Eine Krone-Umfrage beherrscht die Innenpolitik-Ressorts des Landes: Christian Kern steht augenscheinlich wieder einmal als Kandidat für den SPÖ-Vorsitz zur Debatte. Doch der Realitätscheck fällt ernüchternd aus, die Berichte stützen sich auf viel heiße Luft. Helfen gerade alle der Krone dabei, einen unliebsamen Medienminister Babler loszuwerden?
„Soll Kern die SPÖ übernehmen?“, „Rotes Erdbeben: Rückkehr des Ex-Kanzlers?“, „SPÖ-Vorsitz: Solo für Babler oder Duell mit Kern?“ – die Gerüchteküche rund um eine Rückkehr von Christian Kern als SPÖ-Chef brodelt nicht nur, sie kocht über. Angeführt von der Kronen Zeitung überschlagen sich Medien mit entsprechenden Berichten. Aber was ist passiert? Hat Christian Kern nach mehreren Dementi nun doch ein Comeback in die Politik durchklingen lassen?
Nein. Der Auslöser der neu aufgeflammten Comeback-Gerüchte ist eine Umfrage im Auftrag der Kronen Zeitung. Am 6. Jänner veröffentlichte sie folgendes Ergebnis: Wäre Kern statt Andreas Babler an der Spitze der SPÖ, läge die Partei laut der Onlinebefragung um sechs Prozentpunkte weiter vorne. Gefragt wurde auch nach der Zustimmung zu einer ÖVP unter Sebastian Kurz. Die hypothetische „Kern-SPÖ“ wäre in diesem Fall weiterhin um zwei Prozentpunkte stärker als die „Kurz-ÖVP“. Konkret würde Kern 24 und Kurz 22 Prozent einheimsen – allerdings bei einer Schwankungsbreite von 2,8 Prozentpunkten.
Selbstbewusst verkündet die Krone: „Einen Tag bevor die Regierung beim ersten Ministerrat des neuen Jahres zusammentrifft, erschüttert eine ‚Krone‘-Umfrage die Innenpolitik.“ Sie erschüttert jedenfalls die Innenpolitik-Ressorts: So gut wie jedes österreichische Medium nimmt diese fiktiven zwei Prozentpunkte zum Anlass, ein Kern-Comeback zum Thema zu machen.
Der Chef des beauftragten Umfrageinstituts Institut für Demoskopie & Datenanalyse (IFDD), der ehemalige NEOS-Politiker Christoph Haselmayr, mischt sich in der Krone selbst in die Debatte ein: „In der SPÖ versammeln sich immer mehr hinter dem Motto BMW, also ‚Babler muss weg‘. Diese Gruppe muss Kern jetzt weiter zum Antritt bewegen.“
Eine Gruppe gegen Andreas Babler also – jenen SPÖ-Vorsitzenden und Medienminister, der zuletzt nicht nur die lukrativen Regierungsinserate gestrichen hat, sondern auch angekündigt hat, Förderungen an Medien künftig stärker an Qualitätskriterien zu koppeln. Das hat ihn, gelinde gesagt, nicht sehr beliebt bei den betroffenen Medien gemacht, wie wir bereits dokumentiert haben.
Die Krone-Chronologie
Dazu passen die aktuellen Berichte. In einem zweiten Artikel wird die Krone bereits theatralisch: „Kanzler-Recycling: Wer rettet Österreich?“ Und sie legt am nächsten Tag, dem 7. Jänner, auf ihrer Titelseite nach: „Kern schließt Antritt jetzt nicht mehr aus“. Im Blattinneren erfährt man, was Kern tatsächlich gesagt haben soll: Er beobachte die Entwicklungen „mit wachsendem Interesse“.
Zu Mittag widmet sich Krone TV dem „SPÖ-Kampfparteitag und Stress für Wildtiere“ (Die beiden haben nichts miteinander zu tun, auch wenn das als nächste Eskalationsstufe in der Krone-Kern-Saga vorstellbar wäre.) Die Krone blickt darin in die Glaskugel und sagt ein Babler-Kern-Duell am SPÖ-Parteitag im März vorher.
Am Folgetag gibt sie sich selbst recht: „Erste Wahlwerbung mit Ex-Kanzler Kern“ steht am 8. Jänner auf ihrer Titelseite. Und wieder folgt die Enttäuschung im Blattinneren: Es handelt sich um KI-generierte Social-Media-Fakes.
