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Eine Krone-Umfrage beherrscht die Innenpolitik-Ressorts des Landes: Christian Kern steht augenscheinlich wieder einmal als Kandidat für den SPÖ-Vorsitz zur Debatte. Doch der Realitätscheck fällt ernüchternd aus, die Berichte stützen sich auf viel heiße Luft. Helfen gerade alle der Krone dabei, einen unliebsamen Medienminister Babler loszuwerden?

„Soll Kern die SPÖ übernehmen?“, „Rotes Erdbeben: Rückkehr des Ex-Kanzlers?“,  SPÖ-Vorsitz: Solo für Babler oder Duell mit Kern?“die Gerüchteküche rund um eine Rückkehr von Christian Kern als SPÖ-Chef brodelt nicht nur, sie kocht über. Angeführt von der Kronen Zeitung überschlagen sich Medien mit entsprechenden Berichten. Aber was ist passiert? Hat Christian Kern nach mehreren Dementi nun doch ein Comeback in die Politik durchklingen lassen?

Nein. Der Auslöser der neu aufgeflammten Comeback-Gerüchte ist eine Umfrage im Auftrag der Kronen Zeitung. Am 6. Jänner veröffentlichte sie folgendes Ergebnis: Wäre Kern statt Andreas Babler an der Spitze der SPÖ, läge die Partei laut der Onlinebefragung um sechs Prozentpunkte weiter vorne. Gefragt wurde auch nach der Zustimmung zu einer ÖVP unter Sebastian Kurz. Die hypothetische „Kern-SPÖ“ wäre in diesem Fall weiterhin um zwei Prozentpunkte stärker als die „Kurz-ÖVP“. Konkret würde Kern 24 und Kurz 22 Prozent einheimsen – allerdings bei einer Schwankungsbreite von 2,8 Prozentpunkten.

Selbstbewusst verkündet die Krone: „Einen Tag bevor die Regierung beim ersten Ministerrat des neuen Jahres zusammentrifft, erschüttert eine ‚Krone‘-Umfrage die Innenpolitik.“ Sie erschüttert jedenfalls die Innenpolitik-Ressorts: So gut wie jedes österreichische Medium nimmt diese fiktiven zwei Prozentpunkte zum Anlass, ein Kern-Comeback zum Thema zu machen.

Der Chef des beauftragten Umfrageinstituts Institut für Demoskopie & Datenanalyse (IFDD), der ehemalige NEOS-Politiker Christoph Haselmayr, mischt sich in der Krone selbst in die Debatte ein: „In der SPÖ versammeln sich immer mehr hinter dem Motto BMW, also ‚Babler muss weg‘. Diese Gruppe muss Kern jetzt weiter zum Antritt bewegen.“

Eine Gruppe gegen Andreas Babler also – jenen SPÖ-Vorsitzenden und Medienminister, der zuletzt nicht nur die lukrativen Regierungsinserate gestrichen hat, sondern auch angekündigt hat, Förderungen an Medien künftig stärker an Qualitätskriterien zu koppeln. Das hat ihn, gelinde gesagt, nicht sehr beliebt bei den betroffenen Medien gemacht, wie wir bereits dokumentiert haben.

Die Krone-Chronologie

Dazu passen die aktuellen Berichte. In einem zweiten Artikel wird die Krone bereits theatralisch: „Kanzler-Recycling: Wer rettet Österreich?“ Und sie legt am nächsten Tag, dem 7. Jänner, auf ihrer Titelseite nach: „Kern schließt Antritt jetzt nicht mehr aus“. Im Blattinneren erfährt man, was Kern tatsächlich gesagt haben soll: Er beobachte die Entwicklungen „mit wachsendem Interesse“.

Zu Mittag widmet sich Krone TV dem „SPÖ-Kampfparteitag und Stress für Wildtiere“ (Die beiden haben nichts miteinander zu tun, auch wenn das als nächste Eskalationsstufe in der Krone-Kern-Saga vorstellbar wäre.) Die Krone blickt darin in die Glaskugel und sagt ein Babler-Kern-Duell am SPÖ-Parteitag im März vorher.

Am Folgetag gibt sie sich selbst recht: „Erste Wahlwerbung mit Ex-Kanzler Kern“ steht am 8. Jänner auf ihrer Titelseite. Und wieder folgt die Enttäuschung im Blattinneren: Es handelt sich um KI-generierte Social-Media-Fakes.

