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Die Ölkrise, ausgelöst durch den Iran-Krieg, bringt ein wiederkehrendes Thema aufs Tapet: die Förderung von Erdgas in Österreich mittels Fracking. Doch wenn Medien über Fracking schreiben, verwenden sie häufig veraltete Zahlen oder greifen auf Mythen zurück. 

Eine Collage von Zeitungsausschnitten zum Thema Energiepolitik und Fracking in Österreich. Die Collage enthält folgende Elemente: „Die Presse“ (Leitartikel und Meinung, 27. März 2026): Leitartikel von Jeannine Hierländer: „Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ – Diskussion über ideologische Tabus in der Energiepolitik und die Notwendigkeit, Österreichs Energieversorgung unabhängiger zu gestalten. Meinungsbeitrag von Christian Ortner: „Drill, Baby, Drill – und zwar bitte demnächst auch in Österreich!“ – Plädoyer für Fracking in Österreich, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. „Kronen Zeitung“ (Seite 18, 2. Juni 2024): Artikel: „Todesstoß für die Landschaft“ – Kritik an der Forderung nach Fracking im Weinviertel, verbunden mit Umweltbedenken. „Vorarlberger Nachrichten“ (Donnerstag, 6. Juni 2024): Artikel: „Grünes Fracking ist ein Mythos“ – Ablehnung von Fracking aus ökologischen Gründen, mit Verweis auf die Ablehnung durch Wissenschaft und Landespolitik. „Salzburger Nachrichten“ (Dienstag, 24. März 2026): Artikel: „Teures Gas, aber Fracking ist keine Option“ – Diskussion über die hohen Gaspreise und die Ablehnung von Fracking in Österreich. Zusätzlich sind auf der Collage Grafiken zu erneuerbaren Energien (Biogas und Photovoltaik) sowie ein Foto von einer Bohrinsel zu sehen.

Derzeit fällt vor allem Die Presse mit Artikeln zum Fracking auf: In einem Leitartikel mit dem Titel „Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ wird für diese Art der Erdgasförderung geworben, genauso wie in der Kolumne von Christian Ortner („‚Drill, Baby, Drill‘ – und zwar bitte demnächst auch in Österreich!“). Im Artikel „Österreich könnte viel eigenständiger sein“ kommt Fracking ebenso gut weg.

Dass in Meinungsbeiträgen für oder gegen Fracking argumentiert wird, ist legitim. Doch nicht nur dort, und nicht nur in der Presse, ist die Faktenlage oft dünn. Journalist:innen beziehen sich zum Beispiel auf veraltete Daten, verharmlosen Umweltrisiken oder verbreiten umgekehrt Mythen zum Schreckgespenst „Fracking“.

Weil diese Art der Energiegewinnung immer noch ein Nischenthema ist, hier ein kurzer Exkurs:

Was ist Fracking?

Fracking kann man auf Deutsch als „hydraulische Gesteinsaufbrechung“ übersetzen. In mehreren Kilometern Tiefe wird Gestein aufgebrochen – im Fall der Erdgasgewinnung handelt es sich um Schiefergestein. Eine Flüssigkeit, die hauptsächlich aus Wasser besteht, wird unter extrem hohen Druck in das Gestein gepresst. Dadurch entstehen Risse (fracks), durch die das im Gestein eingeschlossene Gas entweichen kann. Mit derselben Methode kann nicht nur Gas gewonnen werden, sondern auch Erdwärme – indem man sehr heißes Gestein aufbricht, Wasser hindurchleitet und so die Wärme nutzbar macht.

Das Thema hat vor allem dann Konjunktur, wenn eine Energiekrise herrscht. Der Ukraine-Krieg oder die derzeitige Ölknappheit sind solche Auslöser. In Österreich reicht die Diskussion bis ins Jahr 2012: Damals hatte die OMV konkrete Pläne, Schiefergas im Weinviertel mittels Fracking zu fördern. Das Projekt scheiterte an zivilem und letztendlich auch politischem Widerstand. Bis 2022 war Fracking erstmal vom Tisch.

Dann griff Russland die Ukraine an und unsere langjährige Energieabhängigkeit vom Aggressor galt es plötzlich loszuwerden. Als Teil einer „Lösung“ brachten manche Akteur:innen Fracking auf den Tisch: Die Industriellenvereinigung forderte im Juli 2022 eine Machbarkeitsstudie für Fracking im Weinviertel. Die damalige Umweltministerin Leonore Gewessler antwortete, indem sie kurz darauf ein Fracking-Verbot forderte.

In der jetzigen Energiekrise schafft es Fracking erneut in die Titelzeilen des Landes. Und damit haben wir es auch wieder mit medialen Mythen zu tun, die sich seit Jahren halten.

1. Mythos: Mit Fracking könnten wir uns 30 Jahre selbst mit Gas versorgen

Seit etwa 14 Jahren hält sich die Erzählung, dass sich Österreich mit Fracking 30 Jahre selbst versorgen könnte. Aussagen wie

Dabei könnte sich Österreich damit Schätzungen zufolge bis zu 30 Jahre selbst mit Gas versorgen. (Die Presse, 3. April 2026)

und

Im nördlichen niederösterreichischen Weinviertel
 lagern Gasreserven, die Österreich auf 30 Jahre versorgen könnten. (Tiroler Tageszeitung, 12. Juli 2022)

liest man immer wieder.

Die 30 Jahre stammen ursprünglich von Schätzungen der OMV, als diese 2012 erstmals Fracking untersuchen wollte. Diese Einschätzung ist allerdings überholt.

