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Männer sind Ikonen oder sogar Legenden. Frauen sind Prinzessinnen, Rotzgören oder Muttis. So scheint das zumindest der deutschsprachige Musikjournalismus zu sehen. In unserer Recherche haben wir uns die Wortwahl in den vier größten deutschsprachigen Plattformen für Musikkritiken angeschaut. Dabei zeigt sich ein deutliches Muster: Männliche Künstler werden als prägende Instanzen der Musikgeschichte verewigt, Künstlerinnen auffallend oft sexualisiert und verniedlicht.

Eine Collage mit ausgewählten Headlines über Musiker und Musikerinnen.

Oasis, Iggy Pop und Co. sind allesamt musikalische Legenden. Da sind sich führende Musikjournalist:innen einig. Wie ist das bei Künstlerinnen wie Mariah Carey oder Dolly Parton? Ebenfalls Legenden? Zumindest werden sie nicht so genannt. Es scheint da nämlich eine Krux zu geben: Die beiden sind keine Männer. Musikjournalist:innen nennen sie lieber „Prinzessin“ (Rolling Stone über Carey) oder „Übermutter (Der Spiegel über Parton).

Wenn man sich durch Albumkritiken und Konzertreviews von deutschen und österreichischen Medien arbeitet, merkt man schnell: Das sind keine Einzelfälle. Sexismus im Musikjournalismus hat System.

Im Zeitraum zwischen 2023 und 2025 haben wir uns mehrere hundert Nachrufe, Konzert- und Albumreviews in deutschsprachigen Medien angeschaut. Dabei wollten wir wissen, wie die jeweiligen Künstlerinnen und Künstler von den Medien genannt werden. Gemeint sind nicht Boulevardzeitungen, im Gegenteil. Wir haben Rolling Stone, Musikexpress, Der Spiegel, und Der Standard analysiert. Warum ausgerechnet die österreichische Tageszeitung heraussticht, verraten wir euch etwas weiter unten.

Insgesamt lässt sich sagen: Männliche Künstler bekommen viel positivere Zuschreibungen als ihre Musikerkolleginnen – und das unabhängig davon, ob eine Kritik positiv oder negativ ausfällt. Hier ein kleiner Überblick über die meistverwendeten Begriffe:

Eine Wortwolke mit Begriffen, die im Musikjournalismus für Männer verwendet werden.
Eine Wortwolke mit Begriffen, die im Musikjournalismus für Frauen verwendet werden.

Einmal in den Olymp des Musikjournalismus und zurück

Jeff Beck ist ein „Gitarrengott“ (Der Standard), The Smiths sind „Pop-Heilige“ (Der Standard) und wenn Pearl Jam, Toto und Uriah Heep auftreten, dann sind „Titanen“ am Werk (Rolling Stone). Kein Begriff der Mythologie und Religion ist im Musikjournalismus zu hoch, zu blasphemisch, um einen Mann zu beschreiben. Um in den Musikerolymp aufgenommen zu werden, muss es sich nicht einmal um die größten Stars der Musikgeschichte handeln. Auch Maurice Ernst, Sänger der österreichischen Band Bilderbuch, bekommt vom Standard den Titel „Jesus aus Deutschlandsberg“ verliehen.

Und wo sind die Göttinnen?

Von ihnen gibt es in über sechshundert Artikeln keine einzige. Himmlische Wortwahl wird Künstlerinnen maximal in Form von Engeln zuteil, wie etwa bei Rhian Teasdale von der All-Female-Band Wet Leg, die Der Standard in einem Album-Review als „lesbischen Unschuldsengel mit Kleinmädchenstimme“ bezeichnet. Oder Musikerkollegin Jessie Murph: Sie würde laut Rolling Stone „wie eine Prinzessin wirken, wenn ihre zerzausten, pumaschwarzen Haare und ihr verführerisches Lächeln ihr nicht eher die Gestalt eines Racheengels verliehen“.

Kreisdiagramme zu den häufigsten Begriffen Legende, Ikone, Gott, Pionier, Held und Genie.

Können Frauen keine Legenden sein?