Für Krone-Chefredakteur Klaus Herrman reicht das, um die von seinem Blatt angestoßene Kern-Debatte ein drittes Mal in Folge zu kommentieren: Noch zieren sich die ehemaligen Parteiführer.“ Vom 6. bis zum 11. Jänner macht der das übrigens täglich, fünfmal davon auch auf Seite 2 im Blatt:

Am Abend des 8. Jänner dann der Rückschlag: „Dämpfer für Kern: Ludwig stellt sich hinter Babler“ titelt die Krone. Aber das Blatt gibt die Spekulationen noch nicht auf. Sind diese zwei die Alternative zu Kern und Kurz?“ fragt sich Claus Pándi, Chefredakteur der Salzburg-Krone, am Tag darauf. Er schreibt:

Das regelmäßige Auftauchen von Sebastian Kurz und Christian Kern gehört da eher zum theatralischen Zwischenspiel, als hätte sich Shakespeare die Rückkehr gestürzter Könige auf den Thron ausgedacht. Mit der Wirklichkeit muss das wenig zu tun haben. Da gibt es ganz andere Kräfte.

Ist das schon Kritik am eigenen Blatt oder doch nur ein Versuch, die Gerüchteküche in Betrieb zu halten? Man würde sich nicht wundern, wenn als nächstes eintritt, was Erich Kocina in seinem Pizzacato in der Presse mit einem imaginären Gespräch zwischen zwei Meinungsforschern skizziert: „Hui, ja, da schlagt‘s jetzt ordentlich aus. Wenn Kreisky als Kanzlerkandidat antritt, liegt die SPÖ in den Rohdaten bei 54 Prozent.“

Worum geht es hier eigentlich?

Bei diesem ganzen Aufwand stellt sich die Frage: Worum geht es der Krone eigentlich? Sind es wirklich die hypothetischen 24 Prozent eines Christian Kern, die ihn als realistische Alternative zu Babler aufs Tapet bringen? Oder hat die Artikel-Serie doch mehr mit Andreas Babler zu tun?

Schon seit 2024 fällt die Krone mit Bablerkritischen Kommentaren auf. Im Wahlkampf 2024 ging es dabei vor allem um Vermögenssteuern. Die Krone-Eigentümerfamilie, die Dichands, gelten als einflussreichste – und sehr wohlhabende – Medienfamilie des Landes. Eva Dichand ist Herausgeberin der Gratiszeitung Heute. Dort bezeichnete sie Vermögenssteuern zuletzt im Oktober 2025 als eine „recht linksextreme, einseitige Sicht der Dinge“.

Dazu kommt die bereits erwähnte Evaluierung der Medienförderung, die der Krone als meistgeförderter Tageszeitung, aber auch den Gratismedien besonders weh tun könnte. Wenig überraschend ist die Kern-Rückkehr-Spekulation also auch dem Gratisblatt Oe24 eine Coverstory wert. Fast täglich werden in den Boulevardblättern anonyme SPÖ-Insider zitiert, die die Comeback-These stützen.

Die Gratismedien Heute und Oe24 zieren ihre Titelblätter mit einem potenziellen Babler-Abgang.

Oe24-Chefredakteur Niki Fellner meint: „Mit Kern hätte die Regierung Chance auf Neustart“ und appelliert an jene, „die Kern verhindern“, sich das noch einmal zu überlegen. Bei Heute tat man so, als wäre die schon länger geplante SPÖ Neujahrsklausur am Samstag eine plötzlich einberufene „Krisensitzung“ gewesen, weil Babler womöglich vor der Ablöse stehe.

Plötzlich Innenpolitik-Thema Nummer 1

Doch die Gerüchte werden nicht nur im Boulevard lang und breit diskutiert. Aus einer Umfragespielerei wird binnen kürzester Zeit das innenpolitische Thema. Die Presse steigt als eine der ersten in das tagelange Medien-Spek(ulier)takels ein und titelt, als wäre es gesetzt: „Mit Kickl und Kern würde Kurz nur Dritter“

Am 6. Jänner ist Babler in der ZiB 2 zu Gast und wird auch dort mit dem Krone-Bericht konfrontiert. Die APA berichtet ebenfalls über die „ungünstige Umfrage für Babler“. Und bei Servus TV stellt man sich sogar die Frage: „Steht die SPÖ kurz vor einem Putsch?“

Servus Nachrichten am 07. Jänner 2026: „SPÖ: Kern gegen Babler?“

Die „Spekulationen um Rückkehr von Kurz und Kern“ bekommen im Standard eine Doppelseite und beim Kurier eine Podcast-Ausgabe.

