Wir recherchieren nach,
damit ihr nicht müsst.

Die Boulevard-Berichte über den Tod von Johanna G. sind an Voyeurismus kaum zu überbieten. Während die Redaktionen private Details der Getöteten ausschlachten, stilisieren sie den mutmaßlichen Täter zur erzählbaren Figur. Das macht die Frau zum zweiten Mal zum Opfer.

Collage mehrerer Boulevard-Schlagzeilen von Heute, oe24.tv, Weekend.at und Kosmo, die den Tod von Johanna G. als angeblichen „Sex-Unfall“ darstellen. Zu sehen sind Überschriften, in denen die Verteidigungsversion des mutmaßlichen Täters dominiert und seine Anwältin prominent inszeniert wird.

„Ich darf Sie eindrücklich darum ersuchen, ethisch und moralisch vertretbare Berichterstattung an den Tag zu legen“ – mit diesen Abschlussworten wendet sich Markus Lamb, der Pressesprecher der Polizei, an die anwesenden Medienvertreter:innen. Es ist der 14. Jänner, die Landespolizeidirektion Steiermark hat zur Pressekonferenz nach Leichenfund“ geladen. Es geht um den mutmaßlichen Mord der zuvor als vermisst gegoltenen Südsteirerin Johanna G.

„Ethisch und moralisch vertretbar“ ist das, was Wiener Boulevardmedien seitdem veröffentlichen, jedenfalls nicht. Sie geben dem Opfer in mehreren Berichten eine Mitschuld und lassen die Verteidigung des Täters (es sei ein „Sex-Unfall“ gewesen) dominieren. Fotos aus Ermittlungsakten werden auf Doppelseiten abgedruckt, die Tat als „tödliches Geschehen“ oder „Würgespielchen“ verharmlost. Wir haben uns die zentralen Erzählmuster angesehen.

Disclaimer: Es fällt nicht leicht, diesen Text zu schreiben. Einerseits wollen wir nicht reproduzieren, was an Gerüchten und Spekulationen herumkursiert und den höchstpersönlichen Lebensbereich des Opfers betrifft. Andererseits müssen wir adressieren, wie unbedacht andere Medien mit genau diesen Informationen umgehen. Wir versuchen aber, nur dort explizit zu werden, wo es notwendig ist, damit man unsere Kritik nachvollziehen kann. Und wir verzichten darauf, wie sonst üblich, die kritisierten Artikel zu verlinken.

Mitschuld des Opfers

Am 17. Jänner titelt das Boulevardblatt Oe24: „Tinder-Affäre brachte Fitnesstrainerin (34) den Tod“. Dazu ein Bild des Täters in Siegerpose – ein Freudenschrei, beide Hände zu Fäusten in die Luft gestreckt. Rechts oben im Eck ein viel kleineres Foto von Johanna G., die er mutmaßlich getötet hat. Sie bekommt eine minimale Verpixelung um die Augen, er einen schwarzen Balken.

creenshot eines oe24-Artikels mit der Schlagzeile „Tinder-Affäre brachte Fitnesstrainerin (34) den Tod“. Im Mittelpunkt steht ein großformatiges Bild des mutmaßlichen Täters in Siegerpose mit erhobenen Fäusten, daneben ein deutlich kleineres Foto des Opfers. Ein rotes Banner mit der Aufschrift „FALSCH!“ kritisiert die irreführende Täter-Opfer-Umkehr in der Darstellung.

Die Kronen Zeitung hat indes einen anderen Fakt als „ihr späteres Todesurteil“ ausgemacht: ihren Umzug in eine andere Stadt – „denn sie verliebte sich wieder.“ 

Diese Erzählungen geben dem Opfer post mortem eine Mitschuld: Wäre sie nicht umgezogen, hätte sie den Mann nicht auf Tinder kennengelernt, hätte sie sich nur nicht auf ihn eingelassen … dann wäre sie noch am Leben. Doch nichts davon war tatsächlich verantwortlich für ihren Tod. Die Verantwortung trägt allein der mutmaßliche Täter.

Jener Mann, der nun behauptet, ihr Tod sei ein „Sex-Unfall“ gewesen. Seine Anwältin Astrid Wagner tingelt durch die Medien und verbreitet diese Version der Geschichte. Einige Medien geben ihr dafür eine große Bühne. Das passiert nicht zum ersten Mal: Auch im Fall Stefanie fütterte Wagner als Verteidigerin des mutmaßlichen Mörders den Boulevard mit Botschaften des Mannes. 

