie deshalb wegen „Verschwörung gegen die Religionsfreiheit“ festnehmen lässt – und Medien nicht klarstellen, dass sie nicht als Protestierende, sondern als Reporter:innen vor Ort waren.
- Wenn Trump behauptet, die UN hätte ihm einen kaputten Teleprompter bereitgestellt – und Medien nicht klarstellen, dass es das Gerät des US-Präsidialamts war.
- Wenn Trump behauptet, venezolanische Drogenboote in der Karibik abgeschossen zu haben – und Medien nicht klarstellen, dass die Boote nur mutmaßlich Drogen mitführten.
- Wenn Trump behauptet, Milliarden an Dollar fließen dank der Zölle in die USA – und Medien nicht klarstellen, dass Zölle von den Menschen und Unternehmen in den USA bezahlt werden.
- Wenn Trump behauptet, er hätte sieben Kriege beendet – und Medien nicht klarstellen, dass es (vor dem Gaza-Friedensdeal) nur in zwei Fällen überhaupt Teilabkommen unter US-Vermittlung gab, während der Rest fremde oder gar keine Erfolge waren.
Die USA unter Donald Trump werden immer autoritärer. Das zeigt das Vorgehen von ICE, das zeigen imperial anmutende Vorstöße im Ausland, das zeigt der Druck auf die freie Presse. „Das Ende der Welt (wie wir sie kennen)“ titelte der Spiegel 2016 und zeigte dazu Donald Trump als brennenden Komet, der mit weit geöffnetem Mund auf die Erde zurast. 2017 erschien Donald Trump als brutaler Henker der Freiheitsstatue erneut auf dem Cover. Beide Male erntete das Magazin viel Kritik: Die Darstellungen seien übertrieben und diffamierend.
Neun Jahre später ist in den USA einiges dabei, sich tatsächlich fundamental zu verändern. Doch jenseits des Atlantiks tun Medien so, als würden sie das nicht bemerken. Sie behandeln Meldungen aus dem Weißen Haus weiterhin so wie im Jahr 2016: Als könnte man ihnen vollends vertrauen, als wäre die Welt noch die alte.
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