Eine besonders beliebte Zuschreibung in der Musikberichterstattung ist „Legende“. In knapp einem Viertel der analysierten Artikel haben wir sie gefunden. In drei Jahren Berichterstattung von vier verschiedenen Medien gibt es gerade einmal 21 Frauen, die so bezeichnet werden. Bei Männern bzw. rein männlichen Bands haben wir 96 „Legenden“ gefunden. Die Wahrscheinlichkeit, dass beim Begriff „Legende“ ein Mann gemeint ist, liegt bei den untersuchten Artikeln also bei 82 %.

Unter den Frauen wird diese Ehre am häufigsten Dolly Parton zuteil, nämlich fünfmal. Zum Vergleich: Ozzy Osbourne bzw. Black Sabbath sind gleich 15-mal als solche verewigt. In den restlichen Artikeln, in denen sie vorkommen, sind sie wahlweise „Metal-Ikonen“ oder „Pioniere“. Parton kommt nicht immer so schmeichelhaft davon, mehr dazu weiter unten.

Am stärksten ausgeprägt ist der Legendenkult bei Nachrufen und Artikeln über verstorbene Künstler:innen. Dort scheinen die Autor:innen aller Publikationen keine Scheu zu zeigen, zu überschwänglich in ihrer Wortwahl zu sein. Der Legendenregler ist hier bis zum Anschlag aufgedreht – wenn es sich denn um einen Mann handelt. Jimmy Cliff, Jellybean Johnson, und Klaus Doldinger, sie alle werden in Nachrufen zu „Legenden“ erklärt.

Bei Todesfällen weiblicher Künstlerinnen gestaltet sich die Tonalität weitaus neutraler. Connie Francis zum Beispiel, die erste Frau, die es an Spitze der Billboard Hot 100 schaffte, ist in keinem der vier untersuchten Medien als „Legende“ vermerkt. Sondern als „Teenageridol“ (Musikexpress), „Schlagerstar“ (Standard), „resiliente Diva“ (Spiegel) oder schlicht und einfach „Popsängerin“ (Rolling Stone).

Ebenso Donna Jean Godcheaux, die mit der Band Grateful Dead in der Rock’n’Roll Hall of Fame verewigt ist und mit Elvis und Percy Sledge arbeitete. Legende? Fehlanzeige.

Eine neutrale Wortwahl ist an sich auch kein journalistischer Fehler, aber wir finden sie vor allem bei Frauen. Quincy Jones, Zakir Hussain und Carlos Santana hingegen bekommen Lobeshymnen als „Titan“, „Maestro“ und – schon wieder – „Legende“. Es ist ein Muster, dass sich durch die meisten Artikel zieht: Bei Männern wird alles Lobende ausgepackt, was der Duden so hergibt.

Auch spannend: In Nachrufen von Rolling Stone bzw. Musikexpress zu Sinnead O’Connor und Marianne Faithfull finden sich durchaus die Begriffe „Musikgenie“ und „Legende“ – gemeint sind damit jedoch nicht etwa die verstorbenen Künstler:innen selbst, sondern ihre Musikerkollegen Prince und Metallica.

Das gleiche Phänomen finden wir auch in einem Rolling-Stone-Artikel über Cher. Die „aufstrebende Legende“ im Artikel ist ihr kurzzeitiger Partner Warren Beaty und nicht etwa die mehrfache Emmy-, Grammy- und Golden-Globe-Preisträgerin selbst. Sie hingegen wird schlicht „Musikerin und Sängerin“ genannt.

Einen kleinen Lichtblick gibt es aber doch: Als „Ikone“ werden sowohl Männer als auch Frauen in etwa gleich häufig bezeichnet, insbesondere in Artikeln des Rolling Stone ist das Verhältnis der Ikonen ausgewogen.