Wir haben bei David Misch nachgefragt. Er leitet das Department für Angewandte Geowissenschaften und Geophysik an der Montanuniversität Leoben. Für ihn ist diese Schätzung auf der Basis der derzeit verfügbaren Daten unrealistisch: „Die optimistischen Prognosen haben sich in wissenschaftlichen Studien bislang nicht bewahrheitet.“ Sie stammen aus einer Zeit, in der das Schiefergaspotential im Wiener Becken überschätzt wurde. Wie lange wir uns mit unseren Schiefergasvorkommen tatsächlich versorgen könnten, lässt sich nicht seriös beantworten.

2. Mythos: Es gibt eine Fracking-Methode, die ökologisch risikofrei ist

In den USA wird diese Technik seit vielen Jahren – nach einigen anfänglichen Schwierigkeiten – mit großem Erfolg angewendet, in Deutschland und Österreich hingegen scheiterte sie an der ortsüblichen Bedenkenträgerei, und das, obwohl ausgerechnet in Graz ein ökologisch unbedenkliches Fracking-Verfahren entwickelt worden ist. (Christian Ortner in Die Presse, 27. März 2026)

Mit dem „ökologisch unbedenkliches Fracking-Verfahren“ aus „Graz“ ist eigentlich eine Untersuchung der Montanuniversität in Leoben aus dem Jahr 2011 gemeint. Das Verfahren wird damals wie heute angeführt, um Umweltbedenken aus dem Weg zu räumen. „Ökologisch unbedenklich“ macht es Fracking aber keineswegs.

Das Projekt wurde vom emeritierten Professor Herbert Hofstätter geleitet. Das Verfahren ersetzt die potenziell umweltschädlichen Chemikalien in der Flüssigkeit, die in das Gestein gepresst wird (siehe Exkurs „Was ist Fracking“) gegen unbedenklichere Stoffe.

Das große Aber: Diese Methode macht das, was in die Erde hineingepumpt wird, zwar sauberer – das, was aus der Erde herauskommt, ist es deshalb nicht. Konkret kann beim Fracking Methan freigesetzt werden – eines der klimaschädlichsten Treibhausgase. Entweichendes Methan ist generell ein Risiko der Erdgasförderung – auch wenn man das Gas nicht mittels Fracking, sondern konventionell fördert. Wird zusätzlich Fracking betrieben, steigt aber natürlich das Risiko, auch weil dafür mehr Bohrungen nötig sind. Eine Studie der European Geosciences Union schätzte 2019 sogar, dass die Schiefergasproduktion in den USA für mehr als die Hälfte aller gestiegenen Emissionen aus fossilen Brennstoffen weltweit in den vorangegangenen zehn Jahren verantwortlich ist.

Fracking bringt aber nicht nur Methan „nach oben“, sondern auch das sogenannte Lagerstättenwasser. Dieses Wasser kommt tief im Untergrund vor und kann mit Schwermetallen belastet sein.

Aber auch andere wesentliche Herausforderungen des Frackings bleiben bestehen. Geologe Misch nennt hier beispielsweise den enormen Wasserverbrauch oder den hohen Energiebedarf durch die tiefen Bohrungen und die Hochdruckpumpen.

An der Montanuniversität wird dieses Verfahren derzeit jedenfalls nicht mehr beforscht, bestätigt uns Misch. „Es wurde auch nie marktreif im Großmaßstab getestet.“

3. Mythos: Fracking-Risiken sind unkontrollierbar

Während Medien manche Risiken vernachlässigen, prägen andere als unsachliche Angstbilder die Debatte:

Screenshot aus der Dokumentation „Gasland“: Ein Mann mit Schnauzbart entzündet sein Leitungswasser. Die Stichflamme ist deutlich zu erkennen. Über dem Wasserhahn hängt ein Zettel, auf dem handgeschrieben steht: Do Not Drink This Water.

(Kronen Zeitung, 2. Juni 2024)

Es ist ein Bild, das sich hartnäckig hält: In der Oscar-nominierten Dokumentation „Gasland“ bringt ein Mann mit einem Feuerzeug sein Leitungswasser zum Brennen. Schuld an dem brennbaren Methan aus seinem Wasserhahn seien die Fracking-Aktivitäten in der Umgebung, so die Doku.

Behörden in Colorado untersuchten die Gegend daraufhin und fanden in mehreren Fällen Hinweise auf natürlich vorkommendes Methan. Im konkreten Fall ließ sich jedoch bis heute kein eindeutiger Ursprung klären; ein Zusammenhang mit Fracking konnte weder bestätigt noch ausgeschlossen werden.

Geologie-Professor Misch verweist jedenfalls darauf, dass „viele der zur Hochzeit der Fracking-Debatte gezeigten Aufnahmen wahrscheinlich auf natürlich im Grundwasser vorkommendes, seichtes Methan zurückzuführen“ seien. In Ansfelden führte solch ein biogenes Methan 2023 bei einer seichten Erdwärmebohrung sogar zu einer Kellerexplosion.

„Eine direkte Verbindung der tiefen Gaslagerstätten mit dem trinkbaren Grundwasser durch Fracking ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen“, meint Misch weiter. Ein Restrisiko, etwa durch schlecht abgedichtete Bohrungen, bleibt zwar immer – „das ist aber kein Fracking-spezifisches Problem, sondern könnte prinzipiell bei jeder Tiefenbohrung auftreten.“

Auch was mögliche Erdbeben betrifft, beruhigt Misch. Moderne, technologische Standards würden die Erdbebengefahr durch Fracking bei uns „auf nahe Null“ reduzieren. Auch beim Bergbau komme es immer wieder zu „induzierten seismischen Events“ – diese seien aber „harmlos“, zumindest, wenn alle Sicherheitsregeln eingehalten werden. Ähnliches sei bei Fracking zu erwarten.