Für Krone-Chefredakteur Klaus Herrman reicht das, um die von seinem Blatt angestoßene Kern-Debatte ein drittes Mal in Folge zu kommentieren: „Noch zieren sich die ehemaligen Parteiführer.“ Vom 6. bis zum 11. Jänner macht der das übrigens täglich, fünfmal davon auch auf Seite 2 im Blatt:
Am Abend des 8. Jänner dann der Rückschlag: „Dämpfer für Kern: Ludwig stellt sich hinter Babler“ titelt die Krone. Aber das Blatt gibt die Spekulationen noch nicht auf. „Sind diese zwei die Alternative zu Kern und Kurz?“ fragt sich Claus Pándi, Chefredakteur der Salzburg-Krone, am Tag darauf. Er schreibt:
Das regelmäßige Auftauchen von Sebastian Kurz und Christian Kern gehört da eher zum theatralischen Zwischenspiel, als hätte sich Shakespeare die Rückkehr gestürzter Könige auf den Thron ausgedacht. Mit der Wirklichkeit muss das wenig zu tun haben. Da gibt es ganz andere Kräfte.
Ist das schon Kritik am eigenen Blatt oder doch nur ein Versuch, die Gerüchteküche in Betrieb zu halten? Man würde sich nicht wundern, wenn als nächstes eintritt, was Erich Kocina in seinem Pizzacato in der Presse mit einem imaginären Gespräch zwischen zwei Meinungsforschern skizziert: „Hui, ja, da schlagt‘s jetzt ordentlich aus. Wenn Kreisky als Kanzlerkandidat antritt, liegt die SPÖ in den Rohdaten bei 54 Prozent.“
Worum geht es hier eigentlich?
Bei diesem ganzen Aufwand stellt sich die Frage: Worum geht es der Krone eigentlich? Sind es wirklich die hypothetischen 24 Prozent eines Christian Kern, die ihn als realistische Alternative zu Babler aufs Tapet bringen? Oder hat die Artikel-Serie doch mehr mit Andreas Babler zu tun?
Schon seit 2024 fällt die Krone mit Babler–kritischen Kommentaren auf. Im Wahlkampf 2024 ging es dabei vor allem um Vermögenssteuern. Die Krone-Eigentümerfamilie, die Dichands, gelten als einflussreichste – und sehr wohlhabende – Medienfamilie des Landes. Eva Dichand ist Herausgeberin der Gratiszeitung Heute. Dort bezeichnete sie Vermögenssteuern zuletzt im Oktober 2025 als eine „recht linksextreme, einseitige Sicht der Dinge“.
Dazu kommt die bereits erwähnte Evaluierung der Medienförderung, die der Krone als meistgeförderter Tageszeitung, aber auch den Gratismedien besonders weh tun könnte. Wenig überraschend ist die Kern-Rückkehr-Spekulation also auch dem Gratisblatt Oe24 eine Coverstory wert. Fast täglich werden in den Boulevardblättern anonyme SPÖ-Insider zitiert, die die Comeback-These stützen.
Oe24-Chefredakteur Niki Fellner meint: „Mit Kern hätte die Regierung Chance auf Neustart“ und appelliert an jene, „die Kern verhindern“, sich das noch einmal zu überlegen. Bei Heute tat man so, als wäre die schon länger geplante SPÖ Neujahrsklausur am Samstag eine plötzlich einberufene „Krisensitzung“ gewesen, weil Babler womöglich vor der Ablöse stehe.
Plötzlich Innenpolitik-Thema Nummer 1
Doch die Gerüchte werden nicht nur im Boulevard lang und breit diskutiert. Aus einer Umfragespielerei wird binnen kürzester Zeit das innenpolitische Thema. Die Presse steigt als eine der ersten in das tagelange Medien-Spek(ulier)takels ein und titelt, als wäre es gesetzt: „Mit Kickl und Kern würde Kurz nur Dritter“.
Am 6. Jänner ist Babler in der ZiB 2 zu Gast und wird auch dort mit dem Krone-Bericht konfrontiert. Die APA berichtet ebenfalls über die „ungünstige Umfrage für Babler“. Und bei Servus TV stellt man sich sogar die Frage: „Steht die SPÖ kurz vor einem Putsch?“
Die „Spekulationen um Rückkehr von Kurz und Kern“ bekommen im Standard eine Doppelseite und beim Kurier eine Podcast-Ausgabe.
Am 9. Jänner zitiert die ZiB 1 noch einmal den Krone-Ursprungsartikel: „Eine SPÖ mit Christian Kern an der Spitze könnte eine ÖVP mit Sebastian Kurz überholen“. Zur Erinnerung: Es geht um zwei Prozentpunkte bei einer Schwankungsbreite von 2,8 Prozentpunkten.
Online ist der TV-Bericht mit dem Titel „SPÖ diskutiert Parteiführung“ versehen – obwohl sich bislang immer noch kein alternativer Kandidat gemeldet hat. Auch sonst ist der Neuigkeitswert überschaubar: Michael Ludwig stellt sich wie bisher hinter Babler, Kärntens SPÖ-Chef Daniel Fellner bleibt diplomatisch und die Partei sagt wiederholt, sie widme sich zunächst Sachthemen, nicht Personaldebatten.