Heilig, sexy oder biestig

Auffällig ist, dass bei Musikerinnen besonders häufig sexualisierte Klischees zum Einsatz kommen. Insbesondere Der Spiegel sticht in diesem Bereich negativ hervor, etwa in seiner Albumrezension zur Sängerin Eartheater: „Die US-Künstlerin Eartheater galt lange als unantastbare Domina des Avantgarde-Pop, auf ›Powders‹ wird sie nun gefährlich anschmiegsam.“ Einige Zeilen später wird diese vom Autor gesetzte Zuschreibung noch einmal verstärkt, wenn Eartheater als „Marilyn Mansons Domina-Schwester“, als „Engel und Schattenwesen zugleich“ beschrieben wird.

Allgemein scheint es, als wäre „Domina“ im Spiegel eine gängige Kategorie, um Künstlerinnen zu bezeichnen, denn auch Madonna, Dina Summer, FKA Twigs, Lady Gaga und Wet Leg kommen unter anderen zum Handkuss. Über die Sängerin der letztgenannten Band schreibt Der Spiegel beispielsweise, die Künstlerin habe in ihrem Album eine neue Rolle angenommen, und zwar als „Kuscheldomina statt Kratzbürste“. Das sei ein „sprachliches Spiel mit Sexualität“, welches auch Inhalt des Albums sei, heißt es dazu auf Anfrage seitens des stellvertretenden Leiters für das Kulturressort.

Über alle vier Publikationen und in hunderten Artikel wiederholt sich dasselbe Muster: Künstlerinnen sind entweder Heilige, Sexobjekte oder Kratzbürsten.

Sexualität spielt nur bei Frauen eine Rolle

Kommen wir kurz noch einmal zur vorhin erwähnten Bezeichnung „lesbischer Unschuldsengel“ für Rhian Teasdale zurück. In diesem Beispiel steckt nämlich ein weiteres Detail: Sexualität oder sexuelle Identität wird nur bei Frauen zum Thema gemacht. Der Spiegel hält es beispielsweise für notwendig, in seinem Artikel zum Hip-Hop-Festival Splash! festzuhalten, dass die „bisexuelle Rapperin aus Florida“ Doechii die Bühne betritt.

Ein weiteres Beispiel: Bereits im Vorspann zu einer Albumkritik von Lucy Dacus‘ „Forever is a Feeling“ schreibt Der Standard, dass die Indie-Rock-Sängerin bisexuell sei. In der Kommentarspalte hagelt es dafür ordentlich Kritik. Denn auch wenn die Beschäftigung mit früheren Beziehungen auf dem Album thematisiert wird – Dacus ist bei Weitem nicht die erste Musikerin, die das besingt. Es bleibt also fraglich, ob das wirklich der zentrale Aufhänger des Artikels sein muss.

In den analysierten Artikeln gibt es hingegen keinen einzigen Fall, in dem die Sexualität eines männlichen Künstlers eine Rolle spielt.

Quo vadis, Qualitätszeitung?

Es gibt allerdings Unterschiede zwischen den untersuchten Medien. Musikexpress und Rolling Stone bedienen sich in ihren Album- und Konzertkritiken einer eher neutralen Wortwahl und leisten sich damit weit weniger begriffliche Entgleisungen als Der Spiegel und Der Standard.

Im Standard lesen wir zum Beispiel problematische Formulierungen wie die „sexy Vegetarierin Carrie Underwood“, das „rotzige und räudige Frauenduo“ Wet Leg oder Narkoseschwester Lana del Rey. Eine Auswahl zeigt die untenstehende Grafik:

Eine Collage mit einigen Negativbeispielen in der Berichterstattung von Der Standard.

Eines der Highlights in puncto Unseriösität ist wohl dieser Absatz einer Albumrezension:

Neben wenigen eigenen neuen Liedern macht die sympathische und bekennende „Hinterwäldler-Barbie“ mit dem Herz am rechten Fleck heute auf wilde Rockerbraut aus dem Ronacher oder dem Raimundtheater.

Die selbsternannte „Backwoods Barbie“ – eine Anspielung auf ihr 2008 erschienenes Album – die hier „auf wilde Rockerbraut macht“, ist niemand geringerer als Dolly Parton, die mit über 3.000 selbstverfassten Songs zu den erfolgreichsten Musikerinnen der Geschichte zählt. Für DJ Ötzi reicht es im selben Medium zum „singenden Bierzeltgott“.