In einer Studie des deutschen Umweltbundesamts aus dem Jahr 2014 kam ebenfalls heraus, dass Fracking zwar nicht risikofrei ist, etwaige Risiken mit entsprechendem Monitoring aber beherrschbar seien.

4. Mythos: Es gibt ein Fracking-Verbot 

Die Probebohrungen scheiterten am Widerstand der Bevölkerung, dann folgte ein gesetzliches Verbot von Fracking – das bis heute gilt. (Salzburger Nachrichten, 24. März 2026)

Immer wieder liest man davon, dass Fracking in Österreich verboten sei. Aber das stimmt nicht. Im Parlament gab es dazu zwar Entschließungsanträge in den Jahren 2014 und 2022 und auch die ehemalige Umweltministerin Leonore Gewessler hat versucht, ein Fracking-Verbot durchzusetzen. Gekommen ist es aber nie. Mit einer Ausnahme: Das Land Vorarlberg hat 2014 ein solches Verbot in seiner Landesverfassung verankert. Mittendrin waren damals übrigens die Vorarlberger Nachrichten, die eine Petition gegen Fracking ins Leben gerufen haben und rund 60.000 Menschen davon überzeugen konnten.

Bundesweit müssen Schiefergasbohrungen seit 2012 und einer Änderung des UVP-Gesetzes allerdings verpflichtend eine Umweltverträglichkeitsprüfung durchlaufen. Das gilt auch für Tiefbohrungen, um die Rohstoffe in einem ersten Schritt ausfindig zu machen. Es war übrigens diese UVP-Novelle, die der OMV letztendlich die Fracking-Ambitionen vermieste.

5. Mythos: Schiefergas eignet sich in Österreich als „Übergangslösung“, bis Erneuerbare nachziehen 

Energie sparen ist gut. Auch gut wäre es, überholte Überzeugungen loszulassen. Sie sind ein Luxus, den sich dieses Land im Jahr 2026 nicht mehr leisten kann. (Die Presse, 3. April 2026)

„Energie sparen ist gut, Fracking wäre besser“ – dieser Leitartikel in der Presse bringt Fracking als kurzfristige Lösung zur Energiesicherung ins Spiel. Doch das ist irreführend.

Schon als sich 2022 die Industriellenvereinigung für Fracking einsetzte, winkte die OMV ab. Die hohen Investitionen und die lange Vorbereitungszeit rentierten sich einfach nicht.

Das liegt wiederum an unseren Klimazielen: Österreich hat sich vorgenommen, bis 2040 klimaneutral zu sein. Nun entsteht bei der Nutzung von Erdgas zur Energiegewinnung CO2. Fracking wäre schon damals erst ab 2030 einsatzbereit und daher nur einige Jahre möglich gewesen.

Experte Misch glaubt ebenfalls nicht, dass Schiefergas mittelfristig eine Rolle in der nationalen Energieversorgung spielen kann. Trotzdem ist er sicher, dass Fracking „zweifellos nach modernen Standards – und dann auch sicher – umsetzbar“ wäre. Die Technologie könne nicht zuletzt auch zur Gewinnung von CO2-neutraler Erdwärme nützlich sein (siehe Exkurs „Was ist Fracking?“).

Fracking per se ist daher als Tabuwort ungeeignet. Von Fracking zur Erdgasgewinnung sollten manche Kommentator:innen dennoch loslassen lernen.


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Wie Geflüchtete wahrgenommen werden, hängt stark davon ab, wie Medien über sie berichten. Eine Analyse der Kronen Zeitung und der Presse zeigt, dass Herkunft dabei eine wichtige Rolle spielt: Während Erzählungen über ukrainische Geflüchtete meist mit Integration und Schutz verbunden sind, werden Menschen aus Syrien, Afghanistan oder Tschetschenien deutlich häufiger problematisiert.

„Mit der Flüchtlingswelle kamen auch Messerstecher.“ So beginnt im August 2025 ein Artikel in der Presse. Wenige Seiten weiter wird die gelungene Integration ukrainischer Familien gelobt. Zwei Geschichten, zwei Tonlagen – und zwei sehr unterschiedliche Bilder von Schutzsuchenden.

Best-of Negativschlagzeilen über Geflüchtete

Best-of Negativschlagzeilen über Geflüchtete

Wie Medien Geflüchtete zeigen

Um zu verstehen, wie solche Bilder entstehen, haben wir zwischen Juni und November 2025 insgesamt 547 Artikel ausgewertet – 132 in der Presse, 415 in der Kronen Zeitung. Welches Bild zeichnen österreichische Medien von Geflüchteten, insbesondere von Menschen aus Afghanistan, Syrien, der Ukraine oder Tschetschenien? Und wieso ist das relevant?

Weil Medien nicht nur informieren. Redaktionen setzen Schwerpunkte, wiederholen Narrative und prägen, worüber eine Gesellschaft spricht – und wie sie darüber spricht. Gerade bei Migration, Flucht und Integration wirkt diese Auswahl besonders stark. Die Kronen Zeitung erreicht laut Media-Analyse 24/25 täglich mehr als 1,6 Millionen Menschen, Die Presse rund 411.000. Wer keine eigenen Berührungspunkte mit Geflüchteten hat, kennt sie oft vor allem aus diesen Berichten.