Im Fall Johanna G. klingt das so: Staranwältin verteidigt Cobra-Polizisten: ‚War ein Unfall” titelt etwa Weekend. Der Gratiszeitung Heute gibt sie „ein Update“, wie es heißt: Anwältin packt aus: Cobra-Cop nach Unfall ‚in Panik‘“. Auf Facebook schreibt Heute, der Mann würde den „tödlichen Sex“ gestehen. „Geständnis nach Verhör: ‚Habe sie beim Sex versehentlich getötet‘“ titelt auch die Boulevardseite Kosmo.

Und bei Oe24TV ist Wagner eingeladen, um über die „Fälle der Woche“ zu sprechen – Thema sind die zwei Femizide 2026, in beiden vertritt Wagner den Tatverdächtigen.

Collage aus Artikeln von Weekend.at, oe24 und Heute, die die Anwältin des mutmaßlichen Täters zeigen oder zitieren. Die Schlagzeilen betonen ihre Rolle als „Staranwältin“ und verbreiten ihre Darstellung eines angeblichen Unfalls, während das Opfer in den Hintergrund tritt.

„Er spricht von einvernehmlichen Sex und Würgespielchen“, liest man in der Kronen Zeitung allerdings schon, bevor Wagner den Fall übernimmt. Bei Oe24 verwechselt man ebenfalls schon sehr früh überhaupt einiges: „Polizei gesteht: Vermisste Steirerin ist tot, es war ein ‚Sex-Unfall‘“. Weder hat die Polizei etwas zu gestehen, noch ist die Version mit dem Unfall bestätigt.

Diese Medien verharmlosen damit einen mutmaßlichen Mord. Und schon wieder klingt sie mit, die Mitschuld: Die Erzählung vom „Sex-Unfall“ suggeriert, dass auch das Opfer eine Teilschuld trage.

Spekulationen über ihren Körper

Ein Detail scheint die Medien besonders zu beschäftigen: Ob Johanna G. möglicherweise schwanger war. Die Behörden äußern sich dazu nicht, auch wenn mittlerweile ein Obduktionsergebnis vorliegt. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Christian Kroschl, betont schon bei der Pressekonferenz am 14. Jänner, dass nicht „jedes einzelne Detail, das sich auf Basis der weiteren Ermittlungen ergibt“ umgehend kommuniziert werde – aus „ermittlungstaktischen Gründen“ und „unter Rücksichtnahme auf die Angehörigen“.

Diese Rücksichtnahme scheint für die Kronen Zeitung keine Kategorie zu sein. Schon wenige Tage nach ihrem Tod weiß das Blatt: „Das brachte M*** dazu, Hanni zu vergraben“. Dass das Blatt das Opfer bei jenem Spitznamen nennt, den sie unter Freund:innen und Bekannten hatte, ist dabei noch das harmloseste. Das Blatt spekuliert auch über eine mögliche Schwangerschaft und fragt sich: „Hat ihn das schlussendlich zum Ausrasten gebracht?“ 

Eine mögliche Schwangerschaft ist für die Ermittler:innen relevant, weil es Aufschluss über die Motivlage geben könnte. Gleichzeitig betreffen diese Gerüchte den höchstpersönlichen Lebensbereich der Verstorbenen. Und genau hier sind wir mit einer Gratwanderung konfrontiert. Wir können diese Berichte nicht einfach ignorieren – denn unsere Aufgabe ist es, sie zu kritisieren. Wir zitieren daher (nur) auszugsweise, damit ihr diese Kritik nachvollziehen könnt:

Am 18. Jänner veröffentlicht die Krone einen dreiseitigen Bericht über „Das geheime Doppelleben des mordverdächtigen Polizisten“. Es ist eine Täter-Stilisierung, die wir uns gleich noch näher anschauen. Auffällig ist aber auch, wie der Text bebildert ist: mit Fotos aus dem Ermittlungsakt. Gezeigt werden die Polizeifotos des in Untersuchungshaft sitzenden Beschuldigten (mit schwarzen Balken), aber auch ein Foto des Fundorts der Leiche – und das Foto eines Schwangerschaftstests.