Es sei durchaus möglich, „dass das Vokabular älterer, männlicher Poprezensenten bei jüngerem, in dieser Hinsicht sehr sensiblen Publikum nicht immer auf Wohlwollen stößt“, heißt es dazu vom Leiter des Standard-Kulturressorts Stefan Weiss, der gleichzeitig auf die Fachexpertise des Redakteurs verweist, aus dessen Feder zahlreiche der hier angeführten Formulierungen stammen. „‚Heilige‘, ‚Gott‘ und ‚Legende‘ sind, genauso wie ‚Ikone‘, eigentlich Wörter, die wir in Nachrufen zu vermeiden versuchen, weil sie wenig aussagen und sehr verbraucht sind“, schreibt Der Spiegel.

Wir wollten vom Standard auch wissen, warum nur Männer als „Gott“ bezeichnet werden. Der Standard betont, dass es durchaus Göttinnen in seinem Musikressort gebe – und nennt dann einen Artikel aus dem Jahr 2010.

Von Musikexpress und Rolling Stone liegen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels keine Stellungnahmen vor.

Wer bleibt im kulturellen Gedächtnis? Und wie?

Sprache enthält Wertungen. Begriffe wie „Legende“ oder „Prinzessin“ sind nicht neutral. Wenn Musiker als „Urgesteine“, „Institutionen“ und „Genies“ stilisiert werden, hat das ein völlig anderes Gewicht als eine Musikerin, die als „Fee“, „Prinzessin“ oder „Engel“ eingeordnet wird. Das eine prägt die Musikgeschichte, das andere ist schnell vergessen.

Fest steht: Solche Zuschreibungen prägen sich ein, sie schreiben alte Rollenklischees fort und sind sexistisch. Indem der Musikjournalismus unterscheidet, wer eine Legende sein darf und wer eine Fee bleibt, prägt er auch unser kulturelles Gedächtnis.


Dieser Artikel wurde parallel im Falter veröffentlicht.


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Österreichs Boulevardmedien sind voll mit Artikeln, die prominente Frauen auf ihren Körper reduzieren und sexualisieren. Die Zeitungen bestimmen, wie viel Haut zu viel ist und wie Frauen auszusehen haben, um als schön, sexy und selbstbewusst zu gelten – toxische Schönheitsideale inklusive.

Collage "Nacktheit"

Frauen werden im Boulevard oft nicht als handelnde Personen dargestellt, sondern als Sexualobjekte. Unsere Analyse zeigt: Diese Objektifizierung und Sexualisierung von Frauen sind keine Einzelfälle, sondern ein strukturelles mediales Phänomen.

Dafür haben wir Krone.at, Heute.at und OE24.at von Jänner bis Dezember 2025 ausgewertet. Untersucht wurden gezielt Artikel, in denen Körper, Aussehen oder Freizügigkeit im Mittelpunkt stehen. Beiträge also, die zum Beispiel Wörter wie nackt, sexy oder heiß im Titel hatten.

So kamen über 500 Artikel zusammen, in denen wir nachlesen konnten, wie megasexy und megahot die Körper prominenter Frauen und Männer sind – 52 Prozent davon stammen von Krone.at, 25 Prozent von Heute.at und 23 Prozent von OE24.at.

Die Ölkrise, ausgelöst durch den Iran-Krieg, bringt ein wiederkehrendes Thema aufs Tapet: die Förderung von Erdgas in Österreich mittels Fracking. Doch wenn Medien über Fracking schreiben, verwenden sie häufig veraltete Zahlen oder greifen auf Mythen zurück. 