Was dort auffällt: Positive Geschichten sind selten und wenn sie vorkommen, dann geht es um einzelne Erfolgsgeschichten; um Menschen wie den MMA-Fighter Karim Wadan, der Schauspieler Bagher Ahmadi, Menschen also, die „es geschafft haben“.
Erfolgsgeschichten über geflüchtete Personen

Erfolgsgeschichten über geflüchtete Personen

Doch gerade diese Texte bleiben die Ausnahme. Über fast alle Medien hinweg überwiegt ein negativer Grundton, das bestätigt auch eine Medienanalyse des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) aus dem Jahr 2024. Eine erste Übersicht über das Verhältnis positiver und negativer Berichte in beiden Medien zeigt dieses Ungleichgewicht deutlich.

Klare Abgrenzung

Geflüchtete erscheinen in der Berichterstattung nicht als einheitliche Gruppe. Herkunft macht einen deutlichen Unterschied. Vor allem bei ukrainischen Geflüchteten verknüpft Die Presse häufiger mit gelungener Integration, mit Arbeit und mit gesellschaftlicher Nähe als Geflüchtete aus Syrien oder Afghanistan. Empfehlungen der EU-Kommission werden zitiert, Studien herangezogen, Schutzstatus und Erwerbstätigkeit betont. Von zehn untersuchten Artikeln im Zusammenhang mit ukrainischen Geflüchteten behandeln nur zwei konkrete Probleme. Das dominante Narrativ: humanitäre Verantwortung und gelingende Aufnahme.

Dieses Bild setzt sich auch dort fort, wo Motive und Entscheidungen der Betroffenen thematisiert werden, etwa im Artikel Arbeit ist wichtiger als Sozialhilfe“, der anhand einer Studie zeigt, dass ukrainische Geflüchtete ihre Zielländer vor allem nach Arbeitsmöglichkeiten auswählen und nicht nach der Höhe von Sozialleistungen. Misstrauens- oder Belastungsnarrative spielen hier kaum eine Rolle.

Demgegenüber stehen Geflüchtete aus Syrien oder Afghanistan, die in der Presse öfter als Problem vorkommen. Hier tauchen deutlich häufiger Begriffe wie Überforderung, Kriminalität oder Integrationsdefiziten auf. Ein Gastkommentar in der Presse argumentiert etwa, dass Schwierigkeiten im Zusammenleben nicht auf Ausländerfeindlichkeit zurückzuführen seien, sondern auf Probleme, die „bestimmte Gruppen von meist muslimischen Migranten“, insbesondere aus Afghanistan und Syrien, verursachten. 

Diese unterschiedliche Bewertung wird in der Presse auch ausdrücklich benannt: In einem Leitartikel heißt es, dass die Aufnahme ukrainischer Geflüchteter „vergleichsweise problem- und geräuschlos“ verlaufen sei – eine Formulierung, die offen zwischen „den einen“ und „den anderen“ unterscheidet. Dieses Problemnarrativ findet sich nicht nur in Kommentaren, sondern auch in der laufenden Berichterstattung. So thematisiert etwa der Artikel Die Schulen sind immer noch am Anschlag“ die Überforderung des Schulsystems und nennt dabei explizit „Kinder aus Syrien und Afghanistan“. Ukrainische Kinder kommen nicht vor. Dabei bleiben strukturelle Faktoren wie Personalmangel, große Klassen und fehlende Förderangebote im Hintergrund.

Der eingangs zitierte Artikel über die Messerstecher, die durch die Flüchtlingswelle nach Österreich gekommen seien, illustriert dieses Muster. Zwar wird statistisch relativiert, doch Tatverdächtige aus Afghanistan, Syrien oder Tschetschenien werden besonders hervorgehoben. Gewalt wird entlang von Herkunft erzählt. Dabei unterscheiden sich auch die Rahmenbedingungen: Ukrainische Geflüchtete erhielten rasch Schutzstatus, Zugang zum Arbeitsmarkt und breite gesellschaftliche Unterstützung. Diese Unterschiede sind real. Entscheidend ist jedoch, wie stark sie zum Deutungsrahmen werden.

Messerstecherei in Favoriten und Co.

Während die Presse überwiegend analytisch berichtet, arbeitet die Kronen Zeitung deutlich zugespitzter. Ein Gegenstand dominiert die Berichterstattung über Geflüchtete hier wie kein anderer: das Messer. Küchenmesser, Machete oder Klappmesser – in vielen der Krone-Berichte über Geflüchtete aus Syrien oder Afghanistan, taucht es als Tatmittel oder Bedrohungssymbol auf. Wer diese Geschichten liest, bekommt leicht den Eindruck, diese Gruppen würden vor allem eines tun: auf andere einstechen.

Besonders häufig fällt dabei ein Ort: Favoriten. Der 10. Wiener Gemeindebezirk wird zum Schauplatz „aggressiver (Jugend-) Gruppen“, zum Hotspot der Eskalation. Tschetschenen erscheinen fast ausschließlich im Kontext von Drogen oder organisierter Kriminalität.

Die Zahlen verdeutlichen das Muster: Zwischen Juni und November berichtete die Kronen Zeitung 40 Mal über Messerstechereien im Zusammenhang mit Syrern, Afghanen oder Tschetschenen. Zum Vergleich zeigt eine Auswertung der APA-Datenbank, dass im selben Zeitraum 37 weitere Berichte über Messergewalt erschienen, in denen die Krone andere Herkunft nannte oder ganz darauf verzichtete. Österreichische Tatverdächtige nennt das Medium nur drei.