Die Krone lässt in diesem Artikel gleich mehrmals „ethisch und moralisch vertretbare Berichterstattung“ vermissen. Zeitweise geht mit der Autorin die Fantasie durch: Sie spekuliert über „aufregende Schäferstündchen“ von Opfer und Täter; meint, die Frau hätte sich wohl „ein bisschen verliebt“; und bespricht ausführlich die mögliche Schwangerschaft – es sind private Details, noch dazu unbestätigte, die die Öffentlichkeit schlicht nichts angehen.

Ohne direkt auf den Krone-Artikel Bezug zu nehmen, bezeichnet das Staatsanwalt Kroschl gegenüber der Kleinen Zeitung treffsicher als eine „Zumutung für die Angehörigen“.

Die Krone-Geschichte verbreitet sich dennoch. Heute.at teilt die Fotos ebenfalls, Kosmo.at macht das angebliche „Doppelleben“ des Mannes zum Thema und stellt in den Titel ein „Zitat“ von ihm, das frei erfunden ist: „Nach Schwangerschaftstest wurde ich zum Monster“.

Schon zuvor spekulierte Oe24 wild, dass Johanna G. womöglich „darauf bestand, dass er sich von seiner anderen Frau trennen soll – oder ihr davon erzählen wollte.“ Wie das Blatt darauf kommt, erklärt es nicht. Außerdem rahmt Oe24 diese Mutmaßung als „Alternative“ zum Sex-Unfall – ganz so, als hätte das Töten eine normale Reaktion auf solch einen Konflikt sein können.

Der Täter als Ausnahmefigur

Der lange Bericht der Kronen Zeitung macht aber noch etwas anderes: Er stellt den Täter in den Mittelpunkt. Der „Elite-Polizist und Kampfsportler“ war irgendwann einmal irgendein Europameister und sei zudem ein „sexuell überaktiver Mann“. Pseudopsychologisch wird ihm ein „fast schon manischer Drang, seinen Körper zu stählen“ zugeschrieben. Dem ist ein Foto beigefügt, das etwa ein Sechstel der Seite einnimmt und ihn oberkörperfrei beim Training zeigt.

Abfotografierte Doppelseite der Kronen Zeitung mit der Überschrift „Das geheime Doppelleben des mordverdächtigen Polizisten“. Mehrere Bilder und Textspalten sind mit Warnsymbolen markiert. Zu sehen sind großformatige Täterdarstellungen sowie ein deutlich kleineres Foto des Opfers aus einer Vermisstenmeldung.

Zwei Absätze lang bestätigen zudem anonyme Nachbar:innen, wie nett er doch gewesen sei. Das alles müsse ein Missverständnis sein. Es geht in dem Artikel auch um seine „eigentliche Freundin“, um ihr Aussehen und ihren Erfolg.

Der sportliche, freundliche Mann mit der Vorzeige-Beziehung habe eine geheime, dunkle Seite – das gefällt dem Boulevard. Das hat True-Crime-Potenzial. So inszenieren sie ihn. In Wahrheit ist daran nichts besonders – geschweige denn besonders erwähnenswert. Denn die Täter von Femiziden sind häufig zuhause gewalttätig, nicht in der Nachbarschaft. Und wie sportlich ein Mann ist, sagt nichts über seine Gewaltbereitschaft aus.

Sechs Absätze lang gibt die Krone in dem Text einfach nur die Version des Beschuldigten wieder, zitiert ihn ausführlich. Als Einordnung müssen Sätze wie „Wirklich nicht?“ oder „Wie viele dunkle Geheimnisse hat M*** tatsächlich?“ reichen.

Was bleibt: Er ist stark, er ist freundlich, er ist „Elite“. Und sie war seine „Geliebte“ (Krone), die sich leider leider verliebt haben soll. So einfach kann man einen Femizid verharmlosen.

Die Krone ist mit dieser Inszenierung nicht allein. „Der erfolgreiche Elite-Polizist mit den hellblauen Augen war in seiner Nachbarschaft beliebt, mit seiner Freundin (ebenfalls sportlich höchst erfolgreich) schien er die perfekte Partnerschaft zu führen“, lautet auch der erste Satz eines Heute-Artikels.