Eine Collage von Zeitungsausschnitten zum Thema Energiepolitik und Fracking in Österreich. Die Collage enthält folgende Elemente: „Die Presse“ (Leitartikel und Meinung, 27. März 2026): Leitartikel von Jeannine Hierländer: „Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ – Diskussion über ideologische Tabus in der Energiepolitik und die Notwendigkeit, Österreichs Energieversorgung unabhängiger zu gestalten. Meinungsbeitrag von Christian Ortner: „Drill, Baby, Drill – und zwar bitte demnächst auch in Österreich!“ – Plädoyer für Fracking in Österreich, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. „Kronen Zeitung“ (Seite 18, 2. Juni 2024): Artikel: „Todesstoß für die Landschaft“ – Kritik an der Forderung nach Fracking im Weinviertel, verbunden mit Umweltbedenken. „Vorarlberger Nachrichten“ (Donnerstag, 6. Juni 2024): Artikel: „Grünes Fracking ist ein Mythos“ – Ablehnung von Fracking aus ökologischen Gründen, mit Verweis auf die Ablehnung durch Wissenschaft und Landespolitik. „Salzburger Nachrichten“ (Dienstag, 24. März 2026): Artikel: „Teures Gas, aber Fracking ist keine Option“ – Diskussion über die hohen Gaspreise und die Ablehnung von Fracking in Österreich. Zusätzlich sind auf der Collage Grafiken zu erneuerbaren Energien (Biogas und Photovoltaik) sowie ein Foto von einer Bohrinsel zu sehen.

Derzeit fällt vor allem Die Presse mit Artikeln zum Fracking auf: In einem Leitartikel mit dem Titel „Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ wird für diese Art der Erdgasförderung geworben, genauso wie in der Kolumne von Christian Ortner („‚Drill, Baby, Drill‘ – und zwar bitte demnächst auch in Österreich!“). Im Artikel „Österreich könnte viel eigenständiger sein“ kommt Fracking ebenso gut weg.

Dass in Meinungsbeiträgen für oder gegen Fracking argumentiert wird, ist legitim. Doch nicht nur dort, und nicht nur in der Presse, ist die Faktenlage oft dünn. Journalist:innen beziehen sich zum Beispiel auf veraltete Daten, verharmlosen Umweltrisiken oder verbreiten umgekehrt Mythen zum Schreckgespenst „Fracking“.

Wie Geflüchtete wahrgenommen werden, hängt stark davon ab, wie Medien über sie berichten. Eine Analyse der Kronen Zeitung und der Presse zeigt, dass Herkunft dabei eine wichtige Rolle spielt: Während Erzählungen über ukrainische Geflüchtete meist mit Integration und Schutz verbunden sind, werden Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Tschetschenien deutlich häufiger problematisiert.

„Mit der Flüchtlingswelle kamen auch Messerstecher.“ So beginnt im August 2025 ein Artikel in der Presse. Wenige Seiten weiter wird die gelungene Integration ukrainischer Familien gelobt. Zwei Geschichten, zwei Tonlagen – und zwei sehr unterschiedliche Bilder von Schutzsuchenden.

Best-of Negativschlagzeilen über Geflüchtete

Best-of Negativschlagzeilen über Geflüchtete

Wie Medien Geflüchtete zeigen

In der österreichischen Berichterstattung werden Unfälle oft zum Spektakel: Medien veröffentlichen unzensierte Fotos von Autowracks, Rettungseinsätzen oder Leichenboxen – und verletzen damit die Intimsphäre der Opfer. Das ist besonders im Boulevard ein Problem. Aber nicht nur dort.

Eine Collage mit Titelbildern von Berichten zu Unfällen. Der Titel lautet „Unfallvoyeurismus in österreichischen Medien“.

„Video zeigt brutalen Gondel-Absturz in der Schweiz“, schreibt die Kronen Zeitung am 18. März in der Bildunterschrift eines Videos, das einen tödlichen Unfall in einem Schweizer Skigebiet zeigt. Allerdings zeigt das Video nicht nur den „brutalen Gondel-Absturz“ – sondern auch die versuchte Wiederbelebung des Opfers. Die journalistische Grundregel, die Intimsphäre von Menschen zu schützen, wird dabei ignoriert. Das Video generiert über 2.800 Likes und wird über 1.000 Mal geteilt.

Fotos von Autowracks, brennenden LKWs und Sanitäter:innen, die gerade versuchen, Menschenleben zu retten, werden regelmäßig als Titelbilder zur Berichterstattung über Unfälle verwendet – und das nicht nur in der Krone. Je schockierender die Szene, desto mehr tauchen solche Bilder in österreichischen Medien auf.