Noch deutlicher wird es beim Blick auf positive Berichterstattung. Unter rund 400 relevanten Artikeln in der Kronen Zeitung fanden sich gerade einmal zwei positive Beiträge explizit über Syrer, zwei über Tschetschenen und drei über Afghanen. Sie sind meist an Ausnahmesituationen gebunden und betreffen etwa spektakuläre Einzelfälle wie den syrischen Essenslieferanten, der nach seinem Eingreifen bei einem Messerangriff in Villach als „Held“ gefeiert wurde. Oder Fälle, in denen Geflüchtete selbst Opfer von Gewalt oder behördlichen Fehlern sind. Vereinzelt finden sich auch humanitäre Berichte, etwa ein Rettungseinsatz, bei dem zwei Afghanen nach einem Badeunfall das Leben gerettet wurde. Alltagsnahe Darstellungen jenseits solcher Fälle bleiben die Ausnahme. Der Rest erzählt fast ausschließlich von Gewalt, Bedrohung und Konflikt. Wer über diese Gruppen liest, liest fast immer Schlechtes.

Offen rassistisch in der Krone

Noch deutlicher wird das Bild in den Leserbriefen. Dort finden sich regelmäßig pauschalisierende und teils offen rassistische Zuschriften. Afghanen oder Syrer werden als „Gastpatienten“ bezeichnet, Abschiebungen als Erfolg gefeiert. Wenn Menschen aus Syrien Österreich verlassen, ist das pauschal gut – wenn Menschen aus Syrien nach Österreich kommen, dann pauschal schlecht. Ganze Gruppen werden kollektiv verantwortlich gemacht, etwa indem Leserbriefe einen tragischen Mordfall zum Anlass nehmen, um eine ganze Gruppe von Afghanen als „Ehrenmörder“ abzustempeln. So verstärkt sich, was zuvor in Schlagzeilen angelegt wurde. Denn am Ende bleibt oft nur eine einziges dominantes Narrativ übrig. Es entsteht nicht durch einen oder mehrere besonders reißerische Artikel, sondern durch die Wiederholungen: Immer wieder dieselben Themen, dieselben Bilder, dieselben Zuschreibungen. Wer über Geflüchtete fast ausschließlich im Zusammenhang mit Gewalt, Kriminalität oder Sozialbetrug liest, lernt sie genauso kennen. Alles andere bleibt unsichtbar.

Dass diese Muster nicht zufällig sind, zeigt auch eine Langzeitstudie des Österreichischen Integrationsfonds: Über zehn Jahre hinweg überwiegt in der Migrationsberichterstattung ein negativer Grundton. Besonders in Krisenzeiten verstärkt sich diese Tendenz. Begriffe wie „Flüchtlingswelle“ oder „Asylproblem“ rahmen Migration als Bedrohung.

Leserbriefe aus der Kronen Zeitung

Leserbriefe aus der Kronen Zeitung

Die eine Story

Dass Geflüchtete je nach Herkunft unterschiedlich dargestellt werden, ist kein Zufall. Medien folgen bestimmten Nachrichtenlogiken. Konflikt, Kriminalität und Zuspitzung gelten als besonders aufmerksamkeitsstark – sie werden häufiger geklickt als gelungene Alltags- oder unspektakuläre Integrationsgeschichten. Wiederholen sich solche Themen über Monate hinweg, prägen sie das Gesamtbild. Eines, in dem Geflüchtete vor allem als Ausnahme, Problem oder Gefahr erscheinen. „Durchschnittliche“ Menschen, die arbeiten gehen, Kinder großziehen, sich durch Behörden kämpfen oder einfach versuchen, ihr Leben zu organisieren, kommen kaum vor. Frauen, Familien, ältere Menschen spielen in dieser Berichterstattung fast keine Rolle.

So entsteht ein verzerrtes Bild. Nicht unbedingt, weil einzelne Artikel falsch wären oder Tatsachen verdreht werden, sondern weil sie immer wieder dasselbe erzählen. Und genau das beeinflusst, wem Zugehörigkeit und Würde selbstverständlich zugeschrieben werden.


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Dieser Artikel entstand im Rahmen des Master-Studiums für Journalismus an der FH-Wien und wurde parallel im Datum veröffentlicht.

In der österreichischen Berichterstattung werden Unfälle oft zum Spektakel: Medien veröffentlichen unzensierte Fotos von Autowracks, Rettungseinsätzen oder Leichenboxen – und verletzen damit die Intimsphäre der Opfer. Das ist besonders im Boulevard ein Problem. Aber nicht nur dort.

Eine Collage mit Titelbildern von Berichten zu Unfällen. Der Titel lautet „Unfallvoyeurismus in österreichischen Medien“.

„Video zeigt brutalen Gondel-Absturz in der Schweiz“, schreibt die Kronen Zeitung am 18. März in der Bildunterschrift eines Videos, das einen tödlichen Unfall in einem Schweizer Skigebiet zeigt. Allerdings zeigt das Video nicht nur den „brutalen Gondel-Absturz“ – sondern auch die versuchte Wiederbelebung des Opfers. Die journalistische Grundregel, die Intimsphäre von Menschen zu schützen, wird dabei ignoriert. Das Video generiert über 2.800 Likes und wird über 1.000 Mal geteilt.

Fotos von Autowracks, brennenden LKWs und Sanitäter:innen, die gerade versuchen, Menschenleben zu retten, werden regelmäßig als Titelbilder zur Berichterstattung über Unfälle verwendet – und das nicht nur in der Krone. Je schockierender die Szene, desto mehr tauchen solche Bilder in österreichischen Medien auf.

Dieses Muster hat einen Namen: Unfallvoyeurismus. Es geht dabei darum, Leid und Tod möglichst ungefiltert zur Schau zu stellen. Das Problem: Die Opfer der Unfälle bleiben dabei oft identifizierbar – durch mangelhaft verpixelte Fotos von ihnen selbst, Nahaufnahmen der zerstörten Fahrzeuge oder durch Details zum Leben der Betroffenen und ihrer Familien. Das verletzt die Intimsphäre der Opfer und ihrer Angehörigen.