Weil der Täter 2017 in einer Fernsehshow als Teilnehmer zu sehen war, nennt ihn Heute außerdem nicht nur einen „Muskelprotz“ und einen „ehrgeizigen Elite-Beamten“, sondern auch einen „TV-Star“. Und weil er sich dort außerdem als „halbgottartig“ bezeichnet haben soll, nehmen Vol.at, Heute und Weekend den „Halbgott“ in den Titel.

Collage mehrerer Online-Artikel von Heute, Vol.at und Weekend.at, in denen der mutmaßliche Täter als „Halbgott“, „Elite-Polizist“ oder TV-Teilnehmer bezeichnet wird. Der Begriff „Halbgott“ ist mehrfach hervorgehoben. Die Darstellung stilisiert den Täter und rückt ihn in den Mittelpunkt der Berichterstattung.

Oe24 bedient sich auf seiner Facebook-Seite und teilt ein Foto, in dem er im Paintball-Outfit die „Shaka“-Geste (Daumen und kleiner Finger ausgestreckt) zeigt. Weil der Hauptverdächtige für das Einsatzkommando Cobra tätig war, zeigt Heute als „Symbolbild“ einen Cobra-Beamten in Uniform und mit Waffe, der die Tür eines schwarzen Autos öffnet. Klein, rechts: Ein verpixeltes Foto von Johanna G. Auch hier hat sich niemand so richtig mit der Bildsprache beschäftigt.

Nicht nur ein Boulevard-Problem

Apropos Fotos: Wir sind in diesem Fall kaum auf gänzlich unverpixelte Fotos des Opfers gestoßen – das ist prinzipiell positiv und war bei vergangenen Femiziden schon ganz anders. Allerdings wurde das Lichtbild von Johanna G., das die Polizei teilte, als sie noch als vermisst galt, nur schleißig entfernt. Dazu muss man wissen: Für eine Vermissten-Suche ist es journalistisch legitim, das unverpixelte Foto zu teilen. Sobald die Person nicht mehr als vermisst gilt, greift wieder das vollumfängliche Persönlichkeitsrecht. Die Polizei hat die Lichtbild-Veröffentlichung zudem bei ihrer Pressekonferenz ausdrücklich widerrufen.

Auf Exxpress.at kümmert man sich nicht darum, die Bilder sind weiterhin online. Und auch beim ORF hat man wohl vergessen, den auf ORF.on archivierten Bericht zur Vermisstensuche zu bearbeiten. Darin wird auch das Wohnhaus des Opfers gezeigt.

Überhaupt wollen wir die Qualitätsmedien in dieser Analyse nicht komplett ausnehmen. Die bereits erwähnten Medien Weekend und Vol.at zählen eigentlich nicht zum Boulevard. Und auch die Salzburger Nachrichten schreiben zum Beispiel unsensibel von einem „Verhältnis mit Folgen“ (sie meinen damit die angebliche Schwangerschaft).

Dass das Opfer schwanger gewesen sein könnte, beschäftigt überhaupt nicht nur den Boulevard. Auch die Kleine Zeitung packt diese Mutmaßung in ihren SEO-Titel (das ist der Titel, mit dem der Artikel in der Google-Suche erscheint). Salzburg24.at, eine 100-prozentige Tochter der Salzburger Nachrichten, schreibt gleich zweimal in den Titel, die Frau sei schwanger gewesen (als Fakt).

Trotzdem sind unsere Boulevardblätter die Zugpferde des Voyeurismus. Unsensible Berichterstattung über Femizide ist dort kein Einzelfall. In unserem Artikel „Wenn Frauen getötet werden, verliert der Boulevard die Kontrolle“ haben wir das schon einmal systematisch beschrieben.

Im Fall von Johanna G. zeigt sich dieses Muster besonders deutlich. Während der mutmaßliche Täter inszeniert, erklärt und verteidigt wird, verliert das Opfer Schutz, Würde und Stimme. Die junge Frau wird so zum zweiten Mal zum Opfer.


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Eine Krone-Umfrage beherrscht die Innenpolitik-Ressorts des Landes: Christian Kern steht augenscheinlich wieder einmal als Kandidat für den SPÖ-Vorsitz zur Debatte. Doch der Realitätscheck fällt ernüchternd aus, die Berichte stützen sich auf viel heiße Luft. Helfen gerade alle der Krone dabei, einen unliebsamen Medienminister Babler loszuwerden?