Am 9. Jänner zitiert die ZiB 1 noch einmal den Krone-Ursprungsartikel: „Eine SPÖ mit Christian Kern an der Spitze könnte eine ÖVP mit Sebastian Kurz überholen“. Zur Erinnerung: Es geht um zwei Prozentpunkte bei einer Schwankungsbreite von 2,8 Prozentpunkten.

Online ist der TV-Bericht mit dem Titel „SPÖ diskutiert Parteiführung“ versehen – obwohl sich bislang immer noch kein alternativer Kandidat gemeldet hat. Auch sonst ist der Neuigkeitswert überschaubar: Michael Ludwig stellt sich wie bisher hinter Babler, Kärntens SPÖ-Chef Daniel Fellner bleibt diplomatisch und die Partei sagt wiederholt, sie widme sich zunächst Sachthemen, nicht Personaldebatten.

Spekulationen verdrängen handfeste Argumente

Es ist nicht das erste Mal, dass das Kern-Comeback medial besprochen wird. Wir haben es schon einmal eine „eigene journalistische Disziplin“ genannt. Besonders ausgezeichnet beherrscht diese Rainer Novak, bis vor kurzem Super-Ressortleiter bei der Krone, jetzt als Geschäftsführer zurück bei der Presse. „Der frühere Kanzler und Parteichef, nunmehrig wieder Bahnmanager, hat mehr Anhänger, als man denkt“, schrieb er schon im September 2024.

Und im November 2025 war er sich dann ganz sicher: Kern als Alternativ-Kandidaten zu Babler nominieren, das hätten „alle Landesparteien mit Ausnahme der Wiener“ vor. Im Jänner 2026 sei es so weit, kommentierte Novak für Selektiv, ein Nachrichtenportal der Industriellenvereinigung. Aber die Gerüchte haben sich bisher nicht bestätigt. Kern hat ein Comeback immer wieder aufs Neue dementiert.

Trotzdem: Mit der aktuellen Umfrage-Diskussion ist der Krone bzw. dem IFDD aufmerksamkeitsmäßig ein bisheriger Höhepunkt gelungen. Die Spekulationen sind erfolgreich in allen Innenpolitik-Ressorts gelandet.

Das ist legitim, aber guter Journalismus sollte auch abwägen: Was spricht dafür, was dagegen? Wer hat ein Interesse an diesen Spekulationen, und welche Hinweise gibt es, ob das Ganze überhaupt stimmt? Diese Einordnung fehlt oft. Die Krone-Umfrage wird als belastbares Datenmaterial behandelt, nicht als fiktives Experiment mit relevanter Schwankungsbreite.

Und vielfach fallen jene Argumente unter den Tisch, die gegen eine Kern-Rückkehr sprechen. Zum Beispiel: Kern war Bundeskanzler, verantwortete kurz danach aber den Wahlkampf-Skandal rund um Tal Silberstein, verlor die Wahl, und verließ die Partei 2018 ohne geordnete Übergabe. Eine Erfolgsbilanz ist das nicht gerade.

Eine der wenigen differenzierten Stimmen findet sich in den Oberösterreichischen Nachrichten. Dort erinnert Innenpolitik-Redakteurin Annette Gantner: „Kern hatte 2017 bei seiner einzigen Wahl, die er je schlug, das Ergebnis der SPÖ um null Prozent verbessert.“ Ein Wunderwuzzi sei also auch Kern nicht.

Realitätscheck

„Christian Kern kommt in die Politik zurück, das ist so wie der Murmeltier-Tag“, sagte Kern selbst vor drei Wochen bei Servus TV. Und „Ja“, eine Rückkehr schließe er aus. Bis dato hat Kern auch nichts Gegenteiliges verlautbart – abgesehen von dem nun von der Krone zu Protokoll gegebenen „wachsendem Interesse“.

Aber wenn Kern selbst ein Comeback ausschließt, wer ist dann dafür? „Die aktuelle Umfrage lockte nun die ersten Kern-Jünger aus der Deckung“, meinte Herrmann immerhin in einem seiner Kommentare. Wer sind diese Jünger?