Um zu verstehen, wie verbreitet dieses Phänomen in österreichischen Medien ist, haben wir alle Unfallberichte der größten überregionalen Tageszeitungen vom 1. Jänner bis zum 31. März 2026 ausgewertet.

Das Ergebnis: In diesem Zeitraum erschienen fast täglich Artikel, die Fotos zeigten, die unmittelbar nach einem Unfall aufgenommen wurden.

Disclaimer: Um die Intimsphäre der Opfer und deren Familien zu schützen, haben wir in diesem Artikel darauf verzichtet, die kritisierten Artikel zu verlinken. Die Fotos vom Unfallort zeigen wir nur, wenn wir sie vorab bearbeitet haben.

Fragwürdige Bebilderung bei Autounfällen

Besonders oft dominieren Fotos von Autowracks die Unfallberichterstattung. Ein demoliertes Auto ist für die Bebilderung interessant, um die Schwere des Unfalls darzustellen. Medien müssen in diesen Fällen auch ein Informationsinteresse erfüllen: Wie schwer ein Autounfall ausgehen kann, zeigt auch, wie groß die Gefahr durch Verkehrsunfälle für die öffentliche Sicherheit ist.

Gleichzeitig sind Medien dazu verpflichtet, dieses öffentliche Interesse auch immer gegen den Persönlichkeitsschutz abzuwägen. Muss man dazu wirklich das Unfallwrack zeigen, in dem ein Mensch verunglückt ist? Reicht es vielleicht auch, den Ausgang einfach in Worten zu beschreiben?

Als Ende März eine Frontalkollision einer Person das Leben kostete und drei weitere schwer verletzte, veröffentlichte Oe24 gleich fünf Fotos vom Unfallort – darunter gleich mehrere Perspektiven auf eines der zerstörten Fahrzeuge. Auch Kurier und Heute greifen regelmäßig auf solches Bildmaterial zurück: Nach einem Unfall im Bezirk Melk, bei dem ein 18-Jähriger ums Leben kam, zeigten beide Medien, wie das Wrack vollständig um einen Baum gewickelt war.

Obwohl auf diesen Fotos keine Personen zu sehen sind, bleiben Leid und Tod der eigentliche Inhalt. Wer das Auto und den Ort kennt, kann die Betroffenen oft trotzdem identifizieren. Angehörige oder Überlebende können diese Bilder retraumatisieren.

Besonders dann, wenn man es so macht, wie Oe24 Ende März: Nach dem Tod einer 20-jährigen Lenkerin in Linz erschien dort eine Fotomontage, die das Autowrack neben einem Porträt des Opfers zeigt, bei dem nur die Augen verpixelt sind. Damit war die junge Frau für Angehörige und Bekannte zweifellos erkennbar.

Das Titelbild eines Oe24-Artikels zu einem Unfall in Linz zeigt ein Foto des Opfers neben einem des Autowracks.

Auch Presse und Standard verwenden gelegentlich Bilder, die Szenen der Rettungsversuche zeigen. In unserer Auswertung war das insbesondere bei internationalen Unfällen mit mehreren Todesopfern der Fall – etwa bei einem Zugunglück in Spanien mit mehr als 40 Todesopfern oder dem Absturz einer Militärmaschine in Kolumbien, bei dem 66 Personen starben.

Klicks auf Kosten der Betroffenen

Laut Ehrenkodex des Österreichischen Presserats ist auf die Anonymitätsinteressen von Unfall- und Verbrechensopfern besonders zu achten. Im Fall von vier Bauarbeitern, die nach einem Unfall im März auf einer Baustelle in Wien ums Leben kamen, schienen Heute und Oe24 diesen Grundsatz zu ignorieren. Während Heute Details über die Familien der Bauarbeiter – inklusive ihrer Kinder – publizierte, erschienen bei Oe24 Bilder der Opfer, auf denen diese trotz Verpixelung gut erkennbar waren.

Als im Jänner in Tirol die Leiche eines Skifahrers entdeckt wurde, wählte die Kronen Zeitung ein Titelbild, das zeigt, wie eine Leichenbox in den Kofferraum eines Transportautos geladen wird. Die Information, dass jemand gestorben ist, hätte gereicht. Stattdessen soll die Leichenbox das Unglück dramatisieren und Klicks generieren, ohne der Öffentlichkeit irgendeinen Informationsgewinn zu bieten.

Unsensible Fotos können sogar einer Geschäftslogik dienen: Beim tödlichen Unfall im Bezirk Melk sind im Kurier-Bericht nur der Titel und ein Bild vom Autowrack zu sehen: Wer mehr Kontext möchte, muss zunächst ein Digital-Abo abschließen.

Es geht auch anders

Es gäbe auch respektvollere Möglichkeiten, Unfälle zu bebildern. Symbolfotos wären eine naheliegende Lösung, auf die viele Qualitätsmedien zurückgreifen. Auch im Boulevard werden immer wieder solche Stockbilder, beispielsweise von Einsatzfahrzeugen, verwendet.

Fotos, die zwar am Unfallort aufgenommen wurden, aber keine beschädigten Fahrzeuge oder Wiederbelebungsversuche dokumentieren, sind auch eine Alternative: Dazu gehören Fotos vom Unfallort, nachdem das Wrack weggeräumt wurde, oder Fotos, die nur die Fahrzeuge der Ersthelfer:innen zeigen.

Eine Collage von Symbolfotos als Titelbildern von Unfällenberichten. Der Titel über die Collage lautet: „Symbolbilder als mögliche Lösung“

Der „spektakuläre Crash“, das „Unfall-Drama“ oder der „Horror-Crash“ werden vor allem deshalb möglichst drastisch bebildert, um persönliche Tragödien zu sensationalisieren. Der Informationswert ist überschaubar – das Risiko, Betroffene und Angehörige zu retraumatisieren, hingegen hoch.