Immer wieder nutzen Boulevardmedien Adolf Hitlers Namen zur Klick-Maximierung. Der Nachrichtenwert von Spekulationen über Hitlers Penisgröße, Sexleben und seine Fetische ist überschaubar. Wer Hitler auf biologische Kuriositäten und Sex reduziert, betreibt keine historische Aufarbeitung, sondern eine Form der Trivialisierung.

Hitler Clickbait

Sebastian Kurz lädt ausgewählte Medienvertreter:innen nach Tel Aviv ein – sie sollen sein neues Projekt „Dream“ kennenlernen, ein KI-Start-up. Die meisten Medien kennzeichnen nicht, dass „Dream“ die Reise bezahlt hat. Und auch inhaltlich rückt das Unternehmen in den Hintergrund: Die Berichte drehen sich vor allem um Kurz.

Collage mehrerer österreichischer Medienberichte. Zu sehen sind Titelblätter und Online-Artikel verschiedener Zeitungen und Magazine, die über eine Reise eines ehemaligen Politikers nach Israel berichten. Auf den Ausschnitten stehen Schlagzeilen wie „Medienhype nach Kurz-Reise“, „KURZ: Mein neues Leben“, „im Kreis der Tech-Milliardäre“ oder „Ein Blick hinter die Kulissen des Unicorns“. Fotos zeigen den entsprechenden Politiker in Gesprächssituationen oder Büroumgebungen.

Vergangenes Wochenende lud Sebastian Kurz einige deutsche und österreichische Journalist:innen ein, sein Unternehmen „Dream“ in Israel zu besichtigen. Oder wie die Kronen Zeitung schreibt: Er führte durch „sein sagenumwobenes und milliardenschweres Reich in Tel Aviv“. Das klingt tatsächlich wie die Einladung, eine „Traum“-Welt zu betreten, und genau so lesen sich auch viele der Berichte quer durch die Medien.

KI scheint heute fast alles zu können: Schreiben, rechnen, singen oder gar schauspielern. Aber auch Menschen ausziehen, die nie nackt vor der Kamera gestanden sind. Immer häufiger kursieren im Netz täuschend echte Nacktbilder, generiert von künstlicher Intelligenz: sogenannte Deepfake-Nudes. Betroffen sind oft Prominente – vor allem junge Frauen. Heute.at berichtet gerne über solche Fälle – und verbreitet dabei die problematischen Nacktbilder munter weiter.

Quelle: heute.at

„Jemand macht Geld mit Fake-Nacktbildern von mir“: Ja, die Heute-Zeitung!

Im Frühjahr dieses Jahres berichtete Heute.at über die Schweizer Influencerin nathistyle. Ein Mann habe sie über alle Kommentarspalten hinweg mit Nachrichten bombardiert, ihr eine „Betrugsmasche“ vorgeworfen und damit gedroht, die Polizei einzuschalten. In Wirklichkeit war der Mann auf ein gefälschtes Profil hereingefallen, das sich als die Influencerin ausgab. Der Person hinter diesem Profil hatte der Mann dann Geld überwiesen, und zwar in der Erwartung, dafür Nacktbilder von der Influencerin zu erhalten. Diese wurden mit KI erstellt.

Das Titelbild, das die Heute-Redaktion auswählt, zeigt jedoch ausgerechnet das Deepfake-Nude selbst: scheinbar nathistyle, nackt in einem Spiegel-Selfie. Im ursprünglich auf Instagram veröffentlichten Originalfoto trägt die Frau ein weißes Kleid, das im Bild dann digital entfernt wurde. Darüber kleben nun nur noch eine Handvoll hautfarbener Pixel.

Die Heute-Redaktion schreibt unter dem Bild:

„Mit diesem Fake-Nacktbild der Influencerin Nathistyle verdient jemand Geld.“

Quelle: heute.at

Genau. Nämlich nicht nur die Person hinter dem Fake-Profil, sondern auch Heute.at selbst.