Die Krone zitiert unter anderem den SPÖ Steiermark-Chef Max Lercher, der sich für Kern ausspricht, wenn auch nicht besonders explizit („Meine Wertschätzung für seine Expertise ist bekannt (…) Mehr möchte ich dazu nicht sagen.“) Der Vizebürgmeister von Wiener Neustadt, Rainer Spenger, zeigt ebenso Sympathie für Kern wie dessen ehemaliger Pressesprecher Wolfgang Zwander. Salzburgs SPÖ-Chef Peter Eder wertet die Umfrage laut Krone zumindest als Zeichen, „dass die SPÖ noch mobilisieren könnte“. Das soll auch der Präsident des SPÖ-Wirtschaftsverbandes, Bernd Hinteregger, so sehen.

Die APA erfährt: Einige Landesorganisationen seien tatsächlich von der Idee eines Kern-Comebacks angetan. In Wien und innerhalb der Gewerkschaft sähe das aber anders aus. Und auch der Kärntner SPÖ-Chef Daniel Fellner habe Babler in der aktuellen Debatte seine „vollste Unterstützung“ ausgerichtet.

Jene SPÖ-Kapazunder, die sich kämpferisch hinter Kern stellen, fehlen. Die „Gruppierungen der SPÖ“, die laut Herrmann „schon seit Monaten im Hintergrund eifrig an der Rückkehr Kerns“ arbeiten, sind bis dato nicht erkennbar – oder es ist so, wie der rote Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbundes, Wolfgang Katzian, im Dezember im ORF Report augenzwinkernd formulierte: „Das machen einige wirklich so toll im Hintergrund, dass es zwar alle Medien merken, aber ich nicht.“


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Immer wieder nutzen Boulevardmedien Adolf Hitlers Namen zur Klick-Maximierung. Der Nachrichtenwert von Spekulationen über Hitlers Penisgröße, Sexleben und seine Fetische ist überschaubar. Wer Hitler auf biologische Kuriositäten und Sex reduziert, betreibt keine historische Aufarbeitung, sondern eine Form der Trivialisierung.

Hitler Clickbait

Sebastian Kurz lädt ausgewählte Medienvertreter:innen nach Tel Aviv ein – sie sollen sein neues Projekt „Dream“ kennenlernen, ein KI-Start-up. Die meisten Medien kennzeichnen nicht, dass „Dream“ die Reise bezahlt hat. Und auch inhaltlich rückt das Unternehmen in den Hintergrund: Die Berichte drehen sich vor allem um Kurz.

Collage mehrerer österreichischer Medienberichte. Zu sehen sind Titelblätter und Online-Artikel verschiedener Zeitungen und Magazine, die über eine Reise eines ehemaligen Politikers nach Israel berichten. Auf den Ausschnitten stehen Schlagzeilen wie „Medienhype nach Kurz-Reise“, „KURZ: Mein neues Leben“, „im Kreis der Tech-Milliardäre“ oder „Ein Blick hinter die Kulissen des Unicorns“. Fotos zeigen den entsprechenden Politiker in Gesprächssituationen oder Büroumgebungen.

Vergangenes Wochenende lud Sebastian Kurz einige deutsche und österreichische Journalist:innen ein, sein Unternehmen „Dream“ in Israel zu besichtigen. Oder wie die Kronen Zeitung schreibt: Er führte durch „sein sagenumwobenes und milliardenschweres Reich in Tel Aviv“. Das klingt tatsächlich wie die Einladung, eine „Traum“-Welt zu betreten, und genau so lesen sich auch viele der Berichte quer durch die Medien.

KI scheint heute fast alles zu können: Schreiben, rechnen, singen oder gar schauspielern. Aber auch Menschen ausziehen, die nie nackt vor der Kamera gestanden sind. Immer häufiger kursieren im Netz täuschend echte Nacktbilder, generiert von künstlicher Intelligenz: sogenannte Deepfake-Nudes. Betroffen sind oft Prominente – vor allem junge Frauen. Heute.at berichtet gerne über solche Fälle – und verbreitet dabei die problematischen Nacktbilder munter weiter.

Quelle: heute.at

„Jemand macht Geld mit Fake-Nacktbildern von mir“: Ja, die Heute-Zeitung!

