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Wiederbelebungsversuche und Autowracks: Unfallvoyeurismus in österreichischen Medien

In der österreichischen Berichterstattung werden Unfälle oft zum Spektakel: Medien veröffentlichen unzensierte Fotos von Autowracks, Rettungseinsätzen oder Leichenboxen – und verletzen damit die Intimsphäre der Opfer. Das ist besonders im Boulevard ein Problem. Aber nicht nur dort.

Eine Collage mit Titelbildern von Berichten zu Unfällen. Der Titel lautet „Unfallvoyeurismus in österreichischen Medien“.

„Video zeigt brutalen Gondel-Absturz in der Schweiz“, schreibt die Kronen Zeitung am 18. März in der Bildunterschrift eines Videos, das einen tödlichen Unfall in einem Schweizer Skigebiet zeigt. Allerdings zeigt das Video nicht nur den „brutalen Gondel-Absturz“ – sondern auch die versuchte Wiederbelebung des Opfers. Die journalistische Grundregel, die Intimsphäre von Menschen zu schützen, wird dabei ignoriert. Das Video generiert über 2.800 Likes und wird über 1.000 Mal geteilt.

Fotos von Autowracks, brennenden LKWs und Sanitäter:innen, die gerade versuchen, Menschenleben zu retten, werden regelmäßig als Titelbilder zur Berichterstattung über Unfälle verwendet – und das nicht nur in der Krone. Je schockierender die Szene, desto mehr tauchen solche Bilder in österreichischen Medien auf.

Dieses Muster hat einen Namen: Unfallvoyeurismus. Es geht dabei darum, Leid und Tod möglichst ungefiltert zur Schau zu stellen. Das Problem: Die Opfer der Unfälle bleiben dabei oft identifizierbar – durch mangelhaft verpixelte Fotos von ihnen selbst, Nahaufnahmen der zerstörten Fahrzeuge oder durch Details zum Leben der Betroffenen und ihrer Familien. Das verletzt die Intimsphäre der Opfer und ihrer Angehörigen.

Um zu verstehen, wie verbreitet dieses Phänomen in österreichischen Medien ist, haben wir alle Unfallberichte der größten überregionalen Tageszeitungen vom 1. Jänner bis zum 31. März 2026 ausgewertet.

Das Ergebnis: In diesem Zeitraum erschienen fast täglich Artikel, die Fotos zeigten, die unmittelbar nach einem Unfall aufgenommen wurden.

Disclaimer: Um die Intimsphäre der Opfer und deren Familien zu schützen, haben wir in diesem Artikel darauf verzichtet, die kritisierten Artikel zu verlinken. Die Fotos vom Unfallort zeigen wir nur, wenn wir sie vorab bearbeitet haben.

Fragwürdige Bebilderung bei Autounfällen

Besonders oft dominieren Fotos von Autowracks die Unfallberichterstattung. Ein demoliertes Auto ist für die Bebilderung interessant, um die Schwere des Unfalls darzustellen. Medien müssen in diesen Fällen auch ein Informationsinteresse erfüllen: Wie schwer ein Autounfall ausgehen kann, zeigt auch, wie groß die Gefahr durch Verkehrsunfälle für die öffentliche Sicherheit ist.

Gleichzeitig sind Medien dazu verpflichtet, dieses öffentliche Interesse auch immer gegen den Persönlichkeitsschutz abzuwägen. Muss man dazu wirklich das Unfallwrack zeigen, in dem ein Mensch verunglückt ist? Reicht es vielleicht auch, den Ausgang einfach in Worten zu beschreiben?

Als Ende März eine Frontalkollision einer Person das Leben kostete und drei weitere schwer verletzte, veröffentlichte Oe24 gleich fünf Fotos vom Unfallort – darunter gleich mehrere Perspektiven auf eines der zerstörten Fahrzeuge. Auch Kurier und Heute greifen regelmäßig auf solches Bildmaterial zurück: Nach einem Unfall im Bezirk Melk, bei dem ein 18-Jähriger ums Leben kam, zeigten beide Medien, wie das Wrack vollständig um einen Baum gewickelt war.