Man stelle sich folgende Szene vor: Die größten Fastfood-Restaurants in Österreich gehen gemeinsam zum ORF und wünschen sich dort eine neue Sendung. Ein wöchentliches „Infomagazin“ zum Thema Ernährung, aber ausschließlich mit Fokus auf Fastfood. Es werden die Vorzüge von Fastfood erläutert, es gibt hochglanzgefilmte Einblicke in die Produktion und Entwicklung. Probleme werden nur thematisiert, um auf die innovativen Lösungen der Hersteller zu verweisen. Kleinere Nachteile lassen die zahlreichen Vorzüge noch überzeugender erscheinen. Und was sich nicht kleinreden lässt, wird mittels lehrreicher Verbrauchertipps geschmeidig an die Eigenverantwortung der Kundschaft abgewälzt. Und die Programmverantwortlichen im ORF sagen: „Das ist eine wunderbare Idee, so machen wir das!“

Unvorstellbar? Nun, genau dieses Kunststück ist dem Arbeitskreis der Automobilimporteure (einem Zweig der österreichischen Industriellenvereinigung) gelungen.

Antenne Kärnten interviewt ein ehemaliges SOS-Kinderdorf-Kind über Missbrauch. Das Gespräch ist freiwillig – zeigt aber, wie schnell der Opferschutz in den Hintergrund geraten kann.

„Du hast ja selbst als Kind auch Gewalt und Missbrauch erfahren. Magst du vielleicht kurz überfliegen, was da passiert ist? Wir müssen nicht im Detail reden, aber vielleicht magst du da noch ein bisschen was loswerden.“ Der Satz klingt harmlos. Doch er ist eine Aufforderung, im Radio vor tausenden Zuhörer:innen über den eigenen Missbrauch zu reden.

2024 hat die öffentliche Hand wieder großzügig Geld an Medien verteilt. Im Vergleich zu den Jahren davor waren die größten Profiteure erstmals nicht ausschließlich Boulevardmedien. Bei den Inseraten gibt es heuer eine Trendwende, die insbesondere den Boulevard sehr nervös macht.

Öffentliches Geld für Medien 2024

Welches Medium wie viel öffentliches Geld bekommt, ist ein durchaus beliebtes Thema in der Medienbranche. Es bieten sich auch regelmäßig Anlässe, leidenschaftlich zu diskutieren, sich zu wundern, oder zu empören. Nach dem Amoklauf in Graz gab es eine solche Debatte – ebenso, nachdem öffentlich wurde, dass der Exxpress heuer eine Förderung für Qualitätsjournalismus bekommt. Und gleich noch einmal, weil auch die ÖVP-nahe „Bauernzeitung“ Fördergeld erhalten hat. All das hat dazu geführt, dass Medienminister und Vizekanzler Andreas Babler die Förderstruktur „weiterentwickeln“ will.

Die Bundesregierung kürzt die Inserate. Die Gratiszeitungen Heute und Oe24 trifft das ganz besonders. Dass Medienminister Babler nun auch „Qualitätskriterien“ bei der Fördervergabe verankern will, macht ihn dort erst recht zum Buhmann.

Collage aus mehreren Schlagzeilen österreichischer Medien, die den Medienminister Andreas Babler kritisieren. Links Artikel aus Heute und Kronen Zeitung mit Titeln wie „Wie sich Medienminister bei Medien blamiert“ und „Babler schiebt Medien weiter auf lange Bank“. Daneben oe24 und Heute.at mit Schlagzeilen wie „Regierung zahlt 14 Mio. an Fake News“ und „Brutal-Kürzung bei Medien, aber 14 Mio. € an Insta & Co“. Ganz unten eine weitere oe24-Schlagzeile: „Regierung ruiniert Österreichs Medien“. Rechts unten das Logo von Kobuk!.

„Regierung ruiniert Österreichs Medien“, „Mega-Skandal: Regierung zahlt 14 Mio. an Fake-News“, Wie sich Medienminister bei Medien blamiert“ – in den Gratiszeitungen Heute und Oe24 hat man sich vergangene Woche besonders an Vizekanzler und Medienminister Andreas Babler abgearbeitet.

Während ihn Oe24 „höchstpersönlich zum Totengräber der heimischen Medien-Szene“ macht, attestiert Heute einen medienpolitischen „Babler-Blindflug“ – und wirft ihm sowohl „Speed kills“-Taktiken als auch ein „auf die lange Bank schieben“ vor.

Die Medienbranche steckt in einer Krise – und bei den beiden Gratiszeitungen hat man den Schuldigen bereits gefunden. Dabei nimmt man es mit Zahlen, Daten und Fakten nicht immer ganz so genau.

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