Im Frühjahr dieses Jahres berichtete Heute.at über die Schweizer Influencerin nathistyle. Ein Mann habe sie über alle Kommentarspalten hinweg mit Nachrichten bombardiert, ihr eine „Betrugsmasche“ vorgeworfen und damit gedroht, die Polizei einzuschalten. In Wirklichkeit war der Mann auf ein gefälschtes Profil hereingefallen, das sich als die Influencerin ausgab. Der Person hinter diesem Profil hatte der Mann dann Geld überwiesen, und zwar in der Erwartung, dafür Nacktbilder von der Influencerin zu erhalten. Diese wurden mit KI erstellt.

Das Titelbild, das die Heute-Redaktion auswählt, zeigt jedoch ausgerechnet das Deepfake-Nude selbst: scheinbar nathistyle, nackt in einem Spiegel-Selfie. Im ursprünglich auf Instagram veröffentlichten Originalfoto trägt die Frau ein weißes Kleid, das im Bild dann digital entfernt wurde. Darüber kleben nun nur noch eine Handvoll hautfarbener Pixel.

Die Heute-Redaktion schreibt unter dem Bild:

„Mit diesem Fake-Nacktbild der Influencerin Nathistyle verdient jemand Geld.“

Quelle: heute.at

Genau. Nämlich nicht nur die Person hinter dem Fake-Profil, sondern auch Heute.at selbst.

Man stelle sich folgende Szene vor: Die größten Fastfood-Restaurants in Österreich gehen gemeinsam zum ORF und wünschen sich dort eine neue Sendung. Ein wöchentliches „Infomagazin“ zum Thema Ernährung, aber ausschließlich mit Fokus auf Fastfood. Es werden die Vorzüge von Fastfood erläutert, es gibt hochglanzgefilmte Einblicke in die Produktion und Entwicklung. Probleme werden nur thematisiert, um auf die innovativen Lösungen der Hersteller zu verweisen. Kleinere Nachteile lassen die zahlreichen Vorzüge noch überzeugender erscheinen. Und was sich nicht kleinreden lässt, wird mittels lehrreicher Verbrauchertipps geschmeidig an die Eigenverantwortung der Kundschaft abgewälzt. Und die Programmverantwortlichen im ORF sagen: „Das ist eine wunderbare Idee, so machen wir das!“

Unvorstellbar? Nun, genau dieses Kunststück ist dem Arbeitskreis der Automobilimporteure (einem Zweig der österreichischen Industriellenvereinigung) gelungen.

Antenne Kärnten interviewt ein ehemaliges SOS-Kinderdorf-Kind über Missbrauch. Das Gespräch ist freiwillig – zeigt aber, wie schnell der Opferschutz in den Hintergrund geraten kann.

„Du hast ja selbst als Kind auch Gewalt und Missbrauch erfahren. Magst du vielleicht kurz überfliegen, was da passiert ist? Wir müssen nicht im Detail reden, aber vielleicht magst du da noch ein bisschen was loswerden.“ Der Satz klingt harmlos. Doch er ist eine Aufforderung, im Radio vor tausenden Zuhörer:innen über den eigenen Missbrauch zu reden.

2024 hat die öffentliche Hand wieder großzügig Geld an Medien verteilt. Im Vergleich zu den Jahren davor waren die größten Profiteure erstmals nicht ausschließlich Boulevardmedien. Bei den Inseraten gibt es heuer eine Trendwende, die insbesondere den Boulevard sehr nervös macht.

Öffentliches Geld für Medien 2024

Welches Medium wie viel öffentliches Geld bekommt, ist ein durchaus beliebtes Thema in der Medienbranche. Es bieten sich auch regelmäßig Anlässe, leidenschaftlich zu diskutieren, sich zu wundern, oder zu empören. Nach dem Amoklauf in Graz gab es eine solche Debatte – ebenso, nachdem öffentlich wurde, dass der Exxpress heuer eine Förderung für Qualitätsjournalismus bekommt. Und gleich noch einmal, weil auch die ÖVP-nahe „Bauernzeitung“ Fördergeld erhalten hat. All das hat dazu geführt, dass Medienminister und Vizekanzler Andreas Babler die Förderstruktur „weiterentwickeln“ will.