Dieses Muster hat einen Namen: Unfallvoyeurismus. Es geht dabei darum, Leid und Tod möglichst ungefiltert zur Schau zu stellen. Das Problem: Die Opfer der Unfälle bleiben dabei oft identifizierbar – durch mangelhaft verpixelte Fotos von ihnen selbst, Nahaufnahmen der zerstörten Fahrzeuge oder durch Details zum Leben der Betroffenen und ihrer Familien. Das verletzt die Intimsphäre der Opfer und ihrer Angehörigen.

Mit dem Titel „Natascha Kampusch – Gefangen in Freiheit“ strahlt der ORF am Montag, 16. März, eine Dokumentation über die heute 38-Jährige aus. Im Programmtext steht ihr derzeitiger Gesundheitszustand im Fokus. Damit löst der Sender noch vor der Erstausstrahlung weltweit Berichte über ihren höchstpersönlichen Lebensbereich aus. Ein schwerer Fehler. 

„Dramatische Wende 20 Jahre nach ihrer Selbstbefreiung: Die 38-jährige Natascha Kampusch hat einen Zusammenbruch erlitten“, beginnt die Beschreibung der neuen Dokumentation im ORFTV-Programm. Damit ist der Ton gesetzt. „Bewegt vom heutigen Zustand“ der Frau würden „Ermittler, Staatsanwälte und Wegbegleiterinnen schonungslos Stellung“ beziehen, verspricht die Ankündigung weiter. Wortgleich veröffentlicht der ORF dazu am Donnerstag auch eine Presseaussendung.

Die PR schlägt ein. Sie führt noch am selben Tag zu einer Flut an Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien. Heute sorgt der Inhalt sogar für internationale Berichterstattung. Die Berichte sind allesamt problematisch: Sie teilen höchstpersönliche Informationen, die nicht von Kampusch selbst stammen. Was hat der ORF hier losgetreten – und warum?

ORF prescht vor

Trumps Desinformation hat in deutschsprachigen Schlagzeilen leichtes Spiel. Ob die dokumentierten Erschießungen von Renee Good und Alex Pretti oder die Drohung, Grönland zu annektieren – Medien berichten oft so, als läge die Wahrheit irgendwo zwischen der Propaganda aus dem Weißen Haus und den erwiesenen Fakten. Ein Rückblick auf drei große und mehrere kleine Fälle, in denen Lügen einfach durchgereicht wurden.

Collage deutschsprachiger Schlagzeilen zu Trump, ICE-Einsätzen und Außenpolitik: Überschriften zu Alex Prettis Tod, angeblicher „Notwehr“, Trumps Aussagen, Angriffen vor Venezuela und dem „Interesse“ an Grönland – Beispiele für relativierende oder unkritisch übernommene Narrative.

Am 24. Jänner erschießt ein Mitarbeiter der US-Einheit ICE den 37-jährigen Alex Pretti. Ein Video zeigt, wie innerhalb weniger Sekunden mindestens zehn Schüsse fallen, Pretti liegt da schon längst am Boden. Die Weltöffentlichkeit sieht, dass der Mann, der ihn erschießt, nicht in Gefahr war. Die US-Regierung behauptet Gegenteiliges, spricht von „Notwehr“.

Trotz der eindeutigen Bilder gibt aber beispielsweise die Kronen Zeitung in ihrer Titelzeile die Version des US-Heimatschutzministeriums wieder: „Ministerium zu Todesschüssen: ‚Plante Massaker‘“. Auch Vol.at, News die Kleine Zeitung und die Salzburger Nachrichten machen das am nächsten Tag mit der APA-Headline „US-Grenzschutz zu Schüssen in Minneapolis: Beamte sind Opfer“. Auf Orf.at schreibt man zunächst nur vorsichtig: „Zweifel an Darstellung von US-Regierung“, ändert die Headline ein paar Stunden später aber in die deutlichere Variante „Video widerspricht Ministeriumsdarstellung“.