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Mit dem Titel „Natascha Kampusch – Gefangen in Freiheit“ strahlt der ORF am Montag, 16. März, eine Dokumentation über die heute 38-Jährige aus. Im Programmtext steht ihr derzeitiger Gesundheitszustand im Fokus. Damit löst der Sender noch vor der Erstausstrahlung weltweit Berichte über ihren höchstpersönlichen Lebensbereich aus. Ein schwerer Fehler. 

„Dramatische Wende 20 Jahre nach ihrer Selbstbefreiung: Die 38-jährige Natascha Kampusch hat einen Zusammenbruch erlitten“, beginnt die Beschreibung der neuen Dokumentation im ORFTV-Programm. Damit ist der Ton gesetzt. „Bewegt vom heutigen Zustand“ der Frau würden „Ermittler, Staatsanwälte und Wegbegleiterinnen schonungslos Stellung“ beziehen, verspricht die Ankündigung weiter. Wortgleich veröffentlicht der ORF dazu am Donnerstag auch eine Presseaussendung.

Die PR schlägt ein. Sie führt noch am selben Tag zu einer Flut an Schlagzeilen in deutschsprachigen Medien. Heute sorgt der Inhalt sogar für internationale Berichterstattung. Die Berichte sind allesamt problematisch: Sie teilen höchstpersönliche Informationen, die nicht von Kampusch selbst stammen. Was hat der ORF hier losgetreten – und warum?

ORF prescht vor

Trumps Desinformation hat in deutschsprachigen Schlagzeilen leichtes Spiel. Ob die dokumentierten Erschießungen von Renee Good und Alex Pretti oder die Drohung, Grönland zu annektieren – Medien berichten oft so, als läge die Wahrheit irgendwo zwischen der Propaganda aus dem Weißen Haus und den erwiesenen Fakten. Ein Rückblick auf drei große und mehrere kleine Fälle, in denen Lügen einfach durchgereicht wurden.

Collage deutschsprachiger Schlagzeilen zu Trump, ICE-Einsätzen und Außenpolitik: Überschriften zu Alex Prettis Tod, angeblicher „Notwehr“, Trumps Aussagen, Angriffen vor Venezuela und dem „Interesse“ an Grönland – Beispiele für relativierende oder unkritisch übernommene Narrative.

Am 24. Jänner erschießt ein Mitarbeiter der US-Einheit ICE den 37-jährigen Alex Pretti. Ein Video zeigt, wie innerhalb weniger Sekunden mindestens zehn Schüsse fallen, Pretti liegt da schon längst am Boden. Die Weltöffentlichkeit sieht, dass der Mann, der ihn erschießt, nicht in Gefahr war. Die US-Regierung behauptet Gegenteiliges, spricht von „Notwehr“.

Trotz der eindeutigen Bilder gibt aber beispielsweise die Kronen Zeitung in ihrer Titelzeile die Version des US-Heimatschutzministeriums wieder: „Ministerium zu Todesschüssen: ‚Plante Massaker‘“. Auch Vol.at, News die Kleine Zeitung und die Salzburger Nachrichten machen das am nächsten Tag mit der APA-Headline „US-Grenzschutz zu Schüssen in Minneapolis: Beamte sind Opfer“. Auf Orf.at schreibt man zunächst nur vorsichtig: „Zweifel an Darstellung von US-Regierung“, ändert die Headline ein paar Stunden später aber in die deutlichere Variante „Video widerspricht Ministeriumsdarstellung“.

Dass Medien die Täter-Opfer-Umkehr der US-Regierung in ihre Schlagzeilen heben und Widersprüche als „Zweifel“ lesen, zeigt vor allem: Es ist noch nicht angekommen, dass Meldungen aus dem Weißen Haus in vielen Fällen bewusste Desinformation sind, die von dem, was tatsächlich passiert ist, ablenken soll. Drei Fakten, die viele Medien nicht klar benannt haben:

Die Boulevard-Berichte über den Tod von Johanna G. sind an Voyeurismus kaum zu überbieten. Während die Redaktionen private Details der Getöteten ausschlachten, stilisieren sie den mutmaßlichen Täter zur erzählbaren Figur. Das macht die Frau zum zweiten Mal zum Opfer.

Collage mehrerer Boulevard-Schlagzeilen von Heute, oe24.tv, Weekend.at und Kosmo, die den Tod von Johanna G. als angeblichen „Sex-Unfall“ darstellen. Zu sehen sind Überschriften, in denen die Verteidigungsversion des mutmaßlichen Täters dominiert und seine Anwältin prominent inszeniert wird.

„Ich darf Sie eindrücklich darum ersuchen, ethisch und moralisch vertretbare Berichterstattung an den Tag zu legen“ – mit diesen Abschlussworten wendet sich Markus Lamb, der Pressesprecher der Polizei, an die anwesenden Medienvertreter:innen. Es ist der 14. Jänner, die Landespolizeidirektion Steiermark hat zur Pressekonferenz nach Leichenfund“ geladen. Es geht um den mutmaßlichen Mord der zuvor als vermisst gegoltenen Südsteirerin Johanna G.

„Ethisch und moralisch vertretbar“ ist das, was Wiener Boulevardmedien seitdem veröffentlichen, jedenfalls nicht. Sie geben dem Opfer in mehreren Berichten eine Mitschuld und lassen die Verteidigung des Täters (es sei ein „Sex-Unfall“ gewesen) dominieren. Fotos aus Ermittlungsakten werden auf Doppelseiten abgedruckt, die Tat als „tödliches Geschehen“ oder „Würgespielchen“ verharmlost. Wir haben uns die zentralen Erzählmuster angesehen.