Die Bundesregierung kürzt die Inserate. Die Gratiszeitungen Heute und Oe24 trifft das ganz besonders. Dass Medienminister Babler nun auch „Qualitätskriterien“ bei der Fördervergabe verankern will, macht ihn dort erst recht zum Buhmann.

Collage aus mehreren Schlagzeilen österreichischer Medien, die den Medienminister Andreas Babler kritisieren. Links Artikel aus Heute und Kronen Zeitung mit Titeln wie „Wie sich Medienminister bei Medien blamiert“ und „Babler schiebt Medien weiter auf lange Bank“. Daneben oe24 und Heute.at mit Schlagzeilen wie „Regierung zahlt 14 Mio. an Fake News“ und „Brutal-Kürzung bei Medien, aber 14 Mio. € an Insta & Co“. Ganz unten eine weitere oe24-Schlagzeile: „Regierung ruiniert Österreichs Medien“. Rechts unten das Logo von Kobuk!.

„Regierung ruiniert Österreichs Medien“, „Mega-Skandal: Regierung zahlt 14 Mio. an Fake-News“, Wie sich Medienminister bei Medien blamiert“ – in den Gratiszeitungen Heute und Oe24 hat man sich vergangene Woche besonders an Vizekanzler und Medienminister Andreas Babler abgearbeitet.

Während ihn Oe24 „höchstpersönlich zum Totengräber der heimischen Medien-Szene“ macht, attestiert Heute einen medienpolitischen „Babler-Blindflug“ – und wirft ihm sowohl „Speed kills“-Taktiken als auch ein „auf die lange Bank schieben“ vor.

Die Medienbranche steckt in einer Krise – und bei den beiden Gratiszeitungen hat man den Schuldigen bereits gefunden. Dabei nimmt man es mit Zahlen, Daten und Fakten nicht immer ganz so genau.

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Kobuk hält seit 2010 dagegen. Wir entlarven, was falsch läuft, wir erklären, warum. Wir knipsen den Scheinwerfer an und schauen hinter die Schlagzeilen.

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Woher kommt der Name Kobuk? Und was erzählt er uns über Zeitungen – damals und heute? Ein paar Antworten und eine Zeitreise – zu Ehren Helmut Qualtingers, der heute 97 Jahre alt geworden wäre.

Links: Helmut Qualtinger als „Herr Karl“ (1961). Credit: Shivaelektra. Rechts: Helmut Qualtinger als „Kobuk“ (Wiener Kurier, 02. Juli 1951).

Um den Ur-Kobuk zu finden, müssen wir ins Jahr 1951 reisen. 1951 – das heißt Nachkriegszeit, mitten in der Wiederaufbauphase. Österreich war noch Besatzungsgebiet, die Pressefreiheit eingeschränkt und die Zeitungslandschaft stark politisch kontrolliert. Da gab es zum Beispiel die sozialistische Arbeiterzeitung, das ÖVP-nahe Kleine Volksblatt oder die Österreichische Zeitung, Organ der Sowjets.

Konkret wollen wir zum 2. Juli 1951 reisen. In diesen Tagen beschäftigte das Land wieder einmal eine Typhus-Epidemie, ständiger Begleiter der Nachkriegszeit, und eine neue Milchrayonierung. „Rayoniert“ wurden Lebensmittel in Wien, wenn sie knapp wurden. Für Milch galt nun: Ein halber Liter pro Kind, dann die Kranken, dann die restliche Kundschaft.

Auf Grönland gibt es keine Pinguine

Zwischen Meldungen über neue Typhus-Toten und Berichte über eine neue Weltordnung findet sich an diesem Tag aber auch eine etwas skurrile Nachricht:

Ein Eskimodichter in Wien: Auf Einladung des Österreichischen PEN-Klub trifft der Eskimodicher Kobuk am 3. Juli in Wien ein. Der 1889 in Iviktut (Grönland) geborene Autor ist Verfasser mehrerer Romane, deren eigenartige Verbindung von magischem Realismus und arktischer Mystik ihn auch über die Grenzen seiner engeren Heimat hinaus bekannt gemacht haben.

Weltpresse, 2. Juli 1951, S.5

Die Ankunft dieses Vertreters „arktischer Mystik“ kündigte neben der Weltpressezuvor Sprachrohr der britischen Besatzung, zu dem Zeitpunkt SPÖ-nah – auch der Wiener Kurier an, der unter dem Einfluss der US-Besatzung stand.