Spekulationen verdrängen handfeste Argumente
Es ist nicht das erste Mal, dass das Kern-Comeback medial besprochen wird. Wir haben es schon einmal eine „eigene journalistische Disziplin“ genannt. Besonders ausgezeichnet beherrscht diese Rainer Novak, bis vor kurzem Super-Ressortleiter bei der Krone, jetzt als Geschäftsführer zurück bei der Presse. „Der frühere Kanzler und Parteichef, nunmehrig wieder Bahnmanager, hat mehr Anhänger, als man denkt“, schrieb er schon im September 2024.
Und im November 2025 war er sich dann ganz sicher: Kern als Alternativ-Kandidaten zu Babler nominieren, das hätten „alle Landesparteien mit Ausnahme der Wiener“ vor. Im Jänner 2026 sei es so weit, kommentierte Novak für Selektiv, ein Nachrichtenportal der Industriellenvereinigung. Aber die Gerüchte haben sich bisher nicht bestätigt. Kern hat ein Comeback immer wieder aufs Neue dementiert.
Trotzdem: Mit der aktuellen Umfrage-Diskussion ist der Krone bzw. dem IFDD aufmerksamkeitsmäßig ein bisheriger Höhepunkt gelungen. Die Spekulationen sind erfolgreich in allen Innenpolitik-Ressorts gelandet.
Das ist legitim, aber guter Journalismus sollte auch abwägen: Was spricht dafür, was dagegen? Wer hat ein Interesse an diesen Spekulationen, und welche Hinweise gibt es, ob das Ganze überhaupt stimmt? Diese Einordnung fehlt oft. Die Krone-Umfrage wird als belastbares Datenmaterial behandelt, nicht als fiktives Experiment mit relevanter Schwankungsbreite.
Und vielfach fallen jene Argumente unter den Tisch, die gegen eine Kern-Rückkehr sprechen. Zum Beispiel: Kern war Bundeskanzler, verantwortete kurz danach aber den Wahlkampf-Skandal rund um Tal Silberstein, verlor die Wahl, und verließ die Partei 2018 ohne geordnete Übergabe. Eine Erfolgsbilanz ist das nicht gerade.
Eine der wenigen differenzierten Stimmen findet sich in den Oberösterreichischen Nachrichten. Dort erinnert Innenpolitik-Redakteurin Annette Gantner: „Kern hatte 2017 bei seiner einzigen Wahl, die er je schlug, das Ergebnis der SPÖ um null Prozent verbessert.“ Ein Wunderwuzzi sei also auch Kern nicht.
Realitätscheck
„Christian Kern kommt in die Politik zurück, das ist so wie der Murmeltier-Tag“, sagte Kern selbst vor drei Wochen bei Servus TV. Und „Ja“, eine Rückkehr schließe er aus. Bis dato hat Kern auch nichts Gegenteiliges verlautbart – abgesehen von dem nun von der Krone zu Protokoll gegebenen „wachsendem Interesse“.
Aber wenn Kern selbst ein Comeback ausschließt, wer ist dann dafür? „Die aktuelle Umfrage lockte nun die ersten Kern-Jünger aus der Deckung“, meinte Herrmann immerhin in einem seiner Kommentare. Wer sind diese Jünger?
Die Krone zitiert unter anderem den SPÖ Steiermark-Chef Max Lercher, der sich für Kern ausspricht, wenn auch nicht besonders explizit („Meine Wertschätzung für seine Expertise ist bekannt (…) Mehr möchte ich dazu nicht sagen.“) Der Vizebürgmeister von Wiener Neustadt, Rainer Spenger, zeigt ebenso Sympathie für Kern wie dessen ehemaliger Pressesprecher Wolfgang Zwander. Salzburgs SPÖ-Chef Peter Eder wertet die Umfrage laut Krone zumindest als Zeichen, „dass die SPÖ noch mobilisieren könnte“. Das soll auch der Präsident des SPÖ-Wirtschaftsverbandes, Bernd Hinteregger, so sehen.
Die APA erfährt: Einige Landesorganisationen seien tatsächlich von der Idee eines Kern-Comebacks angetan. In Wien und innerhalb der Gewerkschaft sähe das aber anders aus. Und auch der Kärntner SPÖ-Chef Daniel Fellner habe Babler in der aktuellen Debatte seine „vollste Unterstützung“ ausgerichtet.
Jene SPÖ-Kapazunder, die sich kämpferisch hinter Kern stellen, fehlen. Die „Gruppierungen der SPÖ“, die laut Herrmann „schon seit Monaten im Hintergrund eifrig an der Rückkehr Kerns“ arbeiten, sind bis dato nicht erkennbar – oder es ist so, wie der rote Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, Wolfgang Katzian, im Dezember im ORF Report augenzwinkernd formulierte: „Das machen einige wirklich so toll im Hintergrund, dass es zwar alle Medien merken, aber ich nicht.“
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