Dass Medien die Täter-Opfer-Umkehr der US-Regierung in ihre Schlagzeilen heben und Widersprüche als „Zweifel“ lesen, zeigt vor allem: Es ist noch nicht angekommen, dass Meldungen aus dem Weißen Haus in vielen Fällen bewusste Desinformation sind, die von dem, was tatsächlich passiert ist, ablenken soll. Drei Fakten, die viele Medien nicht klar benannt haben:

Die Boulevard-Berichte über den Tod von Johanna G. sind an Voyeurismus kaum zu überbieten. Während die Redaktionen private Details der Getöteten ausschlachten, stilisieren sie den mutmaßlichen Täter zur erzählbaren Figur. Das macht die Frau zum zweiten Mal zum Opfer.

Collage mehrerer Boulevard-Schlagzeilen von Heute, oe24.tv, Weekend.at und Kosmo, die den Tod von Johanna G. als angeblichen „Sex-Unfall“ darstellen. Zu sehen sind Überschriften, in denen die Verteidigungsversion des mutmaßlichen Täters dominiert und seine Anwältin prominent inszeniert wird.

„Ich darf Sie eindrücklich darum ersuchen, ethisch und moralisch vertretbare Berichterstattung an den Tag zu legen“ – mit diesen Abschlussworten wendet sich Markus Lamb, der Pressesprecher der Polizei, an die anwesenden Medienvertreter:innen. Es ist der 14. Jänner, die Landespolizeidirektion Steiermark hat zur Pressekonferenz nach Leichenfund“ geladen. Es geht um den mutmaßlichen Mord der zuvor als vermisst gegoltenen Südsteirerin Johanna G.

„Ethisch und moralisch vertretbar“ ist das, was Wiener Boulevardmedien seitdem veröffentlichen, jedenfalls nicht. Sie geben dem Opfer in mehreren Berichten eine Mitschuld und lassen die Verteidigung des Täters (es sei ein „Sex-Unfall“ gewesen) dominieren. Fotos aus Ermittlungsakten werden auf Doppelseiten abgedruckt, die Tat als „tödliches Geschehen“ oder „Würgespielchen“ verharmlost. Wir haben uns die zentralen Erzählmuster angesehen.

Disclaimer: Es fällt nicht leicht, diesen Text zu schreiben. Einerseits wollen wir nicht reproduzieren, was an Gerüchten und Spekulationen herumkursiert und den höchstpersönlichen Lebensbereich des Opfers betrifft. Andererseits müssen wir adressieren, wie unbedacht andere Medien mit genau diesen Informationen umgehen. Wir versuchen aber, nur dort explizit zu werden, wo es notwendig ist, damit man unsere Kritik nachvollziehen kann. Und wir verzichten darauf, wie sonst üblich, die kritisierten Artikel zu verlinken.

Mitschuld des Opfers

Am 17. Jänner titelt das Boulevardblatt Oe24: „Tinder-Affäre brachte Fitnesstrainerin (34) den Tod“. Dazu ein Bild des Täters in Siegerpose – ein Freudenschrei, beide Hände zu Fäusten in die Luft gestreckt. Rechts oben im Eck ein viel kleineres Foto von Johanna G., die er mutmaßlich getötet hat. Sie bekommt eine minimale Verpixelung um die Augen, er einen schwarzen Balken.

Eine Krone-Umfrage beherrscht die Innenpolitik-Ressorts des Landes: Christian Kern steht augenscheinlich wieder einmal als Kandidat für den SPÖ-Vorsitz zur Debatte. Doch der Realitätscheck fällt ernüchternd aus, die Berichte stützen sich auf viel heiße Luft. Helfen gerade alle der Krone dabei, einen unliebsamen Medienminister Babler loszuwerden?

Immer wieder nutzen Boulevardmedien Adolf Hitlers Namen zur Klick-Maximierung. Der Nachrichtenwert von Spekulationen über Hitlers Penisgröße, Sexleben und seine Fetische ist überschaubar. Wer Hitler auf biologische Kuriositäten und Sex reduziert, betreibt keine historische Aufarbeitung, sondern eine Form der Trivialisierung.

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