Obwohl auf diesen Fotos keine Personen zu sehen sind, bleiben Leid und Tod der eigentliche Inhalt. Wer das Auto und den Ort kennt, kann die Betroffenen oft trotzdem identifizieren. Angehörige oder Überlebende können diese Bilder retraumatisieren.

Besonders dann, wenn man es so macht, wie Oe24 Ende März: Nach dem Tod einer 20-jährigen Lenkerin in Linz erschien dort eine Fotomontage, die das Autowrack neben einem Porträt des Opfers zeigt, bei dem nur die Augen verpixelt sind. Damit war die junge Frau für Angehörige und Bekannte zweifellos erkennbar.

Das Titelbild eines Oe24-Artikels zu einem Unfall in Linz zeigt ein Foto des Opfers neben einem des Autowracks.

Auch Presse und Standard verwenden gelegentlich Bilder, die Szenen der Rettungsversuche zeigen. In unserer Auswertung war das insbesondere bei internationalen Unfällen mit mehreren Todesopfern der Fall – etwa bei einem Zugunglück in Spanien mit mehr als 40 Todesopfern oder dem Absturz einer Militärmaschine in Kolumbien, bei dem 66 Personen starben.

Klicks auf Kosten der Betroffenen

Laut Ehrenkodex des Österreichischen Presserats ist auf die Anonymitätsinteressen von Unfall- und Verbrechensopfern besonders zu achten. Im Fall von vier Bauarbeitern, die nach einem Unfall im März auf einer Baustelle in Wien ums Leben kamen, schienen Heute und Oe24 diesen Grundsatz zu ignorieren. Während Heute Details über die Familien der Bauarbeiter – inklusive ihrer Kinder – publizierte, erschienen bei Oe24 Bilder der Opfer, auf denen diese trotz Verpixelung gut erkennbar waren.

Als im Jänner in Tirol die Leiche eines Skifahrers entdeckt wurde, wählte die Kronen Zeitung ein Titelbild, das zeigt, wie eine Leichenbox in den Kofferraum eines Transportautos geladen wird. Die Information, dass jemand gestorben ist, hätte gereicht. Stattdessen soll die Leichenbox das Unglück dramatisieren und Klicks generieren, ohne der Öffentlichkeit irgendeinen Informationsgewinn zu bieten.

Unsensible Fotos können sogar einer Geschäftslogik dienen: Beim tödlichen Unfall im Bezirk Melk sind im Kurier-Bericht nur der Titel und ein Bild vom Autowrack zu sehen: Wer mehr Kontext möchte, muss zunächst ein Digital-Abo abschließen.

Es geht auch anders

Es gäbe auch respektvollere Möglichkeiten, Unfälle zu bebildern. Symbolfotos wären eine naheliegende Lösung, auf die viele Qualitätsmedien zurückgreifen. Auch im Boulevard werden immer wieder solche Stockbilder, beispielsweise von Einsatzfahrzeugen, verwendet.

Fotos, die zwar am Unfallort aufgenommen wurden, aber keine beschädigten Fahrzeuge oder Wiederbelebungsversuche dokumentieren, sind auch eine Alternative: Dazu gehören Fotos vom Unfallort, nachdem das Wrack weggeräumt wurde, oder Fotos, die nur die Fahrzeuge der Ersthelfer:innen zeigen.

Eine Collage von Symbolfotos als Titelbildern von Unfällenberichten. Der Titel über die Collage lautet: „Symbolbilder als mögliche Lösung“

Der „spektakuläre Crash“, das „Unfall-Drama“ oder der „Horror-Crash“ werden vor allem deshalb möglichst drastisch bebildert, um persönliche Tragödien zu sensationalisieren. Der Informationswert ist überschaubar – das Risiko, Betroffene und Angehörige zu retraumatisieren, hingegen hoch.


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