Disclaimer: Es fällt nicht leicht, diesen Text zu schreiben. Einerseits wollen wir nicht reproduzieren, was an Gerüchten und Spekulationen herumkursiert und den höchstpersönlichen Lebensbereich des Opfers betrifft. Andererseits müssen wir adressieren, wie unbedacht andere Medien mit genau diesen Informationen umgehen. Wir versuchen aber, nur dort explizit zu werden, wo es notwendig ist, damit man unsere Kritik nachvollziehen kann. Und wir verzichten darauf, wie sonst üblich, die kritisierten Artikel zu verlinken.

Mitschuld des Opfers

Am 17. Jänner titelt das Boulevardblatt Oe24: „Tinder-Affäre brachte Fitnesstrainerin (34) den Tod“. Dazu ein Bild des Täters in Siegerpose – ein Freudenschrei, beide Hände zu Fäusten in die Luft gestreckt. Rechts oben im Eck ein viel kleineres Foto von Johanna G., die er mutmaßlich getötet hat. Sie bekommt eine minimale Verpixelung um die Augen, er einen schwarzen Balken.

Eine Krone-Umfrage beherrscht die Innenpolitik-Ressorts des Landes: Christian Kern steht augenscheinlich wieder einmal als Kandidat für den SPÖ-Vorsitz zur Debatte. Doch der Realitätscheck fällt ernüchternd aus, die Berichte stützen sich auf viel heiße Luft. Helfen gerade alle der Krone dabei, einen unliebsamen Medienminister Babler loszuwerden?

Immer wieder nutzen Boulevardmedien Adolf Hitlers Namen zur Klick-Maximierung. Der Nachrichtenwert von Spekulationen über Hitlers Penisgröße, Sexleben und seine Fetische ist überschaubar. Wer Hitler auf biologische Kuriositäten und Sex reduziert, betreibt keine historische Aufarbeitung, sondern eine Form der Trivialisierung.

Hitler Clickbait

Sebastian Kurz lädt ausgewählte Medienvertreter:innen nach Tel Aviv ein – sie sollen sein neues Projekt „Dream“ kennenlernen, ein KI-Start-up. Die meisten Medien kennzeichnen nicht, dass „Dream“ die Reise bezahlt hat. Und auch inhaltlich rückt das Unternehmen in den Hintergrund: Die Berichte drehen sich vor allem um Kurz.

Collage mehrerer österreichischer Medienberichte. Zu sehen sind Titelblätter und Online-Artikel verschiedener Zeitungen und Magazine, die über eine Reise eines ehemaligen Politikers nach Israel berichten. Auf den Ausschnitten stehen Schlagzeilen wie „Medienhype nach Kurz-Reise“, „KURZ: Mein neues Leben“, „im Kreis der Tech-Milliardäre“ oder „Ein Blick hinter die Kulissen des Unicorns“. Fotos zeigen den entsprechenden Politiker in Gesprächssituationen oder Büroumgebungen.

Vergangenes Wochenende lud Sebastian Kurz einige deutsche und österreichische Journalist:innen ein, sein Unternehmen „Dream“ in Israel zu besichtigen. Oder wie die Kronen Zeitung schreibt: Er führte durch „sein sagenumwobenes und milliardenschweres Reich in Tel Aviv“. Das klingt tatsächlich wie die Einladung, eine „Traum“-Welt zu betreten, und genau so lesen sich auch viele der Berichte quer durch die Medien.

KI scheint heute fast alles zu können: Schreiben, rechnen, singen oder gar schauspielern. Aber auch Menschen ausziehen, die nie nackt vor der Kamera gestanden sind. Immer häufiger kursieren im Netz täuschend echte Nacktbilder, generiert von künstlicher Intelligenz: sogenannte Deepfake-Nudes. Betroffen sind oft Prominente – vor allem junge Frauen. Heute.at berichtet gerne über solche Fälle – und verbreitet dabei die problematischen Nacktbilder munter weiter.

Quelle: heute.at

„Jemand macht Geld mit Fake-Nacktbildern von mir“: Ja, die Heute-Zeitung!

Im Frühjahr dieses Jahres berichtete Heute.at über die Schweizer Influencerin nathistyle. Ein Mann habe sie über alle Kommentarspalten hinweg mit Nachrichten bombardiert, ihr eine „Betrugsmasche“ vorgeworfen und damit gedroht, die Polizei einzuschalten. In Wirklichkeit war der Mann auf ein gefälschtes Profil hereingefallen, das sich als die Influencerin ausgab. Der Person hinter diesem Profil hatte der Mann dann Geld überwiesen, und zwar in der Erwartung, dafür Nacktbilder von der Influencerin zu erhalten. Diese wurden mit KI erstellt.

Das Titelbild, das die Heute-Redaktion auswählt, zeigt jedoch ausgerechnet das Deepfake-Nude selbst: scheinbar nathistyle, nackt in einem Spiegel-Selfie. Im ursprünglich auf Instagram veröffentlichten Originalfoto trägt die Frau ein weißes Kleid, das im Bild dann digital entfernt wurde. Darüber kleben nun nur noch eine Handvoll hautfarbener Pixel.

Die Heute-Redaktion schreibt unter dem Bild:

„Mit diesem Fake-Nacktbild der Influencerin Nathistyle verdient jemand Geld.“

Quelle: heute.at

Genau. Nämlich nicht nur die Person hinter dem Fake-Profil, sondern auch Heute.at selbst.